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Das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Region

Waging am See im Krieg: Pfarrer wetterte gegen die „Nacktkultur“ – und Panzer rollten an

Der Waginger Heimatpfleger Franz Patzelt (links) hat im Jahr 2004 Georg und Josef Bogner nach ihren Kriegserlebnissen befragt und darüber einen Bericht verfasst. Im August 2023 traf er sich noch einmal mit Josef Bogner, dem jüngeren der beiden Brüder (auf dem Bild rechts), und dem Autor dieses Beitrags.
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Der Waginger Heimatpfleger Franz Patzelt (links) hat im Jahr 2004 Georg und Josef Bogner nach ihren Kriegserlebnissen befragt und darüber einen Bericht verfasst. Im August 2023 traf er sich noch einmal mit Josef Bogner, dem jüngeren der beiden Brüder (auf dem Bild rechts), und dem Autor dieses Beitrags.

In Waging am See herrschte vor 80 Jahren mehr als nur Kriegsangst: Pfarrer Ringmeir kämpfte von der Kanzel gegen „sittenloses Benehmen“ und „Nacktkultur“, während die Region um eine geplante Todeszone bangte. Doch inmitten all des Chaos gab es auch Geschichten von Widerstand, Hilfsbereitschaft und dem Wunsch nach Frieden.

Waging am See – Franz Ringmeir wurde 1935 Pfarrer in Waging. Er schilderte gut zwei Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs, also vor genau 80 Jahren, in einem Brief an das Erzbischöfliche Ordinariat in München, wie das Kriegsende in Waging und Umgebung ablief: „Gott sei Dank, der Krieg ist vorbei. Klage und Freude erfüllen naturgemäß die Herzen. Klage: Genau wie im letzten Krieg 1914-18 haben wir in diesem Krieg 64 Gefallene. Dazu kommen aber diesmal leider noch 35 Vermisste, von denen, besonders aus Russland, noch viele heimkehren werden. Wir beklagen das unchristliche, sittenlose Benehmen vieler Evakuierter aus der Großstadt. Gegen die Nacktkultur musste von der Kanzel und im Privatverkehr immer wieder gekämpft werden. Wir freuen uns, dass der christentumsfeindliche Parteizwang verschwunden ist, dass die allermeisten Familien der Pfarrei treu katholisch geblieben sind, dass die allermeisten Soldaten im Felde nicht schlechter, sondern geläutert und ernster wurden.“

Stundenlang sind große Fliegerverbände über unseren Markt geflogen bei Angriffen auf München, Salzburg, Regensburg, Passau, Landshut, Linz, schreibt Ringmeir weiter. In der Umgebung von Waging, in St. Leonhard, Otting und Tettenhausen seien mehr als 250 Bomben gefallen. Im Waginger Bezirk ist nur einmal im ganzen Krieg, am 5. Februar, ein Bombenabwurf erfolgt. Eine Bombe entwurzelte die größte Eiche eines Waldes und schob sie zehn Meter weit weg. Die zweite fiel daneben in die Wiese und riss ein zehn Meter breites und vier Meter tiefes Loch in die Wiese. Der Luftdruck war so stark, dass viele Fenster eingedrückt worden sind.

Pfarrer berichtet über eine geplante Todeszone in der Region

Ringmeir weiter: „Ein Verband flog von Göppingen her über Waging. Ein Stück eines Motors fiel herunter und durchschlug das Dach der Holzlege im Pfarrgarten. Der Pfarrer stand dicht dabei und beobachtete die Flugzeuge. Kurz danach krachten schon die Bomben.“ Im März und April verdichteten sich die Nachrichten, dass die Umgebung von Berchtesgaden bis zum Letzten verteidigt werden sollte. Die wildesten Gerüchte schwirrten umher, schreibt der Geistliche: „Es soll im Umkreis von 60 km um Reichenhall und Berchtesgaden mit einem neuen Mittel alles vergiftet werden und eine tote Zone geschaffen werden, die auch vom Feind nicht durchbrochen werden kann. Es soll alles evakuiert werden. Begreiflich, dass eine große Unruhe unter der Bevölkerung entstand.“

Franz Ringmeir wurde 1889 im Landkreis Weilheim-Schongau geboren und 1915 in Augsburg zum Priester geweiht. Von 1921 bis 1935 war er Benefiziat und Chorregent in Traunstein. 1935 wurde er Pfarrer in Waging und starb 1965.In Waging wetterte Pfarrer Ringmeir or 80 Jahren von der Kanzel gegen die „Nacktkultur“ und beklagte das unchristliche und sittenlose Benehmen vieler Evakuierter aus der Großstadt.

