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Exklusive Zeugenberichte

Einschüchterung in Orbáns „Bananenrepublik“ Ungarn? Zeugen berichten von „ungeheuerlicher“ Polizei-Aktion

Ungarns Polizei steht wegen einer Massenvernehmung in der Kritik. Zeugen sprechen von Einschüchterung und Rechtsbruch. EU-Politiker fordern Aufklärung.

Zala/Budapest/Brüssel – Die Polizei in Ungarn soll Menschen gleichzeitig in einem Raum über einen möglichen Wahlbetrugsfall verhört haben. Vor wenigen Tagen wurden Hunderte als Zeugen zum Polizeipräsidium im Landkreis Zala vorgeladen, berichtete das ungarische Medium Telex. Der konkrete Fall, zu dem die Zeugen befragt werden sollten, sei im Schreiben an die Adressaten nicht erwähnt worden.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbàn nahm im Dezember 2025 am EU-Gipfel teil.

Angeblich ermittelte die Polizei zu einem möglichen Wahlbetrug. Der Verdacht: Eine lokale Nichtregierungsorganisation habe vor der Kommunalwahl 2024 ihre Kandidatenliste mit falschen Empfehlungen eingereicht. Laut Telex wurden die Zeugen nicht einzeln befragt, sondern gemeinsam in einem großen Raum. Sie sollten vor allen Anwesenden erklären, ob ihre Unterschrift auf dem Empfehlungsformular zu finden war, schreibt das ungarische Medium.

Massenvernehmung in Ungarn: Zeugen fühlten sich gedemütigt

„Es war peinlich“, sagte ein Zeuge, der anonym bleiben wollte, gegenüber Telex. Die Polizisten hätten die Befragten über deren Rechte und Pflichten aufgeklärt – und seien dann durch den Raum gegangen, um jeden Anwesenden nach der Echtheit ihrer Unterschrift auf dem angeblichen Formular zu befragen. Nach anonymen Zeugenangaben mussten die Teilnehmer zudem erklären, ob sie die betreffende Organisation und deren Kandidaten kennen und wo sie das Empfehlungsschreiben unterzeichnet hätten.

Unter den Befragten befand sich nach eigenen Angaben auch Milán Ruzsics. Der Lokalpolitiker der pro-europäischen Momentum-Parten zeigte sich im Gespräch mit dem Münchener Merkur von Ippen.Media empört über die Massenvernehmung. „Die Situation hat mich von Anfang an überrascht und ein starkes Gefühl der Unsicherheit ausgelöst“, sagte Ruzsics. Er fühlte sich durch die Massenvernehmung „persönlich gedemütigt.“ Er bezeichnete die Atmosphäre als angespannt und spürte eine allgemeine Verunsicherung.

