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Wenn aus Problemen Symptome werden

Einsam und tieftraurig: So hilft das Heckscher Klinikum Wasserburg den Pandemie-Teenagern

Einsamkeit ist ein häufiger Grund, warum Heranwachsende eine psychische Störung entwickeln. Das Team des Heckscher Klinikums in Wasserburg, Oberarzt Dr. Thomas Jäger, psychologische Psychotherapeutin Rebekka Wiesinger und Stationsleiter Christian Wimmer helfen.
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Einsamkeit ist ein häufiger Grund, warum Heranwachsende eine psychische Störung entwickeln. Das Team des Heckscher Klinikums in Wasserburg, Oberarzt Dr. Thomas Jäger, psychologische Psychotherapeutin Rebekka Wiesinger und Stationsleiter Christian Wimmer helfen.

Erwachsenwerden ist schwer. Gefühlsschwankungen sind da normal. Manche junge Leute entwickeln jedoch psychische Störungen wie Ängste, Zwänge und Depressionen. Wenn aus Problemen Symptome werden, hilft die Heckscher Klinik in Wasserburg. Warum die Pandemie-Teenager besonders viel Unterstützung benötigen.

Wasserburg – Nicht ohne Grund gilt beispielsweise das Jugendstrafrecht bis zu einem Alter von 21 Jahren. Denn auch mit 18, der Volljährigkeit, haben viele junge Leute noch nicht die Reife eines Erwachsenen, stellt Christian Wimmer (52, Stationsleiter des kbo-Heckscher Klinikums in Gabersee) immer wieder fest. Deshalb gibt es dort seit zehn Jahren die „Adoleszentenstation“, die sich gezielt um Jugendliche mit psychischen Störungen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren kümmert. Diese Patientinnen und Patienten sind auch nach Erfahrung von Oberarzt Dr. Thomas Jäger (46) oft noch nicht selbstständig genug, um wie Erwachsene behandelt zu werden. Sie stehen an der Schwelle zwischen Elternhaus und Auszug, zwischen Schule und Beruf und benötigen noch mehr Unterstützung auch im pädagogischen Bereich. Doch es gebe auch Krankheitsbilder, die in der Adoleszenz, eine besonders anfällige Phase für psychische Störungen, auftreten könnten: Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Zwänge und Depressionen.

Einblicke in die Station geben Oberarzt Dr. Thomas Jäger (links) und Stationsleiter Christian Wimmer.

Pandemie als Brennglas

Die 20 Plätze in Haus 19, integriert auf dem Gelände des Bezirkskrankenhauses in Gabersee, sind derzeit gefüllt mit jungen Leuten, die mitten in der Pandemie in die Pubertät kamen. Homeschooling statt Unterrichtsbesuch, daheim bleiben müssen statt sich mit Freunden treffen können– schlechte Rahmenbedingungen, die für manche Teenager „sehr belastend“ waren, wie Jäger betont. Einsam und isoliert hätten sich viele gefühlt, die Struktur im Alltag habe oft gefehlt. „Manche haben es nicht mehr geschafft, morgens aufzustehen“, erinnert er sich an Erzählungen seiner Patientinnen und Patienten. Diese Zeit, „in der die Normalität weggeschlossen war“, haben manche Heranwachsende nicht ohne Folgeschäden überstanden. Einige sind psychisch krank geworden. Bereits vorhandene Störungen haben sich oft manifestiert, stellt Stationsleiter Wimmer fest. Die Pandemie habe wie ein Brennglas gewirkt, das manchmal aus Problemen Symptome eines Krankheitsbildes gemacht hätte.

Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, körperliche Beschwerden ohne klare organische Ursache, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) und Selbstverletzungen seien typisch. Letzteres gehört laut Jäger zu den häufigsten Symptomen psychischer Erkrankungen bei Heranwachsenden. Das Ritzen sei ein Hilferuf. Es gehe oft auch um den Wunsch, sich selbst zu spüren. Hier setzt beispielsweise die Therapie an, indem sie andere, positive Sinneserlebnisse vermittelt, berichtet die psychologische Psychotherapeutin Rebekka Wiesinger (32). Eine kalte Dusche, ein wärmendes Kissen oder ein Auspowern beim Sport beispielsweise könnten helfen.

Ein großer Garten mit Freizeitangeboten gehört zur Station dazu. Oberarzt Dr. Thomas Jäger (links) und Stationsleiter Christian Wimmer finden: Haus 19 und seine Außenanlagen gehören zu den schönsten in Gabersee.

Pate oder Mentor steht zur Seite

Welche Therapie die beste ist, wird laut Jäger, Wimmer und Wiesinger in der Diagnostik geklärt. Ihr gehe immer ein Vorgespräch voran, in dem die Erwartungen von Patient und Team abgeglichen würden. Jedem Hilfesuchenden werde ein Pate oder Mentor zur Seite gestellt, ebenfalls ein Patient, der schon länger da sei und sich um die Integration kümmere. Verpflichtend ist im kbo-Heckscher Klinikum in Wasserburg die Ergotherapie, berichtet Wiesinger. Außerdem gebe es in Kooperation mit dem kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Gabersee, mit dem das Heckscher Klinikum unter dem gemeinsamen Dach der Kommunalkrankenhäuser des Bezirks eng zusammenarbeite, ein Kontingent für weitere Therapien: Kunst, Reiten, Musik, Kreativangebote. Einzel- und Gruppentherapien runden das Behandlungsangebot ab.

