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Münchner-Merkur-Gespräch

„Im Fadenkreuz“: Ungarn-Journalist berichtet von Überwachung der Orbán-Regierung – „Familienleben gekostet“

Journalisten in Ungarn kämpfen mit vielen Repressionen. Tóth Ákos beschreibt, welche Anfeindungen er erlebt hat – und was sich nach Orbán ändern könnte.

Der ungarische Journalist Tóth Ákos schildert in seinem neuen Buch „Nach der Eroberung – Wie Autokraten Medien kontrollieren“ den systematischen Niedergang der ungarischen Medienlandschaft unter Ministerpräsident Viktor Orbán. Im Gespräch mit dem Münchner Merkur erklärt Ákos, mit welchen Repressionen ungarische Journalisten zu kämpfen haben – und was mit Orbáns Propagandamaschine passieren könnte, sollte er die Wahl am 12. April verlieren.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban spricht bei seiner jährlichen Pressekonferenz in Budapest.
Ist das Leben für einen unabhängigen Journalisten in Ungarn gefährlich?
Wenn die Frage lautet, ob jeder Journalist, der seine Arbeit gemäß den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des Berufsstandes ausübt, einer direkten Bedrohung seines Lebens ausgesetzt ist, lautet meine Antwort eindeutig: nein. Es ist jedoch eine Tatsache, dass das Leben unabhängiger Journalisten heute extrem schwierig ist.

Unter Orbán: Ungarische Journalisten benötigen mehrere Jobs

Inwiefern?
Viele waren gezwungen, ihren Lebensunterhalt aufzugeben, um ihrer Berufung nachzugehen – und leider sind viele ausgebrannt, darunter einige der allerbesten, und sie mussten ihren Beruf komplett wechseln. Zwar besteht keine direkte Lebensgefahr, doch hat dieses Regime eine Spur ruinierter und zerstörter Leben hinterlassen, in der das Eintreten für die eigenen Prinzipien oft mit qualvollen Kosten verbunden ist. Viele Journalisten sind gezwungen, neben ihrer Berufung zusätzliche Jobs anzunehmen und sich auf vier oder fünf Arbeitsplätze zu verteilen, nur um ihre mageren Gehälter aufzubessern und irgendwie über die Runden zu kommen. Ein berühmter ungarischer Dichter, Mihály Csokonai Vitéz, schrieb Ende des 18. Jahrhunderts: „Nur ein Narr wird in Ungarn Dichter.“ Mehr als 200 Jahre später könnte man dies umformulieren: Nur ein Narr wird in Ungarn Journalist. Doch diejenigen, die durchhalten, sind wahrhaft bemerkenswerte Menschen.
Welchen Formen der Unterdrückung sind ungarische Journalisten ausgesetzt?
Es handelt sich in erster Linie um existenzielle Zwänge, die daraus resultieren, dass die Regierung ihre Haupteinnahmequellen systematisch versiegen lässt. Bei einigen wurden die Zeitungen geschlossen; anderen wurden staatliche Werbeaufträge und die vom Staat beeinflusste, marktverzerrende Werbung verweigert. Es gibt immer weniger zugängliche Quellen, da die Regierung in den letzten 16 Jahren diese Ventile sorgfältig und akribisch eines nach dem anderen zugedreht hat. Und die Not ist eine mächtige Triebkraft. Einige haben aufgegeben und arbeiten nun für regierungsnahe Medien. Viele von ihnen versuchen, direkten politischen Journalismus zu vermeiden – doch das ist fast unmöglich; es gibt heute in Ungarn keinen Bereich, einschließlich des Sports, der nicht in jeder Hinsicht von der Politik durchdrungen ist. Und natürlich gibt es sehr viele, die sich geweigert haben, Kompromisse einzugehen, und ihre Arbeit trotz aller existenziellen Zwänge weiterhin mit Integrität verrichten.

Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS). Die GUS besteht aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion, die bis heute zum Großteil eng verbunden mit Russland geblieben sind. Doch Moskau-Machthaber Putin hat nicht nur in den Sowjet-Gebieten Freunde. Putin findet auch nach mehreren Jahren Angriffskrieg in der Ukraine noch immer fast weltweit Verbündete. Eine Übersicht: © Imago
Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs steht ein Mann eng an der Seite Wladimir Putins: Alexander Lukaschenko. Das von ihm autoritär beherrschte Belarus teilt sich eine mehr als tausend Kilometer lange Grenze mit der Ukraine. Lukaschenko unterstützte Putins Truppen logistisch bei ihrer Invasion des Nachbarlandes. © Imago
Kim Jong-un und Wladimir Putin
Ein weiterer enger Verbündeter Wladimir Putins ist Kim Jong-un. Der Machthaber regiert ein totalitäres Nordkorea, das als sozialistische Diktatur historisch enge Beziehungen zu Russland pflegt. © Gavriil Grigorov/Imago
russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist
Im Lauf des Ukraine-Kriegs wurde aus der symbolischen Verbindung ein militärisches Bündnis. Kim Jong-un unterstützte Putins Feldzug mit Waffen, Munition und Soldaten. Laut Schätzungen könnten es mehr als 30.000 Mann aus Nordkorea sein, die an der Front im Ukraine-Krieg kämpfen. Auf dem Bild zu sehen ist ein russischer Soldat, der eine Gruppe nordkoreanischer Kameraden einweist.  © Imago
Xi Jinping zu Gast bei Wladimir Putin
Die Volksrepublik China pflegt sowohl mit Nordkorea als auch mit Russland enge Beziehungen. Das bewies Präsident Xi Jinping zuletzt durch seinen Besuch Moskaus am „Tag des Sieges“. An der Seite Putins begutachte Xi als Gast auf der Ehrentribüne die große Militärparade, die durch Russlands Hauptstadt rollte. Doch China unterstützt Russland nicht nur symbolisch durch Besuche, sondern auch ganz praktisch mit Seltenen Erden und Devisen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs ist China der größte Importeur für russische Rohstoffe geworden. © Imago
Präsident Wladimir Putin mit To Lam
Der Dritte im Bunde der ostasiatischen Verbündeten Russlands ist Vietnam. Hier posiert Präsident Wladimir Putin mit Tô Lâm, Präsident Vietnams von Mai 2024 bis Oktober 2024, bei einem Besuch des russischen Staatschefs in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi. © Kristina Kormilitsyna/Imago
Wladimir Putin und Narendra Modi
In Südasien, konkret auf dem indischen Subkontinent, findet sich mit Narendra Modi der nächste enge Verbündete Russlands. Indiens Premierminister pflegt ein enges Verhältnis zu Putin. Hier umarmen sich beide bei einem Treffen in Neu-Delhi im Jahr 2018. Indien ist durch mehrere internationale Organisationen und Bündnisse mit Russland verbandelt. Die wohl wichtigsten darunter sind die Zusammenkunft der sogenannten BRICS-Staaten und die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
König Ibrahim Ismail von Johor aus Malaysia beim Besuch Putins in Russland
Auch Malaysia ist wie Russland Mitglied des BRICS-Staatenbundes. In Begleitung seiner Frau Raja Zarith Sofia reiste König Ibrahim Ismail von Johor nach Russland, um Putin im Kreml zu besuchen. © Imago
Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Präsident Wladimir Putin eine gute Beziehung
Zur Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) zählt neben Russland unter anderem die Ex-Sowjet-Republik Kasachstan. Das Land teilt sich mit 7644 Kilometern die längste Landgrenze der Welt mit Russland. Präsident Kassym-Schomart Tokajew unterhält zu Putin eine gute Beziehung. Kasachstan bezieht 90 Prozent seiner Waffenimporte aus Russland, das wiederum den in Kasachstan gelegenen Weltraumbahnhof Kosmodrom Baikonur mietet. Beide Länder sind außerdem Mitglied in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). © Imago