Wandel in Europa: Die Geschichte der EU in Bildern

Karte der Europäische Union
Die Europäische Union ist eine wirtschaftliche und politische Vereinigung von 27 europäischen Ländern. Insgesamt leben etwa 450 Millionen Menschen im Gebiet der EU. Ursprünglich als Wirtschaftsverbund gegründet, hat sie sich zu einer Organisation entwickelt, die eine Vielzahl von Feldern abdeckt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist der europäische Binnenmarkt der größte gemeinsame Markt weltweit. Er ermöglicht die freie Bewegung der meisten Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen. © PantherMedia (Montage)
Römischen Verträge EU
Der Grundstein für die heutige EU wurde am 25. März 1957 gelegt. Die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg unterzeichneten damals die Römischen Verträge. Für Deutschland setzten Kanzler Konrad Adenauer (links) und Walter Hallstein, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, ihre Unterschriften unter das Dokument. Damit waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) besiegelt. © dpa
Margaret Thatcher und François Mitterrand
Am 1. Januar 1973 traten Dänemark, die Republik Irland und das Vereinigte Königreich der EG bei. Einfach war das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa nie. Auch Premierministerin Margaret Thatcher (links) war keine Freundin Europas. Mit der Forderung „We want our money back“ setzte die Eiserne Lady 1984 beim Gipfel in Fontainebleau einen Rabatt bei den Zahlungen Großbritanniens in die Gemeinschaftskasse durch. Verhandlungspartner wie der französische Präsident François Mitterrand (rechts) waren machtlos. © Daniel Janin, Gabriel Duval/afp
Militärjunta in Griechenland
Zum 1. Januar 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft bei. Die Aufnahme des Landes war heftig umstritten. Europa befürchtete, sich einen unangenehmen Partner ins Nest zu holen. So sorgte zum einen das konfliktreiche Verhältnis Griechenlands zur Türkei für Unbehagen. Noch schwerer wog die Diktatur der rechtsextremen Militärjunta, die erst im Juli 1974 zu Ende gegangen war. Ein interner Machtwechsel am 25. November 1973, als Panzer im Athener Zentrum auffuhren (im Bild), konnte den Wandel nicht mehr aufhalten. © Imago
Von wegen grenzenlos - Ärger in Schengen über Grenzkontrollen
1985 unterzeichneten Deutschland, Frankreich und die Benelux-Staaten das „Schengener Abkommen“ über den schrittweisen Abbau der Personenkontrollen an ihren gemeinsamen Grenzen. Die weitgehende Reisefreiheit erleichterte das Leben und Arbeiten in anderen europäischen Ländern erheblich. Alle Bürgerinnen und Bürger der EU haben das Recht und die Freiheit, selbst zu entscheiden, in welchem EU-Land sie arbeiten, studieren oder ihren Ruhestand verbringen möchten.  © Harald Tittel/dpa
Franco und Juan Ćarlos
1986 nahm die EG zwei neue Mitglieder auf: Portugal und Spanien. Damit konnten beide Staaten ihre Isolation auf dem Kontinent beenden. Vor allem für Spanien war der Beitritt in die EG ein markanter Wendepunkt, um die Folgen der jahrzehntelangen Diktatur unter Francisco Franco (rechts) zu überwinden. Juan Carlos (links), der zwei Tage nach Francos Tod am 20. November 1975 zum König proklamiert worden war, spielte eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der Diktatur. Bei der Aufnahme des Bildes im Jahr 1971 hatte er noch im Schatten Francos gestanden. © afp
Silvester 1989 am Brandenburger Tor
Eine Erweiterung im eigentlichen Sinne war es nicht. Doch als am 3. Oktober 1990 die Länder der DDR der Bundesrepublik Deutschland beitraten, wurde die EG automatisch um ein gutes Stück größer. Mit der Wiedervereinigung erstreckte sich das gesamte Gemeinschaftsrecht nun auch auf das Beitrittsgebiet. Mit einer Bevölkerungszahl von mehr als 80 Millionen Menschen ist Deutschland seitdem der bevölkerungsreichste Mitgliedsstaat. © Wolfgang Kumm/dpa
Genscher und Waigel unterzeichnen Maastrichter Vertrag
Anfang der Neunziger war die Zeit reif für einen Wandel. Die Römischen Verträge hatten ausgedient. Am 7. Februar 1992 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs der EU ein neues Vertragswerk. Für Deutschland unterzeichneten Außenminister Hans-Dietrich Genscher (links) und Finanzminister Theo Waigel (rechts) das Dokument. Der Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union trat am 1. November 1993 in Kraft. Mit dem EU-Vertrag entwickelte sich die europäische Gemeinschaft zu einer politischen Union. © dpa
Volksabstimmung zum EU-Beitritt in Norwegen 1994
1995 nahm die EU drei neue Länder auf. In Österreich, Schweden und Finnland hatten zuvor die Menschen in Volksentscheiden dem Beitritt zugestimmt. Auch Norwegen ließ das Volk in einem Referendum darüber abstimmen. Doch hier sah das Ergebnis anders aus. 52,2 Prozent der Wahlberechtigten in Norwegen votierten in einer Volksabstimmung gegen einen Beitritt.  © Berit Roald/Imago
Tschechien feiert EU-Beitritt
Neun Jahre später kam es zur ersten Osterweiterung. Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und die Republik Zypern der EU bei. Die neuen EU-Länder feierten den Beitritt, in Prag (hier im Bild) und anderen Hauptstädten freuten sich die Menschen über eine Zukunft unter dem Dach der EU. Die Europäische Union setzte sich somit aus 25 Mitgliedstaaten zusammen. © Michal Svacek/afp
Rumänien - EU
Der zweite Teil der Osterweiterung ließ nicht lange auf sich warten. Am 25. April 2005 unterzeichneten Rumänien und Bulgarien den Beitrittsvertrag zur EU. Beide Länder wurden zum 1. Januar 2007 in die Europäische Union aufgenommen. Für die Menschen in Bukarest (hier im Bild) gab es also mehr als nur einen Grund, die Nacht zum Tage zu machen. Die Fläche der EU wuchs mit dieser Erweiterung auf etwas mehr als 4,3 Millionen Quadratkilometer.  © Robert Ghement/dpa
Kroatien wird EU-Mitglied
Schon im Juni 2004 war Kroatien der Status eines offiziellen Beitrittskandidaten verliehen worden. Doch die Verhandlungen verzögerten sich mehrmals, erst sieben Jahre später konnten sie erfolgreich abgeschlossen werden. Kurz danach stimmten 66,3 Prozent der Wahlberechtigten bei einem Referendum für den Beitritt in die EU. Am 1. Juli 2013 war schließlich der Zeitpunkt gekommen, um vor dem Europäischen Parlament in Straßburg die Flagge Kroatiens zu hissen. Die EU bestand damit aus 28 Mitgliedsstaaten. © Frederick Florin/afp
EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp
Banksy-Kunstwerk zu EU und Brexit
Seit dem 31. Januar 2020 besteht die EU nur noch aus 27 Staaten. Nach 47 Jahren verließ das Vereinigte Königreich als erstes Mitgliedsland die Europäische Union. Im Juni 2016 hatte eine knappe Mehrheit in einem Referendum für den Abschied aus der EU gestimmt. Der britische Street-Art-Künstler Banksy kommentierte den Brexit auf seine Art. In der Hafenstadt Dover malte er eine riesige EU-Flagge an eine Hauswand – zusammen mit einem Handwerker, der einen der Sterne entfernt. © Glyn Kirk/afp
Friedensnobelpreis für EU.
2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Herman Van Rompuy, José Manuel Barroso und Martin Schulz (von links nach rechts) nahmen den Preis bei der Verleihung im Osloer Rathaus am 10. Dezember 2012 in Empfang. © Cornelius Poppe/afp