Wichtig: feste Tagesstrukturen

Wichtig seien trotz individueller Behandlung für alle geltende Strukturen: feste Aufstehzeiten, Frühstück, Morgenspaziergang, gemeinsame Mahlzeiten, Abendausgang, Nachtruhe. „Das gibt vielen Halt“, so die Erfahrung des Stationsleiters. Junge Leute, die es daheim kaum geschafft hätten, das Bett zu verlassen, würden wieder lernen, sich aufzuraffen, regelmäßig zu essen, einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus einzuhalten.

Feiern das Zehnjährige der Station für heranwachsende Jugendliche im kbo-Heckscher Klinikum Wasserburg: Oberarzt Dr. Thomas Jäger, Psychotherapeutin Rebekka Wiesinger und Stationsleiter Christian Wimmer (von links)

Perspektiven für die Zeit danach

Herausforderung Nummer zwei für die Rückkehr in ein Leben ohne psychische Leiden ist laut Wiesinger die Behandlung der Symptome, die Aufarbeitung der Probleme und die Vorbereitung auf die Rückkehr in den Alltag. Denn er muss nach dem Aufenthalt in der Klinik bewältigt werden, ohne dass in alte Muster zurückgefallen wird. Das Team baue deshalb Belastungserfahrungen ein: ein Praktikum in einem Betrieb, eine Rückkehr in den Schulunterricht, ein Wochenendaufenthalt im Elternhaus. Gemeinsam würden Perspektiven für die Zeit nach der stationären Behandlung entwickelt: der Einstieg in eine Berufsausbildung, Hilfestellung für die Freizeitgestaltung oder für die Entspannung in Stresszeiten beispielsweise.

Ressourcen stärken

Psychotherapeutin Wiesinger stärkt dafür die Ressourcen der Heranwachsenden, macht Mut, die persönlichen Stärken zu nutzen und sich nicht an den Defiziten festzuhalten. Eine Heilung gibt es trotzdem höchst selten, sagt Jäger. In den meisten Fällen gehe es darum, Heranwachsenden die Instrumente an die Hand zu geben, die es ihnen ermöglichen, ihre Störungsbilder zu managen – mit dem Ziel, selbstständig den Alltag meistern zu können und einen Platz im Leben zu finden. Das gelinge oft, wie Telefonate, Briefe und Besuche ehemaliger Patienten beweisen würden, freut sich Wimmer. Die Zahl der Abbrüche sei sehr gering. Das liege aber auch daran, dass es sich um eine offene Station handele. Die Patienten kämen freiwillig, etwa ein Drittel sogar auf eigene Initiative, betont Jäger. Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, sei in den vergangenen Jahren der Öffnung psychiatrischer Fachkrankenhäuser kleiner geworden, stellt Stationsleiter Wimmer fest, der von den Anfängen des Angebots vor zehn Jahren bis heute dabei ist.

Leidensdruck gestiegen

Der Leidensdruck vieler Heranwachsender ist nach den Erfahrungen des Teams außerdem gestiegen. Die Möglichkeiten, die junge Leute heutzutage hätten, diese große Freiheit der vielen Chancen, könne auch verunsichern, betont Wimmer. Jäger spricht vor dem Hintergrund der „Finger-hoch-Finger-runter-Mentalität“ in den sozialen Netzwerken auch von einer typischen Angst junger Leute „vor Bewertung durch andere“ und vor der Zukunft. Zu Versagensängsten kämen oft verstärkend wirkend Sorgen hinzu, die sich aus der Nachrichtenlage rund um Klimakatastrophen und Kriege entwickeln würden.

Doch wann wird aus Skepsis und Sorge eine chronische Angst oder Depression? Oberarzt Jäger und Psychotherapeutin Wiesinger sowie Stationsleiter Wimmer betonen, dass immer dann Behandlungsbedarf bestehe, wenn sich Symptome manifestieren würden und der Alltag nicht mehr gemeistert werden könne. Die Ursachen seien mannigfaltig, oft gebe es nicht den einen Grund, etwa ein entscheidendes traumatisches Erlebnis, das zur Störung führe. Vielmehr seien es in der Regel mehrere Faktoren, die eine Rolle spielen könnten: ein schwieriges familiäres Umfeld, ein Trauma, genetische Veranlagung, Transmitter im Gehirn.

Ziel: stark für ein autarkes Leben als Erwachsener

Der erste Schritt zur Genesung sei getan, wenn sich Betroffene im Heckerscher Klinikum in Gabersee anmelden würden. Die Patienten kommen laut Jäger, Wimmer und Wiesinger aus allen sozialen Schichten. In Haus 19, mit über 100 Jahren eines der ältesten Pavillons auf dem Gabersee-Gelände, finden junge Betroffene seit zehn Jahren ein Zuhause auf Zeit, einen geschützten Raum mit eigenem Garten mit Terrasse und Sportmöglichkeiten sowie Keller für Kursangebote wie Yoga. Wer nach etwa zwei bis drei Monaten (manche bleiben auch länger) zurückkehrt in den Alltag, soll sich so stark fühlen, dass er in ein autarkes Erwachsenenleben eintreten kann, sagt Jäger.

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