„Werden Waffenschwemme erleben“
Hightech und Balkanwaffen: Banden in Schweden rüsten auf – Sorge in Deutschland
Schwedische Drogenbanden setzen auf moderne Technik, Tracking-Systeme, 3D-Pistolen und Waffen aus Krisengebieten. Deutsche Behörden sind alarmiert.
Stockholm – Das Smartphone hat alles schlimmer gemacht, da ist sich Sven Granath sicher. Der Kriminologe von der Universität Stockholm befasst sich schon lange mit dem Phänomen Bandenkriminalität in Schweden und weiß: Um 2015 herum gab es einen dramatischen Anstieg von Gewaltstraftaten in der Szene. Daten-Flatrates kamen damals auf, die Geräte wurden leistungsstärker und günstiger. „Das hat es Kriminellen viel einfacher gemacht, sich zu organisieren, Waffen zu beschaffen und per Knopfdruck Geld für illegale Käufe digital zu transferieren“, so Granath.
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In Schweden machen brutale Drogengangs Vorstädte und Randbezirke von Großstädten wie Stockholm seit Jahren unsicher. Schießereien auf offener Straße gehören dort zur Tagesordnung, jedes Jahr werden Dutzende Menschen getötet. Die kriminellen Banden breiten sich jetzt immer weiter aus – auch mithilfe digitaler Technologie. Das bereitet auch deutschen Behörden Sorgen.
Drogengangs in Schweden: GPS-Tracker, um vermeintliche Feinde aufzuspüren
Auch bei der Rekrutierung setzen die Banden auf moderne Logistik, sagt Sven Granath: In sozialen Medien wie TikTok oder in Computerspiele-Chats bei Twitch schreiben sie gleichzeitig Hunderte Jugendliche und Kinder an, betreiben regelrechtes „Love Bombing“: Über Monate überschütten sie die Jugendlichen mit Aufmerksamkeit, bieten ihnen Geld für kleine Aufträge, bis manche anbeißen. Dann nutzen die Banden sie für Straftaten aus – bis hin zu Mordaufträgen.
„Um Mitglieder verfeindeter Banden ausfindig zu machen, verwenden die Gangs GPS-Tracker, die sie an Autos befestigen“, erklärt Kriminologe Granath. Dann schlagen sie zu. Vor wenigen Monaten erst hatte ein 16-Jähriger einem 15-Jährigen auf offener Straße in Södertälje südlich Stockholm mit einer Pistole ins Gesicht geschossen, in den Bauch und in die Beine. Der Junge überlebte nur knapp.
Immer öfter Explosionen: Handgranaten aus Krisengebieten und Dynamit von der Baustelle
Immer öfter kommt es in letzter Zeit auch zu Explosionen. Die Gangmitglieder werfen Handgranaten oder lassen selbstgebaute Bomben vor den Häusern ihrer Feinde hochgehen – als Denkzettel und Warnung. Bisweilen werden dabei auch völlig Unbeteiligte verletzt. Den Sprengstoff klauen sie von Baustellen, in Schweden wird bei einigen Bauprojekten mit Dynamit gearbeitet. Manche ihrer Waffen stammen aus dem 3D-Drucker. „Wenn 3D-Drucker in den nächsten Jahren billiger werden, werden wir wohl eine Waffenschwemme erleben“, glaubt Granath.
Die meisten der illegalen Waffen – beliebt sind Glock-Handfeuerwaffen und Kalaschnikow-Maschinenpistolen – gelangen derzeit noch über obskure Wege aus Kriegs- und Krisengebieten, etwa im Balkan, nach Schweden. Eine weitere Quelle könnte auch die Ukraine sein, mutmaßt der Experte.
Das alarmiert auch deutsche Behörden. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) war kürzlich nach Schweden gereist, um sich mit Polizeivertretern über Präventionsprojekte auszutauschen. Reul propagiert seit Jahren eine Null-Toleranz-Politik gegen Banden aus dem Bereich der sogenannten Clan-Kriminalität, die in NRW-Städten ebenso wie in Berlin, Bremen und Niedersachsen ein Problem ist. „Wir werden verstärkt ein Auge darauf haben, ob sich Kriminelle auch hierzulande illegale Waffen aus Krisengebieten besorgen“, so Reul am Rande der Reise.
Bundesinnenministerium: Illegaler Handel mit Waffen aus Kriegsgebieten auch in Deutschland ein Thema
Beim Bundesinnenministerium ist das Phänomen bekannt. In Kriegs- und Krisengebieten seien die Waffenbestände hoch, das Angebot entsprechend groß, so eine Sprecherin gegenüber dieser Redaktion. „Aufgrund der höheren Preise, die für Schusswaffen in den Bestimmungsländern verlangt werden können, ist der illegale Waffenhandel aus Kriegs- und Krisenregionen ein EU-weit feststellbares Kriminalitätsphänomen. So auch in Deutschland.“ Die Strafverfolgungsbehörden der EU-Mitgliedstaaten und Europol würden dem „mit nationalen und gemeinsam entwickelten Bekämpfungsstrategien“ begegnen. Ein illegaler, organisierter Handel mit Schusswaffen oder anderen militärischen Rüstungsgütern aus der Ukraine könne bisher aber nicht festgestellt werden.
Rubriklistenbild: © Peter Sieben, Arne Dedert/dpa, Mis/imago (Fotomontage)
