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Lesung in der Buchhandlung Herzog am 2. April

Eis, Stürme und Einsamkeit: So hat diese Wasserburger Ärztin ein Jahr in der Antarktis erlebt

Aurelia Hölzer, Gefäßchirurgin an der Romed Klinik Wasserburg, hat 54 Wochen in der Antarktis verbracht. Über diese Zeit hat sie das Buch „Polarschimmer“ geschrieben.
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Aurelia Hölzer, Gefäßchirurgin an der Romed Klinik Wasserburg (Bild links), hat über ein Jahr in der Antarktis verbracht. Über diese Zeit hat sie das Buch „Polarschimmer“ geschrieben.

Einsamkeit, extreme Kälte und medizinische Verantwortung: Aurelia Hölzer, Chirurgin der Romed-Klinik Wasserburg, hat über ein Jahr in der Antarktis verbracht. Welche Herausforderungen sie dabei meistern musste und warum man der Natur völlig ausgeliefert ist.

Wasserburg – Extreme Kälte, tobende Stürme und eine scheinbar endlose Polarnacht: Das hat Aurelia Hölzer, Gefäßchirurgin an der Romed Klinik in Wasserburg, erlebt. Die 46-Jährige hat insgesamt 54 Wochen, also über ein Jahr, in der Antarktis verbracht, als Leiterin der Neumayer-Station.

Die Polarregionen zu besuchen, war für Hölzer schon immer ein Kindheitstraum. „Ich wollte immer nach Spitzbergen“ – eine zu Norwegen gehörende Inselgruppe im Nordatlantik, erzählt sie. „Als ich klein war, hatte ich ein Buch, das dort spielte – und das hat es mir angetan“, erinnert sie sich gut. Die Lektüre habe das Fass „Polarliebe“ aufgemacht, „und bis heute habe ich es nicht mehr zubekommen“.

Aurelia Hölzer, Gefäßchirurgin an der Romed Klinik Wasserburg, hat 54 Wochen in der Antarktis verbracht. Über diese Zeit hat sie das Buch „Polarschimmer“ geschrieben.

So habe sie auch schon ein Sabbatjahr genommen, um nach Alaska zu reisen. Sie lebte dort in einem kleinen Dorf. „Anschluss findet man dort schnell“, berichtet sie. „Dort leben auch nicht besonders viele Leute. Man geht dem Nachbarn mal zur Hand, es gab Sonntags-Yoga und einen ‚Golden Saloon‘, die einzige Kneipe weit und breit.“ Am nördlichen Polarkreis sei es „auch mal frischer“, nicht aber so kalt, wie an der Neumayer-Station, wo es auch mal bis zu minus 50 Grad habe, so Hölzer.

Einmal im Jahr kommt ein großes Versorgungsschiff

Auf rund 200 Quadratmetern hat die Gefäßchirurgin auf der Forschungsstation mit insgesamt neun Personen gelebt. Einmal im Jahr werde die wissenschaftliche Anstalt beliefert. Dann bahnt sich ein Versorgungsschiff durch das Eis und bringt alles, was die Bewohner brauchen: Lebensmittel, Drogerieartikel, Medikamente, Wolldecken, Treibstoff, Ersatzteile für die Station, Antennen, Funkgeräte, Höhensicherungsgurte, Zelte. „Es wird tagelang entladen“, sagt Hölzer. „Und wenn jemand etwas bei der Bestellung vergisst, dann gibt es das ein Jahr lang nicht“, sagt sie lachend. Zwar würde auch ein kleines Flugzeug, das auf Schnee landen könne, die Station beliefern, aber größere Anschaffungen könnten nur per Schiff kommen.

Eine Welt aus Eis: Wasserburgs Ärztin Aurelia Hölzer hat 54 Wochen in der Antarktis verbracht.
Die Neumayer-Station III ist eine deutsche Polarforschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts.