Ruzsics nahm die Polizisten in Schutz. Diese hätten sich korrekt und kooperativ verhalten. Er kritisierte nicht das Verhalten der Beamten, sondern das Verfahren. Er habe vor Ort Einspruch dagegen erhoben und seinen Unmut geäußert. Später habe der Zeuge eine schriftliche Beschwerde bei der Polizei eingereicht. „In einem demokratischen Rechtsstaat sollten Bürger keine Angst oder Demütigung empfinden, wenn sie als Zeugen oder Wähler mit staatlichen Behörden zu tun haben“, sagte Ruzsics unserer Redaktion.

Ungarn: Betroffener bezeichnet Polizei-Aktion als problematisch

Er hält die Befragung für äußerst problematisch. Eine Zeugenbefragung sei ein individueller Verfahrensakt, der eine unabhängige und unbeeinflusste Aussage gewährleisten soll. Eine Gruppenbefragung untergrabe dieses Prinzip – insbesondere in ländlichen Gebieten, wo sich die Menschen kennen und der soziale Druck stärker sei.

Ruzsics behauptet nicht, dass die Polizei die Befragten absichtlich einschüchtern wollte. Aber: „In einem Rechtsstaat kommt es jedoch nicht nur auf die Absicht an, sondern auch auf die Wirkung. Eine Massenanhörung, bei der Menschen vor anderen politisch heikle Fragen beantworten müssen, kann objektiv gesehen eine einschüchternde Wirkung haben – insbesondere für diejenigen, die im öffentlichen Dienst oder in staatlich geprägten Bereichen arbeiten“, meint Ruzsics.

Er könne nicht beurteilen, ob die Fidesz-Partei des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbàn hinter der Aktion steckt. Allerdings hält Ruzsics es für „unmöglich, diesen Fall ohne Berücksichtigung des politischen Kontexts zu interpretieren“. In Ungarn arbeiteten die Polizei und andere staatliche Institutionen innerhalb eines stark zentralisierten Systems, in dem politische Verantwortung und Einflussnahme eng mit der Funktionsweise der Institutionen verflochten seien. Daher könnten Verfahren wie dieses nicht isoliert vom breiteren politischen Umfeld betrachtet werden.

Anwalt kritisiert Vernehmung in Ungarn

„Selbst wenn Personalmangel ein echtes Problem ist, kann dies nicht die Aufhebung von Grundrechten und Verfahrensgarantien rechtfertigen. Effizienz darf niemals Vorrang vor den Anforderungen der Menschenwürde und der Rechtssicherheit haben“, sagte Ruzsics.

Der Anwalt András Litresits, Mitglied der Nationalen Wahlkommission in Ungarn, sagte gegenüber Telex, dass Zeugen laut Strafprozessordnung einzeln befragt werden müssten. Obwohl er die Details des konkreten Falls nicht kenne, gebe es keine Bestimmung, die Gruppenverhandlungen erlaube. Das Gesetz sehe zwar vor, dass Zeugen schriftliche Aussagen abgeben könnten, dies sei hier aber nicht geschehen.

Ungarische Polizei-Behörde widerspricht

Auf Nachfrage unserer Redaktion teilte die ungarische Polizei mit, dass keine Gruppenvernehmungen stattgefunden hätten. „Da im Laufe des Verfahrens eine erhebliche Anzahl von Zeugen vernommen werden musste, machten die Ermittler von der Möglichkeit Gebrauch, schriftliche Zeugenaussagen (…) über das Strafverfahren aufzunehmen“, teilte Polizei-Pressesprecherin Veronika Sznopek mit. Die Ermittler hätten in voller Übereinstimmung mit den Bestimmungen der Rechtsvorschriften gehandelt.

