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Das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Region

Ein Leben im Schatten von Hitlers Machtzentrale in Berchtesgaden: Josef Fischers Erinnerungen

Als Zeitzeuge erzählt Josef Fischer aus Berchtesgaden über das Ende des 2. Weltkriegs in der Region.
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Als Zeitzeuge erzählt Josef Fischer aus Berchtesgaden über das Ende des 2. Weltkriegs in der Region.

Josef Fischer wuchs in unmittelbarer Nähe zu Hitlers Machtzentrale in Berchtesgaden auf. Er erzählt von seiner Kindheit während der Naziherrschaft und dem Kriegsende. Seine Erinnerungen zeichnen ein eindrucksvolles Bild dieser dunklen Zeit.

Berchtesgaden – Josef Fischer erlebte die Naziherrschaft und das Kriegsende in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hitlers Machtzentrale im Rottenlehen unterhalb vom Obersalzberg. 1935 geboren, war er gerade einmal zehn Jahre alt, als Amerikaner und Franzosen die „Alpenfestung“ eroberten und dem „braunen Spuk“ in den Berchtesgadener Bergen ein Ende bereiteten. Seit 1963 lebt Fischer in Vachendorf vor den Toren Traunsteins. Er war hier viele Jahre engagierter und streitbarer Lokalpolitiker sowie Ortsheimatpfleger.


1935 wurde der Sepp in der Schönau geboren. Von dort ist der Weg ins Salzbergwerk Berchtesgaden, wo sein Vater arbeitete, ziemlich lang und beschwerlich. Deshalb pachteten sie 1938 das Grubenlehen am Obersalzberg. Im Sommer bewirtschaftete die Familie die dazugehörige Scharnitzkehlalm am Fuße des Hohen Göll. „Hitler hat die Alm 1940 kassiert.“ Sein Vater, 41 Jahre alt und Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, musste kurz nach dem Umzug ins Grubenlehen einrücken und am Polenfeldzug teilnehmen. Aber Weihnachten 1939 kam er heim und wenig später zog die Familie ins Rottenlehen um. Das gehörte dem Salzbergwerk und die Fischers bewirtschaftete es bis 1956. Die Bergwiesen, die zum Hof gehörten, grenzten direkt an das Sperrgelände des Führerhauptquartiers. Der kleine Seppi und seine Geschwister waren oft am Zaun und sprachen mit den jungen SS-Leuten, die ihn von innen bewachten. Zwei Meter hoch sei der „Hitlerzaun“ gewesen. Die Fischer-Kinder haben dessen Bewacher von draußen oft gehänselt: „Ihr seid eingesperrt und wir nicht.

Die Rottenkapelle mit Anwohnern auf dem Obersalzberg. Die Aufnahme wurde vermutlich in den 1930er oder 1940er Jahren gemacht.

Jeden Samstag sollten alle Kinder hinunter in eine neu gebaute Baracke, „wo wir von einer Frau Teil betreut wurden.“ Das diente offenbar auch der Vorbereitung auf die spätere Zugehörigkeit zur Hitlerjugend: „Das war ein politischer Kindergarten.“ Am Hof ging die Arbeit nie aus und natürlich mussten auch die Kinder fleißig mithelfen. Weil sie deshalb öfters den Termin schwänzten, erschien Frau Teil eines Tages auf dem elterlichen Hof, was nichts Gutes verhieß. Mutter Katharina erklärte ihr, man müsse hart arbeiten, um Rahm für die Soldaten abliefern zu können. Das sei „kriegswichtig“. Dank dieses Zauberwortes hatte man fortan Ruhe vor der Nazifrau.

Hitler hat freundlich gegrüßt

Zwei Jahre vor Kriegsende wurde eine ausgebombte Münchner Metzgerfamilie im Rottenlehen einquartiert. Der Mann hatte immer Durst, und der achtjährige Seppi wurde mit einem Rucksack hinunter in ein Gasthaus zum Bierholen geschickt. Auf dem Rückweg hielt ihn ein Gestapo-Kriminaler im grünen Ledermantel an und befahl ihm, nicht auf der Straße zurückzugehen, sondern auf der Trasse von Hitlers Rodelbahn, die ein Stück weit neben der Straße verlief. Der kleine Fischer befolgte die Anweisung zunächst, als er aber außer Sichtweite des Mannes war, ging er wieder hinüber auf die Straße. Die Rodelbahn war aus grobem Schotter, Schuhe hatten die Kinder keine, da war es schon viel komfortabler, auf der Straße zu gehen. 

Französische und amerikanische Soldaten suchten auf dem Obersalzberg nach Beute. Dieses Gemälde des „Führers“ fanden sie im Kehlsteinhaus, das auch unter dem Namen Adlerhorst bekannt ist. Hitler hielt sich nur wenige Male in seinem millionenteuren Geschenk auf, das ihm seine Partei zum 50. Geburtstag 1939 „überreicht“ hatte.


„Ich ging ein Stück, da kam der Hitlerkonvoi.“ Den kannte man schon. Es waren einige schwere Mercedes, welche die Familie zuvor schon einige Male gesehen hatten, wenn sie am Sonntagfrüh zur Kirche ging. „Ich habe mein Hitler-Mannderl gemacht mit vorgestreckter rechter Hand, wie wir es in der Schule gelernt haben.“ Und tatsächlich erhaschte er einen Blick auf den Führer, der den Gruß erwiderte. Darauf konnte man zu jener Zeit stolz sein und erzählte es gerne weiter.

