Landkreis für „Entseuchung“ zuständig
Grundwasser-Verseuchung in Waldkraiburg: Beseitigung von Chrom- und PFOS-Altlasten kostet Millionen
Eine stillgelegte Galvanik in Waldkraiburg belastet Boden und Grundwasser. Die Erben wollen nichts damit zu tun haben. Jetzt muss der Landkreis Mühldorf einspringen und sich um die „Entseuchung“ kümmern.
Waldkraiburg/Mühldorf/Mettenheim – Der Betrieb in der Waldkraiburger Siemensstraße macht Probleme. Seit Jahrzehnten: Die Galvaniktechnik Erhard David GmbH hat der Stadt Waldkraiburg und dem Wasserversorger Mettenheimer Gruppe eine chemische Altlast hinterlassen. Ausbaden muss das jetzt der Landkreis.
45 Jahre Produktion in Waldkraiburg
Zwischen 1951 und 1996 beschichtete das Unternehmen Metall-Oberflächen und benutzte dazu Chemikalien. Vor allem Chrom und PFOS. Die finden sich im Boden des Firmengeländes, besonders im Bereich der sogenannten Hartverchromung an der Westseite des Grundstücks. Dort wurden Werkstücke in Tauchbäder voller Chromsäure eingetaucht, Hilfsstoffe wie PFOS ermöglichten Oberflächenveredelung.
Als der ehemalige Inhaber 2014 starb, gab es ein Problem: Die Erben schlugen ihr Erbe aus, sie wollten mit der Firma nichts zu tun haben. Der Dreck, die Chemikalien im Boden aber blieb. Und wirkte sich aus: Ein Brunnen des Wasserversorgers Mettenheimer Gruppe wurde mit Chrom verseucht.
Heute, knapp 30 Jahre nach Betriebsaufgabe, sitzen der Abfallfachmann des Landkreises, die Leiterin des Gesundheitsamts, der Landrat und Waldkraiburgs Bürgermeister im Sitzungssaal des Landratsamts und schauen auf Tabellen mit Schadstoffen und Grenzwerten auf einem großen Bildschirm. „Als Landratsamt wurden wir in diese Maßnahme hereingedrängt“, sagt Landrat Max Heimerl. „Die GmbH war führungslos und mittellos.“ Die Erben wollten nicht, Vermögen für eine Insolvenz gab es nicht, die Gebäude waren nichts mehr wert.
Für diesen Fall hat der Gesetzgeber vorgesorgt und verfügt: Das Landratsamt als staatliche Behörde muss einspringen und sich um die Hinterlassenschaft kümmern. Landrat Heimerl spricht im Behördendeutsch von „Gefahrenabwehr im Zuge einer Ersatzmaßnahme“. Das bedeutet: Der Landkreis muss sich um die Entsorgung und Entseuchung des Gebiets kümmern, damit Nachbarn und die Trinkwasserbrunnen der Mettenheimer Gruppe und der Stadt Waldkraiburg nicht zu Schaden kommen.
Kosten: voraussichtlich 1,9 Millionen Euro, von denen der Landkreis knapp 500.000 Euro zahlen muss, den Rest steuert der Freistaat bei. Steuergeld ist es aber so oder so. Nach einer Sanierung des Geländes, spricht Landrat Heimerl vom langfristigen Ziel, soll das Gelände versteigert werden können, um so die Kosten des Landkreises auszugleichen.
Doch davor müssen die Altlasten beseitigt werden. Landrat Heimerl sagt: „Das Thema muss jetzt gelöst werden, wir können nicht weiter zuschauen.“ Deshalb hab das Landratsamt 2020 damit begonnen, Gebäude und Grundstück zu untersuchen, Schadstoffe zu ermitteln und erste Maßnahmen zu vollziehen. „Wir haben jetzt konkrete Erkenntnisse und können sagen, wie es weiter geht“, sagt Heimerl.
Im ersten Schritt baute das Landratsamt 2024 eine Grundwasserreinigungsanlage, heuer folgte der Abriss und die Entsorgung aller Gebäude. Eine Asphaltschicht versiegelt seitdem das Erdreich im besonders belasteten Bereich, damit Regen keine Schadstoffe mehr ausspülen kann, schildert Thomas Präger aus der Abteilung Abfall- und Bodenschutzrecht im Landkreis die Maßnahmen.
Ein extra geschlagener Brunnen pumpt das Wasser unterhalb der verseuchten Stellen ab, anschließend wird es gereinigt. Ein Tank voller Chlorlauge auf dem Gelände ist zwar noch voll, aber dicht, er muss als nächstes entsorgt werden.
