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„Spitze des Eisbergs“

„Mutterbonus“ bei Sorgerechtsstreit? Familienrichterin versucht zu schlichten

Mütter gewinnen vor Gericht häufiger Sorgerechtsprozesse. Einige Männer finden das ungerecht. Eine Familienrichterin versucht zu schlichten.

Anfang April hat das Bundesverfassungsgericht die Rechte leiblicher Väter gestärkt. Väter, die ein Kind auf natürlichem Weg zeugen, sollten dasselbe Elterngrundrecht haben wie Mütter, entschieden die Richter und Richterinnen.

Dass diese systematische Benachteiligung vor Gericht endlich aufhört, wird höchste Zeit, sagt Marcus Gnau vom Verein „Väteraufbruch für Kinder“ BuzzFeed News Deutschland, von IPPEN.MEDIA. „Die meisten Familienrichter und Familienrichterinnen gewähren Müttern noch immer einen ‚Mutterbonus‘“, sagt er. Stimmt das?

Mütter gewinnen in Deutschland häufiger Sorgerechtsprozesse

Im Jahr 2018 übertrugen deutsche Richter und Richterinnen das Sorgerecht in Scheidungsverfahren in 914 Fällen auf die Mutter, in 251 Fällen auf beide Eltern gemeinsam und nur in 102 Fällen auf den Vater. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor. Aktuellere amtliche Zahlen liegen nicht vor, teilt ein Sprecher des Bundesjustizministeriums BuzzFeed News Deutschland mit. Wer Sorgerechtsprozesse gewinne und aus welchem Grund, das werde „nicht regelmäßig erfasst“.

Für den Juristen Marcus Gnau liegt die Ursache für die vielen gewonnenen Sorgerechtsprozesse in der „Bindungsintoleranz“ der betreuenden Elternteile (meist der Mütter). Das Wort bedeutet so viel wie „Unfähigkeit anzuerkennen, dass der andere Partner auch eine gute Beziehung zum Kind hat“. Bindungsintoleranz führe dazu, dass der betreuende Elternteil im Sorgerechtsstreit Einfluss auf das Kind nehme oder schlimmeres.

Werden Väter vor Familiengerichten benachteiligt?

Das Argument „Bindungsintoleranz“ fällt häufiger. Wie eine Recherche von Correctiv zeigt, betreiben als „Väterrechtler“ bezeichnete Männer aktiv Lobbyarbeit in Gerichten, um diese Erzählung zu verbreiten. Radikale Ortsgruppen des Vereins „Väteraufbruch“ verharmlosen häusliche Gewalt gegen Frauen. Davon distanziert sich Gnau. Der Väteraufbruch für Kinder kritisiert häusliche Gewalt. Es darf sie nicht geben“, sagt er. Aber seiner Meinung nach würde das Thema häusliche Gewalt von Frauen in Sorgerechtsprozessen missbraucht, um Vorteile zu genießen. Das würden ihm 22 Jahre Erfahrung als Betreuer von Sorge- und Umgangsrechtsverfahren zeigen.

„Niemand will ohne guten Grund alleinerziehend sein“, entgegnet Johanna Wiest, Referentin für Häusliche und sexualisierte Gewalt bei der Frauenrechtsorganisation Terre de Femmes (TDF). In ihren Online-Umfragen zeigt sich, dass von häuslicher Gewalt betroffene Frauen, vor Gericht sogar benachteiligt werden. Wiest spricht bei BuzzFeed News Deutschland von einer „Täter-Opfer-Umkehr“: Partnerschaftsgewalt, die von Müttern vor Gericht vorgetragen werde, werde in vielen Fällen sogar gegen diese ausgelegt – begründet mit eben diesem Narrativ der „Bindungsintoleranz“.

Gastbeitrag: Wenn Patchwork eine Qual ist – Mutter berichtet über Probleme für leibliche Eltern

Häusliche Gewalt: „Betroffene vor Gericht nicht radikal ehrlich“

„Fragen Sie mal einen Fußballfan des Teams, das verloren hat, ob der Schiri einen guten Job gemacht hat“, sagt Heidi Fendler BuzzFeed News Deutschland. Sie ist Familienrichterin in Frankfurt und verhandelt jedes Jahr etwa 1500 Scheidungen.

Woher kommt dieses Gefühl der Benachteiligung? Bei vielen Müttern und Vätern, die vor Gericht streiten, sei einer der Partner unsensibel vorgegangen. „Der andere Partner ist dann verletzt, was verständlich ist.“ Aus ihrer Erfahrung könne sie jedoch sagen: Wenn eine Frau oder ein Mann Vorwürfe der häuslichen Gewalt erhebe, stelle sich das in der überwiegenden Anzahl der Fälle als wahr heraus.

Häusliche Gewalt geht an Kindern nicht spurlos vorbei. Auch wenn ein Kind Gewalt selbst nicht direkt miterlebt, weil es beispielsweise außer Haus ist, wenn die Gewalt passiert, ist es massiv davon betroffen.“ Was manchmal passiere, sei, dass Betroffene ihre Erfahrungen vor Gericht nicht radikal ehrlich vortragen – auch weil das Thema so schambehaftet sei und sie sich immer noch in Abhängigkeit zum Partner befinden. „Ich glaube den Betroffenen, wenn sie das Gefühl haben, niemand glaubt ihnen“, sagt Fendler.

Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschland.

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Familienrichterin: „Der Kampf ums Kind wird größer“

Die Familienrichterin aus Frankfurt habe das Gefühl, dass immer mehr Paare beim Sorgerecht eine gute Lösung finden. „Vor Gericht landet ja nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Fendler BuzzFeed News Deutschland. Die Sorgerechtsprozesse, die vor Gericht landeten, würden aber zunehmend hochstrittiger und zögen sich in die Länge. „Die Lebensrealität hat sich geändert. Der Kampf ums Kind wird größer“, sagt sie.

Vielleicht weil heute mehr denn je beide Eltern in die Betreuung eingebunden werden wollen, was ja erst einmal ein gutes Zeichen für Gleichberechtigung sei. Bis sie diese jedoch zu 100 Prozent gleichberechtigt wahrnehmen, könne es noch dauern, sagt Fendler. Da ändere die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, auch wenn sie wichtig ist, erst einmal nicht viel. Sie sorge nur dafür, dass leibliche Väter, die keine rechtlichen Väter sind, mehr Rechte bekommen.

Üblich sei immer noch, dass die Frau 50 und der Mann 100 Prozent arbeite. „Wir müssen vor Gericht mit der Lebenswirklichkeit umgehen“, sagt Fendler. „Ich wäre auch froh, wenn Mütter und Väter beide 75 Prozent arbeiten, damit ich als Richterin gleiche Betreuungszeiten festlegen kann“, sagt sie. „Das würde den Kindern guttun. Aber davon sind wir in Deutschland eben noch ein ganzes Stück entfernt.“

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Rubriklistenbild: © Panthermedia/IMAGO

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