Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Fünf nach zwölf“

Fachkräftemangel kostet Milliarden: Deutschland hat „Jahre verpennt“ – was es jetzt braucht

Der Fachkräftemangel trifft die deutsche Wirtschaft – und kostet Milliarden. Beim Kampf gegen den Engpass haben Unternehmen gepennt, kritisiert Recruiting-Experte Waraich: „Es ist schon fünf nach zwölf“.

München – „Deutschland hat in den letzten Jahren verpennt, sich in einigen Hinsichten weiterzuentwickeln und über den Tellerrand hinauszuschauen“, sagte Sultan Waraich, Geschäftsführer von Curato. Sein Unternehmen unterstützt Firmen, über die Jobplattform von Indeed geeignete Bewerberinnen und Bewerber anzusprechen. Doch die Suche fällt vielen Unternehmen schwer. Denn in Deutschland herrscht der Fachkräftemangel, doch Unternehmen hätten zu lange nur auf den deutschen Arbeitsmarkt geschaut, so die Kritik.

Deutschland hat im Kampf gegen Fachkräftemangel „verpennt“ – Milliardenkosten die Folge

Dabei werden fehlende Fachkräfte und Beschäftigte zunehmend zum Problem für die deutsche Wirtschaft. 570.000 Stellen konnten bereits 2023 nicht besetzt werden, im Juli 2025 wies die Bundesagentur für Arbeit 628.000 bei ihr gemeldete offene Stellen aus. Konkret bedeutet das letztendlich, dass die Unternehmen weniger produzieren oder leisten können. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sind dadurch 2024 Produktionskapazitäten im Wert von 49 Milliarden Euro verloren gegangen, 2027 werden es demnach 74 Milliarden Euro sein.

Gerade im Bereich der Pflege blicken Krankenhäuser und andere Einrichtungen bei der Suche nach Fachkräften ins Ausland. (Symbolfoto)

Denn das Defizit an Arbeitskräften nimmt in den kommenden Jahren zu. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen derzeit schrittweise in Rente, darunter sind zahlreiche Fachkräfte. Umgekehrt kommen nicht genügend Arbeitskräfte aus den jüngeren Generationen nach. Bis 2035 könnte die Arbeitskräftelücke laut Bundesagentur für Arbeit (BA) schon rund sieben Millionen betragen.

Fachkräftemangel nicht allein in Deutschland lösbar: „Wir müssen international schauen“

„Wir schaffen es gar nicht mit dem, was wir in Deutschland haben, also auch mit den Leuten, die arbeitslos sind, den Bedarf zu decken, um auch ein wirtschaftliches Wachstum hinlegen zu können“, sagte Waraich IPPEN.MEDIA mit Blick auf eine mögliche Lösung des Problems. Bisher seien die Unternehmen jedoch nur darauf aus, Bewerber in Deutschland zu erreichen. „Dieser Weg allein wird nicht mehr reichen“, so Waraich. „Wir müssen international schauen.“

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Dort gebe es die Fachkräfte, die in Deutschland fehlen, so Waraich. Seine Recruiting-Agentur betreut Firmen aus Industrie, Handwerk, IT, als Beispiel wählt er die Pflege. Laut Pflegevorausberechnung des Statistischen Bundesamts fehlen bis 2049 fast bis zu 700.000 Pflegekräfte. In der Türkei gebe es „Pflegefachkräfte im Überschuss“, sagte der Curato-Geschäftsführer. „Warum holen wir diese Pflegefachkräfte, die wirklich motiviert sind und die arbeiten wollen, nicht nach Deutschland?“

Auch die Bundesagentur für Arbeit sieht Migration als einen zentralen Hebel, um der Fachkräftelücke entgegenzutreten. Falls wie 2024 rund 1,3 Millionen Menschen Deutschland den Rücken kehrten, brauche es 1,7 Millionen Zuwanderer, erklärte BA-Vorständin Vanessa Ahuja der Welt.

Deutsche Wirtschaft hinkt beim Werben um ausländische Fachkräfte hinterher – kritisiert Recruiter Waraich

Beim Anwerben der ausländischen Arbeitskräfte seien deutsche Unternehmen im Rückstand, findet Waraich. Er merke, dass immer mehr das Interesse entstehe. „Aber jetzt ist es eigentlich schon kurz vor zwölf oder eigentlich schon nach zwölf“, findet er. „Im Endeffekt hätte man schon viel früher auf die Themen eingehen sollen.“ In Deutschland „hängen wir jetzt gerade schon sehr weit hinterher.“ Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Ende des vergangenen Jahres gibt ihm recht. Demnach suche nicht einmal jedes fünfte Unternehmen, konkret 18 Prozent, im Ausland nach neuen Mitarbeitern. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) spricht sogar von nur sechs Prozent.

Die Unternehmen müssten sich die Frage stellen, „welche Leute in Zukunft das Unternehmen verlassen“, so Waraich. „Da geht es nicht nur darum, welche Mitarbeiter im nächsten Jahr gehen, sondern in den nächsten fünf bis zehn Jahren.“ Wenn die Entscheidung falle, dass der Bedarf nicht allein in Deutschland gedeckt werden könne, „geht es darum, in Mitarbeiter zu investieren und einen Mitarbeiter einzustellen, der sich genau um dieses Thema kümmert“.

Deutsche Firmen müssen Fachkräfte aus dem Ausland unterstützen – auch abseits der Arbeit

Beim Werben um ausländische Fachkräfte gehöre auch ein „Employer Branding dazu“, also „sich als Arbeitgeber, genau wie wir es in Deutschland machen, sich ins Schaufenster zu stellen und als attraktiven Arbeitgeber für Mitarbeiter zu zeigen“, erklärte Waraich. „Genauso müssen sie es auch für Auslandsfachkräfte angehen.“

Neben dem üblichen Prozess müssten Unternehmen jedoch mehr tun. Die Unternehmen sollten die Kandidaten beim Antrag für ein Visum unterstützen. „Es gibt Unternehmen, die arbeiten mit Mentoren, der dabei helfen kann, die Formulare auszufüllen und eine Wohnung zu suchen“, sagte Waraich. „Sprachkurse gehören dazu, dass der Kandidat auch das Gefühl hat, er wird wirklich integriert und nimmt die Werte in Deutschland mit.“ Viele Unternehmen konzentrierten sich bisher zu sehr auf die Arbeit. „Aber auch das Umfeld spielt eine extrem große Rolle. Sprich die Integration in das Land darf definitiv nicht fehlen“, so der Recruiting-Experte.

Unternehmen zögern bei der Mitarbeiter-Suche im Ausland – zum Teil wegen bürokratischen Hürden

Mehr als die Hälfte (52 Prozent) der Unternehmen nennt in einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bürokratische Hürden als Grund, wieso sie nicht im Ausland nach Fachkräften suchen. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat die Bundesregierung jedoch den Prozess vereinfacht.

Das IAB erklärt, dass viele Unternehmen davon jedoch nichts wüssten. Waraich beobachtete jedoch bereits Verbesserungen, „gerade in den Branchen wie IT oder in der Pflege“. Dazu mahnte er im Gespräch: „Darauf zu warten, dass sich politisch noch viel mehr ändert, das können wir nicht beeinflussen“.

Rubriklistenbild: © Waltraud Grubitzsch/dpa

Kommentare