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Zeitzeugen berichten über die letzten Kriegstage

Grassau am Ende des Zweiten Weltkriegs: Spannende Erzählungen von lokalen Augenzeugen

Pfarrer Johannes Hausladen (links) und Hans Ullinger (rechts) berichteten über die letzten Kriegswochen in Grassau.
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Pfarrer Johannes Hausladen (links) und Hans Ullinger (rechts) berichteten über die letzten Kriegswochen in Grassau.

Dank der Berichte von Pfarrer Johannes Hausladen und Hans Ullinger, besser bekannt als Lohei, erhalten wir Einblicke in die letzten Kriegsmonate in Grassau. Ihre Aussagen werfen ein neues Licht auf das Leben in der Marktgemeinde während des Krieges.

Grassau - Zwei Männern ist es zu verdanken, dass wir mehr über die letzten Kriegsmonate und Wochen in der Marktgemeinde Grassau wissen: Pfarrer Johannes Hausladen, der hier seit 1943 die Pfarrei leitete und Hans Ullinger, den alle nur mit seinem Spitznahmen Loach oder Lohei kannten. Er hatte ein enorm großes lokalhistorisches Wissen und war ein fantasievoller Erzähler. Hausladen starb 1993, der Lohei 2016. Die Aussagen Hausladens stammen aus einer Niederschrift, die er nach Kriegende an das Erzbischöfliche Ordinariat schickte, die dort jedoch vermutlich nicht angekommen ist. Das Gespräch mit Hans Ullinger hat Heimatforscher Karl Nedwed im Jahr 2004 geführt und dessen Inhalt niedergeschrieben.


Der Lohei berichtete ihm, dass im Oktober und November 1944 Flak-Einheiten in die Grassauer Schule eingezogen waren und deshalb der Unterricht auf dem Dachboden stattfinden musste. Beim Sperrer und Hefter wurden in den Wirtshaussälen im Winter Flüchtlinge aus Schlesien einquartiert. Ullinger erzählte weiter: „Bis Mitte April 1945 lernten wir den Krieg kennen durch die vielen Meldungen gefallener Soldaten aus unserer Gemeinde, durch die vielen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen, Evakuierten, Flüchtlinge und fast täglich Einflüge amerikanischer Bomberverbände. Ab Mitte April 1945 strömten fast ununterbrochen Verbände der deutschen Wehrmacht in unseren Raum, in die sog. ‚Alpenfestung´. Grassau war die letzten Kriegswochen voll mit Trossfahrzeugen der Wehrmacht.

Als die Amerikaner Anfang Mai 1945 in Grassau einmarschierten, machten sie mit ihrem schweren Kriegsgerät zunächst am Kirchplatz Station. Das Bild stammt aus dem Fotoarchiv von Olaf Gruß.

Die letzte Kriegswoche kamen nach Grassau Soldaten, die sich von anderen deutschen Soldaten deutlich unterschieden: die Waffen-SS. Die Wehrmachtsangehörigen mussten auf Befehl der SS mit ihren Fahrzeugen unser Haus und andere Häuser verlassen und mussten bei strömendem Regen und Schnee auf den Straßen und Feldern sich aufhalten. In unser Haus zog der Stab des Abschnittsführers der Waffen-SS ein. Er gab sich besonders radikal. Er sagte, er wolle dieses Kaff bis zum Letzten verteidigen. 

Den SS-Führer mit Alkohol weitgehend kampfunfähig gemacht

Bei einem Gespräch mit unseren Eltern erwähnte der Adjutant des SS-Führers, dass seine Mutter eine gebürtige Grassauerin ist. Dabei stellte sich heraus, dass seine und unsere Mutter Schulfreundinnen waren. Er vertraute unseren Eltern an, dass es ihm bei dem Gedanken, Grassau bis zum Letzten zu verteidigen, graue. Besonders unsere Mutter bat ihn inständig, alles zu unternehmen, um den Befehl zu umgehen. Die Soldaten des SS-Führers versuchten alles, um ihn umzustimmen. Sie tranken die ganze Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 durch, wobei es ihnen gelang, ihren Chef total betrunken zu machen. Er war aber sehr misstrauisch und legte seine durchgeladene Pistole nicht aus der Hand.

