„Feldwerke“-Geschäftsführer im Interview
16 Fußballfelder unter Strom: Was spricht für Agri-PV in Pittenhart, Herr Mielenz?
Solar auf einer Fläche von etwa 16 Fußballfeldern: Auch, wenn das Projekt noch nicht ganz in trockenen Tüchern ist, in Pittenhart könnte auf mehr als sieben Hektar eine Agri-PV-Anlage entstehen - die erste ihrer Art im Raum Traunstein. Marco Mielenz von „Feldwerke Solar GmbH“ hat mit uns Klartext über das Projekt im Ortsteil Aiglsam gesprochen:
Herr Mielenz, schön, dass Sie für uns Zeit finden. Sie sind einer der Geschäftsführer der Münchner Firma „Feldwerke Solar GmbH“, die in der Gemeinde Pittenhart eine Agri-Photovoltaik-Anlage verwirklichen möchte. Was genau darf ich mir unter Traunsteins erstem Agri-PV-Projekt mit 2P-Trackern auf einer Fläche von 7,5 Hektar und einer Leistung von sechs Megawatt vorstellen?
In Pittenhart entsteht ein zukunftsweisendes Projekt: eine Agri-PV-Anlage mit einachsigen, sonnenverfolgenden Trackern, die im Vergleich zu herkömmlichen Freiflächenanlagen bis zu 30 Prozent mehr Strom erzeugen – bei gleichzeitig landwirtschaftlicher Nutzung. Die PV-Module sind auf circa 2,80 Meter Achshöhe montiert, mit elf bis 14 Meter Reihenabstand, sodass gängige Landmaschinen problemlos zwischen den nach Nord-Süd ausgerichteten Reihen bewirtschaften können. Das bedeutet: kein Widerspruch zwischen Landwirtschaft und Energiewende – im Gegenteil. Die Anlage erzeugt netzfreundlichen Solarstrom und fördert gleichzeitig Biodiversität und Bodengesundheit.
Die Landwirtschaft bleibt also erhalten?
So ist es: Auf einer Fläche von 7,5 Hektar sichern wir nicht nur die Versorgung von rund 2.000 Haushalten mit grünem Strom, sondern erhalten bis zu 90 Prozent der Fläche für Ackerbau oder Tierhaltung – konkret ist hier eine Ochsenmast geplant.
Was macht Agri-PV im Chiemgau besonders attraktiv?
Der Chiemgau vereint Landwirtschaft, Natur und Tourismus – klassische PV-Anlagen stoßen hier schnell auf Ablehnung. Agri-PV hingegen passt zur Region: Sie ist flächenschonend, optisch zurückhaltend und landwirtschaftlich integrierbar. Mit über 250 Megawatt Projektpipeline in Süddeutschland wissen wir: Akzeptanz ist der Schlüssel – und im Chiemgau besonders wichtig.
Stichwort Akzeptanz: Sonnenenergiegewinnende Projekte werden nicht immer mit offenen Armen aufgenommen - vor allem aus Bürgersicht und von Betroffenen oder Anwohnern hagelt es immer wieder Kritik, dass das Landschaftsbild verschandelt werde und Grünflächen verschwinden - wie beim geplanten Bürgersolarpark Amerang. Werden auch Sie mit Skepsis und Vorbehalten konfrontiert?
Diese Diskussion führen wir häufig – und begegnen ihr mit Transparenz, Dialog und Einbindung. Agri-PV bietet entscheidende Vorteile gegenüber konventioneller PV: eine offene, luftige Bauweise, Blühstreifen zur Förderung der Artenvielfalt, verschattete Flächen für besseren Boden- und Pflanzenschutz und – in Einzelfällen – sogar erhöhte landwirtschaftliche Erträge. Zudem bleibt der agrarische Charakter der Fläche erhalten – im Gegensatz zu reiner Versiegelung.
Warum gibt es dann überhaupt noch klassische PV-Anlagen, wenn Agri-PV so viele Vorteile bietet?
Weil Agri-PV nach wie vor als komplexer und weniger wirtschaftlich gilt – technisch, rechtlich und kommunikativ. Viele Entwickler schrecken vor dem Aufwand zurück und bleiben ihrem Freiflächen-Standard treu. Doch gerade darin liegt unsere Stärke. Wir sehen in Agri-PV das Zukunftsmodell für nachhaltige, akzeptierte Energieerzeugung. Allerdings sorgt die ausstehende EU-Genehmigung des Solarpakets I für Zurückhaltung bei allen Akteuren – Landwirte, Investoren und Projektentwickler warten auf klare Rahmenbedingungen.
