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Hebammensprecherin Christine Müller setzt sich für Standort ein

„Ein Aus stand nie zur Diskussion“: Rückenwind von allen Seiten für Geburtshilfe Bad Reichenhall

Eine Hebamme und eine Assistentin arbeiten auf der Geburtshilfe-Station im Krankenhaus Bad Reichenhall. Hebammensprecherin Christine Müller und Chefarzt Christian Schindlbeck lächeln in die Kamera.
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Hebammensprecherin Christine Müller und Chefarzt Christian Schindlbeck äußern sich über die Gerüchte Anfang des Jahres, den Umgang damit und die aktuelle Entwicklung der Geburtshilfe in Bad Reichenhall.

„Eine Abteilung für alle und alle für diese eine Abteilung“: Mit einer leidenschaftlichen Rede macht Christine Müller beim Kreistag im Februar Werbung für die Bad Reichenhaller Geburtenstation. Als Sprecherin der Hebammen sorgt sie damit für ein Ende der aufkommenden Gerüchte über eine mögliche Schließung. Ein halbes Jahr später scheint sich die Lage, insbesondere bei den Geburtenzahlen, zu stabilisieren. Müller und Chefarzt Dr. Christian Schindlbeck geben Einblicke in den Hebammenalltag, welche Vorteile der Reichenhaller Standort bietet und weshalb es werdende Eltern auch selbst in der Hand haben, was mit der Geburtenstation passiert.

Bad Reichenhall - So ganz geplant war es nicht, dass sie zur Sprecherin der Hebammen wird. „Aber wenn es erforderlich ist, für den Erhalt der Geburtshilfe zu kämpfen, mache ich das sehr gerne“, sagt Müller, die seit 30 Jahren am Standort in Bad Reichenhall tätig ist. Hier brachte sie ihre Tochter zur Welt, hier erlebte sie schon so manchen magischen Moment. Etwa, als eine Mutter ausgerechnet an Heiligabend ihr Kind bekam, obwohl sie genau das nicht wollte, und eine Bläsergruppe „Stille Nacht, Heilige Nacht“ auf dem Hubschrauberlandeplatz spielte.

Auch weil sie schon so viel erlebt hat, wollte sie im Februar in der Kreistagssitzung unbedingt ein Plädoyer für die Abteilung halten, als in den Wochen zuvor Gerüchte über eine drohende Schließung der Geburtshilfe aufgekommen waren. Der Applaus und die Unterstützung der Kommunalpolitiker bekräftigten sie in ihrem Wirken. „Es ist vor allen Dingen für die werdenden Eltern wichtig, dass dieses Kleinod aufrechterhalten wird. Wir leisten hier empathische, familienorientierte Geburtshilfe und es wäre sehr schade, wenn es die Abteilung nicht mehr geben würde“, betont die Hebammensprecherin.

Hebammen, Kinderpfleger, Ärzte: Alle wollen, dass es den werdenden Eltern gut geht.

Immer weniger Geburtshilfen

Die Hebammensprecherin erklärt, dass es zu Beginn ihrer Berufslaufbahn noch viel mehr Geburtshilfen in der Region gab. In Österreich gab es Standorte in Oberndorf, Salzburg und Hallein, auf deutscher Seite in Berchtesgaden, Bad Reichenhall, Freilassing, zwei in Prien und jeweils eine Geburtshilfe in Traunstein und Trostberg. Das hat sich natürlich verändert. Auch im Berchtesgadener Land wurden damals Diskussionen über eine Zentralisierung geführt und welche Geburtshilfe es noch wirklich braucht. „Wir hatten Glück, dass Bad Reichenhall geografisch einfach die logische Wahl war.“

Der Hebammenalltag und das Besondere am Beruf

Zusammen mit acht freiberuflichen Kolleginnen arbeitet Müller im Zwölf-Stunden-Schichtsystem. Ihrer Meinung nach bietet das viele Vorteile: So werden die Frauen bei der Geburt überwiegend von einer Hebamme begleitet. Auch wenn der Schwerpunkt auf der Geburtsbegleitung liegt: Die Hebammen leisten auch Vorsorge, unterstützen die Frauen zusätzlich zu den niedergelassenen Gynäkologen, bieten Kurse an, stehen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung und helfen auch nach der Geburt auf der Wöchnerinnen-Station.

