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Sorge wegen Kriminalstatistik

Polizei in Sorge: Neue Drogen-Route quer durch Deutschland sorgt für „erste Schießereien“

Faesers Kriminalstatistik zeigt einen Anstieg bei Drogendelikten. Sicherheitsbehörden sind wegen der Folgeeffekte alarmiert.

Berlin – Auf Deutschland rollt eine Drogenschwemme zu. Das sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, im Gespräch mit dieser Redaktion. „Wir beobachten, dass vor allem über die Häfen in Rotterdam, Hamburg und Bremerhaven ein direkter Transport von chemischen Drogen und anderen Substanzen vor allem aus Südamerika zunimmt“, so Kopelke.

Das spiegelt sich in der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wider, die Bundesinnenministerin Nancy Faeser am Mittwoch zusammen mit Holger Münch, Chef des Bundeskriminalamts (BKA) und Bremens Innensenator Ulrich Mäurer vorstellte.

Faeser stellt Kriminalstatistik vor: Anstieg bei Drogen

Demnach gab es einen Anstieg von Straftaten im Zusammenhang mit sogenannten Neuen Psychoaktiven Substanzen von 41,6 Prozent (ein Plus von 1250 Fällen) gegenüber dem Vorjahr. Auch Straftaten im Zusammenhang mit Kokain und Crack stiegen um etwa fünf Prozent an. Kopelke spricht von „neuen Drogenrouten“ quer durch Deutschland und Europa. „Von den Häfen aus werden die Drogen meist mit Autos bis nach Südeuropa gebracht. In den Städten werden unterwegs Chargen verkauft.“

Keine Spur von Bullerbü: Wo Kinder in Schweden morden

Södertälje in Schweden
Die Straßenzüge wirken recht aufgeräumt. Auf den allerersten Blick würde man nicht darauf kommen, dass sich Drogen-Gangs in Södertälje südlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm regelmäßig Schießereien liefern.  © Peter Sieben
Hovsjö in Södertälje in Schweden
Der Bezirk Hovsjö ist geprägt von Arbeitersiedlungen aus den 1970er Jahren. Unternehmen wie AstraZeneca und Scania stampften die Häuser einst aus dem Boden, um die vielen neuen Arbeiter unterzubringen.  © Peter Sieben
Häuser in Södertälje in Schweden
Heute ist Hovsjö eines von vier sogenannten gefährdeten Gebiete in der 75.000-Einwohner-Stadt.  © Peter Sieben
Södertälje
Viele der einstigen Arbeiter sind längst weggezogen. Heute ist der Ausländeranteil hoch in dem Viertel, die meisten Bewohner stammen aus Syrien und Armenien. Inzwischen haben sich vor allem Menschen angesiedelt, die sich die teuren Wohnungen etwa im 30 Kilometer entfernten Stockholm nicht leisten konnten. Experten sehen Versäumnisse der Politik, die über Jahre eine regelrechte Ghettoisierung zugelassen habe.  © Peter Sieben
Straße in Södertälje in Schweden
Seit einigen Jahren kommt es in den Straßen und Hinterhöfen immer wieder zu extremen Gewalttaten: Verfeindete Drogengangs bekämpfen sich mit Schusswaffen und immer öfter auch mit Sprengstoff. Ein Phänomen, das es auch in anderen Teilen von Schweden, etwa rund um Stockholm oder in Göteborg, gibt.  © Peter Sieben
Schweden, Södertälje südlich von Stockholm
Das Zentrum des Viertels wird immer wieder zum Tatort. © Peter Sieben
Tatort Södertälje
Auf diesem Platz gleich hinter dem „Hovsjö Grill“-Imbiss schoss im Juli 2024 ein 16-Jähriger einem 15-Jährigen ins Gesicht, in den Bauch und in die Beine – der Junge überlebte nur knapp. Die Gangs heuern neuerdings immer mehr Kinder und Jugendliche an und drängen sie zu schweren Straftaten.  © Peter Sieben
Einsatzkräfte der Polizei Patrick Torneus und Jessica Edmann.
Die schwedischen Sicherheitsbehörden setzen auf Repression und Prävention: Einsatzkräfte der Polizei patrouillieren regelmäßig in den gefährdeten Gebieten, zeigen Tag und Nacht Präsenz. Zwei von ihnen sind Patrick Torneus und Jessica Edmann.  © Peter Sieben
Polizei in Schweden
Patrick Torneus und Jessica Edman suchen immer wieder auch den Kontakt zu den Jugendlichen und Kindern im Viertel, sind Bezugspersonen für sie.  © Peter Sieben
Polizei Schweden
Viele Bewohner des Viertels kennen und vertrauen den Polizisten.  © Peter Sieben
Bandenkriminalität in schweden
Täglich sind Polizistinnen und Polizisten in dem Gebiet auf Streife. Schwedische Zeitungen nannten die gefährdeten Zonen einst „No-go-Areas“. Bei der Polizei hört man das nicht gern. Dort spricht man von „priorisierten Gebieten“: Bei der Bevölkerung verfange das Signal, stigmatisiert fühle sich niemand, dafür besonders geschützt.  © Peter Sieben
Sicherheitskameras, Bandenkriminalität in Schweden
An vielen Gebäuden sind Kameras angebracht, die hochauflösende Bilder der Gegend liefern. Die Polizisten können mit ihren Smartphones direkt darauf zugreifen.  © Peter Sieben
Polizisten, Bandenkriminalität Schweden
Denn die verwinkelten Hinterhöfe der Plansiedlung sind nicht gut einsehbar, die Wege nicht mit dem Auto befahrbar: Die Polizisten sind zu Fuß unterwegs.  © Peter Sieben
Polizei schweden
Ausgestattet sind die Polizeikräfte mit Schusswaffen, aber auch Tasern. Die nicht tödlichen Waffen kommen immer wieder zum Einsatz.  © Peter Sieben
Schweden: Die Polizisten Jessica Edman und Patrick Torneus in Södertälje
„Im Idealfall verhindern wir aber Verbrechen, bevor sie passieren“, sagt Jessica Edman. Wenn sie bemerken, dass Jugendliche und Kinder sich in der Nähe der Gangs herumtreiben, bringen sie sie im Streifenwagen direkt nach Hause, wo sie das Gespräch mit den Eltern suchen.  © Peter Sieben
Schweden, Bandenkriminalität, Polizei
Als Vorbild für die Präventionsarbeit der Sicherheitsbehörden gilt das deutsche Projekt „Kurve kriegen“ aus NRW.  © Peter Sieben
Herbert Reul in Schweden
Im März 2025 machte sich NRW-Innenminister Herbert Reul ein Bild von der Situation in Schweden.  © Peter Sieben
Patrick Torneus in Södertälje
Gespräch direkt am Zaun: „Na, habt ihr schon Schule aus?“, fragt Patrick Torneus eine Gruppe Kinder.  © Peter Sieben

