Viele Mediziner kurz vor der Rente
„Steuern auf eine Katastrophe zu“: Was der Hausärzte-Mangel für den Landkreis Mühldorf bedeutet
Trotz offiziell „ausreichender“ Versorgung schlagen Mediziner wie Stefan Feige aus Ampfing Alarm: In Waldkraiburg und Mühldorf droht der Kollaps der hausärztlichen Betreuung. Der Nachwuchs fehlt, viele Praxen finden keine Nachfolger.
Mühldorf/Waldkraiburg — Zahlen lügen nicht, sagt der Volksmund. Was für ein Irrglaube, wenn man sich die Erhebung zur hausärztlichen Versorgung im Kreis Mühldorf, wo 75 Hausärzte tätig sind, genauer ansieht und den niedergelassenen Ärzten zuhört. 13 Allgemeinarztstellen im Planungsbereich Mühldorf sind laut Hausarzt Stefan Feige derzeit unbesetzt.
„In Waldkraiburg haben wir schon eine Unterversorgung, nur sieht man die auf dem Papier noch nicht, das liegt am Alter der Ärzte, die bald in Rente gehen und keine Nachfolger haben. Und einige können aufgrund ihres Alters nicht mehr so viele Patienten behandeln“, sagt Feige aus Ampfing, der sich beim Weiterbildungsverbund Mühldorf zur Förderung des ärztlichen Nachwuchses und im Bayerischen Hausärzteverband engagiert.
Der Altersstruktur in der Hausärzteschaft steht auch der Mangel an Medizinstudentinnen und Studenten entgegen, die sich für die Allgemeinmedizin entscheiden, so der Ampfinger. Zudem gebe es mehr Teilzeitmodelle und mehr Ärztinnen, die so Beruf und Familie vereinen.
Zur Verschärfung der Versorgungslage tragen auch Ärzte bei, die das KV-System satthaben und sich lösen, weil sie zu viel Bürokratie und zu geringen Verdienst haben, stellt er auf Nachfrage der Heimatzeitung fest. „Die versorgen dann nur noch Privatpatienten und die Kassenpatienten brauchen eine neue Anlaufstelle. Da ist bitter für uns verbliebenen Ärzte und Solidarität sieht anders aus“, findet er. Aber da könne man keine Vorschriften machen.
Jan Ortmann, Facharzt für Innere Medizin in der Hausarztpraxis Balk & Ortmann in Neumarkt-St. Veit, sieht auch wirtschaftliche Gründe für den Hausärztemangel auf dem Land. Die Honorarentwicklung hinke der Kostenentwicklung deutlich hinterher. Ausgehandelt werden die Honorare der Ärzte durch den kassenärztlichen Bundesverband und die gesetzlichen Krankenversicherer.
„Das betrifft auch Fachärzte, aber spezialisierte Praxen, wie etwa Kardiologen, können über Privatpatienten zusätzlich leichter Umsatz generieren.“ Jedoch gebe es auf dem Land weniger Privatpatienten, als beispielsweise in München.
Offizielle Zahlen trügen
Auf Anfrage teilt das Landratsamt Mühldorf mit, dass im Raum Mühldorf (auch Töging und Pleiskirchen gehören mit Blick auf die Arztsitze dazu) derzeit 82 Hausärzte tätig sind. Der Landkreis ist gebietsmäßig in Planungsbereiche durch die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) aufgeteilt. Ein Ausschuss ermittelt, wie die Bedarfsplanung ist. Ab 110 Prozent spricht man von einer Überversorgung.
Laut KVB hat der Planungsbereich Mühldorf einen Versorgungsgrad von 84,04 Prozent, Waldkraiburg 103,21 Prozent und die für den Landkreis relevanten Orte im Planungsbereich Wasserburg 110,59 Prozent.
„Der Planungsbereich Wasserburg gilt demnach als überversorgt, Waldkraiburg als regelversorgt und Mühldorf als regelversorgt mit drohender Unterversorgung“, so Karin Huber aus der Pressestelle des Landratsamtes und verweist auf die Zahlen von der KVB.
„Die Bedarfsplanung bildet nicht die Realität ab“, sagt Ortmann. Sie stelle dar, wie viele niedergelassene Ärzte auf die Einwohnerzahl kommen, nicht aber, ob eine Praxis viele Patienten behandelt. Berücksichtigt seien allerdings die Ärzte im Teilzeit-Modell.
