Letzter Waldbesuch mit Forstbetriebsleiter
Starke Mammutbäume und „fliegende Fichten“: Wie Dr. Heinz Utschig den Staatswald fit gemacht hat
Sein Arbeitsplatz: Das ist der Staatswald zwischen Wasserburg und Altötting. Sein Ziel: der Umbau für den Klimawandel. Ist die Mission erfüllt? Ein letzter Waldspaziergang mit dem scheidenden Leiter des Forstbetriebs Wasserburg, Dr. Heinz Utschig. Was er erreicht hat – und was sein Nachfolger sich vornimmt.
Wasserburg/Babensham/Mühldorf/Altötting – Dr. Heinz Utschigs Arbeitsplatz ist der Wald, sein Büro rollt immer mit: Es ist das Auto. An diesem etwas verregneten Spätsommermorgen steht es auf dem Wander-Parkplatz im Streit. Hier liegt einer von Utschigs Lieblingsplätzen im Staatsforst: am Bräundlstein, ein 150 Tonnen schwerer Findling, Überbleibsel der Eiszeit. Hier soll der Teufel gesessen haben, so sagt es die Sage, deutlich sichtbar an Vertiefungen im Stein.
Hier wächst auch ein Wald, den der scheidende Leiter des Forstbetriebs Wasserburg, ausgestattet mit Forstamtsjacke, Rucksack und Wanderschuhen, und wie immer voller Energie, gerne herzeigt, wenn er den Forstumbau in Zeiten des Klimawandels demonstrieren möchte.
„Schauen Sie nur, wie wunderbar sich hier Mischbestände entwickeln: Tanne, Buche, Fichte, Eiche, Vogelbeere, Jung- und Altpflanzen.“ Utschig strahlt vor Begeisterung. „Ein Wald funktioniert am besten wie wir Menschen: in einem guten Team unterschiedlicher Talente. Jeder Baum hat seine besondere Rolle, gemeinsam bilden alle eine schlagkräftige, widerstandsfähige Mannschaft“, sagt er. Schädlinge wie der Borkenkäfer können nach seinen Erfahrungen einem solch starken Team unterschiedlicher Arten nicht so viel anhaben.
Umbau auf 20.000 Hektar
Rund 20.0000 Hektar Staatsforst, darunter bekannte Gebiete wie der Ebersberger Wald und der Burghauser Forst, hat Utschig mit seinem Team in den vergangenen 15 Jahren umgebaut. Ein riesiges Gebiet, für das der Forstbetrieb Wasserburg zuständig ist: „Das ist eine einen Kilometer breite Landstraße von hier bis zum Brenner“, bringt Utschig die Ausmaße auf den Punkt.
Der Umbau ist also auch räumlich gesehen ein gewaltiger Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist und von seinem Nachfolger Joachim Keßler fortgesetzt wird. Ziel: ein Mischwald, wie hier im Strein in Babensham. „Reine Fichtenbestände fliegen uns bei Sturm und Schneebruch um die Ohren“, bringt Keßler prägnant die Notwendigkeit zum Umbau auf den Punkt. Und zeigt nach oben, wo lange Fichten den Himmel verdunkeln. „Wenn kein Licht hereinströmt, kommen unten die jungen Pflanzen nicht aus den Startlöchern“, sagt er.
Ohne Holzernte kein Waldumbau
Deshalb muss auch gefällt werden, zum Abtransport braucht es Rückewege. Ein solcher führt zum Bräundlstein, ist auf dem Waldboden jedoch kaum auszumachen. Wenn die Kettensäge angeworfen wird, muss es außerdem nicht automatisch einen Kahlschlag geben, betont Utschig. Die modernen Waldarbeitstechniken ermöglichen nach seinen Angaben einen schonenden Einsatz. „Zum Glück haben wir in unserer Region noch sechs bis acht kleine Sägewerke, die uns Fichtenlangholz abnehmen“, sagt der Forstbetriebsleiter. „Ohne Holzernte gibt es keinen Waldumbau.“
Im Jahr erntet der Staatsforstbetrieb allein im Ebersberger Forst etwa 60.000 Kubikmeter Holz. „Das ist im Wald nicht zu sehen, Holz ist eine nachwachsende Ressource. Es kommt mehr nach, als herausgeholt wird.“ Und: „Wir ernten, was wir nicht gesät haben.“ Das waren die Vor-Vor-Vorgänger, weshalb Utschig und Keßler es immer etwas anmaßend finden, wenn bei der Holzsubmission Förster wie sie stolz vor wertvollen Riesenstämmen stehen. „Gehätschelt und gepflegt haben sie die Kollegen, die längst nicht mehr im Dienst oder sogar schon lange verstorben sind.“
Bäume, die entnommen werden sollen, sind markiert, diejenigen, die auf jeden Fall erhaltenswert sind, zeigen eine weiße Wellenlinie. „Mammutbäume“, nennt Utschig sie und umfasst fast liebevoll den Stamm eines solchen Biotopbaums ... Er ist ...
