Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Münchner-Merkur-Interview

Rentensystem am Ende – aber KI könnte die Vorsorge der Gen Z retten

Künstliche Intelligenz wird das Leben der Gen Z revolutionieren. Der Zukunftsforscher Thomas Druyen glaubt, dass künftig jeder seine Rente mithilfe von KI aufstocken wird.

Immer mehr Rentner, immer weniger Junge, die die Alten finanzieren: Die Probleme des gesetzlichen Rentensystems in Deutschland sind hinlänglich bekannt. Der Zukunftsforscher Thomas Druyen erklärt im Interview, warum junge Menschen sich trotzdem keine Sorgen machen sollen. Seine Lösung: Künstliche Intelligenz.

Herr Druyen, die demografische Entwicklung führt dazu, dass geburtenschwache Jahrgänge die Rente und Pflege von geburtenstarken Jahrgängen wie den Babyboomern finanzieren müssen. Was bedeutet das für die Zukunft der Generation Z?
Der demografische Wandel ist für mich das Paradebeispiel der rückwärtsgewandten Mentalität in Deutschland. Wir kennen die demografische Zukunft seit 70 Jahren. Wir wussten, dass Millionen Babyboomer in Rente gehen und die Schere zwischen Beitragszahlern und Rentnern immer größer wird – und trotzdem ist nichts geschehen. Es wird nicht mehr möglich sein, dass 30 Millionen Menschen oder mehr von zehn Millionen Enkeln finanziert werden. Die einzige Lehre daraus kann sein, dass die Generation Z nicht darauf warten darf, dass die Politik oder die Senioren es richten werden. Sie sollten die Zukunft selbst in die Hand nehmen und nachhaltig gestalten.
Inwiefern?
Wir haben ein Einstellungsproblem. Wir warten zu lange mit mutigen Entscheidungen und bringen uns dadurch in die Defensive. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind die schlagenden Beweise für Zusehen statt Zupacken. Schon 1956 gab es die erste Konferenz zu KI am Dartmouth College und wir verkaufen es immer noch als etwas Unabsehbares. Wir kennen die möglichen Zukünfte, jetzt gilt es, vorausschauend zu navigieren. Es ist ein Offenbarungseid unserer Politik, die absehbaren Konsequenzen der Unterjüngung, der Verrentung der Babyboomer und der Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, das Gesundheitssystem und die Pflege verdrängt zu haben.

„Das Rentensystem ist obsolet“

Zur Person

Prof. Thomas Druyen ist Soziologe und Leiter des Instituts für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Er forscht dort über Demografischen Wandel, KI und Zukunftspsychologie.

Das Renteneintrittsalter wird immer weiter verschoben. In welchem Alter werden die Millennials in Rente gehen? Wird es die Rente noch geben oder eher ein Ausschleichen aus dem Erwerbsleben?
Das Rentensystem ist obsolet. In den letzten 100 Jahren hat sich die Lebenserwartung im Durchschnitt um 30 Jahre verlängert. Wenn die Leute 80, 90 und 100 Jahre alt werden, kann man nicht mit 63 in Rente gehen. Wer soll das bezahlen? Es ist höchst unseriös, wenn Politiker so etwas im Wahlkampf versprechen. Das System, das wir in 20 Jahren haben werden, ist nicht mehr vergleichbar mit dem jetzigen. Unser Leben hat sich durch mobile Technologie in den letzten 20 Jahren fundamental verändert. Das hat es in der Menschheitsgeschichte nie zuvor gegeben, dass man mit einem Mobiltelefon den Beruf, die Finanzen, das ganze Leben virtuell steuern kann. Mit der sich ständig optimierenden KI wird es in Zukunft jetzt noch unvorstellbare Möglichkeiten geben, das Alter frühzeitig abzusichern.
Nämlich welche?
Die Arbeit als Existenzgrundlage wird sich völlig verändern. Im Moment verdienen nur Google und die großen Konzerne daran, wenn sie unsere Daten auslesen. KI wird das Rentensystem weitreichend ergänzen. Es ist denkbar, dass wir künftig für jede digitale Aktivität auf Internetseiten oder Apps minimale Centbeträge verdienen, weil wir unsere Daten verkaufen – das könnte zu einer Art Grundeinkommen werden.
Geld verdienen mit dem Smartphone – und den eigenen Daten: Sieht so die Zukunft für junge Menschen aus?
Also Einkommen durch Ausverkauf des Privaten und Persönlichen?
Dies ist kein Ausverkauf, sondern ein Investment. Wenn andere mit unserer Daten arbeiten, haben wir das Recht, daraus einen fairen Mehrwert zu ziehen. Dies zu organisieren, ist erst mit der KI möglich geworden. Und um die Menschen in ihrer Würde zu sichern, kann und muss die Blockchain-Technologie eingesetzt werden. All dies führt auch zu einer Revolution unseres Lebenszyklus.

„Künstliche Intelligenz ist das größte Werk menschlicher Schöpferkraft“

Wie wird der aussehen?
Wir haben Fünf-, Sechs und Siebenjährige, die Spezialisten für KI sind und besser mit den Handys umgehen können als ihre Großeltern. Wir haben 14- und 15-Jährige, die mit Apps Geld verdienen oder investieren. Der frühe Umgang mit Techgeräten schafft neue synaptische Verbindungen und Strukturen im Gehirn. Das führt auch zu anderen Wertorientierungen, die den Lebenswandel, die Berufswelt und die Arbeitsweisen auf den Kopf stellen. Der Lebenszyklus wird viel individueller, viel präventiver und auch entlasteter.
Ist das eine Verbesserung?
Ich halte das sogar für eine nachhaltige Verbesserung. Ich teile die Wahrnehmung der totalen Bedrohung und Dominanz durch KI und die Furcht, dass sie uns entmündigt, nur eingeschränkt. Wir haben die Möglichkeit, uns technisch neu zu erfinden. Wir leben in einem unglaublich spannenden Zeitalter. In der Menschheitsgeschichte haben etwa 110 Milliarden Menschen gelebt. Rund 100 Milliarden davon hatten kein angenehmes Leben. Und wir haben noch jetzt mindestens zwei Milliarden Menschen, denen es trotz aller Möglichkeiten wirklich schlecht geht. Also von welchem hohen Ross ruft der Mensch herunter: „Es ist alles so gut, wir wollen keine Veränderung“?
KI bringt also mehr soziale Gerechtigkeit?
Das ist möglich. Gerade im Bereich der Bildung öffnen sich durch KI die Türen für alle. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben Benachteiligte über kostenlose Apps Zugang zu endlosen Informationskanälen. ChatGPT kann Texte übersetzen, Briefe formulieren und Termine machen. Das wird die große Aufgabe der Generation Z, die Armen durch KI in die Mittelschicht zu bringen. KI ist das größte Werk menschlicher Schöpferkraft. Aber sie bleibt natürlich abhängig von der individuellen und kollektiven Moral. Der Mensch entscheidet, ob eine Drohne Nahrung liefert oder den Tod.

Rubriklistenbild: © Imago

Kommentare