Überall wurden an strategisch wichtigen Punkten Schützengräben aufgeworfen und Panzersperren an allen Ortsausgängen angelegt. Ringmeir: „Die Leute begannen, wertvolle Sachen und Lebensmittel zu vergraben. Munitions- und Lebensmitteldepots wurden angelegt. Nachrichtentruppen kamen, und bald begann der Strom der zurückflutenden Truppen, die untereinander gar keine Verbindung hatten. Es begannen die riesigen Einquartierungen. Am 28. April kamen auf Sanitätswagen zur Tarnung SS-Truppen. Im Knabenschulhaus war das Oberkommando der Luftwaffe untergebracht. An diesem Samstag, 28. April, hatte auch der Freiheitssender München seine erste Sendung in den Äther geworfen. Die Folge davon war, dass die Nachrichtentruppen ihre im Garten des Bräukellerwirts aufgestellten Sendemasten mit großem ‚Hallo‘ umwarfen und abzogen.“

Am 4. Mai kamen die amerikanischen Panzer

Am 4. Mai früh halb 8 Uhr zogen die ersten amerikanischen Panzer in Waging ein und fuhren weiter in Richtung Salzburg und Laufen. Bis zum Abend fuhren ununterbrochen Panzer durch den Ort. Pfarrer Ringmeir: „Es war ein trauriger Anblick, wie unsere guten deutschen Soldaten mit weißen Fähnchen auf dem Rücken zurückmarschierten. Beim Krankenhaus hat ein Unteroffizier in der Verwirrung nicht gleich die Arme hochgehoben, als die Panzer vorbeifuhren. Er wurde sofort in den Fuß geschossen.“

Hier leicht gekürzt die letzten Notizen im Bericht des Waginger Seelsorgers: „Der größte Teil der deutschen Truppen ist rechts und links in die Wälder und Einöden und in die abgelegenen Häuser geflüchtet – eine ungeheure Belastung für die Bevölkerung. In jedem Bauernhof waren 40, 60 und noch mehr Soldaten mit Pferden. Eine Bäuerin hat sechsmal am Tage gebacken. Am nächsten Tag sagte sie dem Pfarrer, sie habe noch für einmal Backen Mehl und dann nichts mehr. Die Einwohner haben ungeheuer viel gegeben. Lange später erzählten noch zurückgekehrte Soldaten, dass überall in den nördlichen Gauen gesagt wird: In Waging seien die Leute so gut und wohltätig gewesen und hätten alles geopfert für die Krieger. Am Samstag, den 5. Mai, ist dann Waging erst besetzt worden.

So wie hier beim Zeiser-Bauern in Voitswinkel bei Wonneberg sah es gegen Kriegsende vielerorts aus: Hunderte zurückflutende Soldaten suchten auf ihrem Rückzug in die Heimat bei Bauern Nahrung und ein Dach über dem Kopf.

In einigen Häusern haben die Besatzungstruppen schon böse gehaust und nicht bloß Souvenirs mitgenommen, sondern auch Motorräder, Fahrräder, Wäsche und Kleider. Besonders zu leiden hatten die Einwohner unter den freigewordenen Ausländern. Aber nachdem die Pfarrgeistlichkeit zusammen mit dem amerikanischen katholischen Geistlichen und katholischen amerikanischen Offizieren sich energisch für die Bevölkerung einsetzten, ist es besser geworden. Aber für viele gute brave Familien, die die Ausländer gut behandelt haben, waren diese auch wieder ein guter Schutz.

Waging hat zweimal eine förmliche Völkerwanderung mitgemacht, erst der Rückzug der deutschen Truppen mit ungeheuer viel Einquartierung, dann nach der Besetzung die Flut der heimkehrenden Krieger. Auch jetzt wurde wieder viel gestohlen, besonders in den Einödhöfen. Bis jetzt ist Waging am See noch Erholungsplatz für die Besatzungstruppen. ‚Aber wir wollen das alles gern auf uns nehmen‘, so kann man immer hören. Es stehen doch noch unsere Häuser, es kann in den Feldern geerntet werden, wir sind nicht Kriegsschauplatz geworden. Darum ist alles so dankbar.

