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Hohe Dunkelziffer

Merz und Bas bei Bürgergeld-Betrug ahnungslos: Regierung im Blindflug

Die Merz-Regierung redet viel über „mafiöse Strukturen“ und „bandenmäßigen“ Betrug im Bürgergeld. Wie hoch der Schaden ist, können zwei Ministerien und eine Behörde nicht sagen.

Berlin – Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) haben mit ihren Aussagen zu „ausbeuterischen“ und „mafiösen Strukturen des Sozialen Missbrauchs“ im Bürgergeld die Debatte um eine Reform der Grundsicherung angeheizt. Nun muss die Regierung jedoch eingestehen, dass sie keine genauen Kenntnisse hat, wie hoch der Schaden durch diese Form des Leistungsbetrugs ist. Das hat IPPEN.MEDIA von zwei Ministerien und der Bundesagentur für Arbeit (BA) erfahren.

Bürbergeld-Blindflug der Merz-Regierung: Zahlenbasis für Gerede über Betrug fehlt

Das Bundesarbeitsministerium von Bärbel Bas erklärte: „Erkenntnisse über die Höhe der Schadenssumme bezogen auf den bandenmäßigen Leistungsmissbrauch liegen dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales nicht vor.“ Auch ein BA-Sprecher räumte ein: „Zu den Vermögensschäden liegen uns keine validen Zahlen vor.“

„Wir haben es hier zum Teil mit mafiösen Strukturen des sozialen Missbrauchs zu tun“, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz zum Bürgergeld-Betrug.

Das Bundesarbeitsministerium hatte noch auf das Finanzministerium verwiesen, schließlich ist es für die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls zuständig. Doch auch das Haus von Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) machte keine Angaben.

Zoll stellt insgesamt einen Schaden von 766 Millionen Euro fest – jedoch nicht im Bürgergeld allein

Die FKS habe 2024 jedoch eine Gesamtschadenssumme von 766 Millionen Euro festgestellt, erklärte ein Sprecher des Finanzministeriums. Doch diese Zahl umfasst nicht nur „bandenmäßigen Leistungsmissbrauch“ und ist nicht nur auf das Bürgergeld beschränkt. Auch Leistungsmissbrauch im Arbeitslosengeld fällt darunter – genau wie das Vorenthalten und Veruntreuen von Sozialversicherungsbeiträgen durch Arbeitgeber.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Eine Aufschlüsselung ist demnach nicht möglich. Es handele sich jedoch „in den allermeisten Fällen“ nicht um „organisierten bzw. strukturellen Sozialleistungsmissbrauch“, hatte ein Zoll-Sprecher bereits zuvor auf IPPEN.MEDIA-Anfrage erklärt.

Bundesregierung nennt Zahlen zu Fällen von „bandenmäßigem“ Bürgergeld-Betrug

Das spiegelt sich auch in den Fallzahlen wider, welche die Bundesregierung kürzlich selbst in einer Antwort auf eine Grünen-Anfrage im Bundestag benannt hat. 2024 hat es demnach 421 Fälle von „bandenmäßigen“ Bürgergeld-Betrug gegeben, die zu 209 Anzeigen führten. Im Vergleich zu 2023 waren es 52 Strafanzeigen nach 229 registrierten Fällen. Das ergab eine Umfrage unter 300 Jobcentern der Agentur für Arbeit. Zahlen der 104 kommunalen Jobcenter fehlen.

„Bandenmäßiger“ Leistungsmissbrauch

Die Jobcenter sprechen laut Bundesarbeitsministerium von bandenmäßigem Leistungsmissbrauch, wenn bei Bürgerinnen und Bürgern aus anderen EU-Ländern ein Arbeitsverhältnis oder eine selbstständige Tätigkeit nur vorgetäuscht wird, um einen Ausschluss von Sozialleistungen wie dem Bürgergeld zu umgehen. Dabei treten Personen oder organisierte Gruppen als Arbeitgeber oder Vermieter auf und kassieren Teile der Sozialleistungen ab.

Dazu gebe es eine „hohe Dunkelziffer nicht erfasster Fälle“, erklärte das Arbeitsministerium in einer Antwort auf eine Grünen-Anfrage. Laut Jobcenter-Chef Lutz Mania aus Berlin-Mitte liegt das jedoch auch an Problemen, diese organisierten Netzwerke überhaupt zu erkennen. „Die Aufdeckung ist in Großteilen rein zufällig“, hatte er IPPEN.MEDIA erklärt.

Trotz vieler Unbekannter prägt Bärbel Bas Debatte um „mafiöse Strukturen“ im Bürgergeld

Die tatsächlichen Fälle von „bandenmäßigem“ Betrug dürfte jedoch sogar noch geringer als die 209 Strafanzeigen deuten. Denn 2024 gab es laut der Regierungsantwort lediglich drei Geldstrafen, welchen den Jobcentern bekannt wurden. 2023 endeten sechs Verfahren in einer Geldstrafe. Die im Vergleich zu 5,4 Millionen Bürgergeld-Beziehenden verschwindend geringen Fallzahl ist ein möglicher Grund, dass weder Arbeitsagentur noch die beiden Ministerien eine Schadenssumme nennen können.

Nach Berichten aus einzelnen Städten im Ruhrgebiet und einem mutmaßlichen Versuch in Berlin-Mitte hatte Bärbel Bas im Stern „ausbeuterische Strukturen, die die Menschen aus anderen europäischen Ländern nach Deutschland locken und ihnen Mini-Arbeitsverträge anbieten“ thematisiert. „Gleichzeitig lassen sie diese Menschen Bürgergeld beantragen und schöpfen die staatlichen Mittel dann selbst ab.“ Dann ist auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) in die Debatte aufgesprungen: „Wir haben es hier zum Teil mit mafiösen Strukturen des sozialen Missbrauchs zu tun.“ Das werde die Regierung „abstellen“.

Die Bundesregierung will im Rahmen der Reform der neuen Grundsicherung den Leistungsmissbrauch über einen „vollständigen Datenaustausch zwischen Sozial-, Finanz- und Sicherheitsbehörden“ bekämpfen. Dabei solle auch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) gestärkt werden.

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

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