Diese wären?
Klarheit, Tempo, Rückhalt. Agri-PV ist eine der wenigen Lösungen, die Landwirtschaft und Energiewende miteinander verbinden. Wir brauchen weniger Bürokratie, mehr Mut für neue Ansätze, verlässliche Förderkulissen und klare Haltungen in der Energiewende sowie entschlossene Kommunen. Denn die Potenziale sind da – wir müssen sie nur nutzen. Gemeinden wie Oberndorf, Pilsting oder Gramschatz zeigen: Wenn die Menschen verstehen, was Agri-PV leisten kann, wächst die Unterstützung – sowohl aus der Bevölkerung als auch von politischer Seite.
Stimmen Sie demnach zu, dass die größten Herausforderungen regulatorischer Natur sind?
Zu 100 Prozent: langwierige Verfahren, unklare Zuständigkeiten, Genehmigungshürden auf Gemeindeebene und eine oft zögerliche Netzanschlussvergabe. Die Energiewende braucht Tempo – doch viele Projekte scheitern derzeit an fehlenden Netzkapazitäten oder unklaren Förderbedingungen. Hinzu kommt: Auch wenn Agri-PV die Biodiversität nachweislich fördern kann, werden oft umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen gefordert. Umso wichtiger ist unser datenbasiertes Vorgehen: Wir entwickeln nur dort, wo Fläche, Netzanschluss, Akzeptanz und Umweltverträglichkeit stimmen. Eine wichtige Voraussetzung ist zudem regulatorische Planungssicherheit – wie sie ursprünglich mit dem Solarpaket I geplant war – jedoch ausblieb. Solange die beihilferechtliche Genehmigung der EU noch aussteht, bleibt die Unsicherheit für alle Beteiligten bestehen – vom Landwirt bis zum Investor.
Wie läuft die Zusammenarbeit in Pittenhart?
Die Gespräche mit der Gemeinde Pittenhart begannen offen und konstruktiv, aktuell stockt das Projekt allerdings im Gemeinderat, insbesondere aufgrund agrarischer Bedenken. Dabei zeigen Studien, etwa vom Fraunhofer ISE oder dem TFZ Bayern, dass Agri-PV nicht Greenwashing ist, sondern echte Synergien schafft – mitunter sogar höheren Erträgen. Wir arbeiten eng mit dem Flächeneigentümer und Landwirt vor Ort zusammen. Gemeinsam entwickeln wir ein landwirtschaftliches Bewirtschaftungskonzept. Der Landwirt selbst ist überzeugt, weiterhin produktiv wirtschaften zu können – und wer könnte das besser beurteilen als er? Andere Gemeinden wie Oberndorf am Lech unter Bürgermeister Franz Moll gehen voran und erzielen Genehmigungen in sechs Monaten. Auch Pittenhart hat jetzt die Chance, als Vorreiter für eine dezentrale Energieversorgung zu handeln – mit regionaler Wertschöpfung, resilienter Landwirtschaft und einem klaren Beitrag zur Energiewende. Und das, ohne landwirtschaftliche Flächen zu opfern.
Welche Kriterien muss eine Fläche für Agri-PV erfüllen – und wo funktioniert es nicht?
Für großflächige Anlagen sind folgende Punkte entscheidend: mindestens zehn Hektar Acker- oder fünf Hektar Grünland, möglichst geringe Hangneigung, keine Schutzgebiete (zum Beispiel Natura 2000), tragfähiger Boden und ein nahegelegener Netzanschluss. Bei kleineren, privilegierten Anlagen kommt es zusätzlich auf die Nähe zur Hofstelle, die funktionale Verbindung zum landwirtschaftlichen Betrieb und eine maximale Flächengröße von circa 25.000 Quadratmetern an – jeweils im Einklang mit dem Bauplanungsrecht.
Wie genau wollen Sie den Spagat zwischen Landwirtschaft und Energiewende schaffen?
Indem wir Landwirtschaft und Stromerzeugung als Synergie denken. Unsere Tracker erlauben eine uneingeschränkte Bewirtschaftung zwischen den Modulreihen mit herkömmlichen Maschinen. Pachtmodelle und Umsatzbeteiligung bieten Landwirten ein zweites Einkommen, bestehende Förderungen und steuerliche Vorteile bleiben erhalten. Gleichzeitig liefern die Anlagen netzdienlichen Strom – effizient und regional.
Herr Mielenz, vielen Dank für Ihre Zeit und die ausführlichen Informationen.

