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„Werden Waffenschwemme erleben“

Hightech und Balkanwaffen: Banden in Schweden rüsten auf – Sorge in Deutschland

Schwedische Drogenbanden setzen auf moderne Technik, Tracking-Systeme, 3D-Pistolen und Waffen aus Krisengebieten. Deutsche Behörden sind alarmiert.

Stockholm – Das Smartphone hat alles schlimmer gemacht, da ist sich Sven Granath sicher. Der Kriminologe von der Universität Stockholm befasst sich schon lange mit dem Phänomen Bandenkriminalität in Schweden und weiß: Um 2015 herum gab es einen dramatischen Anstieg von Gewaltstraftaten in der Szene. Daten-Flatrates kamen damals auf, die Geräte wurden leistungsstärker und günstiger. „Das hat es Kriminellen viel einfacher gemacht, sich zu organisieren, Waffen zu beschaffen und per Knopfdruck Geld für illegale Käufe digital zu transferieren“, so Granath.

Keine Spur von Bullerbü: Wo Kinder in Schweden morden

Södertälje in Schweden
Die Straßenzüge wirken recht aufgeräumt. Auf den allerersten Blick würde man nicht darauf kommen, dass sich Drogen-Gangs in Södertälje südlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm regelmäßig Schießereien liefern.  © Peter Sieben
Hovsjö in Södertälje in Schweden
Der Bezirk Hovsjö ist geprägt von Arbeitersiedlungen aus den 1970er Jahren. Unternehmen wie AstraZeneca und Scania stampften die Häuser einst aus dem Boden, um die vielen neuen Arbeiter unterzubringen.  © Peter Sieben
Häuser in Södertälje in Schweden
Heute ist Hovsjö eines von vier sogenannten gefährdeten Gebiete in der 75.000-Einwohner-Stadt.  © Peter Sieben
Södertälje
Viele der einstigen Arbeiter sind längst weggezogen. Heute ist der Ausländeranteil hoch in dem Viertel, die meisten Bewohner stammen aus Syrien und Armenien. Inzwischen haben sich vor allem Menschen angesiedelt, die sich die teuren Wohnungen etwa im 30 Kilometer entfernten Stockholm nicht leisten konnten. Experten sehen Versäumnisse der Politik, die über Jahre eine regelrechte Ghettoisierung zugelassen habe.  © Peter Sieben
Straße in Södertälje in Schweden
Seit einigen Jahren kommt es in den Straßen und Hinterhöfen immer wieder zu extremen Gewalttaten: Verfeindete Drogengangs bekämpfen sich mit Schusswaffen und immer öfter auch mit Sprengstoff. Ein Phänomen, das es auch in anderen Teilen von Schweden, etwa rund um Stockholm oder in Göteborg, gibt.  © Peter Sieben
Schweden, Södertälje südlich von Stockholm
Das Zentrum des Viertels wird immer wieder zum Tatort. © Peter Sieben
Tatort Södertälje
Auf diesem Platz gleich hinter dem „Hovsjö Grill“-Imbiss schoss im Juli 2024 ein 16-Jähriger einem 15-Jährigen ins Gesicht, in den Bauch und in die Beine – der Junge überlebte nur knapp. Die Gangs heuern neuerdings immer mehr Kinder und Jugendliche an und drängen sie zu schweren Straftaten.  © Peter Sieben
Einsatzkräfte der Polizei Patrick Torneus und Jessica Edmann.
Die schwedischen Sicherheitsbehörden setzen auf Repression und Prävention: Einsatzkräfte der Polizei patrouillieren regelmäßig in den gefährdeten Gebieten, zeigen Tag und Nacht Präsenz. Zwei von ihnen sind Patrick Torneus und Jessica Edmann.  © Peter Sieben
Polizei in Schweden
Patrick Torneus und Jessica Edman suchen immer wieder auch den Kontakt zu den Jugendlichen und Kindern im Viertel, sind Bezugspersonen für sie.  © Peter Sieben
Polizei Schweden
Viele Bewohner des Viertels kennen und vertrauen den Polizisten.  © Peter Sieben
Bandenkriminalität in schweden
Täglich sind Polizistinnen und Polizisten in dem Gebiet auf Streife. Schwedische Zeitungen nannten die gefährdeten Zonen einst „No-go-Areas“. Bei der Polizei hört man das nicht gern. Dort spricht man von „priorisierten Gebieten“: Bei der Bevölkerung verfange das Signal, stigmatisiert fühle sich niemand, dafür besonders geschützt.  © Peter Sieben
Sicherheitskameras, Bandenkriminalität in Schweden
An vielen Gebäuden sind Kameras angebracht, die hochauflösende Bilder der Gegend liefern. Die Polizisten können mit ihren Smartphones direkt darauf zugreifen.  © Peter Sieben
Polizisten, Bandenkriminalität Schweden
Denn die verwinkelten Hinterhöfe der Plansiedlung sind nicht gut einsehbar, die Wege nicht mit dem Auto befahrbar: Die Polizisten sind zu Fuß unterwegs.  © Peter Sieben
Polizei schweden
Ausgestattet sind die Polizeikräfte mit Schusswaffen, aber auch Tasern. Die nicht tödlichen Waffen kommen immer wieder zum Einsatz.  © Peter Sieben
Schweden: Die Polizisten Jessica Edman und Patrick Torneus in Södertälje
„Im Idealfall verhindern wir aber Verbrechen, bevor sie passieren“, sagt Jessica Edman. Wenn sie bemerken, dass Jugendliche und Kinder sich in der Nähe der Gangs herumtreiben, bringen sie sie im Streifenwagen direkt nach Hause, wo sie das Gespräch mit den Eltern suchen.  © Peter Sieben
Schweden, Bandenkriminalität, Polizei
Als Vorbild für die Präventionsarbeit der Sicherheitsbehörden gilt das deutsche Projekt „Kurve kriegen“ aus NRW.  © Peter Sieben
Herbert Reul in Schweden
Im März 2025 machte sich NRW-Innenminister Herbert Reul ein Bild von der Situation in Schweden.  © Peter Sieben
Patrick Torneus in Södertälje
Gespräch direkt am Zaun: „Na, habt ihr schon Schule aus?“, fragt Patrick Torneus eine Gruppe Kinder.  © Peter Sieben

