Sieben Millionen fehlende Arbeitskräfte
Arbeitsamt-Appell – Zuwanderung notwendig gegen „drastische Folgen“
Die Babyboomer-Generation verlässt zunehmend den Arbeitsmarkt. Der Nachschub an Arbeitskräften ist unzureichend. Eine Expertin setzt auf Zuwanderung.
Berlin – Das erste EU-Land führt den 13-Stunden-Tag ein. In der Energiebranche steigt der Fachkräftebedarf um 500 Prozent. Laut DIHK schaffte es etwa die Hälfte aller deutschen Unternehmen im Jahr 2024 nicht, die Ausbildungsplätze voll zu besetzen. Das dahinterliegende Problem Fachkräftemangel beschäftigt seit längerer Zeit die gesamte Wirtschaft. Lösungen werden zwar diskutiert, aber nicht angegangen – und das, obwohl Deutschland innerhalb der nächsten Jahre massenhaft Arbeitskräfte verliert.
„Drastische Folgen“ für Deutschlands Wirtschaft – Expertin verlangt ein Plus an Zuwanderung
Laut Vanessa Ahuja, Vorständin bei der Bundesagentur für Arbeit, handelt es sich schon bis 2035 um rund sieben Millionen Menschen. „Um diese Lücke zu schließen, werden wir alle Hebel nutzen müssen“, erklärt sie gegenüber der Welt. Andernfalls drohen „drastische Folgen“, und zwar sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft. Ahuja warnt, dass Unternehmen Investitionen streichen oder abwandern könnten. Gastronomie, Pflege und Handwerk könnten ihre Leistungen dann nicht mehr im vollen Umfang anbieten – und den Sozialkassen gehen die Beitragszahler aus.
Migration sei dabei ein zentraler Punkt, aber noch längst nicht genug. Die BA-Vorständin sieht weitere Chancen bei den älteren Erwerbstätigen, bei Frauen in Teilzeit und bei Langzeitarbeitslosen. „Nur mit einer Kombination aus qualifizierter Zuwanderung, Aktivierung vorhandener Arbeitskräfte und Produktivitätsfortschritten können wir das Problem lösen.“
Es geht um größere Menschenmassen. Ahuja prognostiziert, dass allein 2025 rund 1,7 Millionen Zuwanderer notwendig seien, falls – so passiert 2024 – wieder 1,3 Millionen Menschen Deutschland den Rücken kehren. „Wenn wir zum Beispiel den Anteil ausländischer Studentinnen und Studenten erhöhen könnten, die nach dem Abschluss bleiben, dann ist auch das Ziel realistischer.“
Tausende verlassen Deutschland – Zuwanderung muss bestimmte Marke treffen
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin) hat in diesem Rahmen mehrere Szenarien durchgespielt, um herauszufinden, wie sich welche Art der Nettomigration auf den deutschen Arbeitsmarkt auswirken würde. Ein Ergebnis: Eine Nettoeinwanderung von null würde bis 2029 dazu führen, dass die Anzahl der Erwerbspersonen von 63,5 Millionen auf weniger als 62 Millionen sinkt.
Um die Potenzialrate bis 2029 zum langfristigen Mittelwert von 1,1 Prozent zu bringen (der Durchschnitt der Jahre 2004 bis 2023), wäre eine Zuwanderung von 1,5 Millionen Erwerbspersonen notwendig. So sollen es die Berechnungen gezeigt haben. Dabei gibt es jedoch diverse Probleme. Neben dem Handlungsbedarf bei der Rekrutierung sollen Erwerbsmigranten weitere Hürden aufgezeigt haben. In Befragungen hätten sie unter anderem Diskriminierung und mangelnde Unterstützung bei der Jobsuche seitens des Partners oder der Partnerin genannt.
Zwischen 2015 und 2023 verließen daher rund 838.000 Personen aus der Europäischen Union und dem Rest der Welt ohne Asylherkunftsländer Deutschland.
Impulse aus der Politik – Merz-Regierung will qualifizierte Zuwanderung ermöglichen
Welche Schritte unternimmt die Merz-Regierung diesbezüglich? Im Koalitionsvertrag steht dazu festgeschrieben: „Wir wollen Integration ermöglichen. Wir wollen ein einwanderungsfreundliches Land bleiben und eine qualifizierte Einwanderung in unseren Arbeitsmarkt attraktiv machen. Die Anreize, in die Sozialsysteme einzuwandern, müssen deutlich reduziert werden.“
Innerhalb der ersten 100 Regierungstage der Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) standen allerdings eher andere Themenfelder im Fokus, darunter die Stromsteuer, Steuererleichterungen oder die US-Zollpolitik. Die bisherige Bilanz aus der Wirtschaft: durchwachsen.
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