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Analyse

„Muss auch zünden“: Ob der Bau-Turbo die Mieten günstiger macht

Die Bundesregierung erleichtert das Bauen. Teile der Branche atmen auf. Auch Häuslebauer und Mieter dürfen sich freuen – zumindest ein bisschen. Eine Analyse

Berlin – Deutschland fehlen hunderttausende Wohnungen, Bauen ist hierzulande zu teuer und zu langsam. 85 Prozent der Zeit in Bauprojekten fließen in Planungs- und Genehmigungsverfahren, die reine Bauzeit beträgt im Schnitt nur 15 Prozent. Die Probleme sind vielschichtig und bekannt. Nun will die Bundesregierung endlich effektiv dagegen steuern. Mit dem „Bauturbo“ sollen Häuser und Wohnungen unkomplizierter, schneller und günstiger kommen. Auch Mieten sollen damit auf Sicht sinken. Ist der Merz-Regierung also der große Wurf gelungen, oder bleibt der Turbo im ersten Gang?

Die Zahl der Baugenehmigungen stieg zuletzt an. Doch bisher dauert es von der Genehmigung bis zur Fertigstellung eines Hauses viel zu lange.

„Mit dem Bauturbo wird vieles günstiger und schneller gehen: Nachverdichtungen, Aufstockungen, Erweiterungen, aber auch Umnutzungen. Statt fünf Jahre für ein Bebauungsplanverfahren kann die Gemeinde dem Bauvorhaben nun innerhalb von drei Monaten zustimmen“, sagte Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) diese Woche im Bundestag zum neu beschlossenen Gesetz. Damit gelten im Baugesetzbuch befristete Sonderregeln. Besonders die langen Planungs- und Genehmigungsphasen sollen bald der Vergangenheit angehören, Gemeinden haben künftig die Möglichkeit, eigenständig Vorgänge zu beschleunigen.

Sinken Mieten und Baupreise nun endlich zeitnah?

Doch die Ministerin räumte direkt ein, dass der Turbo nicht in ähnlicher Geschwindigkeit bezugsfertige neue Wohnungen ermöglicht. „Der Bauturbo ist kein Hebel, an dem wir ziehen, und dann fallen die Wohnungen vom Himmel. Der Bauturbo ist ein Prozess, dem wir mit dem Gesetz einen Rahmen geben. Damit uns das gelingt, werden wir die Einführung mit einem Umsetzungslabor in der Praxis begleiten.“, so Hubertz, die auf einen Leitfaden und Best-Practice-Beispiele verwies. „Wir betreten mit diesem Gesetz ein Stück weit Neuland, und das wollen wir in Bauland und mehr Wohnraum verwandeln.“

Dass die krisengebeutelte Baubranche neue Impusle braucht, ist einhellige Meinung in Politik und Inustrie. Zuletzt waren bereits leichte Positivtrends zu beobachten. Im Juli 2025 wurde der Bau von 22.100 Wohnungen genehmigt, wie aus neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) hervorgeht. Im Vergleich zum Juli 2024 ist das ein Wachstum von 30 Prozent. Auch die Gesamtzahl der bislang in 2025 genehmigten Wohnungen (131.800) ist um 6,6 Prozent höher als im Vorjahr. Trotzdem ist Bauen und Wohnen in Deutschland in den vergangenen Jahren massiv teurer geworden.

Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie spricht von einem „mutigen“ Gesetz mit sinnvollen Erleichterungen bei Genehmigungen. „Doch der Bau-Turbo muss auch zünden“, so Müller, der politische Rückendeckung für Kommunen fordert. „Die Ankündigung von Bundesbauministerin Hubertz, diese Unsicherheiten mit gezielten Entscheidungshilfen und Dialogformaten aufzufangen, ist deshalb richtig“, sagt der Branchenvertreter.

Doch Müller dämpft die Erwartungen: „Klar ist aber auch, dass der Bauturbo nicht der alleinige Heilsbringer für mehr Wohnungsbau in Deutschland sein kann. Schließlich ändern schnellere Genehmigungsverfahren nichts an hohen Baukosten oder überzogenen, gesetzlich verankerten Anforderungen an Wohngebäude.“ Er fordert grundsätzliche Erleichterungen bei allen Bauvorhaben.

Der Hauptverband der Deutschen Holzindustrie (HDH) kritisiert den Bauturbo dagegen als unzureichend. Zwar begrüßt der Verband die Ansätze zur Verfahrensbeschleunigung, doch das für schnelle und serielle Fertigbauweisen wichtige Vergaberecht sei vom Gesetzgeber nicht angegangen worden, so die Kritik von HDH-Präsident Johannes Schwörer: „Das aktuelle Vergaberecht benachteiligt vorgefertigte Bauweisen, die zu über 80 Prozent im Holzbau geschehen. Das hemmt den schnellen und klimafreundlichen Wohnungsbau, den wir dringend benötigen. Der HDH fordert die Bundesregierung daher auf, im ‚Herbst der Reformen‘ zügig das Vergaberecht anzugehen.“

Kritik: Bauturbo – aber bezahlbares Wohnen bleibt außen vor

Union und SPD beschlossen den Turbo im Bundestag, die Oppositionsparteien stimmten dagegen. Entsprechend äußert auch Kassem Taher Saleh, Sprecher für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen der Grünen im Bundestag, seinen Unmut über das Gesetz: „„Der sogenannte Bauturbo ist ein leeres Versprechen an Menschen, die auf echte Veränderungen im Wohnungsmarkt hoffen. Statt bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, befeuert er Bodenspekulation, gefährdet Natur- und Agrarflächen und setzt die Kommunen zusätzlich unter Druck“, so der Grüne. „Es fehlen Quoten für sozialen und gemeinwohlorientierten Wohnraum sowie eine Bauverpflichtung, damit genehmigte Projekte auch wirklich umgesetzt werden. Wir brauchen stattdessen eine kluge Baupolitik, die bestehende Gebäude saniert, aus- und umbaut – denn so würde ausreichend neuer Wohnraum entstehen.“

Wie sehr sich der Bauturbo tatsächlich auf den Haus- und Wohnungsmarkt und damit auf Bau- und Mietpreise auswirkt, bleibt abzuwarten. Klar ist: schnelle Veränderungen wird es für Verbraucher vorerst nicht geben. Doch die Tendenz ist positiv: Genehmigungen und Neubauzahlen steigen langsam aus dem Loch der Vorjahre. Grundsätzlich gilt: Mehr Neubau entlastet den angespannten Wohnungsmarkt. (Quellen: Eigene Recherche, Statistisches Bundesamt, Bundesregierung, HDH, Grüne, HDB) (MoMai)

Rubriklistenbild: © IMAGO/ MiS/ Zoonar (Montage)

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