Fehlende Kita-Plätze
Kita-Krise stoppt Frauen – trotz ihres Wunsches nach mehr Arbeit
Die Bundesregierung fordert mehr Erwerbstätigkeit von Frauen aufgrund des Fachkräftemangels – das Kinderbetreuungssystem ist jedoch überlastet.
Berlin – Deutschland steht vor einem erheblichen Mangel an Arbeitskräften, der sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen wird – das bestätigen immer wieder Studien. So zeigt auch eine aktuelle Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), dass bis zum Jahr 2028 rund 768.000 Fachkräfte fehlen werden.
Die Union wirbt mit Mehrarbeit, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, sagte etwa Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer Rede im Bundestag – und löste damit eine öffentliche Debatte aus. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann verteidigte die Aussage und legte nach: „Unser Wohlstand, unsere sozialen Sicherungssysteme, aber auch die Funktionsfähigkeit unseres Landes beruhen darauf, dass wir produktiv sind“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk (RND). Im Koalitionsvertrag steht auch bereits eine Lösung: „Die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen ist ein entscheidender Faktor zur Fachkräftesicherung“ – bei der Umsetzung gibt es aber Schwierigkeiten.
Kita-Krise: Kurzfristige Schließungen und verkürzte Öffnungszeiten
Viele Eltern stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, obwohl Stellen offenbleiben. Besonders betroffen sind Frauen, die meist die unbezahlte Sorgearbeit übernehmen. Oft scheitert es an einer verlässlichen Kinderbetreuung. Deutschland – besonders Westdeutschland – hat ein ernstes Problem bei der Kitabetreuung. Trotz des Rechtsanspruchs fehlten im Jahr 2024 bundesweit etwa 300.000 Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt.
Selbst wenn Eltern einen Kitaplatz erhalten, kommt es häufig zu kurzfristigen Schließungen oder verkürzten Öffnungszeiten, so das Handelsblatt. Der Fachkräftemangel betrifft dabei auch das Betreuungspersonal. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt zudem, dass der Personalschlüssel in den Kitas derzeit unzureichend ist. Es gibt zu wenig Betreuungspersonal für zu viele Kinder. Ideal wäre ein Verhältnis von einer Fachkraft zu drei Kindern im Krippenalter und eins zu 7,5 im Kindergartenalter. Die Studienautoren berichten, dass 90 Prozent der Kita-Kinder in Ostdeutschland und 62 Prozent im Westen nicht kindgerecht betreut werden.
Mehr Lohnarbeit: Fehlende Kinderbetreuung und familienunfreundliche Arbeitsmodelle
In einer Umfrage der Jobplattform Stepstone gaben rund 66 Prozent der Eltern, die aktuell in Teilzeit tätig sind, an, dass sie gerne Vollzeit oder zumindest fast vollzeitnah arbeiten würden – vorausgesetzt, das Betreuungssystem würde entsprechend funktionieren. Vereinfacht hochgerechnet führt der Mangel an Kitaplätzen laut Stepstone zu einem volkswirtschaftlichen Schaden von knapp 23 Milliarden Euro.
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) bestätigt den Wunsch nach mehr Lohnarbeit. Viele Mütter in Deutschland wollen demnach mehr arbeiten, werden aber durch fehlende Kinderbetreuung und familienunfreundliche Arbeitsmodelle daran gehindert. Diese Frauen sitzen „unfreiwillig in der Teilzeitfalle“, verdienen weniger und riskieren Altersarmut, erklärte Bas der Bild am Sonntag. „Das ist ungerecht und da müssen wir ran“, so die Ministerin. „Jede zusätzliche Arbeitskraft und jede zusätzliche Arbeitsstunde bringt uns voran.“
Da Frauen oft weniger verdienen, häufiger in Teilzeit arbeiten und längere berufliche Pausen einlegen, sind sie im Alter finanziell schlechter gestellt als Männer. Laut dem Statistischen Bundesamt liegen die Alterseinkünfte von Frauen im Durchschnitt mehr als ein Viertel unter denen der Männer.
Maßnahmen gegen Fachkräftemangel: Kinderbetreuung soll ausgebaut werden
Die Bundesregierung plane zwei Maßnahmen, um Frauen den Einstieg oder die Ausweitung ihrer Erwerbstätigkeit zu erleichtern, erklärte Bas: „Wir setzen in der Koalition auf den Ausbau der Kinderbetreuung. Prämien für den Wechsel in Vollzeit vom Arbeitgeber fördern wir steuerlich.“
Laut Angaben des Bundesarbeitsministeriums arbeiten lediglich elf Prozent der Männer in Teilzeit, während es bei den Frauen knapp 49 Prozent sind. Würden die 9,3 Millionen Frauen, die aktuell in Teilzeit arbeiten, ihre Arbeitszeit um zehn Prozent erhöhen – das sind etwa zwei Stunden pro Woche und Frau – könnten laut Berechnungen des Ministeriums rund eine halbe Million zusätzliche Vollzeitstellen entstehen. (hk)
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