Ein Teil der Schadstoffe, die das Landratsamt auf dem Gelände entdeckt hat, ist möglicherweise krebserregend, sagt Birgit Franz, die das Gesundheitsamt leitet. Chrom und natürlich auch PFOS aus der Chemikaliengruppe der PFAS, können zu Schäden beim Menschen führen. Allerdings, sagt Franz, gilt das nur bei längerem Kontakt, zum Beispiel bei Menschen, die mit diesen Stoffen häufig und in großer Menge zu tun haben. Landrat Heimerl betont: „Es gibt keine Erkenntnis über Gesundheitsschäden bei ehemaligen Mitarbeitern.“
Zuletzt hatte die Produktion von PFAS im Landkreis Altötting für Diskussionen um die Verwendung und Herstellung der Chemikalie gesorgt. Landrat Heimerl weist auf die unterschiedlichen Dimensionen hin: Während es im Landkreis Altötting um viele Tonnen gehe, handele es sich in Waldkraiburg um weit geringere Mengen.
Probebohrungen zeigen Wasserqualität
Erste Erfolge zeigen sich, erklärt Ärztin Franz. „Alle Probebohrungen belegen, dass die Abflüsse nahezu Trinkwasserqualität haben.“ Landrat Heimerl: „Aufgrund der Messergebnisse können wir sagen: Es gibt keine Gefährdung für Menschen.“ PFOS und Chrom sind laut diesen Untersuchungen im Wasser nur noch in sehr geringen Mengen, oft gar nicht mehr nachweisbar.
Damit, sagt Franz, gibt es keine Gefahren für Pflanzen und Menschen, selbst wenn Kinder auf dem Gelände spielen würden. Noch offen sind die Auswirkungen auf den Boden, die Schadstoffe seien in die Tiefe, nicht in die Breite gegangen. Der Boden unter der versiegelten Fläche soll untersucht werden, bis auf 35 Meter zum Grundwasserspielgel wird gebohrt.
Eine Information der Nachbarn gab es erst in der jüngsten Zeit. Erst wollte das Landratsamt alle Informationen über den Zustand des Geländes haben. Nach Ansicht von Waldkraiburgs Bürgermeister Robert Pötzsch hätten die Nachbarn positiv reagiert. „Alle sind froh, dass das Gebäude weg ist“, sagt er. Das Thema beschäftige die Stadt seit Jahren, „wir werden es auch weiter im Blick haben, um keine böse Überraschung zu erfahren.“
Grundwasser fließt Richtung Mühldorf
Gefahr für die Nachbarn aus dem Grundwasser gibt es laut Heimerl nicht, private Brunnen seien in dem Gebiet nicht bekannt. Vor allem aber: Die Fließrichtung des Grundwassers ist Richtung Mühldorfer Hart, weg von den nächsten Häusern. Die meisten Brunnen der Stadt Waldkraiburg liegen außerhalb des Grundwasserstroms.
Anruf bei Alfred Lehmann, Mühldorfs Stadtwerkechef ist auch Chef des Wasserversorgers Mettenheimer Gruppe. Die Gruppe versorgt Mühldorf, Mettenheim und einen Teil von Lohkirchen mit Trinkwasser und betreibt Brunnen im Mößling und im Mühldorfer Hart, nahe der Stadtgrenze Waldkraiburg. Seit den 1990er Jahren litt dort der Brunnen drei unter einer Chromfahne und wurde abgeschaltet.
Pumpversuche hätten gezeigt, dass der Brunnen weiterhin Chrom anzog, berichtet Lehmann, die Werte seien aber stetig zurückgegangen. 2023 schließlich hätte die Mettenheimer Gruppe den Brunnen drei saniert und im Vollbetrieb laufen lassen. Das Ergebnis: „Die Chromwerte überschreiten keine Grenzwerte, meist liegen sie unterhalb der Nachweisgrenze“, sagt Lehmann. Er ist froh, dass der Brunnen jetzt wieder zur Verfügung steht.
Auch die Stadt Waldkraiburg hofft auf eine positive Wirkung der jetzigen Maßnahmen. Ihr Brunnen vier liegt in der Nähe des Industriegeländes. Laut Bürgermeister Robert Pötzsch gibt es in dem Brunnnen zwar keine Verunreinigung, er läuft derzeit trotzdem nicht auf Volllast.