Im Sommer wohnte sie mit rund 50 Leute auf der Neumayer-Station, in den Wintermonaten seien es deutlich weniger. Mit „vier Wissenschaftlern, drei Ingenieuren und einem Koch“ hat Hölzer dort überwintert. Und es gab kein Zurück. „Man bucht eine Einbahnstraße“, verdeutlicht die 46-Jährige. Der Koch und eine Geophysikerin seien noch für Notfälle ausgebildet worden. „Eine Woche waren sie im OP, eine Woche in der Notaufnahme“, erklärt sie.

Hilfe von außerhalb gebe es zwar jederzeit in Form von Telefon-Unterstützung oder Telemedizin, aber extra anreisen könne niemand. So habe Hölzer noch „Nachhilfe“ in der Zahnmedizin genommen, „falls eine Füllung herausfällt oder eine Krone gemacht werden muss“, erklärt sie. Tatsächlich habe sie einen Einsatz gehabt, ein herausgebrochener Zahn musste repariert werden. „Ich habe zwar Rücksprache mit Experten gehalten, die mir nochmal den Eingriff erklärt haben, durchführen musste ich ihn aber selbst.“

Nach dem Freischippen von geophysikalischen Messgeräten: Drei Teammitglieder der Polarforschung mit vereisten Mützen und Mundschutz.
Eine Welt aus Eis: Wasserburgs Ärztin Aurelia Hölzer hat 54 Wochen in der Antarktis verbracht.

Neben der Leitungsfunktion war sie zugleich Sicherheits- und Brandschutzbeauftragte der Station, zuständig für die Mülldeklaration und Öffentlichkeitsreferentin. „Wenige Leute, viele Ämter“, erklärt sie. Das Team habe auch an Studien für die NASA und der LMU teilgenommen – denn das Leben in der Forschungsstation komme dem im Weltraum am nächsten. „Es ist die totale Abgeschiedenheit, man ist abgeschottet von der Gesellschaft“, erklärt sie. Durch die Ortsmonotonie könne es zu Veränderungen der Hirnleistung kommen, manche Areale würden anfangen zu schrumpfen, weiß die Ärztin. Regelmäßig haben Mitglieder des Teams Urin- und Haarproben abgegeben, waren am Langzeit-EKG angeschlossen und haben ihre Schritte gezählt.

Die größte Polarforschungsstation

Die Neumayer-Station III ist eine deutsche Polarforschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts (AWI). Sie ist laut dem Institut die größte und komfortabelste Station in der Geschichte der deutschen Antarktisforschung. In den Sommermonaten finden hier rund 50 Personen Platz. Im Gegensatz zu den meisten anderen Forschungsstationen in der Antarktis beherbergt sie so gut wie alle Arbeitsflächen, Aufenthaltsräume und Vorräte zentral unter einem Dach. Und wenn die Station erst einmal ihr vorgesehenes Alter erreicht hat, kann sie bis auf die letzte Schraube rückgebaut werden, sodass die Spuren der Forschung in dieser schützenswerten Region so gering wie möglich bleiben, erklärt das AWI.

Selbst hat sich Hölzer während der Polarnacht „sehr müde und unkonzentriert“ wahrgenommen. Auch Horrorfilme, die die Chiemgauerin ansonsten nie anschauen könne, seien in dieser Zeit „kein Problem“ gewesen. Irgendwie sei sie „auf links gedreht“ gewesen. „Wir hatten keine depressive Grundstimmung, aber es macht schon was mit einem“, sagt sie rückblickend.

Grundsätzlich sei auch der soziale Aspekt bei der Expedition für Hölzer mit am interessantesten gewesen. Vorher lebe die Gruppe in einer WG zusammen, um schon mal auszuloten, ob das Zwischenmenschliche stimme. Es gebe auch ein sogenanntes „Teambuilding“ mit einem Coach. „Das war schon spannend. Ich musste mir ja auch die Frage stellen: Welche Aufgaben kommen auf mich zu? Wir sind eine Wohngemeinschaft, eine Familie, gleichzeitig bin ich als Fachfremde – unter Ingenieuren und Wissenschaftlern – auch die Vorgesetzte der Truppe“, erklärt sie. Obwohl Hölzer die Leitung des Teams innehatte, habe sie sich „meistens zurückgenommen“, wenn es mal zu Reibereien gekommen sei. „Das haben die Bewohner untereinander ausgemacht. Es ist ja auch menschlich, dass es mal rumpelt“, erklärt sie.