Putin und Traoré
Zu Putins engen Verbündeten gehört auch Burkina Fasos Regierungschef Inbrahim Traoré. Am 9. Mai 2025 besuchte er Putin in Moskau (im Bild). „Wir glauben, dass der Terrorismus, den wir heute erleben, vom Imperialismus herrührt, und wir bekämpfen ihn“, sagte er bei einem bilateralen Treffen. In Erinnerung geblieben ist auch eine virale Rede beim Afrika-Gipfel im Jahr 2023 in Russland. Im Beisein Putins machte er damals den Westen dafür verantwortlich, dass Afrika trotz seiner Rohstoffe der ärmste Kontinent sei.  © IMAGO/Mikhail Metzel/Kremlin Pool
Ägypten Militärband Moskau
Mehr als 80 Jahre Diplomatie verbinden Ägypten und Russland. Das Land am Nil ist wirtschaftlich von Moskau abhängig. Auch Putin profitiert von den Verbindungen nach Kairo. Der russische Präsident betrachtet Ägypten als Tor nach Afrika. Im August 2022 war eine ägyptische Militärband in Moskau zu Gast (im Bild). Auch bei der Militärparade zum 80. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 marschierte eine Einheit aus Ägypten über den Roten Platz.  © Sergei Bobylev/Imago
Laos-einheit in Moskau
Am „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland am 9. Mai 2025 paradierte auch eine Einheit aus Laos durch Moskau. Angeblich arbeitet Putin derzeit intensiv daran, das Land in den Krieg gegen die Ukraine einzubinden. Im Sommer 2025 begrüßte er den laotischen Präsidenten Thongloun Sisoulith in Moskau. © Ricardo Stuckert/Imago
Turkmenistan Moskau Parade
Turkmenistan schickte ebenfalls eine Einheit nach Moskau. Die zentralasiatische Republik Turkmenistan am Kaspischen Meer gehört auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu den am meisten abgeschotteten Staaten der Welt.  © Ricardo Stuckert/Imago
Aleksandar Vucic Putin Netanjahu
Auch der serbische Staatschef Aleksandar Vučić nahm 2025 – wie auch schon 2018 (im Bild) – in Moskau an der Parade vor rund 10.000 Soldaten teil. Die Beziehungen zwischen Serbien und Russland gelten als traditionell freundschaftlich. Belgrad verweigert sich den Sanktionen gegen Russland und hat den Westen für den Ukraine-Krieg verantwortlich gemacht. Zuletzt gab es trotzdem zwischen Moskau und Belgrad Verstimmungen, als der russische Auslandsgeheimdienst Serbien den Verkauf von Munition an die Ukraine vorwarf. © Mikhail Metzel/Imago
Milorad Dodik
Putins wichtigster Mann am Balkan heißt Milorad Dodik (2. von rechts). Der bosnisch-serbische Separatistenführer betreibt seit Jahren die Abspaltung des Landesteils Republika Srpska vom bosnischen Staat. Dodik stimmt sich dabei regelmäßig mit dem russischen Präsidenten ab. © Alexei Nikolsky/Imago
Salva Kiir Putin
Im September 2023 traf sich Putin mit Salva Kiir Mayardit, dem Präsidenten von Südsudan. „Die Welt diktiert, dass niemand allein überleben oder Erfolg haben kann“, sagte Salva Kiir. Zu Putin gewandt meinte er, dass sein Land starke Freunde brauche: „Sie sind einer von ihnen.“ © Valery Sharifulin/Imago
Orban Putin
Ungarns Regierungschef Viktor Orbán ist Putin im Ukraine-Krieg stets treu geblieben. So hat er während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2024 den bis dahin weitgehend isolierten Kremlchef zum Ärger vieler EU-Länder überraschend in Moskau besucht und sich als Vermittler inszeniert (im Bild). Zugleich nutzt Orbán jede Gelegenheit, um gegen die Ukraine auszuteilen.  © Valeriy Sharifulin/Imago
Putin und Ramaphosa
Ende Juli 2023 war Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa bei Putin zu Gast. Der Kremlchef hatte seine Gäste zum Abschluss eines zweitägigen Afrika-Gipfels in St. Petersburg eingeladen, den er in der russischen Ostsee-Metropole veranstaltete. Südafrika, das mit Russland, China, Indien und Brasilien die Brics-Staatengruppe bildet, wird wegen seiner Russland-Nähe vom Westen mit Skepsis betrachtet.  © Sergei Bobylev/Imago