In Schweden machen brutale Drogengangs Vorstädte und Randbezirke von Großstädten wie Stockholm seit Jahren unsicher. Schießereien auf offener Straße gehören dort zur Tagesordnung, jedes Jahr werden Dutzende Menschen getötet. Die kriminellen Banden breiten sich jetzt immer weiter aus – auch mithilfe digitaler Technologie. Das bereitet auch deutschen Behörden Sorgen.

Drogengangs in Schweden: GPS-Tracker, um vermeintliche Feinde aufzuspüren

Auch bei der Rekrutierung setzen die Banden auf moderne Logistik, sagt Sven Granath: In sozialen Medien wie TikTok oder in Computerspiele-Chats bei Twitch schreiben sie gleichzeitig Hunderte Jugendliche und Kinder an, betreiben regelrechtes „Love Bombing“: Über Monate überschütten sie die Jugendlichen mit Aufmerksamkeit, bieten ihnen Geld für kleine Aufträge, bis manche anbeißen. Dann nutzen die Banden sie für Straftaten aus – bis hin zu Mordaufträgen.

Sven Granath, Kriminologe an der Uni Stockholm.

„Um Mitglieder verfeindeter Banden ausfindig zu machen, verwenden die Gangs GPS-Tracker, die sie an Autos befestigen“, erklärt Kriminologe Granath. Dann schlagen sie zu. Vor wenigen Monaten erst hatte ein 16-Jähriger einem 15-Jährigen auf offener Straße in Södertälje südlich Stockholm mit einer Pistole ins Gesicht geschossen, in den Bauch und in die Beine. Der Junge überlebte nur knapp.

Immer öfter Explosionen: Handgranaten aus Krisengebieten und Dynamit von der Baustelle

Immer öfter kommt es in letzter Zeit auch zu Explosionen. Die Gangmitglieder werfen Handgranaten oder lassen selbstgebaute Bomben vor den Häusern ihrer Feinde hochgehen – als Denkzettel und Warnung. Bisweilen werden dabei auch völlig Unbeteiligte verletzt. Den Sprengstoff klauen sie von Baustellen, in Schweden wird bei einigen Bauprojekten mit Dynamit gearbeitet. Manche ihrer Waffen stammen aus dem 3D-Drucker. „Wenn 3D-Drucker in den nächsten Jahren billiger werden, werden wir wohl eine Waffenschwemme erleben“, glaubt Granath.

Die meisten der illegalen Waffen – beliebt sind Glock-Handfeuerwaffen und Kalaschnikow-Maschinenpistolen – gelangen derzeit noch über obskure Wege aus Kriegs- und Krisengebieten, etwa im Balkan, nach Schweden. Eine weitere Quelle könnte auch die Ukraine sein, mutmaßt der Experte.

Das alarmiert auch deutsche Behörden. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) war kürzlich nach Schweden gereist, um sich mit Polizeivertretern über Präventionsprojekte auszutauschen. Reul propagiert seit Jahren eine Null-Toleranz-Politik gegen Banden aus dem Bereich der sogenannten Clan-Kriminalität, die in NRW-Städten ebenso wie in Berlin, Bremen und Niedersachsen ein Problem ist. „Wir werden verstärkt ein Auge darauf haben, ob sich Kriminelle auch hierzulande illegale Waffen aus Krisengebieten besorgen“, so Reul am Rande der Reise.

Bundesinnenministerium: Illegaler Handel mit Waffen aus Kriegsgebieten auch in Deutschland ein Thema

Beim Bundesinnenministerium ist das Phänomen bekannt. In Kriegs- und Krisengebieten seien die Waffenbestände hoch, das Angebot entsprechend groß, so eine Sprecherin gegenüber dieser Redaktion. „Aufgrund der höheren Preise, die für Schusswaffen in den Bestimmungsländern verlangt werden können, ist der illegale Waffenhandel aus Kriegs- und Krisenregionen ein EU-weit feststellbares Kriminalitätsphänomen. So auch in Deutschland.“ Die Strafverfolgungsbehörden der EU-Mitgliedstaaten und Europol würden dem „mit nationalen und gemeinsam entwickelten Bekämpfungsstrategien“ begegnen. Ein illegaler, organisierter Handel mit Schusswaffen oder anderen militärischen Rüstungsgütern aus der Ukraine könne bisher aber nicht festgestellt werden.

Rubriklistenbild: © Peter Sieben, Arne Dedert/dpa, Mis/imago (Fotomontage)

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