Engpässe für Zulieferer
Westliche Märkte unter Druck: China-Monopol bei Rohstoff zeigt „strategisches Defizit“
China blockiert seit Jahren wichtige Gallium-Exporte. Das verschärft die Versorgungslage zunehmend. Ein Fachmann warnt vor Konsequenzen.
Peking – Mehr Recycling, Kooperation mit Indien oder lieber ein Rohstoffabkommen mit Kanada: Der Westen sucht verzweifelt Alternativen zu wichtigen Rohstoffen aus China. Das „Reich der Mitte“ hatte erst im April sieben wichtige sogenannte seltene Erden mit Exportbeschränkungen versehen und damit ganze Märkte in Panik versetzt. Es war jedoch nicht das erste Mal, dass China einen solchen Schritt vollzieht.
China legt Exportbeschränkung auf wichtigen Rohstoff – Gallium-Knappheit löst Krise aus
Welche Auswirkungen diese Exportbeschränkungen auf die im April betroffenen seltenen Erden haben können, zeigt das Beispiel eines eher unscheinbaren Metalls, das lange weitestgehend unbeachtet blieb. Gallium ist keine sogenannte seltene Erde, gehört aber zu derzeit als besonders wichtig eingestuften Elementen.
Vorrangig kommt es in Bauxit und anderen Aluminiumerzen vor, wird also als Nebenprodukt abgebaut. Schon im Juli 2023 beschränkte China die Ausfuhr des wichtigen Rohstoffs und zog die Daumenschrauben über die nächsten Monate immer weiter an.
Jetzt zeigen sich die Konsequenzen. „Bei Gallium und Germanium zeigt sich seit Einführung der chinesischen Exportkontrollen im Sommer 2023 ein strategisches Defizit auf den Weltmärkten“, erklärt Jan Giese, Senior Manager Minor Metals and Rare Earths beim Frankfurter Rohstoffhändler TRADIUM gegenüber Ippen.Media. „Die Versorgungslage ist angespannt. China hält gezielt Material zurück.“ Das wiederum wirke sich „deutlich“ auf die globale Verfügbarkeit aus, denn China hat bei Gallium – genau wie bei den seltenen Erden – ein fast absolutes Monopol aufgebaut.
Dabei nimmt China seine Exportbeschränkungen derartig ernst, dass es eine Überversorgung im Inland und gut gefüllte Lager in Kauf nimmt, anstatt zu exportieren. Dort sind die Preise entsprechend niedrig, steigen aber außerhalb Chinas kontinuierlich an.
So vertrieb China die Wettbewerber – und bekam Gallium-Monopol
Dabei stellt sich die Frage: Wofür braucht der Westen Gallium? „Bei beiden Rohstoffen spielt wieder der Dual-Use-Aspekt eine zentrale Rolle“, sagt Giese dazu und meint damit neben Gallium auch Germanium. China achte „streng“ darauf, dass diese beiden Rohstoffe nicht in westliche Rüstungssysteme gelangen. „Gallium wird etwa für Hochleistungschips gebraucht, Germanium findet sich unter anderem in Glasfaserkabeln und Optiken. Anwendungen wie Infrarotsensoren, sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich, gewinnen zunehmend an Bedeutung.“
Genau wie bei den mittlerweile viel beachteten seltenen Erden hat China hier zwei entscheidende Vorteile. Erstens verfügt das Land über große Vorräte von Gallium und Germanium. Laut dem Center for Strategic and International Studies (CSIS) deckt China 98 Prozent der weltweiten Primärversorgung bei Gallium ab.
Schon in den frühen Zweitausenderjahren begann das Land mit der Erschließung und dem Abbau. Weil China die Produktion von „niedrig-qualitativem“ Gallium um 2010 dermaßen ausweitete, dass es den globalen Markt flutete, habe es viele nicht-chinesische Wettbewerber durch die extremen Preisfluktuationen vertreiben können.
Zweitens kontrolliert China die kostengünstigsten Wege zur Weiterverarbeitung von Gallium und hat schon dafür gesorgt, dass diese nicht in ausländische Hände geraten.