Man hörte schon in der Früh das Rumpeln und Dröhnen vieler Panzer. Die SS wollte herausfinden, ob die Amerikaner auch auf der Autobahn vorrückten oder ob der Anmarsch nur auf der Straße von Bernau nach Grassau stattfinde. Weil sie nicht ortskundig waren, boten mein Nachbar, der Huber Theo, der im Juli 13 Jahre alt wurde, und ich (ein paar Monate jünger) uns an, sie auf Feldwegen hinzuführen. Wir setzten uns hinten in den VW-Kübelwagen, vorne saßen die SS-Männer Walter und Karl. Wir durften sie duzen. Wir fuhren nach Rottau, dann Richtung Strafanstalt und davor auf den Westerbuchberg. Von dieser Anhöhe hatten wir einen freien Blick auf die endlose Panzerkolonne, die Panzer an Panzer auf beiden Autobahnspuren Richtung Osten fuhren. Gegenverkehr gab es keinen.

Angeblich 3600 Kampfpanzer auf dem Weg nach Österreich

Später erzählte ein deutschstämmiger Amerikaner angeblich, dass am Morgen des 3. Mai die unvorstellbare Menge von 3600 Kampfpanzern in Richtung Österreich gefahren seien. Das waren die von uns beobachteten Verbände. Bei St. Pölten wurde bis zum Waffenstillstand noch gekämpft. Welch gute Kameradschaft unter den Deutschen zu diesem Zeitpunkt noch herrschte, erkennt man an dem Erlebnis vom Gastager Nik, unserem Nachbarn, der bei St. Pölten eine halbe Stunde vor dem Waffenstillstand noch verwundet wurde. Er war im Niemandsland liegen geblieben. Obwohl sie nicht wussten, wie schwer seine Verletzung war, unternahmen seine Kameraden einen Gegenstoß, riskierten ihr eigenes Leben und retteten ihn. Das hat er mir selber erzählt.

In Grassau kannte ihn fast jeder: Hans Ullinger, der Lohei, war ein Original mit einem immens großen lokalhistorischen Wissen. Geboren wurde er 1933 und gestorben ist er 2016. Karl Nedwed aus Grassau hat Ullinger mehrfach interviewt. Der hier abgedruckte Text, so erklärt Nedwed, ist nach einem Gespräch mit Ullinger im November 2004 entstanden. Das Foto hat Erich Kamm aus Grassau im Jahr 2005 gemacht und zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Durch Funk war man mit der Reichskanzlei und dem Obersalzberg verbunden. Hierdurch erfuhr man vom ‚Freitod´ Hitlers. Diese Nachricht wirkte auf die SS-Leute niederschmetternd. Sie sagten, wir haben Hitler, aber nicht Dönitz, die Treue geschworen. Die Meldung vom ‚Heldentod´ Hitlers hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Männer den Befehl gaben, Grassau zu räumen. Sie selber packten ihren betrunkenen Gruppenführer in den Befehlswagen und verließen am Vormittag des 3. Mai den Ort. Eine brenzlige Situation tat sich für unseren Ort noch einmal auf. Kinder bemerkten einen Wehrmachtssoldaten, der sich auf der Höhe der heutigen Shell-Tankstelle mit mehreren Panzerfäusten im Straßengraben verschanzte. Er wurde sehr böse und sagte, ihm sei alles wurscht. Schließlich gelang es dem abziehenden SS-Verband, den wie verrückt sich Wehrenden zu überwältigen und in ein Fahrzeug zu verfrachten.

