Die Fichte ist sein liebstes Opfer
Er kann den Borkenkäfer riechen – So will Christian Nieder aus Gars seinen Wald retten
Wenn der Borkenkäfer einfällt, klaffen am Ende oft große Löcher in einem ansonsten dicht bewachsenen Wald. Christian Nieder aus Gars kommt dem Schädling auf besondere Weise auf die Spur. Er kann ihn riechen. Außerdem erklärt er, warum die Fichte keine Zukunft hat und wie ein gesunder Wald aussehen soll.
Gars – Eigentlich ist die Fichte eine der Baumarten, die dem Borkenkäfer am besten standhalten kann. Derzeit ist sie jedoch sein liebstes Opfer. Denn der Fichte geht es in unserer Region nicht gut. Der Nadelbaum bekommt zu wenig Wasser, leidet unter Hitzestress und bricht bei Sturm und Schneedruck. Auch das überlebenswichtige Harz, das Schädlinge wie den Borkenkäfer abwehrt, kann der Baum derzeit nicht ausreichend herstellen.
Tage der Fichte sind gezählt
„Die Fichte hat hier keine Zukunft mehr“, erklärt deshalb Christian Nieder. Der 53-Jährige wandert mit seiner Hündin Laila durch den familieneigenen Wald in der Nähe von Gars. Neben ihm ragen hin und wieder ein paar Fichten in die Höhe. Zwischen den Bäumen sind oft große Abstände. Der Wald hier ist in keinem guten Zustand.
Die Fichte ist ein Flachwurzler und steht in dem betreffenden Gebiet, der Eichenau, auf Kiesboden, der den Regen nicht besonders gut halten kann. „Das Wasser läuft einfach durch den Untergrund. Auch an den Grundwasserspiegel kommt der Baum nicht ran. Er ist um etwa einen Meter gesunken“, erklärt Christian Nieder. Das sieht man den Bäumen an. Die Äste hängen etwas schlapp herunter und die Krone des Baumes ist löchrig. Der Anblick erinnert an Lametta, das ein paar Tage nach Weihnachten auch nur mehr träge am Christbaum hängt. Für lange Trockenperioden mit starken, aber wenigen Regenereignissen ist der Baum nicht gewappnet.
Käfer befällt vor allem kranke Bäume
Sind die Bäume im Wald in einem derart schlechtem Zustand, dann tut sich der Borkenkäfer leicht. Immer wieder reihen sich an dichter bewachsene Waldabschnitte Areale, in denen in einem Umkreis von rund 30 Metern keine hohen Bäume mehr stehen. Hier hatte der Schädling in den vergangenen Jahren bereits ganze Arbeit geleistet. „Die Reihenfolge spielt sich meist so ab: Erst brechen Bäume durch Sturm oder Schneedruck. Ende März oder Anfang April fliegen dann die ersten Käfer aus, befallen die angeschlagenen Pflanzen und rauben ihnen die letzte Energie“, erklärt Christian Nieder. Nach vier bis sechs Wochen schlüpft die erste Brut aus dem Kokon. „Dann geht das Spiel wieder von vorne los“, sagt er.
Das bereits begattete Borkenkäfer-Weibchen gräbt sich in die Rinde und hinterlässt den sogenannten „Rammelkanal“. Dann frisst es sich unter der Rinde entlang („Mutterkanal“) und legt in kleinen Ausbuchtungen immer wieder ihre Eier ab, erklärt Christian Nieder. Die frisch geschlüpften Larven beginnen dann, von dieser Nische aus einen Gang unter anderem in das Wachstumsgewebe des Baumes zu fressen, heißt es vom Bundesverband der „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“. Das führe zum Absterben.
Borkenkäfer vermehren sich laut der Schutzgemeinschaft exponentiell. „Aus einem einzigen Käferpärchen können über 100.000 neue Käfer werden.“ Drei Generationen des Schädlings können rund 400 Bäume zum Opfer fallen, heißt es weiter vom Bundesverband. Die meisten Borkenkäferarten sind „sekundäre“ Schädlinge und finden somit nur in kränkelnden und absterbenden Bäumen günstige Bedingungen. „Durch Trockenheit, Windwurf, Schneebruch oder Emissionen geschwächte Nadelbäume sind ihre besten Brutstätten“, so die Schutzgemeinschaft. Seit 2018 würden die Wälder in Deutschland wieder verstärkt leiden, weswegen der Druck der Käfer derart groß sei, dass nicht mehr nur die Fichte, sondern auch andere Baumarten wie Kiefern und Douglasien, aber auch Laubbäume befallen würden, heißt es vom Bundesverband.
Auch die Aufzucht neuer Bäume ist schwierig
Dass durch den Borkenkäfer viele Bäume absterben, ist jedoch nicht das einzige Problem. Denn auch die Aufzucht von neuen Bäumen ist mittlerweile schwierig, erklärt Christian Nieder. Der 53-Jährige hat Forstwirtschaft studiert und lange als Förster gearbeitet. Nun kümmert er sich um den 72 Hektar großen Wald der Familie. „Wenn im Wald mehrere Bäume an einer Stelle abgeholzt werden müssen und hier ein großes Loch entsteht, fehlt es dem Jungwuchs an Schutz vor der Sonne“, erklärt er. „Sie strahlt direkt auf die Bäume und den Boden. Letzterer trocknet somit schneller, wodurch es wiederum weniger Wasser für die Pflanzen gibt“, sagt Christian Nieder. Der Wald gehe so auf lange Sicht kaputt.
