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IPPEN.MEDIA-Interview
„Größtes Versagen der Republik“: Grüner Banaszak geißelt Russlandpolitik
Die Ampel will bei den Ukraine-Hilfen sparen. Grünen-Experte Felix Banaszak warnt vor „kleingeistiger“ Politik und schießt gegen Olaf Scholz.
Berlin/Duisburg – Man trifft sich im Grünen. Der Garten im Hof hinter dem Wahlkreisbüro in Duisburg ist wild – „alles bienenfreundlich“, sagt Felix Banaszak. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete, der mal mit der wohl kürzesten Rede in der Geschichte des Bundestags für Aufsehen gesorgt hatte, stammt aus dem Ruhrgebiet, ist regelmäßig hier.
Ampel-Streit bei Ukraine-Hilfen und Nord Stream 2: „Größter wirtschaftspolitischer Fehler“
Jetzt sorgt er wieder für Aufsehen. Diesmal, weil er im Alleingang einen Untersuchungsausschuss zum Bau der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 fordert und dabei auch gegen den Koalitionspartner SPD schießt. Kürzlich war öffentlich geworden, dass Vertreterinnen und Vertreter der Großen Koalition vor 2021 die Planungen zu dem umstrittenen russisch-deutschen Energieprojekt aktiver vorangetrieben hatten als bislang bekannt. Im Interview mit IPPEN.MEDIA erklärt Banaszak, warum er das für den größten wirtschaftspolitischen Fehler seit Bestehen der Bundesrepublik hält. Außerdem spricht er über die Eignung von Olaf Scholz als Bundeskanzler, die Sparpläne der Ampel bei Ukraine-Hilfen und darüber, warum die Grünen gerade so schlechte Zustimmungswerte haben.
Herr Banaszak, Sie haben es mit einem AfD-Vierzeiler im Bundestag mal prominent in die Schlagzeilen geschafft. Haben Sie schon ein Nord-Stream-2-Gedicht in der Schublade?
Die Idee zu dem Gedicht ist mir damals erst auf dem Weg zum Plenum gekommen, als ich – wie viele andere auch – spätabends extra für eine Abstimmung zu einem unsäglichen AfD-Antrag nochmal hingefahren bin. Ich will mir nicht von morgens bis abends die Agenda von Demokratiefeinden diktieren lassen. Statt bierernst zu reden, schien mir das die angemessene Reaktion auf die durchschaubare AfD-Strategie zu sein. Beim Thema Nord Stream wäre ein Vierzeiler wohl nicht angemessen.
Weil das Thema zu groß ist?
Ein Großteil der Probleme, die wir heute bewältigen müssen, hat mittelbar oder unmittelbar mit Entscheidungen der Großen Koalition in der Russland-Politik und mit Nord Stream 2 im Speziellen zu tun. Noch heute zahlen wir den Preis für die Abhängigkeiten, in die wir hineinmanövriert wurden. Wenn man da lyrisch rangehen wollte, müsste es wohl eine Ballade im Format von Schillers Glocke sein.
Grünen-Politiker Banaszak will Untersuchungsausschuss wegen Nord Stream 2: SPD sperrt sich
Sie fordern einen Untersuchungsausschuss zu Nord Stream 2. Die SPD sperrt sich. Selbst wenn alle Grünen im Bundestag mitziehen, werden Sie nicht genug Stimmen dafür haben. Ist ihr Vorstoß Symbolpolitik?
Nord Stream 2 ist das größte außen-, energie- und wirtschaftspolitische Versagen seit Bestehen der Bundesrepublik. Mir scheint es so notwendig wie selbstverständlich, dass es aufgearbeitet wird – ohne Rücksicht auf politische Rituale. Wie wollen wir für die Zukunft lernen, wenn wir die Vergangenheit nicht verstehen?
Sie meinen, ohne Rücksicht auf den aktuellen Koalitionspartner SPD?
Mein Impuls ist nicht gegen die SPD gerichtet. Ich nehme aber zur Kenntnis, dass sie sich angesprochen fühlt.
In Ihren Beiträgen dazu kommt aber vor allem die SPD nicht gut weg.
