Druck auf dem Luftfahrtsektor
Russlands Wirtschaft umgeht Sanktionen: Dringender Bedarf an westlichen Importen
Westliche Sanktionen verbieten die Ausfuhr von Flugzeugteilen nach Russland. Der Kreml schafft es immer wieder, sie zu umgehen. Reicht das aus?
Moskau – Warnung für Russlands Wirtschaft: Zwei Top-Beamte der Regierung sprachen zuletzt deutliche Warnungen aus. Wichtige Ressourcen würden zur Neige gehen, hieß es: Eine davon ist ausgerechnet der National Wealth Fund (NWF), der als eiserne Reserve des Kremls galt. Im Kleinen finden ähnliche Vorgänge statt. Beispiele dafür sind die Stahlbranche, die 2025 auf einen großen Teil ihrer Exporte wird verzichten müssen – und der wichtige Flugsektor. Immer wieder hieß es, Russland würde irgendwie für Nachschub an Ersatzteilen sorgen, obwohl die Europäische Union Sanktionen verhängt hat. Jetzt kam heraus, wie das funktionierte.
Sanktionen sollen Russlands Wirtschaft schaden – geheimes Netzwerk versorgt die Luftfahrt
Offenbar ist es Russland gelungen, trotz Sanktionen wichtige Flugzeugteile in Millionenhöhe zu importieren. Zu diesem Schluss kam eine Investigation des finnischen Senders Yle, veröffentlicht am 26. Juni. Bei dieser Untersuchung hat Yle russische Handelsdaten analysiert und herausgefunden, dass das Land seit 2022 Flugzeugteile in einem Wert von mindestens einer Milliarde Euro kaufen konnte. Yle gab an, diese seien von den westlichen Herstellern Airbus und Boeing gekommen.
Wie hat Russland das geschafft? Dem Bericht zufolge hat der Kreml extra dafür ein „weites“ internationales Netzwerk aus rund 360 Unternehmen aufgebaut, dessen Ziel es ist, westliche Sanktionen zu umgehen, die den Verkauf von Airbus- und Boeing-Teilen nach Russland verbieten. Viele dieser 360 Unternehmen landeten nach und nach ebenfalls auf der Sanktionsliste, nachdem herausgekommen war, welche Rolle sie hierbei spielten.
Zu den Lieferungen gehörten unter anderem „grundlegende“ Kabinenutensilien, aber auch kritische Komponenten wie Antriebe, Radarsysteme und Boardcomputer. Einige davon sollen potenziell auch militärischen Nutzen haben. Im Klartext heißt das: Russland könnte damit nicht nur seinen maroden Luftfahrtsektor versorgt haben, sondern auch die immer noch schwer in der Ukraine gebundene Luftwaffe. Auf Yles Bitte um Stellungnahme antworteten Boeing und Airbus, dass sie „alle geltenden Gesetze und Sanktionen in Bezug auf Russland einhalten und es keine legale Möglichkeit gibt, Flugzeuge, Teile, Dokumentation oder Dienstleistungen in das Land zu exportieren.“
Putins Luftfahrt-Wirtschaft unter Druck – Ausfälle und Pannen häufen sich
Eine ähnliche Strategie fährt Russland auch bei Exporten, speziell beim Öl. Hier sorgt eine teuer aufgebaute Schattenflotte dafür, dass Russland trotz schwerer Sanktionen sein Öl in den Westen bringt. Ob diese Kreml-Taktik dem Flugsektor Russlands viel geholfen hat, ist jedoch mehr als fraglich. Im Winter 2024 erst traten gehäuft Berichte über Fehlfunktionen bei russischen Flugzeugen auf. Experten warnten, dass russische Verkehrsflugzeuge nicht mehr lange flugtauglich bleiben, wenn sie keine sichere Versorgung mit zertifizierten Flugzeugteilen erhalten.
Das ukrainische Nachrichtenportal Kyiv Independent berichtete allein in der Weihnachtszeit von elf Maschinenausfällen bei russischen Flugzeugen, was gegenüber dem Zeitraum Oktober-November nahezu einer Verdoppelung entsprochen habe. Bei vielen davon waren Flugzeuge von Airbus und Boeing betroffen, weil diese beiden Hersteller einen großen Teil der russischen Flotte gebaut haben und eben eigentlich keine Teile mehr liefern dürfen. Darüber hinaus befinden sich dutzende von russischen Airlines in Insolvenzgefahr.
Extreme Abhängigkeit in Russlands Wirtschaft – Luftfahrt braucht den Westen
Bei der Besitzfrage liegt das eigentliche Problem für Russlands Luftfahrt. Der ganze Sektor ist in einem hohen Maße vom Westen abhängig, genauer: von westlichen Flugzeugherstellern. Der Thinktank Wilson Center gab dazu an, die russische Produktion reiche nicht aus, um den Bedarf zu decken. Im Februar 2022 bestand die gesammelte Flotte der 20 größten russischen Airlines zu vier Fünfteln aus im Ausland hergestellten, geleasten Maschinen.
Das Problem dabei: Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verbat der Westen, dass Russland diese Flugzeuge weiter nutzt. 515 geleaste Flugzeuge sollten nach Einsetzen der Sanktionen an den Westen herausgegeben werden. Die Antwort des Kremls: Eine hastig aufgesetzte Gesetzgebung setzte die Flugzeuge fest. Der russische Verkehrsminister Vitali Savelijew sprach damals offen davon, „das Eigentum anderer zu nehmen“.
Es gibt noch einen weiteren Hinweis darauf – die Pannen einmal außen vor gelassen – dass Russland eigentlich nicht auf die Ersatzteillieferungen verzichten kann. Und zwar hatte Putin damit begonnen, die sich so in Russland befindlichen Flugzeuge „zurückzukaufen“. Nachdem seine Gesetzgebung sie also schon in Russland festhielt, nahm er Millionen in die Hand, um Flugzeug für Flugzeug zu erwerben. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge können russische Airlines die zurückgekauften Flugzeuge auch im Ausland nutzen, ohne dass das Risiko einer Festsetzung besteht.
Sanktions-Abbau für die Luftfahrt? – US-Regierung zögert
Im Frühjahr hatte Russland einige Anstrengungen unternommen, um die US-Regierung unter Präsident Donald Trump zur Aufhebung von Luftfahrt-Sanktionen zu bewegen. Das hat bislang nicht geklappt (Stand Juni 2025), allerdings kamen auch keine nennenswerten Sanktionen hinzu.
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