Borkenkäfer-Suche mit allen Sinnen
Damit es erst gar nicht so weit kommt, versucht Christian Nieder vom Borkenkäfer befallene Bäume so schnell wie möglich zu erkennen. Und das macht der 53-Jährige, indem er alle Sinne verwendet. Auch den Geruchssinn. „Eigentlich kann das jeder Mensch, der sich darauf konzentriert“, sagt er. Laut dem 53-Jährigen geben die Borkenkäfer-Männchen einen süßlichen, nach Safran-riechenden Duft ab. „Ich suche dann gezielt die Bäume nach Sägemehl, das beim Einbohren der Käfer auf den Boden fällt, ab.“ Dafür setze er auch mal seine Stirnlampe und Brille auf. In Zukunft soll ihm bei der Suche nach befallenen Bäumen auch seine Hündin Laila helfen und darauf trainiert werden, sagt er. Gegen den Schädling könnten auch Insektizide gespritzt werden. Darauf will der 53-Jährige jedoch nicht zurückgreifen, sagt er.
Auch wenn Christian Nieder schon früh mit der Suche nach Käfern beginnt und dann sofort reagiert, verliert er laut eigenen Angaben jedes Jahr um die 500 Bäume durch Bruch und Schädlinge. Sein Waldstück in der Eichenau liegt auf etwa 400 Metern. Hier sei es schon früh relativ warm und der Borkenkäfer sei hier eher aktiv als beispielsweise im Ebersberger Forst, der auf rund 600 Meter liege. Bisher sieht es jedoch noch gut aus. Heuer hat Christian Nieder in seinem Wald noch keinen Käfer gefunden.
Gemeinsam gegen den Borkenkäfer
Dem Borkenkäfer kann man nur gemeinsam und in enger Abstimmung begegnen, betont Christian Nieder aus Gars. Der 53-Jährige besitzt rund 72 Hektar Wald und ist Mitglied der Walbesitzervereinigung (WBV) Wasserburg-Haag. Netzwerke wie diese seien besonders für Privatwald-Besitzer wichtig, denn dadurch sei ein Hand-in-Hand-Arbeiten und ein gutes Borkenkäfer-Management möglich, erklärt Nieder.
Wenn ein Käferbaum entdeckt werde (sei es bei sich oder beim Nachbarn), dann werde der Fund sofort weitergeleitet. Daraufhin müssten die Bäume umgehend gefällt werden, entweder durch den Waldbesitzer oder durch ein ortskundiges Forstunternehmen. Die gefällten Bäume müssen sofort aus dem Wald gebracht und mindestens 500 Meter davon entfernt gelagert werden, erklärt Nieder. Anschließend würden Holzaufnehmer der Waldbauvereinigung die Bäume zu den Sägewerken bringen.
Der WBV Wasserburg-Haag vertritt laut eigenen Angaben derzeit über 2.200 Mitglieder mit einer Waldfläche von mehr als 12.000 Hektar, das entspricht in etwa der Größe von Wasserburg, Haag, Gars und Unterreit.
Klima-stabiler Wald ist die Zukunft
Für die Zukunft seines Waldes hat Christian Nieder noch einiges vor. Er will seinen Wald resistenter, also vor allem Klima-stabil, gestalten. „Das Wort ist zwar schon etwas ausgelutscht, aber in diese Richtung soll es gehen“, sagt er. Dafür braucht es laut ihm mindestens zehn bis 20 verschiedene Baumarten. „Welche das am besten sind, darüber ist sich die Wissenschaft noch nicht einig“, sagt er. Eines stehe jedoch fest: Von reinen Monokulturen mit Fichten sollte man wegkommen. „Denn die Fichte ist kein Geldbaum mehr.“ Früher hätten sein Großvater und auch sein Vater die Flachwurzler gepflanzt. „Damals wurde das auch von den Forstämtern propagiert“, sagt Christian Nieder. Der Baum sei mittlerweile im Wert stark gesunken und auch die künstliche Wiederaufforstung koste viel Geld und lohne sich nicht mehr. „Der Wald ist kein reines Kapital mehr“, erklärt der 53-Jährige.
Deswegen setzt Christian Nieder auf den sogenannten „natürlichen Jungwuchs“. Hierbei bestimmt nicht der Mensch, wann und wo welcher Baum wächst. „Vielmehr gehen diejenigen Pflanzen auf, die durch Wind oder Tier verteilt wurden“, erklärt der 53-Jährige. Denn von selbst aufgegangene Pflanzen seien stabiler und würden auch tiefer wurzeln. So soll in Zukunft ein Wald mit mehreren horizontalen Schichten und somit ein gesamtes Ökosystem entstehen.
In einem Teil von Christian Nieders Wald sieht man schon erste Ansätze davon. Neben der Fichte gibt es auch Kiefern, Tannen und Laubbäume. Manche davon sind höher, andere niedriger. Was auffällt: Das Dach des Waldes ist dadurch dichter. Es ist dunkler in diesem Teil. „Und somit bei Hitze und Trockenheit auch kühler“, sagt er. „In Zukunft soll auch der Wald bei uns wieder wilder aussehen. Denn nur so wird er uns noch lange erhalten bleiben.“






