Feldkirchen-Westerhamer Anlage im Aufbau
250 Meter-Windrad Gefahr für Mensch und Tier? So kontert der Betreiber Ängste
Ist die rund 250 Meter hohe Windkraftanlage, die derzeit bei Feldkirchen-Westerham entsteht, eine Gefahr für Mensch, Tier und Natur? Was die Windrad-Initiatoren zu diesen Befürchtungen sagen – und wie viel Strom die Anlage liefern soll.
Feldkirchen-Westerham – Sie wird rund 2,5-mal so hoch wie die Türme der Münchner Frauenkirche sein und ihre Rotoren im Extremfall in der Geschwindigkeit eines startenden Airbus A320 drehen können: Die Windkraftanlage Riedholz, die derzeit in einem Waldstück zwischen Großhöhenrain und Elendskirchen bei Feldkirchen-Westerham entsteht und die erste große Windkraftanlage im Landkreis Rosenheim ist, wartet mit gewaltigen Zahlen auf.
Doch während die einen ob der Dimensionen der Anlage beeindruckt sind, sind andere wiederum verängstigt. Sie befürchten negative Auswirkungen auf Menschen, Tierwelt und Natur durch die stromerzeugende Anlage. Wieso die Anwohner ihrer Meinung nach keine Bedenken haben müssen, wie die Finanzierung der Anlage aussieht und ob sie ein zweites Windrad errichten wollen, haben die beiden Geschäftsführer der Bürgerwind GmbH, Sepp Forstner (66) und Florian Lechner (61), im OVB-Interview verraten.
Wenn alles glatt läuft, soll sich das Feldkirchen-Westerhamer Windrad bereits ab Dezember 2024 drehen. Wann gab es denn die ersten Gedankenspiele für die Windkraftanlage?
Sepp Forstner: Die Idee hatte ich bereits vor 2019. Damals hatte ich begonnen, mit den unmittelbaren Nachbarn des Standorts zu sprechen und nachzufragen, ob eine derartige Anlage aus ihrer Sicht als direkt Betroffene denkbar wäre. In den Folgejahren habe ich versucht, mit sämtlichen Anliegern in Kontakt zu treten und für das Vorhaben zu bewerben.
Sie beide sind Geschäftsführer der Betreibergesellschaft Bürgerwind Riedholz GmbH. Wer und was steckt hinter dem Unternehmen?
Florian Lechner: Herr Forstner als Initiator hatte mich irgendwann ins Boot geholt, vor allem für die kaufmännische Seite. Wir haben uns dann noch drei Beiräte dazu geholt – einen sehr engagierten Juristen, der das auch aus Überzeugung macht, sowie die beiden Beiräte, die bereits das Windrad bei Bruck im Landkreis Ebersberg gebaut haben und jede Menge Erfahrung mitbringen. Es war allerdings von Anfang an als Bürger-Projekt konzipiert, mit Bürgern, die sich an der Windkraftanlage beteiligen. Einfacher wäre es natürlich gewesen, wenn wir das Projekt für unter 20 Beteiligte geöffnet hätten. Denn dann müssten wir jetzt nicht einen BaFin-Prospekt (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Anmerkung der Redaktion), ähnlich wie bei einem Fonds, auflegen. Dieser Prospekt entsteht zur Zeit. Bevor er nicht fertig ist, dürfen wir auch nur ein Interesse an einer Beteiligung abfragen, aber keine Verträge dazu abschließen.
Und wie ist das Interesse bei den Bürgern?
Forstner: Wir haben bereits über 100 Interessenten, die sich vorstellen können, ins Windrad zu investieren. Ein Anteil wird bei 5000 Euro liegen, die Personen werden aber nach derzeitigem Stand Anteile im Wert von bis zu 100.000 Euro erwerben können. Für uns war wichtig, dass wir das auch kleinteilig ab 5000 Euro machen, damit viele Menschen die Möglichkeit haben, zu investieren. Zudem soll es eine echte unternehmerische Beteiligung sein. Die Bürger sollen also nicht nur das Geld geben, sondern wirklich bis zum Schluss, also in 25, vielleicht sogar 30 Jahren, an der Bürgerwind Riedholz Betriebs GmbH und Co. KG beteiligt sein.
Wie viel Geld wird denn insgesamt benötigt? Und was können Sie über eine mögliche Rendite sagen?
