Waldkraiburgs Polizeichef: „Das war Gehirnwäsche“
86-Jährige verliert beinahe gesamtes Vermögen – doch es gab einen Schutzengel in der Bank
Stundenlang setzen Betrüger eine 86-Jährige unter Druck – sie soll ihr ganzes Vermögen hergeben. Doch eine Bankangestellte in Waldkraiburg durchschaut die Masche und handelt entschlossen.
Waldkraiburg – Es ist ein Donnerstagnachmittag Ende Juni kurz vor 16 Uhr, als eine 86-jährige Kundin die Waldkraiburger Filiale der meine Volksbank-Raiffeisenbank betritt. Sie geht zum Schalter und möchte „den Chef“ sprechen, erinnert sich Martina Demmerich (56), die gerade am Schalter steht.
„Das war ungewöhnlich“, sagt Demmerich. Sie kenne die Kundin seit Jahren, dachte sich schon beim Hereinkommen, mit ihr stimme etwas nicht. Also fragte sie nach: „Warum?“
Die Antwort der 86-Jährigen: „Das darf ich nicht sagen.“
„Das kam von ganz tief unten“, erinnert sich Demmerich. „Da war mir schon klar, dass etwas Schlimmes passiert ist.“
Sohn hat angeblich tödlichen Unfall verursacht
Sie geht mit der Frau zum Filialleiter, gemeinsam haben dann Demmerich und ihr Chef alles „herausgekitzelt“: Die Kundin hatte einen Anruf von ihrem Sohn, er habe eine junge Mutter totgefahren und brauche sofort Bargeld, sonst komme er ins Gefängnis: 70.000 Euro; fast ihr ganzes Vermögen.
Ein Schockanruf, das war Demmerich sofort klar. Aber nicht der 86-Jährigen. „Sie hat sich nicht überzeugen lassen, sie glaubte fest daran“, erzählt Demmerich. Selbst als sie von der Bank aus mit ihrem echten Sohn telefonierte. „Sie hat es trotzdem nicht geglaubt.“
Aber Demmerich und ihr Chef blieben hartnäckig, ließen sich von den Tränen der Frau nicht beirren. Sie holten die Polizei. „Wir haben über eine Stunde mit ihr gesprochen“, sagt Demmerich. Erst als ihr zweiter Sohn kam, wurde es besser, aber auch da habe sie noch an die Echtheit des Anrufs geglaubt. „Das war das Perfide.“
Eine großartige Reaktion
„Das war stark“, lobt Waldkraiburgs Polizeichef Uwe Schindler die Reaktion und das Verhalten von Demmerich. „Sie haben sich vorbildlich verhalten. Ich finde das super.“ Deswegen überreichte er ihr jetzt auch eine offizielle Anerkennung des Polizei-Präsidiums Oberbayern Süd – unterschrieben vom Polizeivizepräsidenten Michael Siefener.
„Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Unterstützung bei der so wichtigen Bekämpfung dieser perfiden Betrugsmasche und spreche Ihnen meinen aufrichtigen Dank und meine Anerkennung aus“, schreibt der Vizepräsident. „Wenn wir solche Menschen nicht hätten, wäre jetzt wahrscheinlich eine alte Frau gebrochen, die ihr ganzes Hab und Gut hergibt.“ Handschriftlich hat Siefener noch hinzugefügt: „Großartig reagiert!“
Gehirnwäsche und Scham
„Der Anruf hat sich über mehrere Stunden erstreckt, in denen die 86-Jährige unter Druck gesetzt wurde“, sagt Schindler. „Das war eine Gehirnwäsche. Wir gehen davon aus, dass sie drei, vier Stunden massiv bearbeitet wurde.“
Schockanrufe kommen immer noch vor, obwohl eigentlich überall gewarnt werden, weiß Schindler. Die Polizei sei hier massiv tätig, habe Konzepte, die greifen, „aber die Dunkelziffer ist immer noch hoch“. Viele würden sich nicht melden: „Aus Scham.“
Sobald jemand etwas von einem Schockanruf mitbekommt, sofort der Polizei melden, rät Schindler. „Wir befinden uns hier im Bereich des Verbrechens.“
Bankangestellte werden laufend geschult
„Gott sei Dank waren Sie da“, lobte Schindler die Bankangestellte immer wieder. „Ich finde es super.“
„Ich war halt zufällig da“, meint Demmerich. „Egal wer am Schalter gewesen wäre, es hätten alle so reagiert.“ Dennoch: „Es ist schön, wenn man es mal Schwarz auf Weiß hat, dass man was richtig gemacht hat“, gibt sie zu.
Die Mitarbeiter der Bank würden laufend geschult, erzählt Demmerich. „Wir sind die misstrauischsten Menschen geworden, die es gibt.“
Überweisungen statt Bargeld
Bei den Schockanrufen geht es nicht nur um Barzahlungen, sondern auch um Überweisungen. „Das ist wesentlich öfter“, hat Demmerich beobachtet. Da gebe es Schockanrufe von angeblichen Rechtsanwälten, die verlangen zum Beispiel wegen offener Abo-Gebühren eine Überweisung von mehreren tausend Euro, sonst gehe es vor Gericht.
„Wenn die Kunden an den Schalter kommen, dann können wir schon viel verhindern“, erzählt Demmerich. Aber wenn die Kunden die Überweisung selber ausfüllen oder online erledigen: „Dann ist das Geld weg.“
Schaden an der Seele
Die 86-Jährige hatte jedenfalls Glück – zumindest materiell. Sie hat kein Geld verloren. Zwei Wochen nach dem Vorfall war sie wieder in der Bank, dankte Demmerich und sagte ihr: „Es sitzt immer noch so tief. Das finde ich schlimm, was in ihrer Seele angerichtet wurde.“ Und Schindler ergänzt: „Das geht massiv an die Psyche.“