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Buch erklärt das System Orbán

Vorbild selbst für Trump: Wie Orbáns Macht funktioniert – und warum die Zeit drängt

Ungarn als „Wallfahrtsort“ für Rechte: Petra Thorbrietz erklärt in ihrem Buch das System Orbán – die Autorin warnt Europa eindringlich.

Auf seine ganz eigene Weise ist er ein Phänomen: Viktor Orbán ist Regierungschef von knapp zehn Millionen Ungarinnen und Ungarn – und damit nicht gerade ein Schwergewicht. Aber er hält permanent die EU und immer wieder die NATO in Atem, ist eine Art Posterboy für gewisse politische Kreise, ein „Vorbild“ für Amtskollegen. Offenbar sogar für den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Warum? Gerade weil er dabei ist, mitten in Europa die Demokratie auszuhebeln.

Wie hat Orbán das geschafft? Die Journalistin Petra Thorbrietz hat das in ihrem Buch „Wir werden Europa erobern!“ (Kunstmann, 25 Euro) ausführlich analysiert – und zwar nicht mit einem reinen Außenblick: Thorbrietz ist seit 40 Jahren mit einem Ungarn mit durchaus schillernder Verwandtschaft verheiratet. Und so kommen Oppositionspolitiker und kritische Journalisten genauso zu Wort wie ein hochrangiger Militär aus Zeiten des Warschauer Pakts oder Orbán-Sympathisanten. Zwischen den Zeilen spricht einige Zuneigung zu Ungarn als Land. Jedenfalls zu seinen Landschaften. Und der Gesellschaft, die es einmal bevölkerte.

Das Fazit fällt aber klar aus: Europa müsse den Fall Ungarn jetzt analysieren und „Konsequenzen ziehen“ – „bevor die EU an ihren inneren Feinden zerbricht“, schreibt Thorbrietz. Gerade erst wieder hat Ungarn eine EU-Delegation brüskiert.

Orbán startete als „Liberaler“: Warum er die Seiten wechselte – und worauf sein Erfolg fußt

Viktor Orbán, einige wissen das, hatte seinen Start ins Politikerleben nicht als „illiberaler“ Rechtsaußen: Im Juni 1989 hielt ein 26 Jahre alter Orbán, schlank und bärtig, eine inhaltlich unabgesprochene Rede bei einer Gedenkfeier für Imre Nagy, einen Helden des ungarischen Volksaufstandes gegen die eiserne kommunistische Herrschaft. Orbán forderte den Abzug der Sowjets. Ein Eklat. Wenig später gründete er Fidesz – als Partei junger Liberaler. Schon in den 90ern aber setzte Orbán Kurs nach Rechtsaußen. Er hätte sonst wohl „die Macht mit anderen liberalen Kräften teilen müssen“, zitiert Thorbrietz die frühere Fidesz-Politikerin Zsuzsanna Szelényi.

Ungarns Regierungschef Orban unterstützt zum Unmut der EU-Partner die Politik von US-Präsident Trump. (Archivbild)

Was im Detail folgte, ist naturgemäß komplex; genug Stoff für rund 350 Seiten Buch. Eine Seite ist der Nährboden für Orbáns Politik – ein wirtschaftlicher „Ausverkauf“ Ungarns nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts (wie ihn etwa auch Russland erlebte), eine tief verwurzelte „nationale“ Sichtweise im Land, die Thorbrietz urteilsfrei erläutert. Oder der andere Blick auf „Freiheit“ in Ungarn: Im Westen gehe es um Pluralismus. „In Osteuropa, wo es seit Jahrhunderten immer wieder ausländische Besatzer gab, bedeutet Freiheit in erster Linie Unabhängigkeit. Das ist ein Riesenunterschied.“ Orbán betont immer wieder Ungarns „Souveränität“.

Die andere Seite sind Orbáns Setzkasten der Machtsicherung – und die EU. 55 Milliarden Euro habe Ungarn seit 2007 von der EU erhalten, rechnet Ex-Nationalbankchef György Surányi vor. So viel wie einst der gesamte Marshallplan für Westeuropa. Allerdings seien Ungarns Regionen so arm wie eh und je: „Die Finanzhilfen sollten die Demokratie entwickeln. Doch sie haben in Ungarn etwas genährt, das sich nur als Demokratie getarnt hat.“ Dennoch zögere gerade die EU-Kommission immer wieder, Maßnahmen zu ergreifen. Vielleicht auch, weil etwa die deutsche Autoindustrie Interessen hat – Daimler, Audi oder BMW sind im Land.

