„Der Sport hat mit der Politik nichts zu tun“
Beschluss in Sondersitzung: BLSV Mühldorf reagiert auf Strafbefehl gegen Wieser wegen NS-Parole
Zwischen Unschuldsvermutung und Vertrauensverlust: AfD-Bezirksrat Martin Wieser soll auf Facebook eine NS-Parole verwendet haben. Das wird wohl vor Gericht verhandelt. Wieser ist zugleich stellvertretender Kreisvorsitzender des BLSV. So geht der Sportverband mit den Vorwürfen um.
Oberneukirchen – Der stellvertretende BLSV-Kreisvorsitzende Martin Wieser muss bis zu einem Gerichtsurteil sein Amt ruhen lassen. Das hat der Kreisvorstand auf einer Sondersitzung mit einer Gegenstimme beschlossen, teilt der BLSV-Kreisvorsitzende Erwin Zeug den OVB Heimatzeitungen auf Nachfrage mit: „Der Sport hat mit der Politik nichts zu tun und soll nichts damit zu tun haben.“
Der Mühldorfer Kreisverband des Bayerischen Landessportverbandes (BLSV), der rund 40.000 Mitglieder hat, reagiert damit auf den Strafbefehl gegen den Bezirks- und Kreisrat Wieser. Wieser ist Mitglied der in Teilen rechtsextremen AfD und soll im April 2024 auf Facebook eine verbotene NS-Parole der „Sturmabteilung“ (SA) verwendet haben.
Björn Höcke stand wegen der NS-Parole bereits vor Gericht
Just in besagtem April 2024 stand der Thüringer AfD-Mann Björn Höcke genau wegen dieser Parole vor Gericht, waren diese Parole und ihr Nazi-Bezug bundesweit ein Thema. Damals äußerte sich Wieser auf Facebook zu diesem Gerichtsverfahren, verteidigte er Höcke, der als Faschist bezeichnet werden darf, und kritisierte das Gerichtsverfahren.
Wieser hat gegen den Strafbefehl Einspruch eingelegt, so dass es jetzt wohl zu einer Gerichtsverhandlung vor dem Amtsgericht Mühldorf kommt. Bis zu einem Gerichtsurteil gilt die Unschuldsvermutung.
BLSV möchte Gerichtsurteil abwarten
Auf die Unschuldsvermutung beruft sich der BLSV-Kreisvorsitzende Zeug, deshalb nehme Wieser sein Amt erst einmal nicht wahr. „Wenn es ein Gerichtsurteil geben sollte, dann werden wir darauf reagieren – je nachdem, was da rauskommt. Das ist auch mit München abgesprochen.“ In München ist die Spitze des BLSV.
Der BLSV distanziere sich „in aller Deutlichkeit von jeglichen extremistischen, verfassungsfeindlichen oder diskriminierenden Äußerungen und Handlungen“, hatte zuvor bereits eine Sprecherin den OVB Heimatzeitungen mitgeteilt: „Unser Verband steht für die Werte des Sports – Fairness, Respekt, Vielfalt und demokratisches Miteinander. Von unseren ehrenamtlichen und hauptamtlichen Funktionsträgern erwarten wir ein Verhalten, das mit den Werten und Zielen des Sports sowie der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Einklang steht.“ Bis zu einer Verurteilung gelte die Unschuldsvermutung.
Zeug erklärt, er habe Wieser bereits über den Vorstandsbeschluss informiert. Das sei von diesem akzeptiert worden.
Wieser bedauert die Entscheidung
Auf Nachfrage der OVB Heimatzeitungen erklärt Wieser, dass er die Entscheidung des BLSV sehr bedauert. Er habe das Ehrenamt seit 24 Jahren „mit großem Engagement und viel Herzblut“ ausgeübt. Er verweist unter anderem auf seine Arbeit für die Sportförderrichtlinien, die Umsetzung von Sportfördermaßnahmen, Projekte mit den Sportvereinen, Hilfestellungen beim Steuerrecht und Anträgen.
An Rücktritt habe er nie gedacht, „da ich im Landkreis Mühldorf stets breite Zustimmung sowohl von den Bürgern als auch von den Sportvereinen erfahren habe“, schreibt Wieser und bedankt sich „herzlich bei allen Sportvereinen und bei der BLSV-Vorstandschaft für das große Vertrauen und die hervorragende Zusammenarbeit in all den Jahren“.
Kreisrat sieht einen dunklen Schatten über dem Sport
Reinhard Retzer ist mit der Entscheidung des BLSV-Kreisverbandes „nicht glücklich“. Retzer ist ÖDP-Kreisrat, Mitglied im Ausschuss für Jugend und Familie im Kreistag und Schütze bei den Eichenlaubschützen Lohkirchen. Er hat nach dem Bekanntwerden des Strafbefehls öffentlich eine deutliche Reaktion des BLSV gefordert. Schon der Verdacht der „Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen“ disqualifiziere Wieser für „dieses herausgehobene, ja für jegliches Amt im BLSV und wirft einen dunklen Schatten auf den Sport in unserem Landkreis.“ Wieser habe bei Auftritten als BLSV-Funktionär zwar keine offene Parteipolitik betrieben, „aber das blaue Sakko und die rote Krawatte sind Standard“.
Polling ist bunt
Der Strafbefehl gegen den AfD-Mann sorgte nicht nur in den Sozialen Medien für Diskussionen. In Polling hat sich eine Bürgerinitiative für Demokratie, Vielfalt und Toleranz gegründet und am vergangenen Samstag (16. August) in Oberflossing gegenüber einem Infostand der in Teilen rechtsextremen AfD eine Gegenveranstaltung abgehalten. Laut Andrea Moser kamen über 40 Menschen. Es seien alle Parteien von CSU bis Grüne, Alteingesessene und Neuzugezogene sowie die Omas gegen rechts vertreten gewesen. Moser: „Unsere Demokratie und unser Rechtsstaat sind nicht selbstverständlich. Die bunten Regenschirme und Regenbogenflaggen sollten zeigen: Unsere Gesellschaft ist vielfältig, das ist unser Potential und einen Angriff auf Menschenrechte und unsere Demokratie lassen wir nicht zu.“
Für Retzer widersprechen „rechtsextremes und öffentlich geäußertes Gedankengut eines Funktionärs“ den Bemühungen des BLSV, zwischen Menschen und Kulturen Brücken zu bauen. „Das im Strafbefehl verwendete Zitat ist nur die Spitze des Eisberges rechtsextremer Äußerungen, mit denen Herr Wieser in den sozialen Medien Aufsehen erregt hat. Ein solches Verhalten verträgt sich in keinster Weise mit der Vorbildfunktion, der er als hochrangiger Funktionär im BLSV-Kreisverband nachkommen sollte.“
Sauberer Schnitt gewünscht
Entsprechend enttäuscht ist Retzer, dass Wieser sein BLSV-Amt lediglich „ruhen“ lassen muss. „Ich hätte mir eine entschiedenere Haltung und einen sauberen Schnitt erwartet. Die Hängepartie bis zur Gerichtsentscheidung schadet dem BLSV und gleicht einem Schlag ins Gesicht all derjenigen Trainer und Betreuer, die mit dem Sport Menschen zusammenführen.“
Retzer spricht von einer „Hängepartie“ bis zu einem Urteil, die „ein schlechtes Licht“ auf den BLSV werfe. Er hätte sich einen klaren Strich gewünscht, wenn schon nicht vom Verband, dann von Wieser selber, „wenn er sagt, mir liegt der Sportverband am Herzen und ich möchte in keinster Weise einen Schatten darauf werfen.“