Neuer Negativrekord
„Aus Überzeugung“: Warum es immer weniger Scheidungen gibt
„Absolutes No-Go“: In Deutschland gibt es immer weniger Scheidungen. Eine Paartherapeutin und ein Ökonom haben Erklärungsansätze.
Immer weniger Paare lassen sich scheiden: 2023 waren es in Deutschland rund 129.000, teilt das Statistische Bundesamt mit. Damit sank die Zahl der Scheidungen gegenüber dem Vorjahr um 6,1 Prozent – ein neuer Negativrekord. 2022 nahm die Zahl der Scheidungen um 3,8 Prozent ab.
Seit 2003 gehen Scheidungen in Deutschland mit Ausnahme weniger Jahre zurück (-39,7 Prozent). Woran liegt das? Zum einen ist die Zahl der Eheschließungen langfristig ebenfalls rückläufig. 2023 sank sie auf den zweitniedrigsten Stand seit 1950. Doch nicht nur das beeinflusst die Anzahl an Scheidungen.
„Heute trennt man sich nicht mehr, weil man unglücklich ist, sondern weil man denkt, man könnte anders glücklicher sein“, sagt die Paartherapeutin Yvonne Beuckens BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.
Weniger Scheidungen: „Man heiratet wenn, dann aus Überzeugung“
Insgesamt habe sich der Anspruch an Beziehungen (in denen Frauen schneller ausbrennen) verändert, die Menschen seien „trennungsbereiter als früher“ und gingen deshalb wahrscheinlich auch bewusster mit der Entscheidung um, zu heiraten. „Es gibt keine gesellschaftliche Verpflichtung mehr, man heiratet wenn, dann aus Überzeugung“, sagt die Diplom-Psychologin aus Bad Nauheim.
Meist habe das dann etwas mit einem bestimmten Wertesystem beider Partner zu tun, sie entschieden sich für ein gemeinsames Lebensmodell. Und dies trage die Paare eher durch Krisen, die jede Langzeitbeziehung überwinden müsse. „Das ist beständiger als ein bloßes Lebensgefühl oder der gesellschaftliche Druck, in einem bestimmten Familienmodell leben zu müssen.“
Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschland.
„Absolutes No-Go“: Was in Deutschland für weniger Scheidungen sorgt
Wido Geis-Thöne, Ökonom für Familienpolitik und Migrationsfragen beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, sieht einen langfristigen Faktor für weniger Scheidungen darin, dass sich Paare vor der Ehe länger ausprobieren, was die Gefahr einer Scheidung reduziere. „Noch bis in die 1970er-Jahre hinein wäre das nahezu unmöglich gewesen, da Paare ohne Trauschein allein aus rechtlicher Sicht zusammen noch nicht einmal eine Wohnung oder auch nur ein Hotelzimmer mieten konnten“, sagt er BuzzFeed News Deutschland.
Hinzukomme, dass sich getrennte Paare heute mehr als früher weiter gemeinschaftlich um ihre Kinder kümmern und ein gutes Grundverhältnis bewahren. „Damit einhergehend wird es auch wahrscheinlicher, dass Paare aus Scheu vor Bürokratie und Kosten trotz Trennung verheiratet bleiben. Ich kenne da einige Beispiele, kann aber nicht sagen, wie häufig das insgesamt ist“, so der Ökonom.
Auch die aktuell starke Zuwanderung wirke sich auf die Scheidungszahlen aus: „Gerade in der islamischen Welt, aber etwa auch in Indien, von wo aktuell sehr viele IT-Fachkräfte ins Land kommen, sind die gesellschaftlichen Normen noch weit traditioneller als in Europa“, sagt Geis-Thöne. Zwar würden sich Zuwandernde bis zu einem gewissen Grad an die Gesellschaften ihrer Zielländer anpassen, sie blieben jedoch immer auch in ihren Herkunftskulturen verwurzelt. Und dort sei eine „Scheidung vielfach noch ein absolutes No-Go, ähnlich wie im Deutschland der 1960-Jahre“.
Rubriklistenbild: © Pond5 Images/IMAGO
