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Partizipationsbelastung bremst Wachstum
Industrie-Boss sieht „Verschiebebahnhof“ bei Renten-Plänen – und rechnet mit Merz-Regierung ab
DIHK-Chef Adrian zweifelt an der Rentenkommission. Hohe Sozialabgaben belasten Arbeitnehmer zunehmend. Die Regierung enttäuscht Wirtschaft mit fehlenden Reformen.
Berlin – Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer, rechnet mit der schwarz-roten Bundesregierung unter Friedrich Merz ab. In einem Interview mit der Welt am Sonntag äußerte sich Adrian enttäuscht – nicht als einziger – über die bisherige Arbeit der Koalition und bezeichnete die neu eingesetzte Rentenkommission als möglichen Verschiebebahnhof.
„Ich habe eher die Sorge, dass eine Kommission auch ein Verschiebebahnhof sein kann“, sagte Adrian. Die ökonomischen Fakten lägen auf dem Tisch, die Experten seien sich weitgehend einig. Dass eine Kommission grundlegend neue Erkenntnisse bringe, wage er zu bezweifeln. Entscheidend sei vielmehr, ob die Bundesregierung bereit sein werde, die Empfehlungen auch umzusetzen. „Das war zumindest in der Vergangenheit leider häufig nicht der Fall“, so der DIHK-Präsident.
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Adrian kritisierte die hohen Lohnkosten in Deutschland. Die Sozialversicherungsbeiträge machten inzwischen mehr als 40 Prozent der Lohnaufwendungen aus, dazu kämen Steuern. „Wer morgens aufsteht und hart arbeitet, ist von unserem System nicht unbedingt begünstigt“, kritisiert Adrian den Kurs der Bundesregierung. Man müsse daher in den Sozialversicherungen über faire Eigenbeteiligung reden. Das könne dann auch Spielräume schaffen, die Belastung insgesamt zu begrenzen.
Der DIHK-Präsident warnt: „Wir sind bereits mitten in einem Verteilungskampf. Wenn wir den stoppen wollen, müssen wir an die Strukturen ran.“ Der Forderung der Bundesvereinigung der Arbeitgeber, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einzuschränken, wollte sich Adrian jedoch nicht anschließen. Das sei ein „umstrittenes Thema, auch in der Wirtschaft“. Es könnte die Arbeitskosten senken, aber auch aus taktischen Gründen eher zu längeren Krankmeldungen kommen.
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Sozialabgaben belasten Arbeitnehmer massiv: Enttäuschung über fehlende Reformen
Adrian zeigte sich insgesamt „schon etwas enttäuscht“ von der Arbeit der schwarz-roten Koalition. „Wir hatten erwartet, dass die Bundesregierung sehr schnell mit grundlegenden Reformen startet“, so Adrian. Im Koalitionsvertrag stünden viele Dinge: Bürokratierückbau, Senkung der Unternehmenssteuern, Entlastung bei der Stromsteuer für alle. „Vieles davon ist nicht gekommen oder zumindest nicht so, dass es die Unternehmen jetzt schon spüren.“
Eine Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft vom September 2025 zeigt zudem: Rund 77 Prozent der Beschäftigten würden in Deutschland mehr arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden. Die wichtigste Voraussetzung sind laut der IW-Befragung niedrigere Steuern und Sozialabgaben. Und mit 57 Prozent sagt mehr als jeder zweite Befragte, dass er mehr arbeiten würde, wenn er häufiger im Homeoffice oder mobil arbeiten könnte. IW-Studienautor Holger Schäfer betonte: „Wenn die Politik will, dass die Leute wieder mehr arbeiten und dadurch den Wohlstand sichern, muss sie die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.“ Die Befragung zeige sehr deutlich, dass etwa eine geringere Abgabenlast Mehrarbeit attraktiver mache. „Eine Forderung nach Mehrarbeit muss durch geeignete Anreize ergänzt werden, damit mehr Arbeit sich lohnt.“
Das Problem der hohen Abgabenlast ist nicht neu. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zur Partizipationsbelastung von 2020 zeigte bereits, dass sich Arbeit für viele Menschen finanziell kaum lohnt. Die Partizipationsbelastung gibt an, wie viel Prozent des Bruttoeinkommens als Steuern, Abgaben und durch Transferentzug einbehalten werden. Insbesondere bei Alleinstehenden im Niedriglohnbereich ergeben sich hohe Partizipationsbelastungen von etwa 75 bis 80 Prozent. Das bedeutet: Bei der Arbeitsaufnahme bleiben vom Bruttoeinkommen nur 20 bis 25 Prozent als Nettomehreinkommen übrig.
Stellschrauben der deutschen Wirtschaftsleistung: Klimaschutzpolitik muss angepasst werden
DIHK-Präsident Adrian forderte zudem eine Veränderung der deutschen Klimaschutzpolitik. „Wir wollen die CO₂-Emissionen massiv reduzieren und am Ende Klimaneutralität erreichen – schon im Interesse unserer Kinder und Enkel“, sagte er der Welt am Sonntag. „Aber wir sehen, dass der derzeit eingeschlagene Weg dieses Ziel nicht erreichen wird.“ Eine DIHK-Studie komme zu dem Ergebnis, dass der deutsche Transformationspfad bis 2049 über fünf Billionen Euro kosten würde. Das würde jährliche Investitionen in den Klimaschutz erfordern, die sich mehr als verdoppeln müssten gegenüber dem Status quo. „Das ist schlicht unrealistisch. Also müssen wir die Wege anpassen, nicht das Ziel“, sagte Adrian. Das Pariser Klimaabkommen sei ein wichtiger Rahmen, aber viele der größten Emittenten setzten es nicht so um wie Deutschland.
„Wenn Deutschland seine Grundstoffindustrie mit immer strengeren Vorgaben belastet, aber Stahl und Chemie dann aus Ländern mit schlechteren Standards importiert wird, ist dem Klima nicht geholfen – im Gegenteil“, sagt Adrian. „Wir sollten uns global auf ein Mindestniveau verständigen, das alle mitgehen. Ohne internationale Koordination schaden wir am Ende vor allem uns selbst.“ (ls)