Lechner: Insgesamt benötigen wir ein Eigenkapital von rund zwei Millionen Euro. Was eine mögliche Rendite anbelangt, kann ich erst mehr dazu sagen, wenn die ganze Abklärung mit der BaFin durch ist. Dadurch soll ja der Anleger geschützt werden. Das muss Hand und Fuß haben und soll nicht auf irgendwelchen windigen Versprechungen basieren. Ich gehe aber davon aus, dass es sich für die Anleger rentiert und die Verzinsung vielleicht knapp über einer Verzinsung liegen wird, die man derzeit auch bei Banken bekommt.
Windkraftanlage Riedholz soll rund zehn Prozent des Feldkirchen-Westerhamer Stromverbrauchs decken
Fünf Jahre hatte es gedauert, bis alle Genehmigung eingeholt waren – jetzt wird die Windkraftanlage Riedholz in einem Waldstück an der Lauser Straße zwischen Großhöhenrain und Elendskirchen bei Feldkirchen-Westerham hochgezogen: Aktuell ist bereits das Fundament des 246,50 Meter hohen Windrads fertig.
Bei der Anlage wird es sich um das Modell E-160 EP5 E3 5.56 MW des Herstellers Enerco handeln. Die jeweilige Blattlänge der drei Rotoren ist mit 78,3 Metern angegeben, der Durchmesser des Rotors mit 160 Metern. Die Blattspitzengeschwindigkeit, also die Höchstgeschwindigkeit, mit der sich der Rotor drehen kann, soll 80,44 Meter pro Sekunde betragen, was umgerechnet rund 288 km/h entspricht. Zum Vergleich: Ein Airbus A320 startet seinen Flug mit einer Geschwindigkeit von rund 280 km/h.
Nach Angaben der beiden Geschäftsführer der Bürgerwind Riedholz GmbH, Sepp Forstner und Florian Lechner, soll die Anlage pro Jahr rund 9 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren, was rund zehn Prozent des jährlichen Stromverbrauchs in Feldkirchen-Westerham entspricht.
Als nächster Schritt steht nun die Errichtung der Turmsegmente an, ehe ab Ende August die Montage der Flügel sowie der Turbine erfolgen soll. Die Fertigstellung ist für Dezember anvisiert. Ab Juli wird zudem eine rund 3,5 Kilometer lange Kabeltrasse vom Standort in Richtung Ast verlegt, um ab 2025 den erzeugten Strom ins Netz einspeisen zu können. Dann soll auch die Bürgerbeteiligung in trockenen Tüchern sein.
Beteiligen können sich nach Angaben der Geschäftsführer zunächst Bürger im Umkreis der Anlage von rund 2500 Metern, was der 2014 durch die bayerische Staatsregierung festgesetzten 10H-Regel entspricht. Darin war festgelegt worden, dass die Entfernung eines Windrads zur Wohnbebauung mindestens zehn Mal die Höhe der Anlage betragen muss. Eine Vorgabe, die Ende 2022 gelockert worden ist.
Sie haben bei zwei Informationsveranstaltungen, zu denen rund 270 Personen aus dem näheren Umkreis des Standorts gekommen sind, über die Planungen der Windkraftanlage informiert. Doch das Windrad ist ja eigentlich ein Thema für die ganze Gemeinde, weil es ja aufgrund seiner Größe weithin sichtbar sein wird. Können Sie daher Stimmen, die Ihnen Intransparenz vorwerfen, nachvollziehen?
Forstner: Wir haben extra in einem Umkreis von rund 2,5 Kilometern alle direkt Betroffenen mit einem Briefeinwurf in jeden Briefkasten zu unseren Informationsveranstaltungen eingeladen – und hatten dann letztlich auch bei beiden Informationsveranstaltungen eine sehr, sehr positive Resonanz. Dass manche Anwohner, die nicht gekommen sind, sich jetzt darüber beklagen, schlecht informiert worden zu sein, kann ich nicht nachvollziehen. Auch in der gesamten Gemeinde war das Windrad Thema, beispielsweise bei Gemeinderatssitzungen, ebenso bei verschiedenen Parteiveranstaltungen. Wir sind damit sehr offen umgegangen, haben das offen kommuniziert. Wenn Bürger nicht mitbekommen haben, was wir dort planen, dann wundert mich das.
Kritiker der Anlage äußern oftmals Bedenken, dass durch das Windrad die Lebensqualität leiden könnte, Gefahren für die Gesundheit, die Flora und die Fauna drohen.
