Aus den Archiven von Neumarkt-St. Veit
Eisenbahn-Anschluss für Neumarkt: Vor 150 Jahren wird die Strecke Mühldorf-Plattling gebaut
Nach über zehn Jahren Kampf um einen Eisenbahnanschluss bekommen die Neumarkter Bürger endlich ihre Eisenbahn: Ende 1872 beginnen die Arbeiten zur Umsetzung dieses Projekts. Wir haben in den Archiven geblättert.
Neumarkt-St. Veit – Vor 150 Jahren hat der Bau der Bahnstrecke Mühldorf nach Plattling begonnen. Bis zur Realisierung war es aber ein steiniger Weg. Die Bauleitung der Strecke Mühldorf – Plattling lag damals in den Händen von Oberingenieur Ludwig Fromm und seinem Architekten Karl Zenger. Die gesamte Strecke wurde in drei Bausektionen unterteilt, in denen gleichzeitig gearbeitet werden konnte: Neumarkt a. R. lag in der Bausektion Mühldorf bis Thambach. Die Bausektionsingenieure mussten zuerst mit den Gemeinden und Privatpersonen die für den Bau notwendigen Verträge abschließen, wie den Erwerb von Grundstücken, die Unterbringung und Verpflegung der Arbeitskräfte, sowie deren Versorgung bei Erkrankung, Verletzung oder ähnliches.
Täler und Flüsse müssen durch Brücken und Bahndämme ersetzt werden
Im Frühjahr 1873 beginnen die Arbeiten mit den notwendigen Vorbereitungen des Geländes. Täler und Flüsse müssen durch Brücken und Bahndämme überquert und Hügel entsprechend durchschnitten werden. Nach Abschluss dieser Arbeiten können dann die Gleise und Weichen verlegt werden.
In den dafür vorgesehenen Ortschaften werden ab 1874 die Bahnhofsgebäude, Güterhallen und Versorgungseinrichtung für den Bahnbetrieb errichtet. Zur Nachrichtenverbindung zwischen den Stationen mittels neuartiger Morsegeräte werden Telegraphenleitungen entlang des neuen Schienennetzes installiert.
Im Mai 1875 bereits Materialzüge
Das Bauprojekt kommt gut voran, bereits im Mai 1875 können zur Beschleunigung zusätzlich Materialzüge eingesetzt werden. Die Inbetriebnahme der Strecke Mühldorf - Neumarkt – Plattling wird für den Herbst 1875 terminiert und das rollende Material wie Lokomotiven, Personen- und Güterwaggons von den entsprechenden Herstellerfirmen bestellt.
Bedeutung der königlichen Bahn- und Poststation Neumarkt a. Rott
Der Plan für die Station Neumarkt a. d. Rott sieht zwei Bahnhofsgleise und ein Ladegleis mit angeschlossener Güterhalle vor. Als Empfangsgebäude dient ein zweistöckiges Haus, das im Erdgeschoss sowohl die Diensträume des Personals als auch die Warteräume für die Fahrgäste der I., II. und III. Klasse beherbergt.
Familien in Weichenwärterhäuschen
Im Obergeschoss befindet sich die Dienstwohnung des Stationsvorstehers. Das für die Bedienung und Wartung der Weichen benötigte Personal mit ihren Familien wird in zwei Weichenwärterhäusern untergebracht. Für die Sicherung der Bahnübergänge auf der freien Strecke werden Bahnwärterhäuser gebaut, die als Wohn- und Arbeitsstätten der Schrankenwärterfamilien dienen, denn für das Schließen der Schranken werden auch die Gattinnen der Bahnwärter eingesetzt.
Nie zuvor gehörte Dialekte
Der Bau der Bahnstrecke Mühldorf - Neumarkt – Plattling in den Jahren 1873 bis 1875 veränderte alle betroffenen Orte. Mit dem Eisenbahnbau brechen Heerscharen von Arbeitern mit ihren Familien in die ländliche Idylle und mit der Beschaulichkeit und Ruhe im kleinen Neumarkt a. Rott war es vorbei. In den Wirtshäusern war man nicht mehr unter sich, man konnte Dialekte hören, die noch nie in Neumarkt zu hören waren.
Manche der Einheimischen erkannten aber schon damals die Möglichkeiten, die sich mit dem Bahnbau eröffnen. Zur Verpflegung der Bauarbeiter richten die Eheleute Etzelsbeck im oberen Vormarkt ein neues Gasthaus ein und geben ihm den Namen „Gasthaus zur Eisenbahn“. Die Unterbringung der meist schlecht bezahlten Bauarbeiter hatte aber auch ihre Schattenseiten, so wird öfters von Bettel und anderen negativen Vorkommnissen berichtet.
Gebäude schießen aus dem Boden
Die wahren Sensationen konnten die „Alt-Neumarkter“ natürlich an den Baustellen bestaunen. Eisenbahnbrücken müssen über die Rott, den Tegernbach und über die alten Landstraßen nach Landshut und Elsenbach gebaut werden, Dämme und Einschnitte verändern die ursprünglich gewachsene Landschaft nachhaltig. Ein Gebäude nach dem anderen schießt aus dem Boden, Weichen und Gleise werden verlegt.
Neuartige Maschinen und Geräte kommen zum Einsatz und der Anblick der ersten Lokomotiven, die auf den neu verlegten Gleisen daher dampften, hinterlassen bei den Einheimischen einen bleibenden Eindruck. Wer von den Alteingesessenen die Meinung vertrat, dies alles würde sich schon wieder verändern, wenn der Bahnbau im Herbst 1875 abgeschlossen ist, sollte aber nicht recht behalten.
Eröffnung der Strecke Mühldorf - Plattling
Die Inbetriebnahme der gesamten Bahnlinie Rosenheim - Plattling zum Ende des Jahres 1875 wird wegen Verzögerungen beim Bau der großen Brücken über den Inn verlegt. Die Teilstrecke Mühldorf nach Plattling wird aber planmäßig fertig und die Eröffnung für diesen Bereich kann auf den 15. Oktober 1975 festgelegt werden. Vom Erteilen der Baukonzession am 25. November 1872 hatte es die Ostbahn AG geschafft, die 80,8 km lange Verbindung Mühldorf nach Plattling innerhalb von nur drei Jahren fertigzustellen.
Die Baukosten in diesem Bereich betrugen 26,3 Millionen Gulden und umfassten die Stationen und Haltestellen: Mühldorf, Rohrbach, Neumarkt, Gangkofen, Trennbach, Frontenhausen, Griesbach, Mamming, Pilsting, Landau a. Isar, Wallersdorf, Otzing und Plattling. Bahnmeistereien wurden eingerichtet in Rohrbach, Gangkofen, Frontenhausen, Pilsting, Landau und Plattling.
Anlässlich des Bahnhof-Jubiläums lädt Heimatforscher Walter Jani einen Lichtbildervortrag am Dienstag, 1. April, ab 19 Uhr im Gasthaus Vitusstüberl ab. Er beleuchtet dabei in diesem zweiten Teil seiner Vortragsreihe die Jahre 1946 bis 1994. Der Eintritt ist frei.