Orbáns Macht in Ungarn – ist eine Wahlniederlage überhaupt noch möglich?

Sehr viel deutet darauf hin, dass sich Orbán mit einem System von Helfern, Schikanen gegen ausländische Unternehmen und folgenden Übernahmen weitreichendsten Zugriff auf die Wirtschaft gesichert hat. Vor allem aber auf Ausschreibungen, in denen es um EU-Gelder geht. Die Einzelheiten setzt das Buch auseinander – der Effekt ist, dass es Orbáns Zirkel an Macht, Einfluss, Geld nicht fehlt. Auch staatliche Einrichtungen, Grundstücke und Betriebe seien Recherchen ungarischer Oppositionsmedien zufolge an Privatstiftungen gegangen – Stiftungen, die offenbar wiederum Fidesz nahestehen.

„Wir werden Europa erobern!“ – Das neue Buch über Viktor Orbán von Petra Thorbrietz

Noch schmerzhafter ist nicht nur aus Thorbrietz‘ Sicht, dass Ungarns Regierung ihren Griff um die Medien fest geschlossen hat. „Schmutzkampagnen“ gegen Gegner und Dissidenten seien an der Tagesordnung – die Autorin verweist auf eine Erhebung des parteilosen Politikers Ákos Hadházy: Ihr zufolge bekam im Sommer 2023 die Opposition vier Prozent der TV-Sendezeit. „Üble Nachrede“ an ihre Adresse habe zwölf Prozent eingenommen. Da zugleich fast die Hälfte der Werbeausgaben im Land „alleine auf die Regierung“ entfalle, wolle es sich kaum ein großes Medium mit Orbán verscherzen. Und Flächen oder Zeit für Wahlwerbung zu mieten, scheine mittlerweile nahezu unmöglich.

Und dann ist da noch das Wahlsystem zum ungarischen Parlament. Sukzessive hat Fidesz dieses „optimiert“. Thorbrietz erklärt auch wie: Zweite Wahlgänge in Direktwahlbezirken wurden abgeschafft – ein Vorteil für die stärkste Partei, so können Kontrahenten schwerer paktieren. Und der Vorsprung dieser Direktwahl-Ergebnisse wird gleich auf die Listenstimmen der Parteien aufgeschlagen. So ist selbst unklar, ob ein aktueller Umfrage-Champion wie Peter Magyar noch Chancen auf einen Wahlsieg hat. Solche „Justierungen“ im Stile Orbáns sieht auch ein Experte aus Österreich als größte der von FPÖ ausgehenden Gefahren dort.

Trump, Fico, Wilders, FPÖ lernen von Orbán – nächstes Großtreffen in Budapest naht

Dass andere Rechtsaußen, Populisten und Freunde der eingeschränkten Demokratie von Orbán „lernen“, scheint alles andere als abwegig. „Experten“ aus Ungarn haben am „Project 2025“ mitgefeilt, das der neuen Trump-Administration eine strategische Basis liefert. Der Slowake Robert Fico bedient sich ebenfalls kräftig am illiberalen Baukasten. Und im rechten „Wallfahrtsort“ Budapest findet das „CPAC“ statt, zu dem gerne Figuren wie der niederländische Populist Geert Wilders – verheiratet mit einer Ungarin – anreisen. Ende Mai steht die nächste Ausgabe an. „Das Zeitalter der Patrioten dämmert herauf“ jubilieren die Veranstalter auf ihrer Webseite.

Promis, Premieren und Problemfälle: Das ist Ursula von der Leyens neue EU-Kommission