Nun, die Intensität der Fehlentscheidungen mit Blick auf Nord Stream 2 und den Umgang mit Putins Russland ist bei der SPD größer als bei anderen Parteien. Das hat auch mit einer historischen Verklärung der Ostpolitik Willy Brandts und Egon Bahrs zu tun. Dazu kam die Orientierung an kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen, die von der Union leider genauso verfolgt wurde: vermeintlich billiges Gas für BASF und Co. Die Rolle der Industrie ist ein Kapitel für sich. Darum geht es aber nicht im Kern. Wenn wir jede Frage nach politischer Verantwortung danach beantworten, ob die Verantwortlichen gerade unsere Freunde sind oder nicht, kommen wir unserem demokratischen Auftrag als Abgeordnete nicht nach.
Nord Stream 1 ist noch unter Rot-Grün beschlossen worden. Da fordern Sie keinen Untersuchungsausschuss?
Der CDU-Abgeordnete Patrick Schnieder hat genau das mal in einer Debatte ins Spiel gebracht. Und alle aus unserer Fraktion haben gesagt: Deal, let’s do it, können wir gerne machen! Ich habe überhaupt kein Problem damit, auch dieses Kapitel anzuschauen. Es gab auch fragliche Entscheidungen von Grünen bei dem Thema. Herr Schnieder hat den Ball leider nicht wieder aufgenommen. Vielleicht war es ja auch nur ein Ablenkungsversuch.
„Beim Thema Nord Stream wäre ein Vierzeiler wohl nicht angemessen“, sagt Felix Banaszak im Gespräch mit Redakteur Peter Sieben. Der Grünen-Abgeordnete fordert einen Untersuchungsausschuss.
Auch Kanzler Olaf Scholz hat nach neuen Erkenntnissen Nord Stream 2 als damaliger Finanzminister aktiv vorangetrieben. Geht er transparent damit um?
Ich habe umfassende Akteneinsicht unter anderem beim Finanzministerium und beim Kanzleramt beantragt. Derzeit führe ich regen Briefwechsel mit beiden Stellen, in dem es um die Herausgabe von Informationen geht. Sagen wir so: Mein Bedürfnis nach Transparenz ist höher, als es bislang von Olaf Scholz gestillt wird.
Wie bewerten Sie die Russlandpolitik der aktuellen Bundesregierung?
Die Unsicherheit in der Bevölkerung ist groß. Gerade dann braucht es aber Klarheit und Überzeugungskraft in der Argumentation. Olaf Scholz warnt bei jeder Forderung nach zusätzlicher Unterstützung – etwa weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine – vor Eskalation. Und dann holt die Realität ihn ein, das vorher Abgewehrte kommt, die Eskalation bleibt - Huch! - aus, und ein paar Wochen später geht das Spiel von vorne los. Das macht die Verunsicherung größer. Orientierung kann wohl nur geben, wer Orientierung hat.
Also ist Olaf Scholz der falsche Mann für den Kanzler-Posten?
Es hat Gründe, warum wir 2021 eine eigene Kanzlerkandidatin aufgestellt haben.
Zu wenig Geld für Ukraine-Hilfe? „Einige haben das imperialistische Wesen Wladimir Putins noch immer nicht verstanden“
Wen stellen die Grünen denn beim nächsten Mal auf?
Robert Habeck wird die zentrale Figur im nächsten Bundestagswahlkampf für die Grünen sein. Aber die Frage, um die es geht, ist: Mit welcher Botschaft und mit welchen Inhalten gehen wir ins Rennen? Die Wählerinnen und Wähler sollen nicht nur wissen, wen, sondern auch was sie wählen.
Glauben Sie, die aktuelle Debatte über Sparpläne bei Ukrainehilfen könnte an Putin das Signal senden, der Westen habe kein Durchhaltevermögen?
Die militärische Unterstützung der Ukraine ist kein Almosen, sondern eine Investition in unsere Friedens- und Sicherheitsordnung. Es wäre ein historischer Fehler, die Sicherheit Deutschlands und Europas auf dem Altar kleingeistiger Finanzpolitik zu opfern. Manchmal scheint mir, dass einige das imperialistische Wesen Wladimir Putins noch immer nicht verstanden haben. Die Bundesregierung sollte schnell und unmissverständlich klarstellen, dass die Ukraine weiter unsere volle Unterstützung hat – und dafür haushaltspolitisch die Weichen stellen.
