Amt für Waldgenetik Teisendorf
Saatgut-Krimi: Detektivarbeit für die Bäume der Zukunft – „Wo kommt das Material her?“
„Wir brauchen ihr Saatgut“ - im bulgarischen Hinterland versucht Randolf Schirmer vom Amt für Waldgenetik Teisendorf einen Förster zu überreden: Samen der dort heimischen Baumhasel sind rar. Der Baum kommt gut mit Trockenheit klar, das macht ihn begehrt in Zeiten des Klimawandels - auch bei uns: „Die Herkunft muss stimmen.“ Detektivarbeit zwischen Büro, Labor und Plantage für die Bäume der Zukunft:
Teisendorf – „Ziehen Sie sich besser eine dieser Jacken an“, Randolf Schirmer zeigt auf den Kleiderständer. Der stellvertretende Leiter des Amts für Waldgenetik (AWG) öffnet eine riesige Metalltür: Eiseskälte durchströmt den Raum und ein intensiver Geruch nach Wald: „Das sind die Terpene im Saatgut.“ In den Regalen des überdimensionierten Kühlschranks stapeln sich Saatgut- und Zweigproben für genetische Analysen bei minus 20 Grad. „Gehen wir besser wieder nach oben, bevor Sie sich erkälten.“
DNA-Analyse von Bäumen seit 30 Jahren
Vom kalten Keller des historischen Gebäudes zurück ins Büro: „Das Waldgenetiklabor ist erst vor 30 Jahren entstanden, weil erst seit diesem Zeitpunkt die genetischen Möglichkeiten zur Analyse existieren“, erzählt Schirmer. Aber schon seit 1964 ist in dem Jahrhunderte alten Gebäude ein operatives Zentrum für den Gesamtbereich ‚Forstliches Vermehrungsgut‘ geschaffen worden. Der stellvertretende Leiter des AWG erklärt mir heute, was die Saatgutproben im Keller mit dem Klimawandel zu tun haben.
Die Suche nach Baumarten für eine heiße Zukunft
Hitze, Stürme, Überschwemmungen - Extremwetter-Ereignisse häufen sich, die Folgen des Klimawandels werden auch in unserer Region immer deutlicher. Baumschädlinge wie der Fichten-Borkenkäfer oder das Eschentriebsterben nehmen rasant zu. Daher ist die Suche nach möglichen Alternativbaumarten entscheidend. Alles beginnt bei der Auswahl des richtigen Saatgutes: Das Amt für Waldgenetik in Teisendorf, einmalig in ganz Deutschland, übernimmt diese Aufgabe:
Herkunft, Qualität und Zukunftschancen: Der Baum-Check
„Wir kontrollieren die Saatgut-Ernte, wir kontrollieren die Baumschulen und wir geben Empfehlungen für Waldbesitzer raus, welche Herkünfte heimischer sowie nichtheimischer Baumarten mit dem Klimawandel am besten zurechtkommen.“ Ein Beispiel: Jemand möchte in seinem Wald Baumhasel pflanzen, eine Baumart, die sich durch Trockenstresstoleranz auszeichnet. Zu Hause ist der, dem Haselstrauch verwandte Baum unter anderem in Südeuropa, dem Balkan bis nach Kleinasien.
Saatgutsuche in Paris?
Seit dem 17. Jahrhundert wurden die europäischen Vorkommen wegen des wertvollen Holzes stark übernutzt, unter anderem zur Herstellung von Weintrögen. In Westeuropa kann man die Baumhasel zum Beispiel beim Flanieren durch die berühmte Avenue Foch bei Paris bestaunen - ein Problem für den Waldbesitzer: Woher weiß er, ob sein gekauftes Saatgut von einer verkehrsreichen Allee oder aus einem hochwertigen natürlichen Bestand stammt? Das AWG hat die Möglichkeit, das mittels genetischer Vergleiche zu prüfen: denn Baumhaseln von Alleebäumen sind für forstliche Zwecke ungeeignet.
Baumhasel: „Bis fünfzig Euro das Kilo“
„Saatgut gibt es schon, aber wo kommt das Material her? Aus dem Landschaftsbau, aus Parks, aus Alleen, aber das ist nicht das Material, das der Wald benötigt: geradschaftige Bäume, die einen Gipfeltrieb ausbilden und nicht krumm und schief sind.“ Parkbäume werden oftmals von wenigen Mutterbäumen nachgezogen und sind genetisch eingeengt – im Klimawandel keine Grundlage für eine gute Anpassungsfähigkeit.