„Als freiberufliche Hebammen können wir uns die Zeit so einteilen, wie wir, aber auch die Eltern es brauchen. Das unterscheidet uns auch von größeren Kliniken, wo oft verständlicherweise nicht so viel Zeit zur Verfügung steht: Wir können individuell reagieren und sind im Gegensatz zu festangestellten Hebammen nicht so sehr an ein bestehendes System gebunden“, so Müller. Mittlerweile würden sich die Frauen schon nach positivem Schwangerschaftstest bei den Hebammen anmelden - noch vor der Untersuchung beim Gynäkologen. „Wir begleiten sie durch eine aufregende Zeit und sind ganz nah dran. Es macht uns große Freude, wenn wir sehen, wie die Schwangere die Geburt mit ihrem Partner meistert, wie sie im Wochenbett als Mutter bzw. als Eltern mit ihren neuen Herausforderungen zurechtkommen, wie der Frauenkörper funktioniert, der all diese Wunder vollbringen kann, für die er ja von der Natur aus geschaffen ist. Da kann man schon ehrfürchtig werden und wahrlich begeistert sein.“

Ein weiterer Vorteil: Durch die kleine Abteilung besteht eine enge Bindung zwischen Hebammen, Ärzte und Pflegepersonal. „Wir reden viel miteinander und bilden eine Einheit. Wir alle wollen das Gleiche: das Beste für die werdenden Eltern.“

Als die Gerüchte im Januar aufkamen, sorgte auch das bei den Kolleginnen für Ängste und Sorgen. Müller selbst blieb ruhig und versuchte tief durchzuatmen. „Das sagen wir unseren werdenden Eltern ja schließlich auch immer“, meint sie. Und sie begann zu kämpfen, denn: Es geht nicht nur um die Hebammen, sondern auch um Ärzte, Kinderschwestern und weitere Stellen. Doch die 52-Jährige stellt auch klar: „Wir setzen uns nicht nur deswegen für die Abteilung ein, weil wir unsere Arbeitsplätze behalten wollen, sondern auch für die Eltern.“

Kleinigkeiten, die zu emotionalen Erinnerungsstücken werden können.

Das Damoklesschwert 50-Prozent-Landkreisquote

Zur Unsicherheit trägt auch das Thema 50-Prozent-Landkreisquote bei: Kürzlich stellte sich heraus, dass der Standort in Bad Reichenhall im Jahr 2023 diese Quote erneut nicht erreicht hat. Umso wichtiger wird dieses Jahr, sonst droht den Kliniken Südostbayern (KSOB), dass es im nächsten Jahr keinen finanziellen Ausgleich für das Defizit der Abteilung gibt. Welche Folgen das haben würde? „Momentan stellt sich uns diese Frage nicht, weil wir zum einen davon ausgehen, dass es heuer reichen wird und dass wir vom Freistaat die Fördermittel erhalten. Zum anderen steht die Geburtshilfe in Bad Reichenhall für die Kliniken Südostbayern ohnehin nicht zur Disposition. Sie erhält derzeit Unterstützung von allen Seiten und eine neue Marketingkampagne ist bereits angelaufen“, sagt KSOB-Sprecher Alexander Schlaak.

Die Geburtshilfe erhält derzeit Unterstützung von allen Seiten und eine neue Marketingkampagne ist bereits angelaufen.

KSOB-Sprecher Alexander Schlaak

Die jüngsten Zahlen würden auch positiv stimmen, meint er. Denn im Juni waren es in Bad Reichenhall 46 Geburten (Juni 2023: 32). „Und für den Juli haben wir auch schon erfreulich viele Anmeldungen vorliegen“, so Schlaak. Er ist genauso zuversichtlich wie die Hebammensprecherin und auch Prof. Dr. Christian Schindlbeck, der Chefarzt der Frauenklinik-Standorte Traunstein und Bad Reichenhall. „Wir haben in Bad Reichenhall den Rückgang gestoppt und die Zahlen stabilisiert“, meint Schindlbeck.

Die Hebammen und Kinderpflegerinnen geben sie große Mühe, dass sich die Frauen wohlfühlen in der Geburtshilfe.

Mehrere Faktoren spielen eine Rolle

Für den Chefarzt spielen einerseits Faktoren wie die Überalterung der Gesellschaft und die deutschlandweit rückläufigen Geburtenzahlen eine Rolle, vor denen auch das Berchtesgadener Land nicht verschont bleibt. Anderseits müsste seiner Ansicht nach die 50-Prozent-Quote auf regionale Unterschiede modifizierbar sein. Denn der Landkreis sei zwischen Salzburg und Traunstein eingezwickt. „Und wir sind deutschlandweit nicht die einzige Region, die werdende Eltern ans benachbarte Ausland verliert. Das ist an der Grenze zu Frankreich oder Belgien zum Teil ähnlich.“

Das Problem: Wenn sich Paare aus dem Landkreis für eine Geburt in Österreich entscheiden, übernehmen deutsche Krankenkassen die Kosten. „Andersherum ist das so gut wie gar nicht möglich. Gesundheitspolitik wird zu sehr lokal gedacht, sei es auf Landkreis-, Städte- und Länderebene“, findet der Chefarzt.

„Für unkomplizierte Schwangerschaften gibt es keinen Grund, woanders hinzugehen“, findet Chefarzt Christian Schindlbeck.