Zwei Brüder aus Waging im Kreuzfeuer amerikanischer Tiefflieger-Schützen

Der damalige Waginger Heimatpfleger Franz Patzelt hat im Jahr 2004 Georg und Josef Bogner nach ihren Kriegserlebnissen befragt und daraus einen Bericht verfasst. Im August 2023 traf er sich noch einmal mit Josef Bogner, dem jüngeren der beiden Brüder und dem Autor dieses Beitrags. Dabei schilderte Bogner einige Begebenheiten aus jener Zeit, die er mit seinem bereits verstorbenen älteren Bruder erlebt hat. „Zu essen hatten wir eigentlich immer genug“, berichtet er. Der Vater war Spengler und das Geschäft ging in etwa so: „Drei Meter Dachrinne gegen drei Pfund Fleisch“, erzählt er schmunzelnd. Als die Amerikaner einrückten, habe der Pfarrer sie ermahnt, beim Heimgehen vorsichtig zu sein. „Das war wunderbar anzusehen, als die amerikanischen Panzer durch Waging fuhren.“ Plötzlich habe aber einer aus der staunenden Menge am Straßenrand gesagt, das seien Russen, weil ja ein Stern auf den Panzer aufgemalt sei. Gott sei Dank hatte der Mann nicht recht, denn vor den Russen hatte man nicht nur in Waging Angst. Nachfolgend in leicht gekürzter Form die Aufzeichnungen von Franz Patzelt über das Gespräch mit den Bogner-Brüdern:

„Noch vor Kriegsende machten Georg Bogner und sein Bruder Josef unliebsame Bekanntschaft mit dem ‚Feind‘. Als sie Ende April 1944, an einem klaren, kalten Tag, mit einem Handwagen Spengler-Material transportieren sollten, wurden sie von einem englischen Tiefflieger angegriffen. Sie waren gerade auf der Schinderbach-Brücke angekommen, da flog aus Richtung Waging ein Flugzeug sehr niedrig auf sie zu, sodass sie den Piloten und den in einer Kanzel unter dem Flugzeugrumpf liegenden MG-Schützen sehen konnten. Der feuerte auf die beiden Buben, knapp neben ihnen spritzten die Einschüsse auf. Sie sprangen Hals über Kopf die Bachböschung hinunter, mitten durch Brennnesseln, und suchten unter der Brücke Deckung. Voller Angst verharrten die beiden dort einige Zeit und machten sich dann unverrichteter Dinge auf den Heimweg zur Mutter, der sie alles erzählten. Nie wieder wurden die beiden mit einem so gefährlichen Überland-Auftrag betraut.

Georg Bogners Vater Josef war während der NS-Herrschaft gefährdet, weil er stets den Krieg vorhergesagt hatte und später, als der Krieg eingetroffen war, sein schlimmes Ende prophezeite. In mehreren Versammlungen äußerte sich Bogner sen. über den ‚Hitler-Schmarrn´, was zur Folge hatte, dass dann immer der Ortsgruppenleiter in der Werkstatt erschien und den Spenglermeister in ein halb amtliches, halb vertrauliches Verhör nahm, das regelmäßig mit der Mahnung anfing: ‚Bogner, Bogner, was hast denn wieder g’sagt? Sag halt nicht immer solche Sachen, sonst muss ich dich irgendwann anzeigen! Ich tu es jetzt noch nicht, aber bald wird ́s nicht mehr gehen´. Josef Bogner hatte Ersten Weltkrieg eine hohe Auszeichnung bekommen; das gewährte ihm einen gewissen Schutz. 

Der Ortsgruppenleiter hielt am Kriegerdenkmal berüchtigte, ziemlich laute Reden, die von den Wagingern wegen des häufigen ‚die wo´ und der martialischen Formulierungen belächelt wurden. Die Hitlerjugend musste zu diesen Heldengedenkfeiern von der Schule aus geschlossen aufmarschieren. Georg Bogner, der keine HJ-Uniform besaß, wurde in der Mitte der Formation, wo man nicht so auffiel, ‚versteckt´. ‚Sei stad, sonst kimmst auf Dachau!‘ war allgemein eine häufig gebrauchte Redewendung. Man wusste, dass in Dachau die NS-Gegner eingesperrt wurden und recht ‚verändert´ zurückkehrten. 

Keine Seltenheit in Waging und Umgebung: riesige Bombentrichter im Wald. Die Amerikaner warfen auf dem Rückflug von ihren Kampfeinsätzen oft nicht mehr benötigte Bomben ab, die nur unnötiger Ballast beim Flug über die Alpen nach Italien gewesen wären.