„Die vorgeladenen Zeugen erhielten nur die erläuternden Informationen gleichzeitig, dann füllte jeder Zeuge einzeln und unabhängig das Formular mit den Fragen handschriftlich aus .Die Vertreter unserer Behörde waren lediglich anwesend, um beim Ausfüllen der Formulare zu helfen und den Zeugen nacheinander die Empfehlungsformulare mit den Unterschriften vorzulegen“, so Sznopek. Niemand habe eine mündliche Erklärung abgeben müssen.

Ákos Hadházy, unabhängiger Abgeordneter im ungarischen Parlament und bekannter Orbán-Kritiker, sagte gegenüber unserer Redaktion: „Obwohl der Vorfall bizarr und empörend ist, glaube ich in diesem Fall ausnahmsweise nicht, dass es sich um eine Einschüchterungsstrategie der Regierungspartei handelt.“ Die Massenvernehmung sei vielmehr ein Beleg für den schlechten Zustand der ungarischen Polizei und mit welch enormen Personalmangel die Behörde kämpfe. Deshalb sei die Polizei häufig machtlos bei der Bekämpfung von massiven Wahlbetrügereien.

Orbán-Kritiker erhebt Vorwürfe gegen Fidesz-Partei

Aber: Indirekt könnte die Fidesz-Partei doch mit dem Vorfall zu tun haben. „Es ist leider ein reales Problem, dass sehr viele Scheinorganisationen bei den Wahlen antreten“, sagte Hadházy. Damit versuche die Regierungspartei, dass neben ihr möglichst viele Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl antreten. Dadurch zersplittern laut Hadházy die Stimmen der Opposition und die Wähler würden getäuscht.

Es sei problematisch, dass die Polizei oft keine großen Anstrengungen unternehme, diese Missbräuche aufzuklären. „Man muss allerdings zugeben, dass sie es auch nicht leicht hat: Die Regierungspartei hat das Wahlgesetz absichtlich so geändert, dass solche Betrügereien nur schwer aufzudecken sind“, sagte Hadházy. Früher habe jeder Wähler nur einen Kandidaten per Unterschrift unterstützen dürfen. Heute sei dies unbegrenzt möglich.

EU-Politiker fordern Aufarbeitung

Ein anonymer Einwohner der Stadt, in der die Polizei die Zeugen befragt haben soll, beurteilt die Situation gegenüber unserer Redaktion anders: „Es ist wirklich schwer zu sagen, was sich die Polizei dabei gedacht hat. Sicher ist, dass die Polizei in einer Kleinstadt genau wusste, wie sich dies auf die Menschen auswirken würde“, sagte die Person. Sie habe noch nie von einem Fall gehört, in dem Menschen vor anderen erklären mussten, wen sie unterstützen – schon gar nicht in einer Polizeistation. „Die Polizei muss gewusst haben, wie einschüchternd dies in einer Kleinstadt wie dieser sein würde“, sagte der Einwohner.

Daniel Freund (Grüne) sitzt im EU-Haushaltskontrollausschuss.

Der EU-Abgeordnete Daniel Freund verurteilt die polizeiliche Massenvernehmung auf das Schärfste: „Was da in Ungarn passiert ist ungeheuerlich. Wer hundert Leute in einen Raum setzt und vor allen anderen zu ihrem Wahlverhalten befragt, verletzt das Wahlgeheimnis“, sagte der Grüne dem Münchener Merkur. Der Grund für die Massenvernehmung sei fast egal: „Liegt es an einer unterfinanzierten Polizei, die nicht vernünftig ermitteln kann, oder handelt es sich um einen kalkulierte Einschüchterungskampagne der Orbán-Regierung? Wichtig ist: Hier wird gegen europäische Standards verstoßen. Diese Situation zeigt einmal mehr, wie wichtige eine Wahlbeobachtungsmission in Ungarn ist“, meint Freund.

Moritz Körner (FDP) sitzt im EU-Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres.

Auch für den EU-Abgeordneten Moritz Körner (FDP) spielt der Grund für die massenhafte Befragung eine untergeordnete Rolle: „Viktor Orbàn hat Ungarn in eine Bananenrepublik verwandelt. Polizeiliche Massenvernehmungen haben in einem Rechtsstaat nichts zu suchen. Egal ob diese aus Einschüchterungsabsicht oder aufgrund von Personalmangel durchgeführt wurden, das Resultat ist, dass Ungarn zunehmend die Merkmale eines gescheiterten Staates aufweist“, sagte das Mitglied im EU-Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres unserer Redaktion. (Quellen: Telex, eigene Recherche) (Jan-Frederik Wendt)

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

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