„Übergang in Rezession“
Putin in wirtschaftlicher Traumwelt: Kreml-Offizielle warnen vor Krise
Kreml-Offizielle warnen mit Nachdruck. Für Russlands Wirtschaft besteht die Gefahr, wichtige Ressourcen zu verlieren. Putin leugnet dies.
Moskau – Jahrelang hieß es, die westlichen Sanktionen hätten keine Auswirkungen. Im Gegenteil: Nach der Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump kam in Russland gar Hoffnung auf, Sanktionen könnten fallen und ein neues Zeitalter der Kooperation mit den USA könnte anbrechen. Dann aber folgte die Abkühlung. Wichtige Investitionen mussten fallen, weil die Gewinne aus Öl- und Gasverkauf immer geringer ausfielen. Der Westen zog die Sanktionen immer weiter an. Und jetzt häufen sich die Warnungen aus der russischen Elite.
Warnungen wegen Russlands Wirtschaft – Wirtschaftsminister und Top-Bankerin fällen Urteil
In Russland könnte bereits eine Wende eingetreten sein. Innerhalb weniger Tage sprachen wichtige Offizielle des Kremls deutliche Warnungen zur Lage von Russlands Wirtschaft aus. Einerseits wäre da die Chefin der russischen Zentralbank, Elvira Nabiullina, andererseits der russische Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow. Beide gaben Ende Juni an, dass die Werkzeuge, auf die man sich in Moskau verlassen hatte, um den Ukraine-Krieg weiter zu finanzieren, beinahe erschöpft seien.
Daraufhin kam vom russischen Präsidenten Wladimir Putin ein klares Dementi. Am 20. Juni sagte er, dass Russlands Wirtschaft trotz Sanktionen und Krieg weiter stark sei. Experten aber sehen das anders. Die interne Kommunikation des Kremls würde sich deutlich von der sich herauskristallisierenden Realität unterscheiden. „Die russischen Offiziellen haben ihre Verantwortung beim Versagen dieser ganzen Politik erkannt“, zitierte das Nachrichtenportal Kyiv Independent Wladimir Milow, einen russischen Oppositionellen, der in den frühen Zweitausendern als wirtschaftlicher Berater für den Kreml tätig war. „Sie wissen, dass sie sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen müssen und die Realität nicht ignorieren können – der Moment musste kommen, an dem sie all das offen ansprechen. Also taten sie genau das.“
Gehen Russlands Wirtschaft die Ressourcen aus? – „Übergang in Rezession“
Wie sieht das im Detail aus? Nabiullina ist insofern ein Spezialfall, als der Kreml sie bereits seit längerer Zeit im Visier hat. Die Zentralbankchefin hält den Leitzins in Russland seit vielen Monaten auf einem hohen Niveau, was Putin wiederholt – wenn auch subtil – kritisierte. Sie warnte davor, dass wichtige Schlüsselressourcen, auf denen das russische Wachstum seit 2022 beruhte, aufgezehrt seien. Konkret geht es dabei um die Kapazität der Industrie, Arbeitskräfte, um Kapitalreserven der Banken und flüssige Assets des National Wealth Fund (NWF, direkt übersetzt in etwa Nationaler Vermögensfonds).
Reschetnikow wiederum hat bereits mehrfach vor der Rezession in Russlands Wirtschaft gewarnt. Das Land befinde sich „am Rande zum Übergang in die Rezession“, sagte er, und die nächste Phase sei entscheidend. Im Mai 2025 sprach Reschetnikow außerdem von einer möglichen „Unterkühlung“ von Russlands Wirtschaft. Damit stieß er ins selbe Horn wie westliche Analysten: Diese gehen davon aus, dass sich die bilanziell positiven Effekte der Kriegswirtschaft Russlands aufgezehrt hätten.
Wirtschaftswunder als Illusion – „Regierung hat Reserven verbrannt“
Die Aufzehrung des NWF ist dabei eines der deutlichsten Zeichen für wirtschaftliche Spannungen innerhalb Russlands. Allein zwischen Februar 2022 und Jahresbeginn 2024 hatte der Kreml eine Summe von rund fünf Billionen Rubel (etwa 47,8 Milliarden Euro) aus dem Fonds entzogen. Laut dem russischen Finanzministerium schrumpften die liquiden Mittel bis Mai 2025 auf 2,8 Billionen Rubel, umgerechnet etwa 30,3 Milliarden Euro. Im Januar 2022 hatte die Reserve noch 8,43 Billionen Rubel gehalten – rund 91,5 Milliarden Euro.