Mit weißer Fahne den Amerikanern entgegengegangen – Pfarrer Hausladen prangerte den Sittenverfall an

Eine Zentnerlast fiel von uns allen. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn die SS Grassau verteidigt hätte. Nun, da der Ort von eigenem Militär frei war, galt es, dieses den anrückenden Amerikanern zu zeigen. Drei beherzte Grassauer, Pfarrer Johannes Hausladen, der ‚Weißbräu´ Sebastian Blösl und der Zimmerer Ulrich Schuhböck, gingen mit der weißen Fahne den Amerikanern entgegen und übergaben diesen Grassau. Auch andere Bürger taten das ihre für eine friedliche Übergabe. So konnte der Metzger und Jäger Kaspar Mai, der den Petrinenhof führte, die Soldaten der Spezialeinheiten für Panzerkampf, welche sich bei der Schwoager Eichen und am Waldrand zwischen Kucheln und Ritzer verschanzt hatten, davon überzeugen, dass sie von ihrem sinnlosen Vorhaben ablassen. Vom westlichen Ortseingang Grassaus winkten Schulkinder mit weißen Tüchern zu den Amerikanern rüber, welche sich mit ihren Panzerfahrzeugen bereits auf der Höhe der Einöd befanden.“ Soweit Ullingers Bericht.

„Ein noch nicht übersehbarer Schaden ist durch die Evakuierten entstanden“, stellte Pfarrer Johannes Hausladen in seinem Bericht an das Ordinariat fest und prangerte den Sittenverfall in Grassau und in Marquartstein an. Er hat am 14. Juli 1945, kurz nach Kriegsende, wie fast alle Geistlichen, einen Bericht über das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Einmarsch der Amerikaner verfasst. Im Erzbischöflichen Ordinariat, das alle Geistlichen dazu aufgerufen hatte, ist das Dokument vermutlich nie angekommen. Karl Nedwed, Mitarbeiter der Grassauer Ortschronik, hat jedoch den Bericht ausfindig gemacht und schreibt dazu: „Der Originalbericht an das Ordinariat ist mir unbekannt. Doch ist dies vermeintlich eine Kopie, da der Inhalt und die Ausdrucksweise sehr amtsbezogen sind.“

Hier Hausladens leicht gekürzter Text, wobei die Zwischentitel nachträglich eingefügt wurden: „Der Krieg ist in dem Gebiet der Pfarrei erst im Lauf des Jahres 1944 in Erscheinung getreten, als die ersten Bomben in der Nähe fielen. Auch die Luftangriffe auf München und andere Städte brachten manchmal Unruhe ins Dorf, aber im Allgemeinen machte das alles nicht viel Eindruck. An Fliegerschäden wurde in der Pfarrei wenig festgestellt. Am 16. Februar 1945 fielen einige kleine Sprengbomben in der Nähe des Schulhauses, was einige Fensterscheiben kostete und einige geringe Schönheitsfehler an den umliegenden Gebäuden. 

Alle Voraussetzungen für Lasterhaftigkeit waren gegeben

Menschenleben wurden nicht betroffen. So war auch dieser Schrecken bald überwunden. Die schwersten Auswirkungen des Krieges sind die bis jetzt 95 Toten, die dem Krieg zum Opfer gefallen sind. Ein noch nicht übersehbarer Schaden ist durch die Evakuierten entstanden. Die meist jungen Frauen hatten meist nichts zu tun und viel Geld, so waren alle Voraussetzungen zur Lasterhaftigkeit gegeben. Da es sich ja größtenteils um Vorstadtpublikum handelt, um Frauen, die keinerlei religiösen Halt haben, und um die norddeutschen Frauen, die ohnehin zu Arbeit nicht aufgelegt sind, so musste es so weit kommen, dass nicht nur Urlauber und vorübergehend anwesende Männer, sondern auch Einheimische bei ihnen willkommenen Ersatz für Frauen und Bräute fanden. 

