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Münchner-Merkur-Gespräch

„Teuflische Kampagne“: Haben Orbán und Putin Angriff in Ukraine abgesprochen?

Orbán droht der Machtverlust in Ungarn. Oppositionelle fürchten zunehmende Manipulation. Im Hintergrund soll Russland mitmischen.

Am 12. April wählt Ungarn ein neues Parlament. Seit Monaten liegt Péter Magyar als Vorsitzender der oppositionellen Tisza-Partei in den Umfragen vor dem rechtspopulistischen Regierungschef Viktor Orbán. Der unabhängige Abgeordnete Ákos Hadházy erläutert im Interview mit dem Münchner Merkur, welche Methoden Orbán für seinen Machterhalt nutzen könnte. Zudem erhebt Hadházy schwere Vorwürfe.

Kremlchef Wladimir Putin (r) und der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán trafen sich Ende 2025 in Russland.
Viktor Orbán fährt einen gewohnt anti-europäischen Wahlkampf und spielt stark mit den Ängsten der Menschen. Beispielsweise behauptet er, dass die Ukraine eine durch Russland beschädigte Pipeline nicht reparieren würde und dadurch eine Energiekrise in Ungarn drohe. Glauben Sie, dass Orbán Angst vor einer Wahlniederlage hat?
Ich habe wirklich das Gefühl, dass Orbán Angst hat. Die ungarische Opposition ist sehr optimistisch. Die Umfragewerte sind besser als vor der vorherigen Wahl im Jahr 2022. In hybriden Regimen wie Ungarn, die weder eine Demokratie noch eine Diktatur sind, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem die staatliche Propagandamaschine nicht mehr gut funktioniert.

Orbán schürt Angst vor Krieg in Ungarn

Und dieser Zeitpunkt ist in Ungarn nun gekommen?
Ja, die Menschen hier sind so unzufrieden mit Orbáns Regierung. Das weiß Orbán und das macht ihm Angst. Aber wir müssen vorsichtig sein. Orbán ist hemmungslos und er könnte russische Methoden nutzen, um an der Macht zu bleiben. Die Frage ist, wie weit Orbán gehen wird.
Mit welchen Narrativen versucht der ungarische Regierungschef an der Macht zu bleiben?
Es sind sehr einfache Narrative. Orbán möchte die Angst vor einem möglichen Krieg erwecken und damit hat er teilweise Erfolg, weil es eine große Angst in der ungarischen Bevölkerung vor einem Krieg gibt.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp
Wie würde die oppositionelle Tisza-Partei Ungarn denn angeblich in einen Krieg hineinziehen? Was behauptet Orbán?
Es gibt keine wirkliche Argumentation. Orbán lügt und sagt, dass die Tisza-Partei von Péter Magyar der EU dienen und Brüssel sagen würde, Ungarn müsse in einen Krieg ziehen.

Ungarn: Orbán verbreitet Narrative über Selenskyj

Und das glauben die Menschen?
Natürlich, Propaganda wirkt immer. Vor Kurzem wurde in Ungarn eine neue Meinungsforschungsstudie veröffentlicht. Sie besagt, dass in Ungarn genauso viele Menschen Selenskyj hassen wie Putin – und zwar jeweils 65 Prozent. Und das nutzt Orbán für seine teuflische Kampagne, indem er sagt: Die Ukraine ist unser größter Feind.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Die Russen haben vor Wochen die Druschba-Pipeline beschädigt, die russisches Öl durch die Ukraine nach Ungarn transportiert. Nun behauptet Orbán, dass Selenskyj diese Pipeline nicht reparieren will, was nicht stimmt. Orbáns Fidesz-Partei fährt seit Wochen eine riesengroße Kampagne gegen Selenskyj und dieses anti-ukrainische Narrativ ist gut aufgebaut. Wir müssen uns fragen, warum die russische Armee eine Pipeline bombardiert, mit der Russland viel Geld verdient.

Ungarn-Abgeordneter erhebt schwere Vorwürfe gegen Orbán und Putin

Wie lautet Ihre Vermutung?
Es gibt nur einen Sinn: Orbán kann die beschädigte Pipeline für seine anti-ukrainischen Narrative nutzen. Ich glaube, Orbán wusste, dass US-Präsident Donald Trump einen Krieg im Nahen Osten starten wird und dadurch die Ölpreise stark ansteigen werden. In Westeuropa kann man sich nicht vorstellen, wie groß Orbáns Schmutzkampagne gegen die Ukraine ist. Ich schäme mich sehr dafür.
Verstehe ich Sie richtig, dass die Beschädigung der Pipeline kein Versehen war, sondern dass Orbán diesen Angriff mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin abgesprochen hat?
Wir haben dafür zwar keinen Beweis, aber der Angriff ergibt keinen anderen Sinn. Warum sollte Russland die Pipeline zerstören, wenn Putins Land damit so viel Geld verdient? Ich glaube, dass das Bombardement eine abgesprochene Aktion gewesen ist.

Ungarn-Gerücht: Sind Putins Helfer in Budapest, um Orbán zu helfen?

In ungarischen Medien kursiert das Gerücht, dass russische Politologen in Ungarn sind, um Orbán beim Wahlkampf zu unterstützen. Stimmt das?
Wahrscheinlich schon. Der Journalist, der darüber berichtet hatte, ist meistens sehr gut informiert. Aber er sagt auch: Es ist nicht wichtig, dass Putins Helfer in Ungarn sind. Orbáns Unterstützung kann genauso gut aus Russland organisiert werden.
Wie unterstützt Russland die Fidesz-Partei?
Seit Jahren arbeitet Orbán mit Russland zusammen. Was nun neu ist: Russland hatte bei den letzten Wahlen in Rumänien und Moldau massiv in den Wahlkampf eingegriffen. In beiden Ländern startete der russische Geheimdienst circa einen Monat vor den Wahlen riesige Social-Media-Kampagnen.
Und wie?
Russland kaufte viele Influencer und Seiten auf Facebook und TikTok – teilweise mit nur geringer Reichweite –, die vier Wochen vor den Wahlen pro-russischen Nachrichten verbreiteten. Und das gleiche Prinzip befürchte ich nun auch in Ungarn. Wir sehen bereits, dass das geschieht. Wenn beispielsweise Orbán-nahe Zeitung neue Artikel online veröffentlichen, erhalten die Posts plötzlich tausende Likes.

Sorge vor Wahlmanipulation in Ungarn

Falls Orbán trotz dieser Taktiken die Wahl verlieren sollte, glauben Sie, dass er das Wahlergebnis anerkennen wird? Oder könnte er die Wahl kurzfristig noch verhindern?
Verhindern wird Orbán die Wahl wohl nicht. Aber er wird weiter und vermutlich noch stärker betrügen.
Könnte das Wahlergebnis gefälscht werden? Beispielsweise wie vermutlich  in Georgien?
Das befürchte ich. Obwohl es in Georgien offensichtlich einen Wahlbetrug gegeben hatte, reiste Orbán nur zwei Tage später in das Land, um dem Präsidenten zu gratulieren. Und ich vermute, dass etwas Ähnliches in Ungarn passieren wird. Nur, dass nach einem Wahlbetrug vermutlich der US-Außenminister Marco Rubio nach Ungarn kommen würde, um zu gratulieren. Wenn Orbán so betrügt wie bisher, wird er die Wahl verlieren. Aber er kann noch viele Methoden nutzen, um seine Macht zu erhalten. Wir müssen abwarten. (Quellen: eigene Recherche) (Interview: Jan-Frederik Wendt)

Rubriklistenbild: © Alexander Nemenov/Pool AFP via AP/dpa

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