Störungen gehören zum Programm
Wenn ein solcher Oldtimer Opfer eines Sturms wird, schmerzt das Utschig. Doch er bemüht sich um Sachlichkeit: „Störungen gehören zum Programm“, sagt er. Will heißen: Extrem-Wetterereignisse müssen einkalkuliert und bewältigt werden. Das war schon immer so, ist heutzutage jedoch häufiger als früher, stellt der scheidende Forstbetriebsleiter fest: „Die Natur ist anfälliger geworden.“
Ein Hoffnungsträger ist die Eiche, sagt Keßler. Mehr als die Hälfte aller Bäume hier im Strein besteht mittlerweile aus neuen Arten. Sie entwickeln sich im Schatten der alten Generation. Auch Totholz hat eine wichtige Funktion, sagt Utschigs Nachfolger und zeigt auf Baumwracks, die nur auf den ersten Blick leblos wirken: Wer genau hinschaut, sieht hier viele Insekten, Höhlen für den Specht und Platz für Pilze.
Waldumbau ist Generationenaufgabe
Die Mischung macht`s: „Das ist ein Wald, auf den wir stolz sein können“, sagt Utschig. Er übergibt ihn jetzt in neue Hände: an Keßler, der von einem „gut bestellten“ Forst spricht, ohne große Baustellen. Sein Vorgänger gibt den Staffelstab weiter, weil am Ziel des Rennens um die Rettung des Waldes sind sie noch lange nicht angekommen. „Das ist eine Generationenaufgabe. Erfolge gibt es im Wald jenseits der in der Wirtschaft üblichen Quartalsberichte“, sagt Utschig. Er sieht sich eher als Puzzler, der in Kleinarbeit in den über 60-jährigen Altwäldern verjüngt.
Ohne Jagd geht dies nicht, deshalb wird es eine der ersten Amtshandlungen von Keßler sein, seinem Vorgänger einen Jagderlaubnisschein für die Streit auszustellen. Das wird am 30. September geschehen, Utschigs letztem Arbeitstag. Am Donnerstag (25. September) wird er noch feierlich verabschiedet: bei einem Festakt der Bayerischen Staatsforsten in Eiselfing.
Immer „Tag der offenen Tür“
Derzeit fühlt sich Utschig wie ein Autor, der die letzten Seiten eines Buches schreibt. Thema: der Waldumbau. „Es war ein spannendes Werk“, sagt der 66-Jährige. „Das war kein 40-Stunden-Job, doch ich habe es sehr gerne getan. Diese Arbeit macht zufrieden.“
Streit und Ärger habe es in den vergangenen 15 Jahren als Leiter, davor noch fünf Jahre als Stellvertreter, kaum gegeben. Auch wenn es viel Erklärungsbedarf gebe manchmal: etwa zu den Windvorranggebieten im Landkreis Altötting, im dortigen Staatswald. „In 20 Jahren stand ich nur einmal vor Gericht“, sagt Utschig. Und das, obwohl sein Arbeitsplatz 365 Tage im Jahr „Tag der offenen Tür“ habe, also rund um die Uhr strengen Blicken ausgesetzt sei. Der Wald ist zwar staatlich, aber frei für alle. 700 Kilometer Forstwege, davon 136 Kilometer ausgewiesen als Wander- und 150 Kilometer Radstrecken, mit Sitzgelegenheiten und Infotafeln lenken die Erholungssuchenden. Im Strein führt es sie auch zum Bräundlstein.
Utschigs Nachfolger Keßler kennt den Staatsforst bereits, er war 2010 bis 2015 schon einmal da, danach Forstbetriebsleiter in Ruhpolding. Jetzt ist der 51-Jährige wieder in Wasserburg, übernimmt ein „Refugium“, wie er sagt, in dem er selber mit seiner Familie lebt. Stets an seiner Seite: Jagdhund Arri.
Der Forstbezirk Wasserburg
Gebiet: von Ebersberg über Isen, Waldkraiburg und Altötting bis hinter Simbach am Inn, 20.000 Hektar Wald.
Die größten und bekanntesten Wälder: Ebersberger Forst, der Oettinger und Burghauser Forst.
Eigentümer: Freistaat Bayern
Anzahl der Mitarbeiter: 70

