Von Prügeleien, Redeverboten oder geheimen CSU-Informanten
Wie Maoisten in den 70ern das Chemiedreieck aufmischten: Bryms neues Stück Regionalgeschichte
Die 1970er-Jahre waren in vieler Hinsicht eine wilde Zeit, nicht zuletzt politisch und das auch in der bayerischen Provinz: Der gebürtige Altöttinger Max Brym macht mit seinem Buch ein besonderes Kapitel Regionalgeschichte auf - als er mit seinen maoistischen Genossen in Waldkraiburg oder Burghausen alles auf den Kopf stellen wollte. Wir haben mit ihm einen Blick hineingeworfen. *Mit Leseprobe*
Waldkraiburg/Altötting/Burghausen - Ja, als Marxist versteht sich Max Brym mit seinen 67 Jahren heute noch. Aber wenn er an seine „wilden Zeiten“ in den 1970er- und 1980er-Jahren zurückblickt, entfährt ihm auch mal ein Satz wie: „Ja, so blöd waren wir gewesen“ -zum Beispiel, als man 1978 in Waldkraiburg eine Veranstaltung zum 100. Geburtstag Josef Stalins abhielt. „Mao in der bayerischen Provinz“ nennt sich Max Bryms Buch, das nun in einer erweiterten, zweiten Auflage beim Berliner Verlag „Die Buchmacherei“ erschien.
„Mao in der bayerischen Provinz“ - ein Stück Regionalgeschichte
Das 230-Seiten-Buch beleuchtet ein sonst kaum beachtetes Stück Regionalgeschichte der Landkreise Mühldorf und Altötting. Brym erzählt dabei in kurzen, leicht lesbaren und unterhaltsam geschriebenen Kapiteln auch aus seinem eigenen Leben. Aufgewachsen und groß geworden in Altötting und Burghausen, wandte sich Brym als Teenager der Politik zu - die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) war seine erste Anlaufstelle. Ein hartes Pflaster im ländlichen Oberbayern. Ab 1973 versuchte sich Max Brym am Parteiaufbau in Waldkraiburg - und gab mit seinen Genossen eine eigene Zeitung heraus: „Im Chemie Dreieck.“
Verteilt vor Betrieben und in tausende Briefkästen hineingesteckt, habe man es mit der Zeit doch zu einigem Einfluss gebracht, erinnert sich Max Brym im Gespräch mit innsalzach24.de. Vor allem Lehrlinge hätten von manch Missständen bei Großbetrieben wie dem Rüstungsbetrieb WASAG in Aschau am Inn oder Netzsch in Waldkraiburg geschrieben: „Wenn wir berichteten, suchte man oft hinterher im Betrieb die renitenten Verräter“. Die Frage sei dann gewesen: „Wer hat das dem roten Max erzählt?“
Bryms rote Anekdoten aus dem Waldkraiburg der 70er-Jahre
„Mao in der bayerischen Provinz“ bietet Anekdoten und Geschichten aus dem Waldkraiburg der 1970er-Jahre in Hülle und Fülle: Egal, wie man sich politisch verortet, das Buch dürfte bei vielen Erinnerungen auffrischen, zum Staunen oder Schmunzeln verleiten. Von „Verfolgungsjagden und Prügeleien“ erzählt Brym da zum Beispiel, nachdem der damalige Bundeskanzler Willy Brandt im Herbst 1974 zu Besuch in Waldkraiburg war. „Immer wieder trafen in dieser Nacht Sozialdemokraten und Kommunisten auf CSU-ler und NPD-ler. Dabei floss Blut.“ Vom CSU-Ortsvorsitzenden Dietmar Heller hatte er da längst Redeverbot auf Parteiveranstaltungen bekommen, so Brym: „Nur Erich Rambold, der damalige CSU-Landrat aus Mühldorf, wollte mit mir debattieren.“
Auf rund 1000 Unterstützungsunterschriften habe man es mit der DKP-Kampagne „Waldkraiburg braucht ein Krankenhaus“ 1976 geschafft. Bei Wahlen schaute es freilich anders aus, da gab es auch mal nur 30 Zweitstimmen. „Die meisten Arbeiter meinten, wir sollten ihnen doch mit der DDR gestohlen bleiben“, so Max Brym. Auch selbst fremdelte er immer mehr mit der DDR - und schloss sich in den späten 1970ern dann dem „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“ an. Hier stand nicht mehr der DDR-Sozialismus sowjetischer Prägung im Mittelpunkt, sondern die chinesische Kulturrevolution Mao Zedongs.
