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KZ-Außenlager Mittergars

Auf den Spuren des Kriegsendes: Wie Gars an die dunkle Vergangenheit erinnert

Max Voglmaier erzählte über das KZ-Außenlager und den elterlichen Bauernhof Krücklham.
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Max Voglmaier erzählte über das KZ-Außenlager und den elterlichen Bauernhof Krücklham.

80 Jahre nach Kriegsende erinnert sich der Markt Gars an die grausige NS-Vergangenheit. Welche Fakten Geschichts-interessierte bei einer Wanderung lernen konnten.

Gars/Mittergars – Auf den Tag genau 80 Jahre nach dem kampflosen Einzug der US-Truppen in Mittergars begaben sich etwa fünfzig Geschichtsinteressierte auf eine Suche nach Spuren der Erinnerung an das Kriegsende im Dorf und seiner Umgebung. Max Voglmaier und Roland Thanhäuser informierten im Rahmen einer Dorfforum-Wanderung an sieben Stationen über die schrecklichen und für alle Beteiligten schicksalhaften Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit, um sie von der Schwelle des Vergessens zurückzuholen. Immer präsent war dabei das Schlimmste: das KZ-Außenlager Mittergars, das vom Oktober 1944 bis zum 25. April 1945 bestand und in dem 300 bis 350 Häftlinge – darunter ungarische Juden, Polen und Litauer – unter menschenverachtenden Bedingungen Fronarbeit leisten mussten.

Roland Thanhäuser erläuterte die Kriegs- und Nachkriegs-Topographie von Mittergars.

An der ersten Spuren-Station an der Kirche informierte ein Bericht des damaligen Pfarrers Meschütz an das Ordinariat über die Situation seiner Pfarrei nach Kriegsende: Er sprach von einer hundert Meter langen Betonplattenfabrik und von der Baustelle für einen zweiten Bahndamm mit Ausweichgleis, wo die Häftlings-Zwangsarbeiter der Organisation Todt (OT) unter SS-Aufsicht gearbeitet hatten. Im Bericht sorgt er sich um den Lebenswandel der Jugend, denen der Besuch der „American Bar“ der US-Soldaten verboten wurde. Diese hätten zwar die Häuser durchsucht, aber nichts geraubt. Groß sei die Wohnungsnot, schließlich hatte das etwa 800 Einwohner zählende Dorf neben 100 US-Soldaten 270 Fremde aufzunehmen, darunter 100 Evakuierte aus Westfalen und Ausgebombte aus München, 20 Leute der OT, 20 Kinder aus der Kinderlandverschickung und 25 Fremdarbeiter aus Polen, der Ukraine und Frankreich.

42 Tote in Massengrab beerdigt

An der Station Mariensäule sprachen Voglmaier und Thanhäuser von den 150 Kriegsteilnehmern, unter ihnen 20 Gefallene und 12 Vermisste, viele in jugendlichem Alter. Eine weitere „Spur“ betraf das einst beim heutigen Umspannwerk gelegene Betonplattenwerk, in dem unter anderem die Bauten für das SS-Wachpersonal in der Waldrandsiedlung und für einen bombensicheren Bunker am Scheiderberg hergestellt wurden. Die drangsalierten Häftlinge, mit denen nach der Devise Vernichtung durch Arbeit verfahren wurde, lebten in Holzbaracken, 42 Tote wurden in einem Massengrab beerdigt. Nach Kriegsende wurden diese zunächst umgebettet und schließlich in einem Gemeinschaftsgrab in Dachau beigesetzt. Das NS-Regime hatte – im Blick auf den „Endsieg“ – noch eine großräumige Erweiterung des KZs geplant und auch einen unterirdischen Flugplatz im Gebiet Scheibenland, aus dem heraus Flugzeuge, vor Bombardierung sicher, hätten starten können.

Die Wandergruppe an der Station Mariensäule.

An einer weiteren Station sprach Max Voglmaier über seinen elterlichen Bauernhof in Krücklham, der sich in unmittelbarer Nähe des KZs befand. Sein Vater hatte das Lager täglich mit einer Fuhre Wasser zu versorgen, den Wagen fuhr eine Magd. Manchmal musste sie auf dem Rückweg Häftlingsleichen abtransportieren. Im Lager befanden sich die 300 bis 350 als „Verbrecher“ diffamierten Häftlinge, zu denen der Kontakt streng verboten war. In den letzten Tagen des Lagers versteckten Voglmaiers Eltern unter Lebensgefahr einen geflohenen Häftling und retteten ihm so das Leben. Ein US-Militärgericht befragte später den Vater, der Spuren von Misshandlung an einigen jüdischen Häftlingen bezeugen konnte. Einer der brutalen SS-Täter war, wie Max Voglmaier noch heute erschüttert mitteilt, selbst Familienvater mit fünf Kindern und wurde später hingerichtet.

Kloster Au diente als Lazarett

Als der Weg der Gruppe einen wunderschönen Blick auf Kloster Au freigibt, erfuhren die Wanderer, dass in dem dortigen Lazarett 490 verwundete und kranke Soldaten betreut beziehungsweise beim Sterben begleitet wurden, wobei Bein- und Armamputationen zu alltäglichen Verrichtungen zählten. Am 19. März 1945 überflog hier eine Bomberflotte den Inn in Richtung Waldkraiburg, wo eine Pulverfabrik und Mühldorf, wo das Bahnhofsgelände bombardiert wurde.

Zeitzeugengespräch im Dorfsaal

Besonders anrührend: die Geschichte eines kleinen Hauses in Mittergars, das der letzte Kriegsheimkehrer gebaut hatte, der erst im November 1949 aus Russland freikam. Seine Familie hatte auf der Flucht die Bombardierung Dresdens überlebt, dabei war aber der Sohn ganze 12 Tage lang verschüttet und damit für sein ganzes Leben gezeichnet worden.

Der Koordinator der Geschichtsarbeit des Landkreises Daniel Baumgartner befragt den Zeitzeugen Horst Hubl – im Dorfsaal Mittergars.

Der letzten „Spur“, einem Zeitzeugengespräch im Mittergarser Dorfsaal, folgten schließlich etwa hundert Besucher, die sich von den Erinnerungen Steffi Franzlers (85), Horst Hubls (80) und Erhard Gottwalds (88), interviewt von Ulrike Zöller und Daniel Baumgartner, in Bann ziehen ließen. Sie erzählten von Flucht und Vertreibung, von entbehrungsreichen Jahren und traumatischen Erlebnissen, und schließlich von dem aufgezwungenen Abenteuer, in der Fremde ein neues Leben beginnen zu müssen. Annelies Brandstätter sorgte an der Harfe mit klangvollen klassischen Kompositionen böhmischer Komponisten für nachdenkliche Momente.

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