Marktdominanz bei Gallium als Waffe Chinas – und der Westen sah es nicht kommen
Das führt uns zum Warum. Was hat China davon, einen so wichtigen Rohstoff zurückzuhalten, anstatt damit Profit zu machen? Im Grunde geht es dabei um Kontrolle. „Die Exportkontrollen werden damit gezielt auch als strategisches Instrument genutzt und haben daher spürbare Folgen für die weltweite Wirtschaft“, erklärt Giese dazu. Das CSIS ergänzt: „China hat einen Weg gefunden, um seine Marktdominanz bei Gallium in einen geopolitischen Hebel zu verwandeln, und das auf eine Weise, die nur Wenige im Westen kommen sahen.“
Im aktuellen Fall stellen die Rohstoffe Verhandlungsmasse gegenüber einer Entscheidung der USA, der Niederlande und weiteren Nationen, die vor mehreren Jahren die Ausfuhr wichtiger Computerchips nach China beschränkten, dar. China hatte mit den ersten Gallium-Restriktionen geantwortet. Auf die US-Zölle von Präsident Donald Trump reagierte Peking 2025 mit weiteren Restriktionen, diesmal ging es um seltene Erden wie Yttrium und Terbium.
Allerdings zeigt ein Beispiel von 2010 auch, dass China seine seltenen Rohstoffe genauso als Waffe einsetzen kann, wenn es um Territorialkämpfe geht. Damals traf es Japan, wenn auch nur kurzzeitig. Peking hatte die Ausfuhr seltener Erden ausgesetzt, was in Japan zu drastischen Preissteigerungen führte.
Sekundärsanktionen wegen Gallium-Export – China-Maßnahme soll Kontrolle aufrechterhalten
Mit seinen Restriktionen geht China außerordentlich sorgsam vor. Neben den Exportbeschränkungen hat Peking auch einen Mechanismus eingesetzt, der mit Sekundärsanktionen vergleichbar ist. Das Gesetz für Exportkontrolle schreibt vor, dass auch „jede Organisation, Individuum, Land oder Region“ von China zur Rechenschaft gezogen würde, falls es die Ausfuhrbeschränkungen verletzt. Effektiv soll dieses Gesetz verhindern, dass Drittländer Gallium oder andere seltene Ressourcen Gallium in die USA (oder andere Länder, die China nicht beliefern will) durchleiten.
Obendrein ist seit Januar 2025 die Ausfuhr von Schlüsseltechnologien verboten, die China zur Trennung von Gallium von seinen Trägermetallen nutzt. Das heißt: Das Land unternimmt größte Anstrengungen, um seine Vormachtstellung bei diesem Rohstoff zu behalten – und damit seine Kontrolle über die Lieferketten.
All das hat zu der Versorgungskrise geführt, die Giese andeutete. Das CSIS sieht hier die Gefahr, dass nicht-chinesische Hersteller Anreize bräuchten, um ähnlich kostengünstige Prozesse einzuführen wie China – andernfalls hätten sie weiter Probleme damit, im Wettbewerb zu bestehen.
Alternative für China-Lieferung – so reagiert Europa
Europa versucht währenddessen, bei allen wichtigen Rohstoffen eigene Produktionsstrecken aufzubauen. Gallium gehört dazu: Das Handelsblatt berichtete hier zum Beispiel über das griechische Unternehmen Metlen Energy & Metals SA. Dieses will die erste Produktionslinie für Gallium in Europa aufbauen. Ab 2028 will es die Galliumimporte Europas vollständig ersetzen.
Ein Risiko dabei wird sein, dass China seine Schleusen plötzlich wieder öffnen und den Markt mit billigem Gallium fluten könnte, ehe Metlen nach all seinen Investitionen Profite generieren kann. Das zeigt, in welcher Klemme der Westen gerade steckt. Aus Japan war diesbezüglich bereits zu hören, China führe „eine Art wirtschaftlichen Krieg gegen den Rest der Welt“.
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