Informeller EU-Gipfel
Ursula von der Leyen (Deutschland): Von der Leyen ist zum zweiten Mal EU-Kommissionschefin. Eine ihrer wichtigen Aufgaben ist es, den EU-eigenen Institutionen Gewicht zu verleihen und Kompromisse zu finden – auch im Austausch mit den Staats- und Regierungschefs, im „EU-Rat“. Hier ist sie bei einem informellen Treffen in Budapest zu sehen; im EU-blauen Blazer. © Kay Nietfeld
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Kaja Kallas (Estland, Liberale): Sechs Kommissions-Vizepräsidentinnen und -präsidenten hat von der Leyen. Eine davon ist Kaja Kallas. Als Außenbeauftragte der EU ist ihr ohnehin eine besondere Rolle zugedacht. Die Estin gilt als vehemente Unterstützerin der Ukraine und Vertreterin eines harten Kurses gegenüber Wladimir Putins Russland. Ihr großes Ziel: Die 27 Staaten auf eine gemeinsame Position und Stimme zu einen. © Kay Nietfeld/dpa
Am Ende ist es gutgegangen: Italiens neuer EU-Kommissar Raffaele Fitto und Giorgia Meloni bei einer Militärparade.
Raffaele Fitto (Italien, EKR): Über die Personalie Fitto wurde im EU-Parlament heftig gestritten. Der Grund: Der Italiener gehört Giorgia Melonis Partei Fratelli d‘Italia an. Er ist der erste Politiker rechts der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP), der Kommissions-Vizepräsident wird. Vorgeworfen wurden ihm unter anderem Voten zugunsten Ungarns im Rechtsstaats-Streit mit Viktor Orbán. Mit seinem Fach, der Regionalentwicklung in der EU, kennt sich Fitto aber recht gut aus. Er gehörte jedenfalls lange dem zugehörigen Ausschuss an.  © Luigi Mistrulli/picture-alliance/dpa/IPA/Zuma
Teresa Ribera Rodriguez (Spanien, Sozialdemokraten): Auch für Kommissions-Vizepräsidentin
Teresa Ribera Rodriguez (Spanien, Sozialdemokraten): Auch für Kommissions-Vizepräsidentin Teresa Ribera war die Bestätigung durch das EU-Parlament kein Spaziergang. Die neue Wettbewerbs-Kommissarin amtierte zuvor als Spaniens Ministerin für „ökologischen Umbau“. Die Konservativen im Land machten ihr Vorwürfe in Zusammenhang mit der Flutkatastrophe in Valencia. Vielleicht auch aus taktischen Erwägungen. Der Streit endete mit einem Kuhhandel: Die Sozialdemokraten ließen Fitto passieren, die EVP Ribera. © IMAGO/Belga
Stéphane Séjourné (Frankreich, Liberale)
Stéphane Séjourné (Frankreich, Liberale): Eher indirekten Theaterdonner gab es um die Nominierung von Industrie-Kommissar und Vizepräsident Sejourné. Eigentlich wollte Emmanuel Macron noch einmal Thierry Breton als Kommissar sehen. Breton hatte in Brüssel polarisiert, unter anderem mit seinem Einsatz für Atomkraft – von der Leyen bat um eine Alternative. Die wurde in Sejourné gefunden. Der amtierte zuvor einige Monate lang als Frankreichs Außenminister. © Kay Nietfeld/dpa/picture-alliance
Henna Virkkunen (Finnland, Konservative) kommissarin technische souveränität
Henna Virkkunen (Finnland, Konservative): Auch Finnland bekommt eine Vizepräsidentin. Von 2008 bis 2014 war Virkkunen Ministerin in der Heimat – nacheinander für Bildung, öffentliche Verwaltung und (kurz) auch Verkehr. Ab 2014 war die 1972 geborene Konservative EU-Abgeordnete und zuletzt Leiterin der finnischen Delegation in der konservativen EVP. Ihr neuer Posten hat durchaus Relevanz: Als Kommissarin kümmert sich Virkkunen um „Technische Souveränität, Sicherheit und Demokratie“ – Stichwort Cyberattacken und Desinformation. © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Roxana Minzatu (Rumänien, Sozialdemokraten) Kompetenzen Vorsorge Kommissarin
Roxana Minzatu (Rumänien, Sozialdemokraten): „Menschen, Kompetenzen und Vorsorge“ sind die inhaltlichen Aufgaben der ersten rumänischen Vizepräsidentin in der Geschichte der Kommission. Kleinere Verstimmungen gab es eher zu ihrem Titel als zu ihrer Person: Einige Abgeordnete hätten gerne auch die Worte „Bildung“ und „Beschäftigung“ über ihrem Portfolio gesehen. In der Heimat war Minzatu schon Staatssekretärin und kurzzeitig Ministerin. Beide Male ging es auch um die Verteilung von EU-Mitteln. © Denis Lomme/EP
Andrius Kubilius litauen konservative verteidigungs kommissar eu