Gutes Saatgut für klimaangepasste Bäume sei, erklärt Schirmer, begehrt, selten und teuer: „Vor einigen Jahren lag der Preis für Baumhasel-Saatgut noch bei fünf bis sieben Euro pro Kilo, inzwischen beträgt er dreißig bis fünfzig Euro.“ Gutes Saatgut für klimaresistente Bäume sei, erklärt Schirmer, begehrt, selten und teuer: „Vor einigen Jahren lag der Preis für Baumhasel-Saatgut noch bei fünf bis sieben Euro pro Kilo, inzwischen beträgt er je nach Menge dreißig bis fünfzig Euro.“
Abenteuer Saatgutsuche
Besonders gewinnbringend sei dann die Samenernte in Städten wie Paris, da es einfacher und schneller geht als in entlegenen Gebieten. Auch das AWG ist stets auf der Suche nach gutem Saatgut. Im Hinterland von Bulgarien, erzählt Schirmer, habe er versucht, einen Förster zu überzeugen, ihm Saatgut aus seinen Baumhaselbeständen zu verkaufen: vergeblich, zu hoch das Risiko, dass die Zäune gestohlen und in Folge die Ernte von Wildschweinen aufgefressen wird.
Umkämpfter Markt sät kriminelle Energie
„Je lukrativer das Geschäft ist und je knapper ein Gut, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch einmal Leute schwach werden und etwas passend machen.“ Also zum Beispiel wertvolle Haselbaumsamen aus hochwertigen Erntebeständen mit billigem Saatgut vermischen.
Um Manipulationen zu verhindern, gibt es das am AWG entwickelte Verfahren des Zertifizierungsrings für überprüfbare Forstliche Herkunft Süddeutschland (ZüV), das auf genetischen Kontrollen basiert, sowie amtliche Überprüfungen durch Kontrollbeamte des AWG, um Qualität und Herkunft zu sichern. Wer als Waldbesitzer sicher gehen will, kauft am besten zertifizierte Ware, um sich nicht im Dschungel des Saatgut-Marktes zu verlaufen.
Versuchsplantage bei Freilassing
Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen - das kann Randolf Schirmer nicht passieren. Nach dem eiskalten Keller mit den Saatgutproben und einem Rundgang durchs Labor folge ich ihm mit dem Auto einige Kilometer Richtung Osten: Wir stehen zwischen unzähligen großen und kleinen Bäumen auf einer Versuchsfläche des AWG bei Freilassing. Schirmer kennt den Weg genau und am hinteren Ende steht sie in voller Pracht: die Baumhasel. Herkunft? „Die sind aus hochwertigen Baumbeständen aus der Türkei.“ Dann könnte ja bald eigenes Saatgut entstehen?
Generationenprojekt Waldumbau: „Wir haben die Zeichen der Zeit übersehen“
„Bis das so weit ist, dauert es mindestens noch dreißig Jahre.“ Ich komme ins Grübeln: Der Umbau unserer Wälder, weg vom Fichtenbestand, hin zu klimaresistenten Bäumen - werde ich das noch erleben? „Der Wunsch ist mittlerweile da, aber wir haben in den letzten Jahrzehnten den Klimawandel nicht ernst genug genommen und die Zeichen der Zeit übersehen.“
„Die klimaresistente Fichte gibt es nicht“, so Schirmer, aber leider immer noch beratungsresistente Waldbesitzer, die nach wie vor Fichten pflanzen: „Unter dem Motto: Das haben wir schon immer gemacht, jetzt machen wir es wieder und für mich reicht es noch.“ Beim Wald müsse man aber in Generationen denken: „Den Klimawandel werden wir nicht aufhalten. Was können wir tun? Ein ganz wichtiger Punkt, dass man trockentolerante, seltene, heimische Baumarten anpflanzt.“ Und daneben geeignete Baumarten anderer Herkunft. Muss nur noch das Saatgut stimmen - Die ‚Baumdetektive‘ des Amts für Waldgenetik arbeiten daran.