Peseschkian Putin
Im Januar 2025 war Massud Peseschkian in Moskau zu Besuch. Dabei unterzeichnete Irans Präsident gemeinsam mit Putin ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft. Russland und der Iran vertieften damit ihre militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit für die nächsten 20 Jahre.  © Imago
Putin Ortega
Seit vielen Jahren steht Nicaragua an der Seite Putins. Nach dem Aufstand der russischen Privatarmee Wagner gegen die eigene Staatsführung im Juni 2023 schickte auch Präsident Daniel Ortega (hier ein Bild aus dem Jahr 2014) eine Botschaft nach Moskau. In der offiziellen Mitteilung hieß es, Ortega und seine Ehefrau sowie Vizepräsidentin Rosario Murillo übermittelten Putin „unsere Zuneigung in revolutionärer Bruderschaft“. © Cesar Perez/afp
Maduro
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro tat es ihm gleich. „Wir senden unsere Umarmung der Solidarität und der Unterstützung an den Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dem es gelungen ist, einen Versuch des Verrats und des Bürgerkriegs zu bewältigen und seinem Volk den Sieg und den Frieden zu garantieren“, twitterte er damals. © Alexandr Kryazhev/Imago
Putin Goita
Im Juni 2025 verständigten sich Putin und Malis Militärmachthaber Assimi Goïta auf eine bilaterale Kooperation. Russland ist enger Verbündeter von Goïta, der gegen Terrormilizen in Mali auch auf russische Wagner-Söldner setzte. Das Militär hatte sich 2020 und 2021 an die Macht geputscht, die Zusammenarbeit mit Ex-Kolonialmacht Frankreich beendet und sich Moskau zugewandt. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Sassou Nguesso Afewerki
Ende Juli 2023 war Putin gemeinsam mit Denis Sassou Nguesso, dem Präsidenten der Republik Kongo (rechts), und dem eritreischen Präsidenten Isaias Afewerki (links) beim Tag der Marine auf der Newa in St. Petersburg unterwegs. Mit ihrem Besuch beim Russland-Afrika-Gipfel konnten die beiden Staatsmänner die Achse zwischen Russland und ihren Ländern noch einmal stärken. © Alexander Kazakov/Imago
Putin Raúl Castro
Ein besonders inniges Verhältnis pflegt Russland zu Kuba. Für die hoch verschuldete Karibikinsel ist Russland einer der engsten Verbündeten und wichtigsten Geldgeber. Der Kreml bezeichnete den sozialistischen Karibikstaat, der den Ukraine-Krieg nicht verurteilt hat, als „sehr wichtigen Partner“. Im Jahr 2014 war Putin beim vormaligen Präsidenten Raúl Castro zu Gast. © Imago
Putin
Der Kremlchef ist seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 im Westen weitestgehend isoliert. Umso wichtiger ist ihm der Kontakt zu seinen Verbündeten – den sucht er in vielen Fällen auch per Video. Im Mai 2025 nahm er an einer Sitzung der Kommission für militärisch-technische Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten teil.  © Alexander Kazakov/Imago
Welche Anfeindungen haben Sie persönlich erlebt? Verbale Angriffe, öffentliche Verleumdungskampagnen oder sogar körperliche Gewalt?
Ich weiß mit Sicherheit, dass aufgrund einer Reihe von Artikeln, in denen ich die Hintergründe einer Welle von Terroranschlägen gegen Roma und deren Verbindungen zur Fidesz untersucht habe, meine Überwachung angeordnet wurde – und dass bestimmte Elemente dieser Überwachung eindeutig darauf abzielten, mich einzuschüchtern. Verbale Angriffe sind an der Tagesordnung, ebenso wie Verleumdungskampagnen, die die Regierung gegen Personen führt, die sie als störend empfindet – darunter natürlich auch Journalisten. Es gibt einen ungarischen Journalisten, der erpresst wurde, und obwohl ihn das sein Familienleben gekostet hat, weigerte er sich dennoch, einen Deal mit dem Regime einzugehen. Es gibt immer eine Gelegenheit, mutig zu sein.

