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Jubiläum

Was bedeuten zehn Jahre Gianni Infantino als FIFA-Präsident für den Weltfußball?

Gianni Infantino ist seit zehn Jahren Präsident der FIFA. Größen des Sports gratulieren, doch wie hat sich der Weltfußball seitdem entwickelt?

Gianni Infantino wurde am 26. Februar 2016 zum Präsidenten des Fußball-Weltverbands FIFA gewählt. Der gebürtige Schweizer, der auch die italienische und libanesische Staatsbürgerschaft besitzt, feiert nun sein zehnjähriges Jubiläum. Eine Bilanz seiner Amtszeit kann nicht gezogen werden, ohne auf die Ereignisse in den Monaten vor seiner Wahl zurückzublicken.

Gianni Infantino führt seit zehn Jahren die FIFA als Präsident an.

Denn am 27. Mai 2015, einen Tag vor dem Kongress des Weltverbands unter der Regentschaft von Sepp Blatter, ereignete sich ein unvergessenes Schauspiel. Im Zürcher Hotel „Baur au Lac“ wurden mehrere FIFA-Funktionäre festgenommen. Das FBI ermittelte wegen Korruption, Geldwäsche und Betrug. Selbst die Zentrale der FIFA wurde durchsucht. Es folgten Anklagen wegen angeblicher Schmiergeldzahlungen und ähnlicher Vergehen.

Die Existenz der FIFA galt als bedroht

Die Existenz der FIFA galt als bedroht. Der europäische Fußballverband UEFA entsandte deshalb Gianni Infantino, zuvor UEFA-Generalsekretär, als Interimspräsident Richtung FIFA. 2016 gewann Infantino dann die reguläre Wahl. Das oberste Ziel von Infantino war es, die FIFA zu retten und in der Folge zu reformieren. Zunächst arbeitete er transparent mit den Behörden zusammen.

Parallel änderte er Kontroll- und Abstimmungssysteme der FIFA. So entscheiden über eine WM-Vergabe nicht mehr nur 24 auserwählte FIFA-Mitglieder, sondern die Chefs aller 211 Mitgliedsverbände. In der Ära Infantino gab es dahingehend keinen großen Skandal mehr, auch wenn beispielsweise die WM-Vergabe an Saudi-Arabien (es gab keinen anderen Bewerber aus Asien) im Westen auf Kritik stieß. Abgesegnet wurde sie am Ende von 211 Mitgliedsverbänden.

Zum Rettungsprogramm zählte darüber hinaus, wieder finanzielle Stabilität zu erlangen. Zunächst ging die FIFA aus den Turbulenzen um das Jahr 2015 als juristisch „geschädigte Partei“ hervor und erhielt von US-Gerichten mehr als 200 Millionen US-Dollar an Entschädigungen zugesprochen.

Im Anschluss baute Infantino ein neues Netz an Sponsoren für die FIFA auf und ging mit der Zeit. Seine Zielsetzung war offensichtlich: Der Fußball gehört nicht nur den Europäern, sondern allen Fans auf der Welt. Indem er die Attraktivität und Reichweite des Fußballs steigerte, konnte er auch große Sponsoren außerhalb Europas für den Weltfußball gewinnen. Und ja, dazu gehörte es auch, das Teilnehmerfeld für große Turniere wie Weltmeisterschaften zu erweitern.

„Dass 48 Länder an der Weltmeisterschaft in Nordamerika teilnehmen, ist spannend, denn das bedeutet mehr Inklusion, mehr Länder, mehr Fans, ein breiteres Publikum für diese unglaublichen Spiele und diese Athleten, die zeigen können, was sie ihr ganzes Leben lang wirklich versucht haben zu erreichen, nämlich den Gipfel ihres Sports zu erklimmen“, sagt beispielsweise Tom Brady, einer der erfolgreichsten American-Football-Stars aller Zeiten.

Der siebenmalige Super-Bowl-Champion lobt die Qualitäten von Infantino: „Ich denke, Gianni ist ein Mann des Volkes. Er ist immer dabei, wenn es darum geht, die großartigen Seiten des Sports zu feiern. Er hat einen großen Beitrag zur Welt des Fußballs geleistet. Und wenn man die Gelegenheit hat, ihn kennenzulernen und zu verstehen, was für ein Mensch er ist – welche Werte er vertritt –, dann zeigt sich das meiner Meinung nach auch in den übergeordneten Zielen des Fußballs.“

So ist es Infantino wichtig, den Fußball weltweit zu fördern. Höhere Einnahmen versickern unter seiner Führung nicht mehr im FIFA-Kosmos, sondern sie werden zum Großteil an die nationalen und kontinentalen Verbände und ihre jeweiligen Klubs weitergereicht. Die FIFA stellt zweckgebundene Fonds bereit, um den Fußball in Spitze und Breite rund um den Globus zu entwickeln.

Das „FIFA Forward Programm“ läuft beispielsweise in seinem dritten Zyklus. Für den Zeitraum 2023 bis 2026 stehen, ein neuer Rekord, rund 1,7 Milliarden US-Dollar (rund 1,4 Milliarden Euro) zur Verfügung. Insgesamt haben sich die Zahlungen an die Mitgliedsverbände unter Gianni Infantino versiebenfacht. 