Aurelia Hölzer, Gefäßchirurgin an der Romed Klinik Wasserburg, hat 54 Wochen in der Antarktis verbracht. Über diese Zeit hat sie das Buch „Polarschimmer“ geschrieben.
Eine Welt aus Eis: Wasserburgs Ärztin Aurelia Hölzer hat 54 Wochen in der Antarktis verbracht.

Ansonsten seien die Monate „irrsinnig schnell verflogen“, irgendwann verliere man das Zeitgefühl. „Montags gab es Pasta, freitags Fisch, samstags Eintopf. Daran haben wir uns orientiert“, sagt die Gefäßchirurgin. Für Hölzer ist es aber „der schönste Arbeitsplatz der Welt“. Bei minus 40 Grad hat sie Meereis-Messungen durchgeführt, war mit dem Schneemobil unterwegs, ist auf riesige Kaiser-Pinguin-Kolonien getroffen. „Es ist unglaublich weit, der blanke Naturfrieden, die wunderschönen Polarlichter“, schwärmt sie.

Eines habe sie aber lernen müssen, so wie alle Polarforscher: „Die Natur gibt das Tempo vor. Wenn es drei Wochen stürmt, dann ist das so. Nicht zu ändern. Darüber regt sich auch keiner auf“, berichtet die Chirurgin. Beispielsweise habe Hölzer für eine weitere Anreise zu einer Sommerexposition drei Anläufe gebraucht: „Erst hat es in der Antarktis so gestürmt, dass wir auf halber Strecke umkehren mussten, beim zweiten Versuch hatte das Flugzeug ein Generatorversagen, beim dritten Anlauf saßen wir wetterbedingt auf der Station in Norwegen fest.“ Man müsse das „pragmatisch sehen“, sagt sie.

Acht Personen haben in der Polarforschungsstation Neumayer III gemeinsam mit Aurelia Hölzer überwintert.
Eine Welt aus Eis: Wasserburgs Ärztin Aurelia Hölzer hat 54 Wochen in der Antarktis verbracht.

Während ihrer Reise hat Hölzer viele Briefe an Familie und Freunde geschrieben. So entstand auch die Idee zum Buch „Polarschimmer“. „Ich habe sehr viel Resonanz auf meine Nachrichten bekommen, es bestand großes Interesse an meiner Exkursion.“ So habe sie sich „ins Schreiben“ gestürzt. Auf rund 300 Seiten hat sie ihr Abenteuer festgehalten. „Ich wollte die Leute, die dort nicht überwintern können, mitnehmen, quasi als Trittbrettfahrer“, erklärt die Gefäßchirurgin. „Einige Monate“ hat Hölzer daran geschrieben, „es war viel Arbeit, aber eine schöne“, verdeutlicht sie lächelnd.

Es ist auch nicht die erste Veröffentlichung der 46-Jährigen, vor einigen Jahren hat sie schon ein Kinderbuch herausgegeben. „Polarschimmer“ ist auf der Spiegel-Bestseller-Liste gelandet und mittlerweile in der fünften Auflage erschienen, was die Chiemgauerin sehr freut. „Ich habe es auch schon im Buchladen am Frankfurter Hauptbahnhof liegen sehen. Das ist schon unglaublich, wenn man sein eigenes Buch im Regal entdeckt.“

Lesung von „Polarschimmer“ in der Buchhandlung Herzog

Aurelia Hölzer spricht am Mittwoch (2. April) um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Herzog (Salzsenderzeile 10) in Wasserburg über ihr Werk „Polarschimmer. Eine Welt aus Eis und Licht – 54 Wochen in der Antarktis“. Es sind noch wenige Karten in der Buchhandlung erhältlich. Das Buch, erschienen im Piper Verlag, kostet 22 Euro, ISBN 978-3-89029-591-6. Der Erlös der Veranstaltung kommt dem örtlichen Verein „Schellensau“ zugute.

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