Andrius Kubilius (Litauen, Konservative): Erstmals gibt es einen EU-Verteidigungskommissar – bemerkenswerterweise kommt er wie die Außenbeauftragte aus dem Baltikum. Kubilius ist in seiner Heimat höchst bekannt. Und in Russland Persona non grata. Kubilius war Litauens Premier, Chef der konservativen Vaterlandsunion und später Berater des damaligen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Der Kreml verhängte ein Einreiseverbot. © Philipp von Ditfurth/dpa/picture-alliance
Valdis Dombrovskis (Lettland, Konservative) kommissar eu wirtschaft
Valdis Dombrovskis (Lettland, Konservative): „Sie kennen mich“ hätte Dombrovskis (li.) den EU-Parlamentariern zurufen können – der dritte Balte im Reigen ist schon seit 2014 Kommissar. Zuerst war er für den Euro zuständig, dann für Wirtschaft, ab 2020 schließlich für Handel. Nun heißt sein Portfolio wieder „Wirtschaft“; hinzu kommt „Vereinfachung“. Dombrovskis kennt das Feld und auch viele Minister auf dem internationalen Parkett. Mit einem kleinen Dämpfer muss er aber leben: 2019 noch machte ihn von der Leyen zu einem ihrer Vize. Das ist nun passé. © IMAGO/Nicolas Landemard
Dubravka Šuica (Kroatien, Konservative) EU-Kommissarin bei einer Papst-Audienz
Dubravka Šuica (Kroatien, Konservative): Unter der schönen Überschrift „Neuer Schwung für die Europäische Demokratie“ war Šuica schon Mitglied der Kommission „von der Leyen I“ – Demokratie und Demografie lauteten ihre Aufgaben. Eine Privataudienz beim Papst (im Foto) stand auch auf dem Programm. Die Kroatin hat nun ein taufrisches Amt bekommen: Kommissarin für den Mittelmeerraum. Diesen Posten gab es seit den 90ern nicht mehr. Eng zusammenarbeiten wird Šuica wohl mit der Außenbeauftragten Kaja Kallas. Anders als die ist aber nicht (mehr) Vize-Präsidentin. © IMAGO/VATICAN MEDIA / ipa-agency.net
Hadja Lahbib kommissarin Katastrophenmanagement befragung brüssel belgien
Hadja Lahbib (Belgien, Liberale): Kritische Fragen musste sich Lahbib bei ihrer Befragung im Europaparlament anhören: Sie galt einigen Beobachtern als zu unerfahren – und hat mit „Resilienz und Krisenmanagement“ sowie „Gleichstellung“ ein gewichtiges Portfolio. Lahbib hatte zwar seit 2022 als belgische Außenministerium schon eine herausgehobene Position. Schon diese Nominierung war aber eine massive Überraschung. Lahbib arbeitete bis dahin als Journalistin und war Quereinsteigerin in die Politik. Beruflich hatte sie allerdings schon mehrfach aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet. © Virginia Mayo/dpa/picture alliance
Maria Luís Albuquerque (Portugal, Konservative): Einen interessanten Posten hat Portugals Vertreterin erhalten:
Maria Luís Albuquerque (Portugal, Konservative): Einen interessanten Posten hat Portugals Vertreterin erhalten: Maria Luís Casanova Morgado Dias de Albuquerque ist Kommissarin für Finanzdienstleistungen und für die „Spar- und Investitionsunion“. In den schwierigen Jahren 2013 bis 2015 war die 57-Jährige Finanzministerin. Später wechselte sie zu den Finanz-Playern Arrow Global und Morgan Stanley. Die Finanzwirtschaft findet das gut – im Parlament sorgte es auch für Argwohn. Die Politikerin versprach nun, sie werde sich vor allem um finanzielle Stabilität kümmern. © IMAGO/Wiktor Dabkowski
Piotr Serafin (Polen, Konservative) Haushalt EU Kommission PO
Piotr Serafin (Polen, Konservative): Der Machtwechsel in Polen hat auch Folgen in Europa. Die letzten fünf Jahre kam Warschaus Kommissar aus der PiS. Der neue Regierungschef Donald Tusk sendet nun mit Serafin einen engen Vertrauten. Schon von 2008 bis 2010 war der – in zweiter Reihe – in polnischen Tusk-Kabinetten dabei. Als Tusk 2014 bis 2019 EU-Ratschef war, stand ihm Serafin als Büroleiter zur Seite. Er gilt als zuverlässiger Arbeiter. Nun soll er von der Leyens EU-Haushalt erst schmieden, dann zusammenhalten. © IMAGO/Wiktor Dabkowski
Dan Jørgensen (Dänemark, Sozialdemokraten) Energie wohnen eu kommission
Dan Jørgensen (Dänemark, Sozialdemokraten): Jørgensen war eine Art Megatalent der dänischen Politik: 2004 mit 29 ins Europaparlament gewählt, seit dem 38. Lebensjahr Minister. Seit 2019 war der Sozialdemokrat für Klimapolitik zuständig. In der Kommission kümmert er sich nun um „Energie und Wohnen“ – da gibt es jedenfalls Schnittpunkte. Als Dänemarks Vertreter folgt Jørgensen auf die prominente Wettbewerbspolitikerin Margrethe Vestager. © IMAGO/Thomas Traasdahl