Spenglermeister Bogner und der alte Aichhammer hörten in Aichhammers Wohnung den verbotenen ‚Freiheitssender Bayern´, der in den letzten Kriegsmonaten genaue Hinweise gab, welche Gebiete schon befreit waren, also wo die Amerikaner angekommen waren und welche Gebiete noch unter NS-Herrschaft standen. Während im Aichhammerschen Haus der Feindsender gehört wurde, musste Georg Bogner vor dem Haus als Wächter zum Schein die Straße kehren und jedes Mal, wenn sich jemand näherte, zur Warnung mit dem Besenstiel ans Fenster klopfen. 

Die Volkssturm-Übungen waren gemütliche Treffen

Trotz dieser Anti-Haltung war Josef Bogner für kurze Zeit Waginger Volkssturmführer. Sein Vater habe sich wegen seiner Auszeichnungen im Ersten Weltkrieg dieser Aufgabe nicht entziehen können, sagt Georg Bogner. Der Volkssturm, dem die älteren Männer aus Waging und Umgebung angehörten, hielt pro forma Übungen ab, die jedoch mangels Bewaffnung recht unkriegerisch ausfielen. Unter dem Kommando seines Vaters wurden im Wald hauptsächlich Zigarren geraucht, erzählt der Sohn. Dass Bogner sen. zu den Nazi-Gegnern gerechnet wurde, geht auch daraus hervor, dass Ortspfarrer Ringmeir mehrmals beim Spenglermeister Unterstützung suchte. Wenn der Geistliche mit dem Rad nach Traunstein fuhr, was fast jeden Freitag geschah, ließ er sich manchmal von Josef Bogner oder dessen Sohn Georg begleiten. Als Ringmeir einmal ins Rathaus zitiert wurde, zog er vorher Josef Bogner ins Vertrauen und besprach mit ihm, was zu geschehen habe, falls er nicht zurückkehre.

Als das Kriegsende für jedermann absehbar war, kam der Bürgermeister zum Bogner, warf die Rathausschlüssel auf den Wohnzimmertisch und sagte: ‚Da, hast die Schlüssel; ich mag nicht mehr Bürgermeister sein; ich hab doch auch nicht gewusst, dass die uns so anlügen!´ Spenglermeister Bogner wusste nicht, wie er in dieser Situation hätte helfen können. Auch der Ortsgruppenleiter und der Oberlehrer erschienen später bei Bogner und baten unter Tränen um ein ‚gutes Wort´ bei den Amerikanern. 

Prügelei in der Sakristei der Waginger Pfarrkirche

Ein Waginger Kaufmann war zu jener Zeit Volkssturmführer und leistete sich in dieser Eigenschaft kirchenfeindliche Auftritte. An einem Ostersonntag wollte er während des Festgottesdienstes eine Fliegeralarm-Übung durchführen. Mit diesem Ziel erschien er während des Hochamtes in Uniform in der Sakristei und wollte vom Altarraum aus die Gottesdienstbesucher zum Verlassen der Kirche auffordern. Pfarrer Ringmeir und der Kooperator waren jedoch gewarnt worden. Kooperator Hammer wartete in der Sakristei auf den Volkssturmführer und hinderte ihn mit Körpergewalt an dem geplanten Auftritt. Die Geistlichen und der Altardienst hörten deutlich das ‚Kampfgetöse´ in der Sakristei. Pfarrer Ringmeir kürzte den Gottesdienst ab, um Schlimmeres zu verhindern. 

Anton Murr wurde von den Amerikanern als Erster Bürgermeister ein-, aber bald auch wieder abgesetzt und sogar einige Zeit in Laufen eingesperrt, weil er angeblich nicht immer nach dem Willen der Besatzer handelte. Einige Waginger besuchten ihren Bürgermeister in der Salzachstadt. Die Amerikaner hatten Lebensmittel und Material in Hülle und Fülle. Einmal gruben sie vor dem Anwesen Heim am Haslacher Weg ein großes Loch und schütteten eine ganze Wagenladung abgepackten Kaffee hinein. Um zu verhindern, dass Waginger sich an diesem ‚Abfall´ bedienten, überdeckten sie die Grube mit einem festen Gitter. Warum sie den Kaffee auf diese Weise entsorgten, konnte nicht geklärt werden. (obk)

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