Die Route führe von Norden her über Passau und Österreich bis nach Italien, die Ware stammt zum größten Teil aus lateinamerikanischen Ländern. Bereits vor einem Jahr war Innenministerin Faeser unter anderem nach Brasilien, Kolumbien und Ecuador gereist, um für eine engere Zusammenarbeit zwischen deutschen und örtlichen Sicherheitsbehörden zu werben. „Ich sehe den massiven Import von Kokain aus Südamerika mit großer Sorge. Diese Drogen zerstören Menschen und liefern der Organisierten Kriminalität riesige Einnahmen“, sagte Faeser damals.

Sprengstoffanschläge und Schießereien: Revierkämpfe zwischen Drogenbanden

Bislang scheint das Vorhaben noch keinen wesentlichen Erfolg gebracht zu haben. Die Polizei macht bereits erste negative Folgeerscheinungen des zunehmenden Drogenhandels aus. „Wir sehen erste Kämpfe um Reviere und Schießereien, etwa in Nordrhein-Westfalen“, so Kopelke. Im vergangenen Jahr hatte es etwa um Köln herum Sprengstoffanschläge, Entführungen und Schießereien gegeben, Hintergrund waren Streitigkeiten zwischen Drogenbanden.

„Wir sehen auch, dass sich Kriminalitätsstrukturen vor allem rund um die Häfen verdichten“, sagt Jochen Kopelke. Mit dem Drogenhandel komme es vermehrt auch zu Schmuggel, Menschenhandel und illegaler Prostitution. Auch die Cannabis-Legalisierung habe einen indirekten Einfluss auf die Entwicklung. „Der Modus Operandi der Dealer ist ein anderer. Sie verkaufen vermehrt über sogenannte Drogentaxis und haben jetzt nicht mehr nur Cannabis dabei, sondern alle möglichen gefährlichen Substanzen.“

Kriminelle Netzwerke aus dem Ausland: „Müssen mit Gewaltausbrüchen rechnen“

In anderen Ländern sind die Auswirkungen des neuen Drogenmarkts auf dramatische Weise sichtbar. In den Niederlanden kommt es seit Jahren immer wieder zu brutalen Gewalttaten. Und in Schweden passieren unter anderem in manchen Vororten der Hauptstadt Stockholm regelmäßig Morde auf offener Straße. Die Täter dort werden immer jünger. Manche sind noch Kinder, die von den Drogengangs angeheuert und für Straftaten ausgenutzt werden.

Daniel Brombacher, Direktor der Beobachtungsstelle für organisiertes Verbrechen in Europa bei der Global Initiative against Transnational Organized Crime (Gitoc), sagte vor wenigen Monaten im Gespräch mit dieser Redaktion: „Es gibt auf dem europäischen und dem deutschen Drogenmarkt einen Umbruch. Wir müssen damit rechnen, dass es auch in Zukunft immer wieder zu Gewaltausbrüchen durch Drogenbanden kommen wird.“ Vor allem Deutschland sei schon allein durch seine Lage attraktiv für ausländische kriminelle Netzwerke: „Wir sind das europäische Land mit den meisten Nachbarländern, haben eine gute Infrastruktur, sind weltweit gut angebunden. Die Vernetzung mit dem Ausland ist von hier aus recht einfach.“

Rubriklistenbild: © Sina Schuldt, Peter Kneffel/dpa (Montage)

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