Matthäus: „Infantino liebt den Fußball wie kein Zweiter“

„Ich reise viel und merke natürlich, welche Entwicklung es in zahlreichen Ländern auf der Welt gibt. Diese Gelder fließen nicht irgendwohin, sondern sie fließen in den Fußball“, sagt Lothar Matthäus. Der gebürtige Franke besitzt zu Infantino ein herzliches Verhältnis, schließlich stand der heute 56-Jährige in der Fankurve von Inter Mailand, als Matthäus von 1988 bis 1992 für die Nerazzurri gespielt hatte. „Gianni ist ein Fußballverrückter und man merkt: Er liebt den Fußball wie kein Zweiter“, schwärmt der Weltmeister von 1990.

Für Matthäus ist die infrastrukturelle Entwicklung des Fußballs beeindruckend: „Im Vergleich zu vor 20, 30 Jahren haben jetzt Kinder auf der ganzen Welt deutlich mehr Möglichkeiten, Fußball zu spielen. Sei es in der Großstadt oder auf dem Dorf: Außerhalb des organisierten Fußballs können Kinder auf immer mehr Plätzen Fußball spielen.“

Die neuen Weichenstellungen der FIFA haben sich aber auch für die deutschen Profiklubs gelohnt. Man denke an die jeweils rund 50 Millionen Euro für den FC Bayern und Borussia Dortmund für deren Teilnahme an der Klub-Weltmeisterschaft 2025. „Was die FIFA den Klubs zugestanden hat, ist für mich fast eine Sensation“, betont etwa Karl-Heinz Rummenigge und führt aus:

„Es gab vorher den Confed-Cup, der jeweils ein Jahr vor der Weltmeisterschaft im Land des Gastgebers ausgerichtet wurde. Dieser ist zugunsten dieses Klub-Wettbewerbes aufgegeben worden. Und ich muss ehrlich sagen: Wie Gianni Infantino und dem FIFA-Beirat das gelungen ist, ist ein unglaublich positives Zeichen für die Klubs auf der ganzen Welt.“

Rummenigge erklärt: „Es ist jetzt eine andere Qualität drin und ich bin überzeugt: Die Klub-WM wird auch peu à peu vom Publikum, von der Öffentlichkeit, akzeptiert werden.“ Dabei will Rummenigge, der Infantino schon bei der Gründung der ECA (Vereinigung europäischer Fußball-Klubs) vor rund 20 Jahren kennengelernt hat, auch persönlich eine Lanze für den FIFA-Boss brechen:

„Gianni hat ein Fussball-Herz! Das ist nicht bei jedem Fußball-Funktionär vorhanden, wie ich aus eigener Erfahrung festgestellt habe.“ Was in der Bilanz über die Arbeit von Infantino oftmals zu kurz kommt: Auch der Frauenfußball erfuhr unter seiner Führung einen Boom ungekannten Ausmaßes. Dabei ist es kein Zufall, dass die nächste WM 2027 in Brasilien, einem der größten und fußballverrücktesten Länder der Welt, ausgetragen wird.

FIFA-Chef Gianni Infantino (r.) ist im engen Austausch mit Trainer-Legende Arsène Wenger (l.). (Archivbild)

Ohnehin erwies sich die FIFA als Kämpferin für den Frauenfußball. Europäische Sender, darunter auch ARD und ZDF, wollten relativ geringe Beträge für die Frauen-WM 2023 zahlen (fünf Millionen Euro). Die FIFA setzte daraufhin ein Stoppschild und drohte mit einem Blackout. Die Sender gaben nach und machten ein neues, höheres Angebot von angeblich bis zu zehn Millionen Euro. Es galt, der Entwicklung des Frauenfußballs finanziell gerecht zu werden.

Über ein Anliegen von Gianni Infantino wird in Fußball-Deutschland kaum gesprochen. Der 55-Jährige ist bereit, die Gehälter der Spieler und Berater zu begrenzen. In Deutschland gibt es nur wenige Funktionäre wie Karl-Heinz Rummenigge, die diesen Weg mitgehen wollen und erste Gespräche mit Infantino dazu geführt haben.

Dabei ist genau dies der entscheidende Punkt für die Zukunft des Weltfußballs. Es wird von allen Seiten die voranschreitende Kommerzialisierung des Fußballs beklagt, selten wird aber über das Grundproblem diskutiert: Weil Spieler und Berater immer mehr Geld fordern, suchen Vereine und Verbände neue Einnahmequellen. Bei den Mitgliedsländern der FIFA verfügt Infantino über großen Rückhalt, was naheliegend ist, wenn man bedenkt, dass er den skandalträchtigen Verband beruhigt und befriedet hat.

Infantino, in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen als Sohn von italienischen Einwanderern, die einen Kiosk im Wallis betrieben, und später als Jurist tätig, mag polarisieren. Wenn man sich aber die Mühe macht, die ethnozentristische Brille abzulegen, kann man durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass die FIFA unter seiner Führung deutlich besser dasteht als bei seinem Amtsantritt vor zehn Jahren und sich zu einer völkerverbindenderen Organisation entwickelt hat.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Mustafa Yalcin

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