Apostolos Tzitzikostas (Griechenland; Konservative) Kommissar Verkehr
Apostolos Tzitzikostas (Griechenland; Konservative): 2015 wollte Tzitzikostas Parteichef der konservativen Nea Dimokratia werden – und verpasste die Stichwahl. Das Rennen machte Kyriakos Mitsotakis. Er entsandte den Ex-Rivalen jetzt nach Brüssel, die Nominierung gilt als Wink an rechte Hardliner. Denn Tzitzikostas ist einerseits ein erfahrener Regionalpolitiker, hat andererseits aber schon für Trouble gesorgt; etwa mit einer freundlichen Haltung gegenüber der mittlerweile verbotenen faschistischen Partei „Goldene Morgenröte“. Lenken soll Tzitzikostas das eher unheikle Ressort Verkehr und Tourismus. © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Ekaterina Sachariewa (Bulgarien; Konservative) kommission forschung startups innovation
Ekaterina Sachariewa (Bulgarien; Konservative): Sachariewa ist keine Unbekannte auf europäischem Parkett – das Foto zeigt sie 2020 als bulgarische Außenministerin mit den Amtskollegen Jean Asselborn (li.) und Luigi Di Maio. Ministerin für regionale Entwicklung und Justizministerin war Sachariewa auch schon. Kritiker – darunter die Organisation LobbyControl – sehen Verdachtsfälle fragwürdiger Amtsführung nicht ausgeräumt. So oder so darf sich Sachariewa jetzt in ein neues Feld einarbeiten: Start-ups, Forschung und Innovation.  © picture alliance/dpa/European Council
Michael McGrath (Irland, Liberale) kommissar justitz demokratie rechtsstaat
Michael McGrath (Irland, Liberale): Ein konservativer Liberaler kommt aus Irland nach Brüssel. McGrath hat sich in Dublin vor allem mit Finanzen befasst, auch als Minister. Das passte offenbar ganz gut: Er hat zuvor unter anderem als Wirtschaftsprüfer gearbeitet. Das Portal „Politico“ beschreibt McGrath als Freund harter Arbeit und eher scheu gegenüber strategisch-taktischen Politikspielen. Der siebenfache Vater amtiert nun als Kommissar für Demokratie, Justiz und Rechtsstaatlichkeit. Zumindest ein wenig kontrovers wirkten dabei McGraths Skepsis gegenüber gleichgeschlechtlicher Ehe und liberalem Abtreibungsrecht. © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Magnus Brunner (Österreich, Konservative) oevp kommissar migration
Magnus Brunner (Österreich, Konservative): Mitte August 2024 waren Brunner (Mi.) und Christian Lindner (2.v.r.) noch Finanzminister-Amtskollegen. Ende des Jahres ist der Österreicher bereits EU-Kommissar und Lindner einfacher Abgeordneter. Gemütlicher hatte es ÖVP-Mann Brunner daheim aber auch nicht: Erst kurz vor der Nationalratswahl im September veröffentlichte er nach oben korrigierte Defizitzahlen – ein Eklat. Trotzdem ist er in Brüssel nun für ein Großthema verantwortlich: Inneres und Migration. Eher überraschend votierten dabei auch die Sozialdemokraten für Brunner. © Gian Ehrenzeller/picture alliance/dpa/KEYSTONE
Jessika Roswall (Schweden, Konservative) eu kommissarin umwelt
Jessika Roswall (Schweden, Konservative): Mit der EU hatte Roswall schon vor ihrer Nominierung als Kommissarin zu tun. Ab 2019 war sie EU-politische Sprecherin der schwedischen Moderater, ab Oktober 2022 sogar Ministerin für EU-Angelegenheiten. Nicht ganz so firm schien die Juristin bei ihrer Parlamentsbefragung zum neuen Metier zu sein: Umwelt, Wasser und Kreislaufwirtschaft. Bei den Antworten zu letzterem Gebiet waren die Abgeordneten noch zufrieden. An den umweltpolitischen Kenntnissen gab es hörbare Zweifel, wie unter anderem „Euractiv“ berichtete. © IMAGO/Mikaela Landeström/TT
Christophe Hansen (Luxemberg, Konservative) landwirtschaft kommissar
Christophe Hansen (Luxemberg, Konservative): Hansen ist ein Kind der EU – jedenfalls beruflich. 2007, mit Mitte 20, wurde er Mitarbeiter der Abgeordneten Astrid Lulling. Fortan bekleidete er verschiedene Funktionen rund um das Thema EU, meist aus Luxemburger Perspektive. Seit 2019 ist Hansen Parlamentarier, seit 2022 als „Quästor“ Verbindungsmann zwischen Parlamentsverwaltung und Abgeordneten. Hansen hat mit dem Thema Landwirtschaft ein auch finanziell gewichtiges Ressort erhalten. Als Handels- und Umweltpolitiker hatte er schon mit einigen Aspekten zu tun. © IMAGO/Dwi Anoraganingrum
