Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Einblicke in das Leben in einem fremden Land

„Ich möchte arbeiten und lernen“: So leben Geflüchtete auf dem Land in Gars am Inn

Das „Café Miteinand“ in Gars findet zweimal pro Woche, jeden Mittwoch und Freitag, statt.
+
Das „Café Miteinand“ in Gars in der Alten Grundschule (Bild rechts) findet zweimal pro Woche, jeden Mittwoch und Freitag, statt (Symbolbild links).

Sofia will Kinderpflegerin werden, Maliha ist mit ihren beiden Kindern aus Afghanistan geflohen, genauso wie Omobude aus Nigeria. Sie alle kommen im „Café Miteinand“ in Gars zusammen und besuchen dort Deutsch-Kurse. Ein Einblick in das Leben in einem fremden Land.

Gars am Inn – Zweimal pro Woche, jeden Mittwoch und Freitag, findet er statt, der von der Caritas finanzierte Deutschkurs mit Isabel Anzenberger im „Café Miteinand“. Doch schnell wird dem Besucher klar: Hier geht es um mehr als das Erlernen dieser schwierigen Sprache. Es ist ein Anlaufpunkt, der menschliche Wärme und Geborgenheit, Verständnis und vertrauensvolle Gespräche, einfach eine Umarmung oder guten Rat auch in schwierigen Situationen anbietet. Und das in einem sehr einladend hellen und modern eingerichteten Raum im neuen Garser Gemeindehaus.

Reine Routine

Doch zunächst herrschen Aufregung und Unsicherheit, denn gleich vier Polizisten seien heute Morgen vor der Haustür einer anderen Geflüchteten gestanden. Inzwischen habe man den sie betreuenden ehrenamtlichen Helfer als Französisch sprechenden Dolmetscher erreichen und in Marsch setzen können. Eine halbe Stunde später Entwarnung: reine Routine, keine Abschiebung. Die heutige Runde aus fünf Frauen und einem Mann ist spürbar erleichtert und man kommt nun ins Gespräch.

Vier der Frauen, allesamt Christinnen, stammen aus Nigeria und sind dementsprechend „People of Color“, wie auch Omobude als einziger Mann in der Runde. Sie alle sind bereits länger in Deutschland und sprechen zum Teil schon relativ gut Deutsch, gelegentlich wird ins Englische gewechselt. Das hilft aber der rund 35-jährigen Frau aus Afghanistan, die als Analphabetin hier ankam, gar nicht, denn sie spricht nur Dari und versteht bisher kaum etwas. Zudem fehlt heute ihre Landsfrau Maliha, die ihr gut helfen könnte, denn sie hat in der Heimat als Anwältin für „Human Rights Watch“ gearbeitet und wurde daher mit ihren beiden Töchtern von der Bundesregierung aus Afghanistan ausgeflogen, als die Taliban wieder die Macht übernahmen. Ihr Mann hat es nicht mehr zum Flugzeug geschafft und hält sich seitdem versteckt.

Das „Café Miteinand“ in Gars findet zweimal pro Woche, jeden Mittwoch und Freitag, statt.

Grundsätzlich sind sich alle einig: „Die deutschen Leute sind sehr nett! Die meisten von ihnen grüßen freundlich zurück, wenn man ‚Hallo‘ zu ihnen sagt.“ Dass es Ausnahmen gebe, damit komme man klar, so sei es doch überall. Probleme gebe es eher, so die Geflüchteten mit dunkler Hautfarbe, mit anderen weißen Migranten und Geflüchteten auch aus europäischen Staaten, die oft auf sie herabsähen und ihnen teilweise sogar unfreundlich bis deutlich ausgrenzend begegnen würden.

Engagierte Unterstützung

Gelegentlich spüre man auch, dass Einheimische mit anderen Geflüchteten negative Erfahrungen gemacht hätten. Hier zahle man dann immer wieder einmal den Preis für das indiskutable Benehmen anderer, dessen man sich durchaus bewusst sei – bis hin zu den jüngsten Anschlägen, über die man Bescheid weiß und die man zutiefst bedauere, so die Teilnehmer des „Café Miteinand“. Doch betont man in der Runde immer wieder, dass die deutliche Mehrheit auf allen Seiten guten Willens ist. Und nicht zuletzt die engagierte Unterstützung „von ganzem Herzen“ durch die Gemeindeverwaltung wird sehr gelobt.

Was man sich wünscht? Omobude bringt es für alle auf den Punkt: „Ich möchte arbeiten und lernen!“ Voraussetzung dafür ist natürlich zunächst einmal das Erlernen der deutschen Sprache, und daran arbeitet man in der gut gelaunten Gruppe gemeinsam mit viel Motivation und gegenseitiger Bestärkung. Und die ersten Sprachtests wurden auch schon bestanden. Doch dann wird es schwierig werden. Sofia beispielsweise ist alleinerziehende Mutter und wird den angestrebten Ausbildungsplatz für Kinderpflege in Mühldorf mit der Betreuung ihrer Kinder „unter einen Hut bringen“ müssen. Das wird wohl nur möglich sein, wenn sie bis zum September für ihre Familie eine Wohnung in Ampfing oder Mühldorf findet.

Größter Wunsch: Arbeit vor Ort

Womit die beiden zentralen Probleme angesprochen sind, die fast unüberwindliche Hürden darstellen: Im ländlich gelegenen Gars gibt es kaum geeignete Arbeits- oder Ausbildungsplätze und alle umliegenden größeren Orte sind wegen der schlechten Verkehrsverbindungen nur schwer, beziehungsweise mit nicht-familienkompatiblen Abfahrtszeiten zu erreichen. Daher der große Wunsch der meisten, doch vor Ort Arbeit zu finden. Omobude hat noch ein weiteres Handicap: Ihm fehlt ein Bein. Wo und wie er es verloren hat, weiß man nicht. Trotzdem macht er einen optimistisch-fröhlichen Eindruck und verfügt offensichtlich auch über eine gute Portion Humor und Hilfsbereitschaft.

Das „Café Miteinand“ in Gars findet zweimal pro Woche, jeden Mittwoch und Freitag, statt (Symbolbild).

Auch andere deuten massive traumatische Erlebnisse nur an, und eine der Anwesenden beschreibt vor allem, wie sie diese „aus meinem Hirn zu bekommen“ versucht. Omobude musste nach einer weiteren Operation am Bein vom Helferkreis aus dem Krankenhaus geholt werden und ein Rollstuhl wäre vonnöten gewesen: Verschreibung durch einen Arzt in Waldkraiburg, mit dieser zum Landratsamt nach Mühldorf, dann circa sechs Wochen Wartezeit. Alles unmöglich.

Unbürokratische Sofortlösung

Ein gebrauchter Rollstuhl von einem Haager Sanitätshaus war zum Glück eine schnelle und unbürokratische Sofortlösung. Jetzt ist alles gut verheilt und mit einer Prothese läuft der Mann aus Nigeria inzwischen erstaunlich sicher. In der Runde hört man von einer Reihe solcher erwähnenswerten Hilfsmaßnahmen, für die man zutiefst dankbar ist. So auch für den beeindruckenden Einsatz von Isabel Anzenberger, für welche die Dankbarkeit und Anhänglichkeit dieser Menschen der entscheidende und motivierende Lohn ist.

Über eines ist man sich am Schluss ebenfalls überraschend einig und sieht das ganz klar und nüchtern: Die im Kurs gelernten Begriffe „Pünktlichkeit“ und „Zuverlässigkeit“ müssen nicht nur in den Wortschatz übernommen, sondern als wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt und im Sinne der Integration auch gelebt werden.

Kommentare