Kampf gegen Jahrhundertflut
„Gigantisch“: Wie eine riesige Flutmulde Wasserburg und Passau vor Hochwasser schützen könnte
2005 hat Wasserburg ein Jahrhundert-Hochwasser erlebt. Die ganze Altstadt wäre beinahe überschwemmt worden. Eine Studie des Bayerischen Landesamts für Umwelt zeigt: Ein riesiger Flutpolder in Feldkirchen zwischen Rott und Vogtareuth könnte das in Zukunft verhindern. Was dahinter steckt.
Wasserburg – Starkregen, Flut, Überschwemmungen: Immer öfter kommt es zu solchen Ereignissen. Ein sogenannter Flutpolder – ein riesiges Areal – in Feldkirchen, zwischen Rott und Vogtareuth, könnte ein Hochwasser am Inn verhindern. Das zeigt eine Studie des Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) aus dem Jahr 2024, von der kaum jemand weiß. Kürzlich hatte Bürgermeister Michael Kölbl das Thema in den Bürgerversammlungen aufgegriffen und „ganz bewusst“ auf die Tagesordnung gesetzt, wie er zugibt. Denn: „Die Möglichkeiten dieser Arbeit wären gigantisch“. Allein für Wasserburg stände eine Reduktion des Pegelstands von einem halben Meter im Raum.
Vorweg: In Wasserburg und in der Region ist der Hochwasserschutz recht gut. Das wird auch in der Studie erwähnt. Wasserburgs Deich ist ausgerichtet für Hochwassermengen, sogenannte Jährlichkeiten, die statistisch gesehen alle 100 Jahre passieren (HQ 100). Zu einem „Überlastfall“ kommt es erst bei einer größeren Menge.
In Mühldorf und Kraiburg tritt dies genau bei einem Hochwasser ein, das etwa alle 100 Jahre geschieht (HQ 100). Die Erinnerungen an die Jahrhundertflut von 2005, wo dieser Fall beinahe eingetretenen wäre, sind aber vielen Wasserburgern immer noch sehr präsent. Auch Kölbl. Wenige Zentimeter mehr und „die Altstadt wäre vollgelaufen wie eine Badewanne“, sagt er. Hinzu kommt es im weiteren Verlauf des Inn, vor allem in Richtung Passau, beinahe jedes Jahr zu Überschwemmungen. Bei massiveren Hochwasserereignissen schwillt auch die Donau aufgrund des Inns hoch an.
Hochwasser 2013 als Anlass für die Studie
Die Flut 2013 war Anlass für den Freistaat Bayern und Österreich, die Studie in Auftrag zu geben, um „die Möglichkeiten der Hochwasserrückhaltung am außeralpinen Inn ab Oberaudorf und an der Salzach ab der Saalachmündung bei Salzburg in einem gemeinsamen Projekt systematisch untersuchen zu lassen“. Über 200 Seiten umfasst die „Innstudie“, durchgeführt von der Technischen Universität München, der Technischen Universität Wien und der Universität Kassel. Es geht um Modellberechnungen, Transportvorgänge, Staustufenmanagement bei Hochwasserfällen, Deichrückverlegungen und die Suche nach potenziellen Flutpoldern.
Ergebnisse gibt es viele. Interessant, insbesondere für Wasserburg und die Region, ist allerdings die Untersuchung eines möglichen Flutpolders in Feldkirchen zwischen Rott und Vogtareuth. 17,4 Millionen Kubikmeter Wasser hätten hier theoretisch Platz. Damit könnten im Notfall eine Scheitel-Abminderung von etwa über 300 Kubikmeter pro Sekunde beziehungsweise 15 Prozent bei einer Hochwasser-Jährlichkeit von 50 (HQ 50) sowie eine Reduktion der Hochwasserwellen der Größenordnung HQ 300 auf die Größe HQ 100 erreicht werden. Die Auswirkungen wären laut Studie noch in Passau zu spüren. Von einer maximalen Scheitelreduktion von 4,9 Prozent, etwa 230 Kubikmeter pro Sekunde bei Ereignissen, die statistisch gesehen alle zehn bis 20 Jahre auftreten, spricht die Studie.
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„Kaum vorstellbaren Erleichterung“
In anderen Worten: „Das wären ein halber Meter bei uns in Wasserburg und bis zu 25 Zentimeter in Passau“, so Kölbl, der von einer „kaum vorstellbaren Erleichterung“ für die gesamte Inn-Region spricht. Bis zu 19 Millionen Euro Schaden an Gebäuden und Infrastruktur könnte der Polder bei einem Hochwasser der Jährlichkeit 300 (HQ 300) verhindern, so die Berechnung der Studie.
