75 Jahre Waldkraiburg
Fast so alt wie Waldkraiburg: Zeitzeugin Traudl Arning-Fobe über die Anfangsjahre der Stadt
Eis für ein Fünfzigerl, Besuche im Waldbad und Begegnungen mit Peter Maffay: Traudl Arning-Fobe schildert, wie sie Waldkraiburgs Anfangsjahre erlebt hat und was sie heute vermisst.
Waldkraiburg – Die Erinnerungen an das Waldkraiburg ihrer Kindheit sind für Traudl Arning-Fobe noch immer lebendig: die Sommer im Waldbad, der Weg zur Schule, Freundschaften, Abende im Tanzlokal oder im Kino. „Es war traumhaft“, blickt sie zurück. Heute ist Traudl Arning-Fobe 74 Jahre alt und damit nur ein Jahr jünger als die Gemeinde Waldkraiburg.
Ihre Familie wurde im Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben, sie und ihr jüngerer Bruder kamen in Waldkraiburg zur Welt. „Ich bin behütet aufgewachsen“, erzählt sie. Einfach war es dennoch nicht: Zwei Jahre lebte die Familie zunächst im Lager, bevor sie in eine kleine Wohnung zog. „Damals wurde viel gerodet, Wurzelstöcke mussten entfernt werden. Die finanzielle Last für ein eigenes Haus haben sich meine Eltern nicht zugetraut“, erzählt sie.
Großer Zusammenhalt in den Anfangsjahren
Mit vier Kindern lebte die Familie in einer kleinen Wohnung: „Unsere Mutti hatte viel Wert auf Gemütlichkeit gelegt. Sie machte Heimarbeit, damit sie sich um uns kümmern konnte – das war damals gang und gäbe.“ Die ersten Jahre nach der Gründung Waldkraiburgs waren keine einfachen Jahre, doch der Zusammenhalt war groß. Menschen aus Polen, Russland, Ungarn oder Rumänien kamen in Waldkraiburg zusammen. „Damals gab es kein: ‚Die kommen aus einem anderen Land.‘ Der heutige Hass auf Ausländer tut weh. Waldkraiburg ist eine Stadt, in der viele Fremde Freunde geworden sind.“
Das Café Brosch, die Gründung der Volkshochschule oder Waldkraiburgs erstes Kino „Scala“ – Traudl Arning-Fobe hat Waldkraiburgs Geschichte fast von Anfang an miterlebt. Als Kind drückte sie sich die Nase platt an den Fenstern der Glashütten, später machte sie selbst eine Ausbildung zur Glasmalerin.
In der Bunkerkirche feierte sie ihre Erstkommunion, mit ihrer Familie lebte sie am Annabergplatz und auf dem Schulweg war sie oft Peter Maffay begegnet. Damals hieß er noch Makkay und hatte seine musikalische Karriere erst noch vor sich. Traudl Arning-Fobe war damals die 3000. Einwohnerin, heute leben in Waldkraiburg mehr als 26.000 Einwohner. Sie kann sich noch an die Kühlbecken als Vorgänger vom heutigen Waldbad erinnern. Damals wie heute ein wichtiger Ort in der Stadt: „Den Weg dorthin habe ich noch heute vor Augen. Dort habe ich zum ersten Mal eine Zigarette geraucht, am Kiosk gab es ein Eis für ein Fünfzigerl. Es war toll.“
Das Heimatmuseum ist wie eine Zeitreise
Mit ihrem ersten Mann und dem gemeinsamen Sohn blieb sie in Waldkraiburg, später machte sie sich selbstständig, richtete sich im eigenen Haus eine kleine Werkstatt ein. Nach ihrer Scheidung verließ sie zwischenzeitlich Waldkraiburg, kehrte aber wieder zurück – auch nach einem späteren Umzug nach Franken. „Ich wollte wieder nach Waldkraiburg, habe hier aber keine bezahlbare Wohnung gefunden. Deshalb lebe ich jetzt in Kraiburg.“ Ihr Herz schlägt aber nach wie vor für Waldkraiburg. Besonders gern besucht sie das Heimatmuseum: „Es ist wie eine Zeitreise.“
Traudl Arning-Fobe beschreibt in ihren Erzählungen eine lebendige Innenstadt, deren Vielfalt sie heute vermisst. „Viele Vertriebene hatten ihre Geschäfte mitgebracht: Friseure, Feinkost- oder Bekleidungsläden. Die Buchhandlung Lang war eine Institution.“ Heute dagegen gebe es kaum noch Geschäfte zum Flanieren, manche Häuser blieben unsaniert.
Was ihr wichtig ist: „Die Stadt braucht wieder den Gründergedanken von damals. Die Jungen müssen die Köpfe zusammenstecken und anpacken, die Alten können nichts mehr machen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ich bin überzeugt, dass das zu schaffen ist.“
Waldkraiburg bleibt für sie Heimat – hier will sie eines Tages auch beerdigt werden. „Früher war nicht unbedingt alles besser, aber anders. Es tut weh, wenn andere schlecht über Waldkraiburg reden“, sagt sie. Und doch fehlt ihr etwas: „Das Erlebnis in der Stadt. Es gibt hier immer noch etwas zu erleben, aber man muss heute genauer hinschauen.“