Wopke Hoekstra (Niederlande, Konservative) kommission von der leyen klima shell
Wopke Hoekstra (Niederlande, Konservative): Hoekstra ist eine Konstante in von der Leyens Kommission. Er behält die Zuständigkeit für das Klima – allerdings hatte er das Amt auch erst im Oktober 2023 von Frans Timmermans übernommen. Für Unruhe sorgte, dass Hoekstra seine berufliche Karriere just beim Öl-Riesen Shell begonnen hatte. In seinem Lebenslauf steht auch Minister-Erfahrung – fünf Jahre war Hoekstra Finanz-Ressortchef, 21 Monate lang Außenminister. Kritiker meinen, der Niederländer sei eher Experte für die steuerlichen Dimensionen seines Amtes. Die Bestätigung des Parlaments erhielt er 2024 dennoch nahezu geräuschlos. © IMAGO/Dominika Zarzycka/SOPA Images
Glenn Micallef (Malta, Sozialdemokraten) kommissar kommission bruessel jugend sport kultur
Glenn Micallef (Malta, Sozialdemokraten): Auch Brüssel-Insidern dürfte dieser Name kaum geläufig gewesen sein. Bis Sommer 2024 war Micallef vier Jahre lang Stabschef des maltesischen Premiers Robert Abela – zuvor kümmerte er sich um die Brexit-Vorbereitungen des Landes. Nun wird sich der jüngste Kommissar um die Themen Jugend, Kultur und Sport kümmern.  © IMAGO/Nicolas Landemard/Le Pictorium
Costas Kadis (Zypern, parteilos) kommissar fischerei eu leyen
Costas Kadis (Zypern, parteilos): Noch ein Ex-Minister in Ursula von der Leyens Kabinett: Kadis war von 2014 bis 2018 Kultusminister und von 2018 bis 2023 Agrarminister Zyperns. Außerdem ist er Professor der Naturschutzbiologie. Dass Kadis mit dieser Vorerfahrung für den Inselstaat Kommissar für „Fischerei und Ozeane“ wird, wirkt recht plausibel. Aus dem Parlament gab es dann auch breite Zustimmung. Allerdings ist das Ressort ungewöhnlich klein – seit 2014 war das Fischerei-Portfolio mit Umweltschutzbelangen verknüpft, bis 2004 meist mit dem Ressort Landwirtschaft. © Nicolas Landemard/IMAGO/Le Pictorium
Jozef Síkela (Tschechien, Konservative) handel kommission eu
Jozef Síkela (Tschechien, Konservative): Der Herr links ist der neue EU-Kommissar für „Internationale Partnerschaften“. Verträge gestaltet hat Síkela bereits: Als Prags Industrie- und Handelsminister – und sicher auch in 25 Jahren Karriere im Bankenwesen. Deals schließen ist weiterhin die Marschroute. Síkela soll die „Global Gateway Initiative“ voranbringen, das EU-Pendant zu Chinas „Neuer Seidenstraße“. Er geißelte in seiner Parlamentsanhörung „Neokolonialismus“ aus China und Russland. Zu Sikelas Aufgaben werden aber wohl auch Migrationsabkommen gehören. © Britta Pedersen/dpa/picture alliance
Marta Kos (Slowenien, parteilos) kommissarin erweiterung ukraine
Marta Kos (Slowenien, parteilos): Jugoslawische Schwimmmeisterin, Rundfunk-Korrespondentin in Deutschland, slowenische Regierungssprecherin, Chefin der Handelskammer, Botschafterin in Berlin und Bern – Marta Kos hat eine bewegte Biografie. Nur mit einer Präsidentschaftskandidatur scheiterte die Ex-Diplomatin 2022. Und verließ dann wenig später auch die liberale „Freiheitspartei“. Deren Regierungschef Robert Golob hat sie jetzt doch wieder nominiert, wenn auch im zweiten Anlauf: Im Frühjahr lehnte Kos laut „Politico“ einen Sprung nach Brüssel noch ab. Als im Spätsommer Alternativkandidat Tomaž Vesel das Handtuch warf, sagte sie doch zu. Als Kommissarin für Erweiterung (inklusive der östlichen Nachbarn und dem Wiederaufbau der Ukraine) hat Kos eine komplexe Aufgabe vor sich. © Ilaria Rota/EP
Olivér Várhelyi (Ungarn, parteilos): gesundheit orban eu kommission
Olivér Várhelyi (Ungarn, parteilos): Bislang war Olivér Várhelyi Kommissar für die EU-Erweiterung. In der Kommission „von der Leyen II“ soll(te) er sich um Gesundheit und Tierschutz kümmern. Das war dem Parlament aber in Teilen zu heikel. Um nicht den gesamten Prozess zu torpedieren, wurde der Ungar durchgewunken, einzelne Kompetenzen dafür entzogen. Sexuelle Diskriminierung und Selbstbestimmung etwa fallen weg, genauso wie Pandemievorsorge. Várhelyi ist zwar parteilos, gilt aber als Gefolgsmann Viktor Orbáns. Er hatte sich ausweichend zum Recht auf Abtreibung geäußert. © Christoph Soeder/dpa/picture alliance