Doch nicht nur aufgrund des hohen Rückhaltepotentials würde sich dieser Polder anbieten. Mit in die Bewertung eingeflossen sind auch Punkte wie die Bebauung vor Ort und mögliche Umwelteinflüsse. Am Standort des möglichen Flutpolders befinden sich landwirtschaftlicher Grund und keine Bebauung. Auch bei der Bewertung des Umwelteinflusses schnitt Feldkirchen gut ab.
Bayerisches Landesamt für Umwelt dämpft Vorfreude
Wer nun allerdings schon Wasserburg vor beinahe allen Hochwasserfällen geschützt sieht, sollte seine Begeisterung zügeln. Denn ob und wann der Flutpolder in Feldkirchen kommt, ist noch völlig offen. „Zur Einordnung der Untersuchungsergebnisse ist es wichtig zu verstehen, dass es sich bei der Inn-Studie um eine wissenschaftliche Potenzialstudie handelt und nicht um eine konkrete Planung handelt“, erklärt das Bayerische Landesamt für Umwelt auf Anfrage.
Es gebe beispielsweise keine Zielgrößen, in welchem Umfang der Hochwasserschutz durch Hochwasserrückhalt verbessert werden soll, so die Behörde. Sie stellt fest: „Die Inn-Studie schafft Wissensgrundlagen zu grundsätzlichen Fragen über die Möglichkeiten und Grenzen des technischen Hochwasserrückhalts.“ Die Studienergebnisse seien als Grundlageninformationen zu verstehen, so das Landesamt.
Hinzu komme, dass sich „die Flutpolder-Planungen Bayerns derzeit auf die Donau konzentrieren, an der eine Kette aus insgesamt neun Flutpoldern vorgesehen ist“, so das Landesamt. Bislang ist einer davon betriebsbereit, die anderen Polder befinden sich in der Entwicklung.
Fokus auf andere Hochwasserschutzprojekte
Auch das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim, theoretisch verantwortlich für den Bau eines Flutpolders in der Region, dämpft auf Anfrage aufkommende Vorfreude. Zwar bestätige die Studie die bisherige Einschätzung des Wasserwirtschaftsamts, dass der Standort Feldkirchen ein gutes Rückhaltepotenzial habe und Wasserburg sowie Mühldorf davon profitieren könnten. Denn obwohl die beiden Städte größtenteils vor einem Jahrhunderthochwasser geschützt seien, werde im Zuge des Klimawandels bei neuen Hochwasserschutzanlagen ein 15 Prozent-Klimazuschlag auf den Abfluss mit eingerechnet. Dieser soll als Puffer für zukünftige Veränderungen dienen.
Doch auch diese Behörde verweist darauf, dass es sich um eine Potenzialstudie handele und nicht um eine konkrete Planung. „Der Fokus der Studie lag auf der Ermittlung des hydraulischen Potenzials des Standorts. Insofern fehlen alle weiteren Planungsschritte und auch Grundlagenerhebungen, unter anderem für die Dimensionierung und Gestaltung der notwendigen Einzelbauwerke“, so die Behörde.
Auch naturschutzfachliche Planungen und Gutachten sowie die Einbeziehung der Grundstückeigentümer würden gänzlich fehlen. Aus diesen Gründen gebe es auch keinen konkreten Zeitplan für einen möglichen Bau und derzeit finde auch keine Flutpolder-Planung am Standort statt.
Zudem sei das Wasserwirtschaftsamt im Moment mit anderen Projekten beschäftigt. „Derzeit liegt der Fokus in unserem Amtsbereich bei Hochwasserschutz-Projekten, bei welchen auch die Wassermenge eines HQ 100 noch nicht schadlos abgeführt werden kann“, erklärt die Behörde.
Kölbl: „Hier geht es um die Sicherheit“
Bürgermeister Kölbl hofft dennoch, dass diese Studie und das Potenzial eines Flutpolders in Feldkirchen nicht aus dem Blick verloren werden. „Natürlich müssen die betroffenen Landwirte bei einer Nutzung des Polders eine entsprechende Kompensation erhalten“, so Kölbl. Doch Tatsache sei: „Hier geht es um die Sicherheit der Bevölkerung.“ In Extremfällen könne es bei Hochwasser in Wasserburg zu massiven Schäden in der Altstadt und auch zu Gefahren für die Bürger kommen. „Und ich wünsche mir natürlich den bestmöglichen Schutz.“