Lechner: Wir sind mit der Anlage so weit weg von den ersten Anwesen, dass es keine Lärmprobleme durch den Schall geben wird. Auch nicht durch den sogenannten Infraschall, der übrigens auch ohne Windrad in einer natürlichen Umgebung wie einem Wald vorkommt. Das Thema Schattenwurf betrifft ein einziges Gehöft, wo es im Winter aufgrund der tiefstehenden Sonne zu einem Schattenwurf kommen könnte. Da haben wir vereinbart, das Windrad für den möglichen Zeitraum abzuschalten. Das sind insgesamt ein paar Stunden im Jahr, das können wir gut verschmerzen. Da ist uns dann auch die Nachbarschaft wichtiger, zumal wir ja auch – beispielsweise bei der Freigabe von Zufahrtswegen – auf die Nachbarn angewiesen sind. Auch Gefährdungen wie beispielsweise den sogenannten Eiswurf wird es nicht geben, weil da ebenfalls eine automatische Abschaltung der Anlage stattfindet.
Und wie sieht es mit dem Schutz der Tierwelt aus?
Forstner: Die ganzen Planungen haben ja bereits mit einem artenschutzspezifischen Gutachten begonnen, im Rahmen dessen beispielsweise Fachgutachter an verschiedenen Stellen über mehrere Monate hinweg das Verhalten von Vögeln in diesem Bereich beobachtet haben. Was nach der Prüfung durch die Experten letztlich übriggeblieben ist: Die einzige Vogelart dort, die durch das Windrad gefährdet wird, ist der Milan. Allerdings auch nur zu Zeiten, in denen gemäht wird. Da haben wir dann die Verpflichtung, die Anlage abzuschalten. Oder nehmen Sie das Beispiel Fledermaus: Bei Starkwind, der für das Windrad am ertragreichsten ist, fliegt die Fledermaus sowieso nicht, ebenso bei Regen. Wenn die Fledermaus dann in den Abendstunden bei wenig Wind unterwegs sein wird, dann können wir uns auch erlauben, die Anlage abzuschalten.
Haben Sie denn das Gefühl, dass der Kritik in der Regel echte Ängste zugrunde liegen, oder dass die Kritiker ein Windrad in ihrer Nachbarschaft einfach grundsätzlich ablehnen?
Lechner: Das kann ich nicht beurteilen. Klar ist: Das Windrad wird weithin sichtbar sein, da es so groß ist. Es muss aber so groß sein, damit man hier auch in einem schwächeren Windbereich eine vernünftige Rendite haben wird. Es gibt natürlich Leute, die lieber Atomkraft als Windkraft hätten. Ich bin da anderer Meinung. Ich bin der Meinung, dass die Windkraft, gemeinsam mit Photovoltaik und Wasserkraft, die beste Möglichkeit bietet, die Energiewende zu schaffen. Und wenn man sich überlegt, was durch eine Windkraftanlage ökologisch im Vergleich zu Strom durch Braun- oder Steinkohle kompensiert wird, dann überwiegen die Vorteile dieser Anlage die wenigen Nachteile, die man hat, bei Weitem.
Sie haben – sowohl aus gesundheitlicher Sicht, als auch aus ökologischer Sicht – also keinerlei Bedenken?
Forstner: Nein, ich habe überhaupt keine Bedenken, ich wohne ja selbst nur rund 1260 Meter entfernt. Wir wollen hinter dieser Anlage stehen können. Daher haben wir uns auch andere vergleichbare Anlagen, beispielsweise in Bruck oder noch größere Anlagen in Österreich, angeschaut und mit den Menschen dort gesprochen. Ich kann nur sagen: Sehen wird man es teilweise. Dass es die Bürger von ihren Anwesen aus hören werden oder dass es zu Beeinträchtigungen durch eine Verschattung kommen wird, ist ausgeschlossen.
Dann steht ja eigentlich einem zweiten Windrad nichts im Wege...
Lechner: Sie spielen vermutlich auf das derzeit in der Gemeinde laufende Verfahren ISEK (Integriertes Städtebauliches Konzept) an, im Zuge dessen allgemeine Aussagen gemacht worden sind, wonach weitere Windkraftanlagen sinnvoll wären. Von uns gibt es dazu definitiv keine Planung für ein weiteres Windrad, und auch von anderer Seite ist mir dazu nichts bekannt. Wir haben von Anfang an klargestellt, dass wir nur eine Windkraftanlage hinstellen wollen. Und da stehen wir auch dazu.