Unterdessen blockiert Orbán immer wieder die EU, auch im Ukraine-Krieg. Und Experten halten Ungarn Thorbrietz zufolge angesichts schlechter Cybersicherheit spätestens seit 2014 für ein bewusst geöffnetes Einfallstor für Russlands Interessen. „Was hier passiert, ist kein Virus, sondern hat System. Das ist eine Struktur der Informationsübergabe“, sagte ihr Dániel Hegedüs vom German Marshall Fund. Orbán wirkt teils wie Putins Statthalter in der EU. Warum? Thorbrietz verortet einen „Wandel“ bei einer Reise nach St. Petersburg im Jahr 2009. Und China hat ohnehin längst mit seiner Neuen Seidenstraße und Großinvestitionen beste Bande nach Ungarn.

Was also tun? Thorbrietz liefert am Ende des Buches eine Art Zehn-Punkte-Plan, um zumindest Nachahmer einzudämmen. Für Ungarn sei es etwa in Sachen Medienrecht wohl zu spät. In der Slowakei sei Rettung eventuell noch möglich. Mittelfristig werde die EU aber wohl das Einstimmigkeitsprinzip kippen oder Ungarn das Stimmrecht entziehen müssen, sagte auch der österreichische Verteidigungsexperte Ulf Steindl unlängst unserer Redaktion. Petra Thorbrietz stimmt zu – wenn auch mit gewissen Schmerzen. Zumindest bis zur nächsten Wahl solle man Ungarn noch im Bunde behalten, sagte sie bei der Leipziger Buchmesse. Nur für den Fall dass die Opposition doch gewinnt. Ansonsten müsse man Orbán aber „isolieren wie einen Virus“.

„Es war ein wunderbares Gefühl, als Europa sich weitete und der Osten sich öffnete, mit ganz neuen Welten“, erinnert sich Thorbrietz in ihrem Buch an den Fall des Eisernen Vorhangs. „Als Ungarn zurückkehrte nach Europa. Wir sollten es nicht loslassen. Aber vielleicht müssen wir das.“ (fn)

Rubriklistenbild: © Montage: Valery Sharifulin/Philipp von Ditfurth/Kevin Dietsch/Imago/Itar-Tass/dpa/picture alliance

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