Johannes Hausladen wurde 1901 in Schäftlarn geboren und 1925 zum Priester geweiht. Erste Stationen seines seelsorglichen Wirkens waren Traunwalchen und Bad Endorf. Ab 1927 war er Präfekt im Albertinum in München. Er übernahm weitere Aufgaben in der Landeshauptstadt, unter anderem als Direktor im Hansaheim und als Religionslehrer. 1943 wurde er als Pfarrer in Grassau installiert. Hausladen starb 1993 und wurde im Priestergrab in Grassau beerdigt.

Dass das Faulenzen dieser Weiber stets herausfordernd war, braucht ja nicht eigens betont zu werden. Dass unter den Evakuierten auch solche waren, die ein musterhaftes religiöses Leben führten, möchte ich eigens betonen, sie waren auch weitaus in der Minderzahl, gehörten auch meistens sozial besser gestellten Kreisen an. Wenn auch ein besserer Kirchenbesuch festzustellen ist, so darf man sich doch dadurch nicht täuschen lassen. Recht groß ist der Gewinn fürs religiöse Leben nicht. Gerade unter den sog. frommen Seelen sind auch die stärksten Hasser. 

Die Grassauer jubelten beim Einmarsch der Amerikaner

Der Einmarsch der Amerikaner erfolgte unter dem Jubel der Bevölkerung. Der Pfarrer begleitete den Bürgermeister und einige andere Herren auf deren Wunsch zum Eingang des Dorfes, wo die ersten Kraftwagen der Amerikaner am Donnerstag, den 3. Mai um 13.40 eintrafen. An die Besetzung des Dorfes schloss sich die Einquartierung an, bei der teilweise gründlich gestohlen wurde. Der Begriff ‚Souvenir´ umfasst so ziemlich alles, was man im Gepäck unterbringen kann. Im Pfarrhof war gleich am ersten Tag auch Einquartierung, aber es wurde nicht das mindeste gestohlen, zerstört oder beschädigt. Seitdem wurde der Pfarrhof nicht mehr belegt oder belästigt. Lediglich ein paar hierher verschlagene Gaullisten versuchten, Wein zu erhalten, doch ließen sie sich durch Drohung mit den Amerikanern wieder verjagen. Im Dorf und in der Umgebung sind seit dem Einmarsch fast ständig Einquartierungen. Die Amerikaner sind im allgemeinen anständig, doch nehmen sie nach wie vor Kleinigkeiten mit. 

Der schlimmste Punkt ist das sittliche Leben. Es gibt eine Reihe von Weibern, die schlimmsten sind Evakuierte oder aus der Wehrmacht Zurückgebliebene, die sich mit den Amerikanern abgeben, ja, nicht bloß abgeben, sondern tatsächlich jede Stunde der Nacht einen anderen bei sich haben. Der Kampf gegen diese Mißstände ist sehr schwierig. Eine unangenehme Begleiterscheinung ist die, dass die Weiber Wünsche äußern, die ihnen von den Amerikanern auf Kosten der anderen Einwohner gewährt werden. So wurden schon wiederholt größere Mengen Lebensmittel gestohlen, eine Unzahl von Wäschestücken und anderes. Auch einen Radioapparat wollten sie dieser Tage rauben und einem Mädchen schenken, das ihn sich schon lange wünschte. 

Der Pfarrer wurde von den Amerikanern jederzeit anständig behandelt und konnte manche Härten mildern. Seit Anfang Juni konnte auch auf Vermittlung des Pfarrers wieder ein regelmäßiger Unterricht aufgenommen werden, den vier Lehrkräfte, die bisher einwandfrei unterrichtet haben, bis 7. Juli durchführen. Dann musste er auf Befehl des Landrates wieder eingestellt werden. Die Frage eines kirchlichen Kriegerdenkmals wurde auch bereits erwogen. In der Kirche befindet sich eine nur von außen, neben dem Haupteingang zugängliche Totenkapelle, ‚Totenkerker´ genannt. Das Gewölbe ist mit barocken Fresken geschmückt, der Altar zerfallen, aber wieder herzustellen. Das Altarbild wurde im vorigen Jahre renoviert. An einer Seitenwand wäre Platz für die Gedenktafeln.“ (obk)

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