Unter Orbáns Druck: Wie sich Medien in Ungarn finanzieren

Sind die unabhängigen Medien in Ungarn gut organisiert?
Wenn Sie fragen, ob sie miteinander kooperieren, lautet die Antwort: nein. Der Markt ist klein, der Wettbewerb ist hart – es gibt praktisch keine Werbeeinnahmen, und zahlreiche Redaktionen konkurrieren um dieselbe Leserschaft. Es gibt jedoch mehrere gut organisierte Redaktionen, die gelernt haben, mit dem Bewusstsein zu leben, dass sie im Fadenkreuz der Regierung stehen, auch wenn man sich daran nie wirklich gewöhnen kann. Sie haben ihr Publikum gefunden, und professionelle Glaubwürdigkeit sowie unabhängige Berichterstattung zahlen sich nach wie vor aus, denn dieses Publikum unterstützt sie durch Abonnements und Spenden.
Wie finanzieren sich unabhängige Medien? Sind sie auf Spenden aus der Öffentlichkeit angewiesen?
Einerseits sind die Leser, wie bereits erwähnt, bereit, tief in die Tasche zu greifen. Viele Medien nehmen aber auch an öffentlich zugänglichen EU-Förderprogrammen teil. Zudem gab es bis zum Amtsantritt von Donald Trump auch Finanzmittel aus den Vereinigten Staaten, doch diese wurden auf Drängen der Regierung Orbán, die enge Beziehungen zur Trump-Administration unterhält, inzwischen gestrichen. Auch meine eigene Redaktion erhielt US-Fördermittel für ein bestimmtes Projekt – jedes Detail davon war öffentlich, es gab nie etwas, wofür man sich schämen müsste, und jeder einzelne Cent wurde abgerechnet. Trotzdem versuchte die Regierung, es so darzustellen, als würde durch uns ein versteckter Einfluss „internationaler Netzwerke“ auf Ungarn ausgeübt. Das ist Unsinn.
Könnten die Medien unter Tisza unabhängiger arbeiten? Würde Tisza eine Zweidrittelmehrheit benötigen, um grundlegende Veränderungen herbeizuführen?
Wissen Sie, wenn man schlafen gehen kann in dem Wissen, dass niemand versucht, einen über Nacht zu vernichten, ist das an sich schon ein befreiendes Gefühl. Ich glaube, dass sie es sich im Falle eines Sieges von Tisza nicht leisten könnten, das Medienumfeld nicht zu liberalisieren, da dies für die Massen hinter ihnen von großer Bedeutung ist. Viele Veränderungen lassen sich ohne eine Zweidrittelmehrheit umsetzen, aber die grundlegenden, strukturellen Veränderungen, die zum Abbau des derzeitigen Machtapparats erforderlich sind, wären mit einem Zweidrittelmandat viel einfacher – und in der Tat wünschenswerter – durchzuführen.

Nach möglicher Wahlniederlage: Was mit Orbáns Propagandamaschine passieren könnte

Was würde mit den Propagandamaschinen geschehen? Würden sie weiterhin für Orbán arbeiten?
Nach einer Niederlage Orbáns könnte der staatliche Propagandaapparat dank seiner ausgelagerten Ressourcen noch eine Weile weiterlaufen, doch würde er innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen, da er nie, nicht einen einzigen Moment lang, nach marktwirtschaftlichen Prinzipien funktioniert hat. Vielleicht würden ein oder zwei Elemente überleben, aber selbst davon bin ich nicht ganz überzeugt. Was das Schicksal der öffentlich-rechtlichen Medien angeht – die mit Steuergeldern finanziert werden, aber seit 16 Jahren Regierungspropaganda verbreiten –, hängt das von der neuen politischen Kraft ab. Es gibt Pläne für ihre Umstrukturierung, und es ist nicht ausgeschlossen, dass das gesamte System abgeschafft wird. Persönlich würde ich diese letztere Option nicht völlig ausschließen.
Könnte sich die Lage für unabhängige Medien in Ungarn weiter verschlechtern, wenn Orbán die Wahl gewinnt?
Meine Antwort lautet eindeutig: ja. Wenn Orbán gewinnt, wird er die größeren Säulen der unabhängigen Presse abbauen, indem er die oben genannten ausländischen Finanzierungsquellen unzugänglich macht und den Medien die Möglichkeit nimmt, dass Bürger einen Teil ihrer Steuern legal für deren Unterstützung bestimmen können. Da es sich um große Redaktionen handelt, werden sie ohne ausreichende Ressourcen auseinanderfallen und unrentabel werden. Kleinere Redaktionen, die ausschließlich auf die Unterstützung ihrer Leser angewiesen sind, haben eine Überlebenschance – zumindest, wenn die desillusionierten, oppositionell eingestellten Leser, enttäuscht vom Wahlergebnis, ihrem Schicksal gegenüber nicht gleichgültig werden, was eine reale Gefahr darstellt. (Quellen: eigene Recherche) (Interview: Jan-Frederik Wendt)

Rubriklistenbild: © Marton Monus/dpa

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