Die große Gefahr nach so einer Wahlniederlage ist, dass man in die Falle tappt, einfach das zu sagen, was man schon vor der Wahl als Kurs durchsetzen wollte. Ich plädiere für eine gründliche Analyse. Beispiel Klimapolitik: Allein, weil die Realität ist, wie sie ist, müssen wir beim Klimaschutz noch mehr Tempo gewinnen. Das zeigen schon die vielen Extremwetter-Ereignisse auch in diesem Sommer. Aber wenn unsere Klimapolitik erfolgreich sein soll, muss sie sozial gerecht austariert sein. Wir dürfen uns nicht in der Debatte verlieren, ob wir Politik für unsere vermeintliche Kernklientel machen oder vor allem für die anderen. Die große Stärke der besonders erfolgreichen Jahre, in denen Annalena Baerbock und Robert Habeck den Parteivorsitz innehatten, war, diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen und zu sagen: Wir sind eine grüne Partei, die grüne Politik macht, und wir verbinden das mit einer Ansprache an die Teile der Bevölkerung, die nicht immer schon bei uns waren. Daran sollten wir wieder anknüpfen.
Das scheint nicht gut funktioniert zu haben, wenn man sich die Wahlergebnisse oder die Umfragen vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland anschaut. Es gibt Menschen, die fühlen sich bevormundet von grüner Politik. Thüringens grüner Umweltminister Bernhard Stengele sagt, die Grünen seien für viele Menschen wie Monster. Woran liegt das?
Die gesamte politische Landschaft um uns herum hat es sich aus unterschiedlichen Motiven in den letzten Jahren zum Ziel gesetzt, die Grünen in eine möglichst schwierige Position zu bringen. Und ja: auch die eigenen Koalitionspartner. Die Angriffe sind zum Teil unterirdisch, aber sie verfangen. Natürlich haben die Grünen auch Fehler gemacht. Wir machen es unseren Gegnern zu häufig zu leicht.
Inwiefern?
Durch handwerkliche Fehler, beim Gebäudeenergiegesetz etwa. Und auch dadurch, dass wir nicht ausreichend vorbereitet auf solche Angriffslinien sind. Wir haben eigene Ideen und Vorschläge oft nicht ausreichend auf mögliche Missinterpretationen und gezielte Verhetzbarkeit überprüft.
Ihr Wahlkreis liegt in Duisburg. Ein großes Thema dort ist Thyssenkrupp Steel. Das Unternehmen will grünen Stahl herstellen, Bund und Land subventionieren das mit Milliardenbeträgen. Der Mutterkonzern hat indes zuletzt einen großen Teil der Stahlsparte an einen tschechischen Milliardär verkauft. Glaubt man dort gar nicht an eine grüne Transformation?
Der Vorstand und die Belegschaft im Stahlunternehmen sind sehr klar überzeugt von der Transformation. Die arbeiten seit vielen Jahren mit großer Expertise daran. Der Mutterkonzern hat in guten Zeiten die Gewinne sehr gern mitgenommen. Sich jetzt, da es schwieriger wird, vom Stahl trennen zu wollen, ist zwar legitim. Aber für mich ist ein zentraler Grundsatz unserer sozialen Marktwirtschaft, dass Eigentum auch verpflichtet: gegenüber den Beschäftigten und der Allgemeinheit. Und die Thyssenkrupp AG wird dieser Verpflichtung derzeit nicht gerecht. Ich hoffe sehr, dass es bald einen Kurswechsel gibt.
Gibt es etwas, das Sie an Duisburg vermissen, wenn Sie in Berlin sind?
Ich liebe an Duisburg, dass sich die Menschen hier nicht unnötig wichtig nehmen. Und dass man sich einfach ein bisschen weniger Bullshit erzählt, als es im sogenannten politischen Berlin manchmal passiert.
Und Currywurst? Ruhrgebiet oder Berlin?
An der Stelle erfülle ich das grüne Klischee, dass es eine vegetarische sein sollte. Und dann bin ich für beide Varianten offen.