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Widerstand kurz vor Kriegsende 1945

80 Jahre Freiheitsaktion Bayern: Vortrag in Burghausen erinnert an Widerstand vor Kriegsende

Diese Gedenktafel im Botanischen Garten erinnert an drei Mitarbeiter der Wacker Chemie, die im Werk erschossen worden waren.
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Diese Gedenktafel im Botanischen Garten erinnert an drei Mitarbeiter der Wacker Chemie, die im Werk erschossen worden waren.

Ein vergessener Widerstand kurz vor Hitlers Ende: Martin Schneider referierte für die VHS Burghausen zur Freiheitsaktion Bayern und ihrer Bedeutung für Demokratie und Zivilcourage.

Burghausen2025 jährt sich die Freiheitsaktion Bayern zum achtzigsten Mal. Daher referierte der Geschichts- und Politikwissenschaftler Martin Schneider am 30. April im Audimax des Campus Burghausen im Rahmen der Volkshochschule Burghausen über diese.

Ein ziemlich chaotisches Bild auf den Straßen

Die Freiheitsaktion war ein Widerstand kurz vor Kriegsende 1945. Wann das Kriegsende aber eintrat, habe man laut Martin Schneider zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst. „Es konnte morgen sein oder in den nächsten zwei Monaten“, sagte er. In dieser Zeit zog sich die Wehrmacht zurück, und im April 1945 erreichte die US-Armee Augsburg. Am 30. April 1945 begann Hitler in Berlin Selbstmord. Die Verwaltung, deren staatliche und parteipolitische Funktionen miteinander verschränkt waren, brach zusammen.

„Wir haben eine Welle an Luftangriffen“, stellte Martin Schneider fest, „es gingen auch die ersten Flüchtlingswellen los.“ Nach Bayern seien hauptsächlich Personen aus dem Sudetenland und Schlesien gekommen. „Die Flüchtlinge waren auch die Konkurrenten“, so Martin Schneider. Schließlich seien der Wohnraum und die Lebensmittel knapp gewesen. Schlussendlich sei die gesamte Versorgungslage zusammengebrochen. „Wir haben auf den Straßen ein ziemlich chaotisches Bild“, resümierte Martin Schneider. Da habe es einerseits die Wehrmacht, andererseits die SS, die Gestapo, die Staatspolizei und den Volkssturm gegeben – also alles, was sich irgendwie noch bewegen und Waffen tragen konnte. „Es ist daher auch die Frage, vor wem man sich am meisten fürchten musste“, so Martin Schneider.

Das Zehn-Punkte-Programm

Initiatoren der Freiheitsaktion Bayern waren Rupprecht Gerngross sowie militärische Einheiten. „Der Widerstand geht also eigentlich aus der Wehrmacht hervor“, sagte Martin Schneider. Insgesamt sollen ca. 79 regionale Gruppen – also in etwa 1000 Personen – involviert gewesen sein. Ziel des Aufstands sei es gewesen, die Städte kampflos zu übergeben. „Die weiße Fahne aber so zu hissen, galt als Hochverrat“, sagte Martin Schneider – was manche mit ihrem Leben bezahlen mussten. Darüber hinaus sollten die NS-Funktionäre – im Volksmund auch „Goldfasane“ genannt – festgenommen werden.

Vergeblich hätten Mitglieder der Freiheitsaktion Bayern auch auf die Unterstützung des Reichsstatthalters Franz Ritter von Epp gehofft. Weiterhin habe man eine Verfassung gewollt. „Die Grundrechte haben wir in der Weimarer Verfassung schon gefasst“, sagte Martin Schneider, „sie wurde aber in der Zeit des Nationalsozialismus durch Löcher ausgehöhlt wie ein Schweizer Käse.“ Darüber hinaus hätten die Freiheitskämpfer eine Übergangsregierung angestrebt. Die expliziten Ziele der Widerstandskämpfer seien im „Zehn-Punkte-Programm“ festgehalten worden, nach dem unter anderem Frieden und Rechtsstaatlichkeit wiederhergestellt werden sollten.

Die Aktion vom 28. April 1945

In der Nacht vom 27. auf den 28. April 1945 besetzten Widerstandskämpfer den Wehrmachtsender Freimann und die Sendeanlage Ismaning. Dann hätten sie infolge von Durchsagen versucht, die Bevölkerung zum Widerstand zu mobilisieren. Zwar sei die Einnahme der Druckerei „Münchner Neueste Nachrichten“ gelungen – allerdings nur kurzfristig. Zu dem geplanten Druck von Flyern und Plakaten sei es nicht mehr gekommen. Weiterhin seien auch die angekündigten Festnahmen von General Siegfried Westphal in Pullach und dem Ministerpräsidenten Paul Gieseler fehlgeschlagen. Diese sagten ab 10 Uhr am 28. April 1945 im Radio durch, dass der Aufstand gescheitert sei. Es sei dann zu 58 Hinrichtungen an 21 Orten gekommen.

Es gibt aber auch eine Reihe von Orten, wo es die Freiheitsaktion Bayern gibt, und die Leute danach nach Hause gehen und nichts passiert“, sagte Martin Schneider. Beispielsweise konnten in Traunstein Plakate, die zum Widerstand aufriefen, angeschlagen werden, und es habe eine Demonstration von ca. 600 Frauen stattgefunden. In Burghausen dagegen seien die Wacker-Mitarbeiter Jakob Scheipel, Ludwig Schön und Josef Stegmair, die NS-Funktionäre festgesetzt hatten, durch die SS-Kampfgruppe Trummler hingerichtet worden. „Im Botanischen Garten gibt es ein Denkmal“, sagte Martin Schneider.

Umdenken des Rupprecht Gerngross

Anführer der Freiheitsaktion Bayern war der in Shanghai geborene Rupprecht Gerngross. In der Kriegszeit trat er der NSDAP bei und wurde Hauptmann. „Er hat sich aus nationalsozialistischer Sicht nichts zu Schulden kommen lassen“, so Martin Schneider. Bei ihm habe aber ein Umdenken stattgefunden, sodass er die Freiheitsaktion Bayern forciert habe. Auch bei aufkommenden Zweifeln seien diese aufgrund des Denunziantentums zumeist vorerst für sich behalten worden. „Er findet Gleichgesinnte im katholischen Widerstand“, sagte Martin Schneider. Darüber hinaus habe er eine indirekte Verbindung zu den Attentätern vom 20. Juli 1944 gehabt. Nach dem Krieg sei Rupprecht Gerngross als Rechtsanwalt tätig gewesen und habe sich ins Privatleben zurückgezogen.

Auch heute noch relevant

Nach Martin Schneider sei die Freiheitsaktion Bayern relativ schwach aufgestellt gewesen. Vielmehr sei es eine kleine Gruppe mit Vernetzung gewesen. Letztendlich bleibe die Ethik des Widerstands: Dabei habe die christliche Ethik den realen Wahrnehmungen sowie der Ideologie und dem Treueeid gegenübergestanden. Gewissensentscheidungen zwischen Gehorsam und der Übernahme von Verantwortung mussten getroffen werden. Bedeutsam sei die Freiheitsaktion Bayern heute für die demokratische Bildung und die politische Urteilskraft. Was bleibt, sind auch eine Fülle an Fragen: Was hätten wir getan, was tun wir heute – und was heißt Zivilcourage?

von Iris Rogger

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