Fehlende Fachkräfte
Rente in Bedrängnis: Für viele „lohnt sich Mehrarbeit nicht“
Die Deutschen sollen mehr arbeiten – besonders auch Frauen. Doch für viele fehlt bei Mehrarbeit der Anreiz. Das beeinträchtigt ihre Rente.
Frankfurt – Die neue Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz will, dass die Deutschen mehr arbeiten. Rentnerinnen und Rentner sollen etwa jeden Monat 2000 Euro steuerfrei dazuverdienen können, Erwerbslose sollen durch höheren Druck aus dem Bürgergeld in Arbeit gebracht werden. Dazu soll es eine Prämie für den Wechsel von Teilzeit in Vollzeitarbeit geben.
Deutsche sollen mehr arbeiten – einige können bei der Rente profitieren
Nicht nur die kriselnde Wirtschaft soll von der Mehrarbeit profitieren; sie würde auch eine Entlastung der Sozialsysteme bedeuten, so die Hoffnung. Besonders die Rente ist dabei im Fokus. Denn hier stehen immer mehr Beziehende immer weniger Erwerbstätigen gegenüber. Die gesetzliche Rentenversicherung würde dadurch also entlastet.
Doch auch die Erwerbstätigen selbst, die von einer geringfügigen Beschäftigung oder einer Teilzeitstelle in einen Vollzeitjob wechseln, profitieren. Denn wie hoch ihre individuelle Rente ist, hängt von ihren Beiträgen ab – und damit von ihrem Gehalt. Das ist bei Teilzeit entsprechend geringer.
Frauen hängen häufig in der Teilzeitfalle – bei der Rente sind sie im Nachteil
Im Fokus – sowohl als Arbeitskräftepotenzial für die Wirtschaft, aber auch bei der Erhöhung ihrer individuellen Renten – sind Frauen. 49 Prozent arbeiten laut Statistischem Bundesamt in Teilzeit. Gleichzeitig sind sie häufiger von Altersarmut betroffen. Laut einer Auswertung des Statistischen Bundesamts leben 3,4 Millionen Rentnerinnen und Rentner unter der Armutsgefährdungsgrenze. 2,1 Millionen davon sind Frauen.
Damit stecken sie, wie es Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) und auch die Fachleute vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ausdrücken, in der „Teilzeitfalle“. Bedeutet: Sie würden gerne mehr arbeiten, können es jedoch nicht. Denn wegen zu wenigen Kita-Plätzen müssen sie die Kinderbetreuung übernehmen. Laut IW fehlen allein 306.000 Plätze für Kinder unter drei Jahren.
Fraglich ist jedoch, ob die Bewältigung der Kita-Krise allein ausreichend ist, um mehr berufstätigen Frauen beim Schritt von Teilzeit in Vollzeit – und damit besser bezahlte Stellen – zu helfen. Das fängt schon bei der Aufteilung der Sorgearbeit an. Denn trotz Teilzeit arbeiten Frauen laut Wirtschaftswoche genauso viel, wie ihre männlichen Gegenparts – durch die Kinderbetreuung und Haushaltsaufgaben. „Mit dem Ausbau von Kitas allein ist es also nicht getan“, zitiert das Magazin Katharina Wrohlich vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Neben der Kinderbetreuung steht das Steuerrecht Frauen im Weg
Dabei stehen häufig schon negative Steueranreize im Weg. Denn das Ehegattensplitting bietet für den schlechter verdienenden Partner, häufig eben die Partnerin, einen negativen Arbeitsanreiz. Für Frauen mit besser verdienenden Männern lohnt es sich nicht, mehr zu arbeiten. Laut einer Ifo-Analyse von 2021 hatten von 7,6 Millionen Frauen sechs Millionen ein geringeres Einkommen als der Mann.
Laut Wirtschaftswoche erschwert die Kombination des Ehegattensplittings mit dem Minijob-Modell und der kostenlosen Mitversicherung der Partnerin bzw. des Partners die Situation. „Wenn man hört, Arbeit muss sich wieder lohnen, dann denken viele an die fehlende Einkommenslücke zwischen Menschen im Niedriglohnsektor und Bürgergeldempfängern“, sagt Wrohlich. „Es gibt aber eine große Gruppe verheirateter Frauen, für die sich mehr Arbeit momentan überhaupt nicht lohnt.“
Stärkung der Vollzeitarbeit von Frauen entlastet auch die Rente
Für die Frauen bedeutet das eine finanzielle Abhängigkeit von ihren Ehemännern – gerade auch im Alter. Denn durch die niedrigeren Einkommen zahlen sie weniger in die Rentenversicherung ein und erwerben geringere Rentenansprüche. Eine Stärkung der Frauenerwerbsarbeit und eine höhere Vollzeitbeteiligung sind damit Beiträge gegen Altersarmut, die Frauen häufiger betrifft.
Gleichzeitig steigen die Einnahmen der Rentenversicherung insgesamt. Und es bietet eben konjunkturelle Potenziale. Laut einer Simulationsanalyse der Universität Mannheim, welche die Wirtschaftswoche aufgegriffen hat, würde eine bessere Ganztagsbetreuung von Kita- und Schulkindern und mehr Unterstützung bei der häuslichen Pflege bis 2030 rund 600.000 vollzeitäquivalente Stellen schaffen. Das jährliche Bruttoinlandsprodukt läge 60 Milliarden Euro höher – oder 1,4 Prozent. Bis 2035 würden die Nettomehreinnahmen des Fiskus bei jährlich 14 Milliarden Euro liegen.
Durch die Abschaffung des Ehegattensplittings lassen sich laut einer früheren Analyse des Ifo Instituts zudem 67.000 Vollzeitkräfte gewinnen. Die Ampel-Koalition hatte Änderungen geplant. Doch die neue Regierung unter Kanzler Friedrich Merz plant keine Anpassungen des Ehegattensplittings.
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