Das Durchschnittsalter der Hausärzte im Planungsbereich Mühldorf beträgt 55,0 Jahre (bayernweit: 55,0 Jahre), im Planungsbereich Waldkraiburg 58,3 Jahre und in Wasserburg 53,8 Jahre. Dabei sind von Ärztinnen und Ärzten im Planungsbereich Mühldorf 34,1 Prozent über 60 Jahre, im Planungsbereich Waldkraiburg 48 Prozent über 60 Jahre und im Bereich Wasserburg 12 von 43 Personen, teilt Huber vom Landratsamt mit.
Zum hausärztlichen Planungsbereich Mühldorf gehören noch Töging und Pleiskirchen. Diese Ärzte (5 in Töging, 1 in Pleiskirchen) sind bei Versorgungsgrad und Alter entsprechend mit eingerechnet, so Huber weiter. Der Planungsbereich Waldkraiburg umschließt Aschau, Waldkraiburg, Kraiburg, Jettenbach und Taufkirchen. In den Planungsbereich Wasserburg fallen aus dem Landkreis Mühldorf die Orte Haag, Maitenbeth, Gars, Unterreith, Kirchdorf und Reichertsheim.
Im Juni ist der Landesausschuss der KVB zusammengekommen und hat nun die drohende Unterversorgung für den Landkreis Mühldorf festgestellt, auf die man seit Jahren zusteuerte. Darum fördert die KVB Ärzte, die sich hier niederlassen möchten. Unter der Aktion „Region sucht Arzt“ sind die Möglichkeiten erklärt. So gibt es etwa Zuschüsse von 60.000 Euro für eine Niederlassung oder wenn eine Praxis nachbesetzt wird.
Lage in Waldkraiburg spitzt sich zu
„Wie sehr sich die Situation in Waldkraiburg zuspitzt, nachdem zum Jahresende zwei Kollegen aufhören, zeigt sich auch daran, dass wir erstmals von zwei Waldkraiburger Allgemeinarztpraxen eine Anfrage erhalten haben, ob wir sie nächstes Jahr in den Sommerferien vertreten können“, berichtet Stefan Feige aus Ampfing.
„Wenn die Waldkraiburger die Vertretung nicht mehr untereinander geregelt kriegen, dann wird es eng. Immer weniger Allgemeinarztpraxen im Landkreis Mühldorf haben immer mehr Patienten zu versorgen“, so der 68-Jährige. Im Schnitt behandle ein Hausarzt 1000 Menschen.
„Steuern auf Katastrophe zu“
„Wir steuern auf eine Katastrophe im Gesundheitssystem zu“, sagt Eva Greipel, Bezirksvorsitzende Oberbayern im Bayerischen Hausärzteverband. „Die hausärztliche Versorgung ist die Basis für ein stabiles Gesundheitssystem und ein Garant für den sozialen Frieden. Und der ist gefährdet“, warnt sie. Am härtesten werde die prekäre Lage die alten Menschen treffen. „Der Hausarzt ist oft die einzige Anlaufstelle und auch eine Art soziales Pflaster.“
Sie macht auf ein bildungspolitisches Problem aufmerksam, das es erschwert, hausärztlichen Nachwuchs zu generieren: Nicht an allen Unis in Deutschland gibt es einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin. In Bayern inzwischen fast überall. „Die restlichen Studenten kommen mit dem Fachbereich nicht in Kontakt. Dieses Manko wurde seitens der Politik lange stiefmütterlich behandelt, auch wenn es jetzt Modellprojekte gibt. Es wird besser, aber das ist zu wenig“, so Greipel, die Fachärztin für Allgemeinmedizin in Traunstein ist.
Der „Masterplan Medizinstudium 2020“, ein Baustein zur mittel- und langfristigen Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung, den der Bundestag im März 2017 beschlossen hat, liegt im Dornröschenschlaf. „Mehr Praxisbezug im Studium und eine Stärkung der Allgemeinmedizin sind gerade mit Blick auf die gute Versorgung im ländlichen Raum von großer Bedeutung“, postulierte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. „Wir haben 2025 und es ist kaum etwas passiert. Alle Unis hätten das umsetzen müssen. Doch Bund und Länder schieben sich wegen der Kosten den Schwarzen Peter zu“, so Greipel.
Ein Lichtblick: Jan Ortmann verweist auf die TU München und das Institut für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung. „Der Leiter ist der sehr umtriebige Professor Dr. med Antonius Schneider und seit er sich engagiert, schlagen wieder viel mehr Medizinstudenten diese Fachrichtung ein“, so Ortmann, dessen Praxis mit der TU kooperiert.
Welche Erfahrungen haben Sie, lieber Leser, mit der hausärztlichen Versorgung im Kreis Mühldorf gemacht oder finden Sie wohlmöglich gar keine Praxis, die Sie versorgt? Schreiben Sie an recherche@ovb.net.