Illusionen über Sympathien im Chemiedreieck für Maos China
„Der rote Landbote“ hieß dann die nächste „Lokalzeitung“, die Brym mit dem Arbeiterbund herausbrachte, mit Berichten aus Mühldorf, Wasserburg, Waldkraiburg oder Altötting. Brym grinst: „Wir hatten sogar bekannte CSU-Mitglieder als Informanten, die uns benutzen wollten, um innerparteiliche Rivalen auszuschalten. Das Blatt war in Waldkraiburg sehr gefragt.“ Der Wirt der Gaststätte Rübezahl habe ihm von jeder Ausgabe gleich zehn Stück abgenommen. Heute weiß Brym aber: „Wir erlagen teilweise der Illusion, dies wäre Sympathie für unseren gepflegten Maoismus.“ Oft war es wohl eher die Sensationslust der Waldkraiburger, oder die Suche nach neuem Gesprächsstoff.
1991 zog Brym schließlich nach München. „Von diesen sogenannten K-Gruppen ist nichts übriggeblieben“, so der 67-Jährige. Einer, der in Bryms Buch besonders gut wegkommt, ist übrigens Burghausens Altbürgermeister Hans Steindl: „Er galt in den Siebzigerjahren bei den Jusos als ‚roter Rebell‘“, so Brym. Er verstehe etwas von Parteipolitik. Steindl und Brym, beiden machten sich für die Errichtung eines Denkmals für Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus in Burghausen stark. (xe)
LESEPROBE - Kapitel: Der 1. Mai in Waldkraiburg
Der 1. Mai und seine Vorbereitungen veränderten in Waldkraiburg zwischen 1979 und 1987 jedes Mal das Gesicht der Stadt. Überall, an jedem Trafokasten, an Telefonzellen und Gebäuden warn die schreiend roten Plakate des Arbeiterbundes zum „Kampftag der Arbeiterklasse“ mit aufgehender roter Sonne und wechselnden Parolen zu sehen. Wir benutzten unseren speziellen, schwer entfernbaren Leim. Zur Plakatierung reisten Genossen und Genossinnen aus München, Wasserburg und Altötting an. Das Stadtgebiet wurde aufgeteilt und den angereisten Genossen jeweils ein Stadtplan in die Hand gedrückt. Nach zwei Stunden waren wir meist fertig. Waldkraiburg sah hinterher aus, als ob die Revolution kurz bevorstünde.
Nur einmal, 1978, wurde ich mit zwei weiteren Genossen von der Polizei beim Plakatieren erwischt. Die vier Polizisten jagten uns und stellten uns in der Nähe der evangelischen Kirche mit gezogener Waffe. (...)
Wir klebten aber nicht nur Plakate. Auf der Strecke des DGB-Umzugs vom Stadtplatz zur Gaststätte Zappe sprühten Genossen an mehrere Stellen die jeweilige Maiparole des Arbeiterbundes. Der DGB distanzierte sich stets von diesen „Schmierereien“. Besonders auffällig war eine Sprühaktion am neuen Gebäude der Volksbank in der Berliner Straße im Jahr 1980. Ein guter Kletterer unserer Gruppe sprühte hoch oben auf die Marmorplatten in großer Schrift „Stoppt Strauß“. Dieser Slogan war monatelang zu sehen und seine Entfernung kostete die Volksbank angeblich 50.000 Mark.
Am 1. Mai 1982 brachten wir über der Gaststätte am Rathaus am Stadtplatz ein Transparent mit der Aufschrift „Arbeit - Frieden - Demokratie - Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“ an. Das Transparent konnte lange nicht abgenommen werden, denn Genossen hatten den Zugang zum Dach zerstört. An solchen Aktionen war ich nur indirekt als „Chefideologe“ beteiligt. Meist hatte ich die Idee für derartige Aktionen, doch fehlten mir die praktischen Fertigkeiten, sie auszuführen.