Bürger bringen Erfahrungen ein
Verstopfte Gullys, überlastete Kanäle: Reichertsheim sucht nach Weg zum Schutz vor Sturzfluten
1991 und 2009 wurden Teile der Gemeinde Reichertsheim überflutet. Nun justiert die Kommune beim Hochwasserschutz nach. Dabei holt sie die Bürger mit ins Boot. So sieht das Konzept aus. So reagieren die Betroffenen.
Reichertsheim – Etwa 30 Gemeindebürger waren der Einladung in das Rathaus Reichertsheim gefolgt, wo es bei einer Informationsveranstaltung hochinteressante Animationen zur Hochwassergefahr zu sehen gab. Auf der Basis von Überflugdaten des Vermessungsamts, die Höhenunterschiede auf 15 Zentimeter genau abbilden, und von Satellitenaufnahmen hatte das Ingenieurbüro Behringer und Partner aus Mühldorf am Computer Simulationen erarbeitet, die den Wasserabfluss bei Extremwetterereignissen durch die Ortsteile Reichertsheim und Bergham im zeitlichen Verlauf abbilden sollen.
Bürgererfahrungen fließen mit ein
Alexander Reindl vom Ingenieurbüro stellte diese in der Info-Veranstaltung „Sturzflut-Risikomanagement-Konzept in Reichertsheim“ für die Bürger vor. Die Intention bestand darin, den Anwohnern eine Simulation zu präsentieren, um dann mit diesen zu diskutieren, inwieweit deren konkrete Erfahrungen mit Starkregenereignissen von den Animationen zutreffend abgebildet werden, wie Bürgermeister Franz Stein ausführte. Die Realitätsnähe der über einen Verlauf von zehn Stunden errechneten Modelle sollte also anhand der Bürgererfahrungen überprüft werden, bevor man auf dieser Grundlage ein professionelles Konzept zum kommunalen Risikomanagement erarbeitet. Dafür gebe es eine staatliche Förderung.
Es zeigte sich schnell, dass viele der Anwesenden aus eigener Erfahrung, so insbesondere bei Starkregenereignissen 1991 und 2009, bestätigen konnten, was am Bildschirm vor ihren Augen auf beeindruckende, aber auch beängstigende Weise ablief. Auch die anwesenden Mitglieder der Feuerwehr konnten die zu beobachtenden neuralgischen Punkte von ihren Einsätzen her bestätigen. Durch den Kagenbach, der von Süden her den Hang hinab in den Ort fließt, ist im Krisenfall besonders der tieferliegende Ortskern betroffen.
Erste konkrete Ideen
Aber auch die Häuser entlang der Lexenbergstraße, zu denen bei Extremwetterereignissen die Wassermassen vom Hang oberhalb der B12 unter dieser hindurch durch eine Unterführung und über Durchlässe vordringen, sind gefährdet, zeigte sich. Hier gab es am Abend schon konkrete Ideen, durch die Verengung eines Durchlasses einen zeitweisen Rückstau in einer größeren Mulde oberhalb der Straße zu bilden, damit ungewöhnliche Wassermassen dosierter ablaufen. Auch der betroffene Landwirt konnte sich eine solche Lösung durchaus vorstellen. Ein oberhalb des Ortes bereits bestehendes Auffangbecken soll ebenfalls noch optimiert werden.
Schwieriger wird es werden, wenn es um die Kanalisation und die Verrohrung des Baches im Ortskern von Reichertsheim geht. Hierzu wurde von verschiedenen Seiten berichtet, dass immer wieder zu beobachten sei, wie der Durchlass unter einer Straße und insbesondere Gullis und Verrohrungen bei stärkeren Niederschlägen von angeschwemmtem Treibgut verstopft würden. Man war sich einig, dass hier bei einer noch gründlicheren Gewässerpflege und regelmäßigen Reinigung der Gullis angesetzt werden müsse, wobei Franz Stein dabei auch an die Eigeninitiative der Anwohner appellierte, da der Bauhof hier nicht ständig nach jedem Gulli schauen könne.
Wasser drückt aus dem Kanal heraus
Andere Grundstückseigentümer erzählten, dass umgekehrt „bei hohen Niederschlägen unten im Ort das Wasser aus der Kanalisation herausgedrückt“ werde. In diesem Zusammenhang musste Reindl grundsätzlich desillusionieren: Es werde weder finanziell noch technisch möglich sein, die Kanalisation, die Verrohrungen und andere Abläufe so zu ertüchtigen, dass es bei Extremniederschlägen oder gar Jahrhundertereignissen keine Überflutungen mehr geben würde. Man müsse vielmehr überlegen, wie man über gewisse machbare Verbesserungen in diesen Bereichen hinaus durch geeignete Maßnahmen die Schäden durch größere abfließende Wassermengen möglichst gering halten könne.
Hier gelte allerdings das Prinzip „Objektschutz vor Grundstücksschutz“, was konkret heiße, dass man Vorkehrungen treffen sollte, damit das Wasser nicht ins eigene Haus eindringen könne. „Man darf aber am Rande seines Grundstücks keine Mauer errichten, die dann dafür sorgt, dass die Fluten beim Nachbarn ins Wohnzimmer laufen.“ Kurzum: Hochwasserschutz ist eine kommunale Gemeinschaftsaufgabe, man muss für die identifizierten Problembereiche miteinander und gestützt auf die Empfehlungen der Fachleute nach Lösungen oder zumindest Verbesserungen suchen, die oft auch kleinerer Art sein könnten, wenn sie nur gezielt und sinnvoll erfolgen, lautete das Ergebnis.
Nächste Phase kann starten
Hier hatte man an diesem Abend den Eindruck, dass dazu viel Offenheit und Interesse bei den Bürgern vorhanden ist. Damit kann das Hochwasserschutzkonzept, nunmehr gestützt auf durch reale Erfahrungen verifizierte Daten, in die nächste Phase der weiteren Konkretisierung und damit dann auch in die Umsetzung von Maßnahmen gehen.
