„Unbezahlte Doppelbelastung“
Merz gegen den Acht-Stunden-Tag: Experten warnen – „Mehrarbeit lohnt sich für Frauen nicht“
Kanzler Merz fordert „mehr Arbeit“. Vor allem Frauen sollen in die Vollzeitbeschäftigung bewegt werden. Doch die Rechnung geht nicht auf, so Expertinnen. Die Mehrarbeit lohne sich für die meisten einfach nicht.
Berlin – Ärmel hochkrempeln und ranklotzen. So könnte man in Kürze die Forderungen an Arbeitnehmer zur Rettung der deutschen Wirtschaft von Neu-Kanzler Friedrich Merz (CDU) zusammenfassen. Vor allem bislang ungenutzte Arbeitszeitreserven durch hohe Teilzeitquoten bei Frauen sollen zukünftig helfen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Expertinnen sehen das kritisch: Denn unter den derzeitigen Umständen lohne es sich für viele Frauen schlicht nicht, mehr zu arbeiten oder gar in die Vollzeit zu wechseln.
Expertinnnen warnen: Frauen arbeiten jetzt schon länger als Männer
„Wir müssen in diesem Land wieder mehr arbeiten“, verkündete Merz seinen Arbeitsmarkt-Plan bereits in der ersten Regierungsansprache. Das Ausweiten der Erwerbsbeteiligung von Frauen, die zu hohem Prozentsatz in Teilzeit arbeiten, wurde zur wichtigen Stellschraube beim Kampf gegen die Fachkräftelücke erklärt.
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) konkretisierte: Frauen säßen oft unfreiwillig in der „Teilzeitfalle“. Sprich: Viele der insgesamt 49 Prozent unter den Frauen, die laut Statistischem Bundesamt teilzeitbeschäftigt seien, wollten mehr arbeiten, aber können es nicht. Vor allem Mütter will Bas in Vollzeit bringen. „Was sie jedoch auslässt, ist, dass Frauen ohnehin bereits mehr arbeiten als Männer, da sie deutlich mehr unbezahlte Care-Arbeit übernehmen“, erklärt Yvonne Lott, Leiterin des Referats Geschlechterforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut WSI, im Gespräch mit IPPEN.MEDIA.
Die Ausweitung der Erwerbsarbeitszeit wird kontraproduktive Effekte haben und die Geschlechterungleichheit verschärfen.
Unbezahlter Zweitjob Familie: Frauen arbeiten wöchentlich acht Stunden mehr als Männer
„Frauen gehen zwar weniger bezahlter Erwerbsarbeit nach, aber sie leisten durchschnittlich acht Stunden unbezahlte Arbeit mehr in der Woche als Männer“, so die Forscherin des Institutes der Hans-Böckler-Stiftung. Unbestritten seien die Teilzeitquoten hoch: 67 Prozent der Mütter arbeiten in Teilzeit. Doch der Blick auf die Quote lenke vom eigentlichen Problem ab: Bei der Kinderbetreuung leisten Männer oft viel zu wenig. Frauen können im Job daher nicht einfach länger arbeiten, denn daheim stemmen sie bereits einen zweiten Job.
14 Jobs, die fast niemand machen will, obwohl sie gut bezahlt sind




„Kontraproduktive Effekte“: Forscher warnen – vor allem Männer werden Arbeitszeiten ausweiten
„Frauen entlasten ihre Partner, sodass diese uneingeschränkt am Arbeitsmarkt teilnehmen können“, erklärt Lott. Dadurch bliebe ihnen selbst oft keine Zeit für einen Job mit längeren Arbeitszeiten, auch wenn sie es gerne anders hätten: „Die Ausweitung der Erwerbsarbeitszeit wird kontraproduktive Effekte haben und die Geschlechterungleichheit verschärfen“, warnt die Wissenschaftlerin.
Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Genderökonomie am DIW bestätigt gegenüber unserer Redaktion: „Für eine große Gruppe verheirateter Frauen lohnt sich mehr Erwerbstätigkeit derzeit nicht.“ Für verheiratete Frauen mit Minijobs, deren Männern gut verdienen, gilt: „Mehr Arbeitsstunden führen erstmal zu einem geringeren Nettofamilieneinkommen“, berichtet Wrohlich.
„Negative Arbeitsanreize“ durch Ehegattensplitting – Kluft könnte sich weiter vergößern
„Das Zusammenspiel aus Ehegattensplitting, der steuerlichen Behandlung von Minijobs und der kostenlosen Mitversicherung des Ehepartners setzt weitere negative Arbeitsanreize“, so die Professorin für Öffentliche Finanzen, Gender- und Familienökonomie
an der Universität Potsdam.
Hinzu käme: Aufgrund der ungleichen Verteilung der unbezahlten Care-Arbeit seien vor allem Männer in der Lage, mehr und länger zu arbeiten: „Weiten Männer ihre Erwerbsarbeitszeiten aus, bedeutet das noch mehr unbezahlte Arbeit für Frauen“, sagt auch Lott. Dieses schränke ihre Möglichkeiten weiter ein und könne zu einem weiteren Rückzug von Frauen aus dem Arbeitsmarkt führen: „In Sachen Wirtschaftswachstum und Fachkräftemangel wäre damit nichts gewonnen“.
Doch was braucht es, um der Schieflage entgegenzuwirken? Ein entscheidender Faktor, um Frauen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, seien nicht nur ausreichende Betreuungsplätze für Kinder, erklärt die WSI-Expertin. Eine zentrale Maßnahme, um Frauen in der Erwerbstätigkeit zu unterstützen, sei zwar der deutliche Ausbau von Kitaplätzen: „Doch dafür braucht es eine Offensive zur Ausbildung in erzieherischen Berufen, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, differenziertere Lohn- und Karrierewege und eine insgesamt höhere Entlohnung in diesem Bereich“.
Experten warnen: Engagement der Männer unerlässlich – gesetzliche Maßnahmen gefordert
Dafür seien zusätzliche finanzielle Mittel nötig, die nicht nur für ein Mehr an Kitaplätze aufgewendet werden, sondern auch für bessere Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung des Kitapersonals: „Dies sieht das Regierungsvorhaben so allerdings nicht vor“.
„Darüber hinaus brauchen wir gesetzliche Maßnahmen, die die Partnerschaftlichkeit fördern”, erklärt Lott. Als Beispiel nennt sie das Konzept der Familienarbeitszeit. Das Konzept wurde vor allem von der damaligen Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) ab 2015 vorangetrieben, es wurde aber nie gesetzlich eingeführt. Stattdessen wurde das im Rahmen des ElterngeldPlus 2015 umgesetzt, was dem Konzept nahekommt: der Partnerschaftsbonus. Dieser bietet vier zusätzliche ElterngeldPlus-Monate, wenn beide Elternteile parallel 25–30 Stunden pro Woche arbeiten. Es war also kein volles Familienarbeitszeit-Modell, aber ein erster Schritt in diese Richtung.
Auch Forscherin Wrohlich erklärt: „Solange sich nichts an der ungleichen Aufteilung der Sorgearbeit ändert, wird der Arbeitsstunden-Unterschied zwischen den Geschlechtern eher noch größer.“
Steuerliche Fehlanreize: „Für viele Frauen lohnt sich Mehrarbeit nicht“
Nicht zuletzt müsse an der Gender-Pay-Gap gearbeitet werden. „Zumal das mehr an Lohn, was über die Erhöhung der Doppelbelastung reinkäme, auch noch durch die Regelung des Ehegattensplittings gefressen werde, erklärt die DIW-Foscherin, „da fragen sich viele Frauen zurecht, warum sie sich das antun sollen”. Das Steuersystem liefere an dieser Stelle Fehlanreize. Doch die neue Bundesregierung stellt das Ehegattensplitting nicht zur Debatte. Stattdessen ist laut Koalitionsvertrag eine „Prämie zur Ausweitung der Arbeitszeit“ vorgesehen. Viele Frauen wird das kalt lassen.
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