„Müssen um jeden einzelnen kämpfen“
Azubi-Notstand kurz vor Start? So dramatisch ist die Lage in der Region wirklich
Neues Ausbildungsjahr, stetig wachsende Probleme: Wenn am 1. September 2025 der Startschuss fällt, bleibt für viele Betriebe in der Region vor allem eines – große Sorgen.
Altötting/Mühldorf – In weniger als zwei Wochen geht es los und in ganz Bayern werden wieder zahlreiche Azubis in verschiedene Berufe eingelernt: vom Dachdecker über den Einzelhandel bis hin zum Elektriker. In den vergangenen Jahren zeichnete sich allerdings ein stetiger Anstieg der noch offenen Lehrstellen ab. Wie ist die Lage in der Region und der Ausblick in die Zukunft?
So steht es um die Lehrstellen in der Region
„Wir haben die gleichen Probleme wie immer, wobei natürlich ein Wandel erkennbar ist“, erklärt Rainer Dachsberger, geschäftsführender Kreishandwerksmeister Altötting-Mühldorf, im Gespräch mit innsalzach24.de. „Berufe wie Metzger, Bäcker oder selbst Maurer haben immer größer werdende Probleme, geeigneten Nachwuchs zu finden. Klar gibt es Einzelfälle, die Lust darauf haben. Aber diese sind die Ausnahme.“
Inzwischen sei laut Dachsberger vor allem der Fachbereich entscheidend: „Das Thema Nachhaltigkeit wird immer spannender und die Zahl der interessierten Schreiner und Zimmerer steigt. Trotzdem müssen wir um jeden einzelnen Azubi kämpfen.“ Aber „interessiert“ bedeutet nicht gleich „qualifiziert“: „Für uns gestaltet sich die Suche nach geeigneten Fachkräften enorm schwierig“, erklärt ein Sprecher der Unterneukirchener Firma Möbel-Eins auf Anfrage von innsalzach24.de.
„Wir sind gespannt, wie es weitergeht“
„Es gibt schon einige Bewerber, aber diese bringen selten die nötigen Qualifikationen mit. Und wir können nicht einfach jeden einstellen“, so der Sprecher weiter. Der Betrieb suche noch von „Schreiner“ bis zur „Bürokauffrau“ und sieht vor allem ein großes Problem für die Zukunft: „In fünf bis sechs Jahren gehen bei uns einige sehr gute Mitarbeiter in die Rente, wobei wir gespannt sind, wie es weitergeht. Weil wenn wir die Abgänge nicht kompensieren können, dann wird es definitiv nicht einfacher.“
Dies wird es auch nicht für Metzgereien, wie Geschäftsführer Matthias Alber der gleichnamigen Fleischerei (u.a. Burghausen, Marktl) verrät: „Wir haben noch offene Lehrstellen, sowohl im Verkauf als auch in der Produktion“. Prinzipiell sei „die Situation aber differenziert“ zu betrachten: „Ich glaube, dass der Anteil an Schulabgängern, die eine Ausbildung beginnen, eher steigt. Allerdings ist die Zahl der Schulabgänger derart stark rückläufig, dass die Lücke gar nicht geschlossen werden kann.“
Kaum qualifiziertes Personal
Zudem sieht Alber ein weiteres Problem in der Akademisierung: „Die Einstiegshürde ist schon sehr niedrig. Wer vor 20 Jahren seine Quali gut gemeistert hat, hätte heute womöglich Abitur. Das Niveau der allgemeinbildenden Schulen hat einfach deutlich nachgelassen.“ Damit hat auch Möbel-Eins zu kämpfen: „Wenn wir mal gute Praktikanten hätten, dann wollen diese aber noch auf die Fachoberschule gehen, anstatt direkt ins Arbeitsleben zu starten“, seufzt der Sprecher des Unternehmens.
Florian Reil, Pressereferent der IHK für München und Oberbayern, kann dies nur bestätigen: „Seit Corona gibt es bei den Jugendlichen verstärkt den Trend, noch länger auf der Schule – unter anderem auf der Fachoberschule – zu bleiben. Deshalb und auch aus demografischen Gründen ist die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger in Bayern von über 133.000 im Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2019 auf nur noch gut 122.000 zwischen 2022 und 2024 gesunken.“
„Wenn man sich Mühe gibt, dann klappt es auch“
In den Landkreisen Altötting und Mühldorf sind kurz vor Start in das neue Ausbildungsjahr über 500 Lehrstellen noch nicht besetzt. Trotzdem sei nicht alles schlecht: „Die Ausbildungsbereitschaft in den IHK-Ausbildungsbetrieben in den Landkreisen ist trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage weiterhin hoch. Denn die Betriebe wissen: Die beste Investition in die Zukunft ist die Investition – sprich Ausbildung – in den eigenen Fachkräftenachwuchs“, fährt Reil fort.
Dem kann Gerald Wildthurm, Verkaufsleiter des TeVi Marktes in Neuötting, nur zustimmen: „Meine Meinung ist, dass, wenn man sich Mühe gibt und seinen eigenen Job als Ausbilder ernst nimmt, es auch mit dem Nachwuchs klappt. Wir bilden jedes Jahr Kaufleute im Einzelhandel aus. Einen Rückgang an Bewerbungen kann ich nicht feststellen.“ Man könne den Azubis aber auch einiges bieten: „Vom Knigge-Kurs bis zur Prüfungsvorbereitung im dritten Lehrjahr werden verschiedenste Lehrgänge angeboten. Zudem planen die Lehrlinge das jährliche Sommerfest und werden in die aktive Gestaltung mit einbezogen. Das macht schon einiges her.“
Düsterer Blick in die Zukunft
Und wie ist die Lage bei weiteren Unternehmen? „Bis auf unsere Elektroniker-Ausbildungsberufe, wo einige Plätze leer geblieben sind, konnten wir unsere gewünschte Anzahl Azubis einstellen. Die Gewinnung wird aber immer schwerer und auch die kurzfristigen Absagen häufen sich“, teilt Katharina Leopold der Firma Kreuzpointner mit. Das Unternehmen Rösler konnte zwar laut Stephanie Rudolph „alle Stellen für 2025 besetzen“, aber auch für sie werde „die Stellenbesetzung immer schwieriger“.
Schlussendlich lässt sich laut Reil festhalten, dass „über alle Ausbildungsbereiche hinweg nach wie vor mehr Ausbildungsplätze angeboten werden, als es Bewerberinnen und Bewerber dafür gibt“ und die Gesellschaft immer noch mit den „Corona-Nachwehen“ zu kämpfen habe. (gz)