Es kommt auch auf die Bevölkerung an

Für Schindlbeck ist klar: In Bad Reichenhall werde ein sehr gutes Angebot, inklusive Hebammen und Sprechstunden, zur Verfügung gestellt. „Dazu kommen schöne Zimmer, ein guter Service, eine enge Zusammenarbeit mit der Kinderabteilung in Traunstein sowie ein sehr gutes medizinisches Team: Für unkomplizierte Schwangerschaften gibt es keinen Grund, woanders hinzugehen.“

Die Richtigstellung hat uns viel Kraft und Energie gekostet, aber im Nachhinein haben wir dadurch auch viel Rückenwind und Unterstützung erhalten.

Chefarzt Christian Schindlbeck

Vielmehr sei die Bevölkerung gefragt, ob sie die Geburtenstation erhalten möchte oder nicht. „Wenn niemand kommt, hilft das alles nichts. Aber wenn der Wille da ist, das zu unterstützen, geht es von unserer Seite aus weiter. Und auch aus der Politik gibt es klare Bekenntnisse.“ Die aufkeimenden Gerüchte Anfang des Jahres bezeichnete Schindlbeck als „unglückliche Geschichte“, denn bis dato habe niemand vor Ort noch innerhalb der KSOB die Geburtshilfe am Standort in Bad Reichenhall infrage gestellt. „Ein Aus stand nie zur Diskussion. Die Richtigstellung hat uns viel Kraft und Energie gekostet, aber im Nachhinein haben wir dadurch auch viel Rückenwind und Unterstützung erhalten“, hebt er auch das Positive hervor.

Die aufkeimenden Gerüchte über ein mögliches Aus der Geburtshilfe hatten auch das Personal verunsichert.

„Wird auch keine große Zunahme bei der Bevölkerung geben“

Laut Schindlbeck müsse man sich wohl mit weiter rückläufigen Geburtenzahlen anfreunden. So habe Bad Reichenhall 2016 bis 2019 auch stark von der Einwanderung profitiert, als viele junge Familien Kinder bekamen. „Das ist momentan kein Thema mehr, weil es von der Politik nicht erwünscht ist, also wird es auch keine große Zunahme bei der Bevölkerung geben. An diesen Fakten kommen wir nicht vorbei“, erklärt der Chefarzt.

Das gelte auch für allgemeine Trends, die sich nicht aufhalten ließen: Etwa, dass Frauen in der Regel nur noch ein bis zwei Kinder bekämen und bei einer Schwangerschaft immer älter seien. „Heute liegt das Durchschnittsalter bei 31 Jahren, früher lagen wir mal bei 23. Da nehmen natürlich auch die Risikofaktoren zu, weshalb der Trend zu Perinatalzentren geht.“

Der Geburtshilfe machte auch die Pandemie zu schaffen, weil einige Paare nicht mehr nach Bad Reichenhall, sondern nach Österreich gingen.

Wichtige Signale aus der Politik

Er sieht durch die Beschlüsse und Statements aus dem Landkreis und der KSOB die Geburtshilfe für die nächsten Jahre gesichert. Doch auch für ihn ist klar: Die 50-Prozent-Landkreisquote zu erfüllen, ist wichtig, da es um viel Geld geht. „Unser Job ist es, für ein positives Image zu sorgen. Aber das ist wie mit dem Tante-Emma-Laden, den jeder im Dorf fordert: Das Angebot muss auch angenommen werden, da ist die Bevölkerung gefragt“, betont Schindlbeck.

Das konnte man niemandem verübeln, doch wir als kleine Abteilung wurden von der Pandemie schwer getroffen.

Hebammensprecherin Christine Müller

Auch Hebammensprecherin Christine Müller ist zuversichtlich, dass sich die Geburtshilfe wieder auf einem guten Weg befindet. Zum Beispiel werden die Infoabende wieder deutlich besser frequentiert. „Durch Corona haben wir bis zu 200 Geburten nach Österreich verloren, weil dort die Beschränkungen lockerer waren. Das konnte man niemandem verübeln, doch wir als kleine Abteilung wurden von der Pandemie schwer getroffen“, erklärt sie.

Durch die Hebammenpraxis können die Frauen das Team, aber auch die Geburtshilfe und deren Räume kennenlernen.

Seit Ende 2023 gibt es in Bad Reichenhall auch eine Hebammenpraxis. Quasi ab dem ersten positiven Schwangerschaftstest besteht hier die Möglichkeit, dass Hebammen im Wechsel mit den Gynäkologen die werdende Mutter bei der Vorsorge begleiten. Dadurch können die Frauen schon frühzeitig die Räume und das Team kennenlernen, Ängste abbauen und sich über die Hebammenarbeit informieren. Müller: „Sie lernen, dass wir individuell auf alle Fragen und Bedürfnisse eingehen oder dass wir mehr Zeit für sie haben, als es in größeren Kliniken der Fall ist. Sie können damit das Vertrauen entwickeln, dass hier der richtige Ort ist, wo sie ihr Kind sicher auf die Welt bringen können.“

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