Milow zufolge handelte es sich bei der Stabilität von Russlands Wirtschaft seit 2022 um eine pure Illusion, basierend auf den massiven Staatsausgaben, gespeist von den Reserven, die Russland vor der Invasion angesammelt hatte.
„Russlands sogenanntes Wirtschaftswunder nach der Invasion und Sanktionen baute nur auf einem einzelnen Fakt auf: Die Regierung hat ihre angesammelten finanziellen Reserven verbrannt, um die Wirtschaft zu stützen“, zitierte Kyiv Independent den Oppositionellen.
Putin gehen die Eier aus – Probleme in Russlands Wirtschaft häufen sich
Diese Reserven flossen vorrangig in die Kriegswirtschaft, seitdem Putin die russische Ökonomie umgestellt hat. Ökonomen sprachen bereits früh Warnungen aus, die sich dann im Laufe des Jahres 2024 gehäuft hatten. Milliarden in den Bau von Panzern, Munition und Drohnen zu stecken und diese dann sofort in der Ukraine zu verfeuern, sei kein nachhaltiges Modell für wirtschaftliche Entwicklung. Zwar trieb dieses Vorgehen die Industrieproduktion an, doch dafür litten alle anderen Sektoren abseits der Kriegswirtschaft.
Dazu gehört etwa der Einzelhandel. Wichtige Lebensmittel, darunter etwa Butter oder Eier, wurden erst teurer und dann trat gar eine Knappheit ein. Verschiedene Medien berichteten erst kürzlich über die Probleme in Russland, an Eier zu gelangen.
Geheime Kreml-Strategie spült Geld in die Kassen – das rächt sich jetzt
Ein wesentlich größeres Problem aber ist der russische Bankenplan, der lange unter dem Radar des Westens blieb. Wie das aussieht: Dem ehemaligen US-Banker und gegenwärtigen Russland-Forscher am Harvard-Davis-Center Craig Kennedy zufolge hat Russland eine zweigleisige Strategie gefahren, um die Kriegskosten zu stemmen. Erstens gibt Russland viele Milliarden über das reguläre Militärbudget aus, zweitens erschuf der Kreml einen fast schon geheimen Finanzierungsplan, der angeblich den Großteil der Kriegsfinanzierung trägt.
Durch neue Gesetzgebung vom Februar 2022 soll der Staat die Kontrolle über kriegsbezogene Kredite von russischen Großbanken ergriffen haben. Offenbar gibt die russische Regierung dabei vor, dass die Banken spezielle Kredite vergeben müssen, deren Konditionen der Kreml festschreibt. Diese Kredite gehen wiederum an eine Vielzahl von Unternehmen, die Güter und Dienstleistungen für den Putins Krieg in der Ukraine bereitstellen.
Ursprünglich soll dieser Plan deutliche Vorteile für Moskau herausgespielt haben. So konnte Putin die Rüstungsausgaben Russlands auf einem vergleichsweise niedrigen Level halten. Das aber habe Beobachter dazu gebracht, zu glauben, dass Moskau keine ernsthaften Risiken zu erwarten habe, was die Finanzierung des Kriegs angeht. Bis Februar 2025 aber stellte sich heraus, dass Moskaus Verlass auf diese Kredite zu ernsten Konsequenzen in den Märkten führte. Kennedy zufolge ist dieses zweite Gleis eine der Hauptursachen für die massive Inflation (in Russland liegt sie bei 9,90 Prozent) und die darauf folgende hohe Leitzinsentwicklung (20 Prozent).
Sanktionen schaden Russlands Wirtschaft – wichtige Investitionen entfallen
Zuletzt haben sich die Anzeichen, dass West-Sanktionen Russlands Wirtschaft schädigen, gemehrt. Hinzu kommen drastische Budget-Verluste durch zu niedrige Ölpreise, mit denen Russland nicht gerechnet hat. Vor einigen Tagen erst wurde bekannt, dass der Kreml wichtige Investitionen kürzen musste, weil das Geld schlicht nicht ausreichte.
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