Wie überall in der Region hatten auch die Berchtesgadener Angst davor, dass die Russen vor den Amerikanern einmarschieren könnten. Am 4. Mai 1945 war es so weit. Davon wussten die Fischers jedoch noch nichts. Sie hatten nur davon gehört, dass im Markt kostenlos Lebensmittel verteilt werden. Katharina schickte ihren ältesten Sohn Seppi mit seinem Rucksack hinunter in der Hoffnung, dass er auch etwas für die inzwischen neunköpfige Familie abbekommt. Unterwegs warnten ihn Nachbarn noch, er solle besser wieder heimgehen, denn die Feinde kommen. Josef Fischer ging trotzdem ins Dorf. Er erinnert sich: „Ich bekam ein paar Pfund Zucker und weiße Kaffeebohnen, also ungeröstete.“ 

Die Panzer sind ihm fast über die Zehen gefahren

Beim Heimgehen riefen ihm die Leute vom Balkon des Hauses Alpenglühen (es ist längst abgerissen) zu, dass sie jetzt kommen. Und tatsächlich: Vom Markt her hörte man furchtbaren Krach. Den verursachten die Panzerketten auf der Teerstraße. „Sowas hatten wir noch nie gehört.“ Und dann sah der zehnjährige Josef, wie ein „Hitler-Mercedes mit weißer Fahne“ an ihm vorbei Richtung Obersalzberg fuhr. In etwa hundert Meter Abstand dahinter folgten fünf oder sechs Panzer mit Soldaten, die ihr Gewehr im Anschlag hatten. „Jetzt ist es aus, dachte ich. Wie gelähmt war ich. Die Feinde erschießen mich“ – der 90-Jährige denkt einen Moment nach und sagt, damals habe man ja nichts anderes gehört. Und er wiederholt einen Satz, mit dem er meine Neugierde auf seine Geschichte geweckt hat: „Die Panzer sind mir fast über die Zehen gefahren.“

Unterhalb vom Rottenlehen stand seit uralten Zeiten die Rottenkapelle. Sie wurde nach 1933 von der SS weggesprengt. Das Bild oben zeigt vier Männer aus der Nachbarschaft, die auf dem Heimweg vom Sonntagsgottesdienst vor der Kapelle fotografieren ließen. Das Bild ist im Besitz von Josef Fischer. Er hat das Gedenkkreuz zusammen mit Alois Häusl geschmiedet, das jetzt an der Stelle steht, wo einst die Rottenkapelle stand Es wurde im Coronajahr 2020 aufgestellt.

In Berchtesgaden hatte angesichts des schnellen Vorrückens der amerikanischen und französischen Truppen auch NSDAP-Kreisleiter Bernhard Stredele die Aussichtslosigkeit der Lage begriffen. Am Morgen des 4. Mai ging Landrat Karl Theodor Jacob den alliierten Truppen entgegen und sorgte für die kampflose Übergabe des Berchtesgadener Talkessels. So schildert es Albert Feiber vom Institut für Zeitgeschichte in der NS-Dokumentation »Die tödliche Utopie«. Bürgermeister Karl Sandrock übergab dem US-Kommandeur am Schlossplatz offiziell den Markt Berchtesgaden. Aufgrund einer Verabredung zwischen dem Landrat und dem SS-Kommandanten am Obersalzberg, Bernhard Frank, wurde der von Frank befehligte Volkssturm der Region aufgelöst und die SS zog vom Obersalzberg ab. Landrat Jacob übernahm die Verantwortung für das »Führersperrgebiet« und übertrug Georg Grethlein, dem Betriebsleiter des größten Baukonsortiums am Berg, der ARGE Obersalzberg, die Befehlsgewalt. Wie mit Jacob verabredet, übergab dieser das »Führersperrgebiet« am 4. Mai an die alliierten Truppen.

Kuhmist als Schutz vor Vergewaltigung

Als erste Einheit hatte vermutlich eine Vorhut der 3. US-Infanteriedivision den Berghof erreicht. Nachdem die 101. Airborne-Division Berchtesgaden besetzt hatte, rückten am Abend des 4. Mai die ersten französischen Einheiten ein. In einem an die Bevölkerung gerichteten Flugblatt äußerte Jacob die Hoffnung, mit der kampflosen Übergabe „schweres Unglück von unseren Frauen und Kindern und unserer geliebten Heimat fernzuhalten“. Die einheimische Bevölkerung erwartete die fremden Truppen dennoch mit gemischten Gefühlen, insbesondere die Frauen und Mädchen. Viele von ihnen sollen sich aus Furcht vor sexuellen Übergriffen mit Kuhmist eingerieben haben. Die Behauptung des letzten NS-Bürgermeisters von Berchtesgaden, Karl Sandrock, die „mit den Amerikanern eingerückten schwarzen und weißen Franzosen“ hätten in den Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen um die Wette geeifert, dürfte übertrieben gewesen sein. Sicher kam es aber zu einer Reihe von Vergewaltigungen. 


Josef Fischer erzählt 80 Jahre nach diesem Geschehen, wie am Abend nach dem Einmarsch betrunkene Franzosen ins Haus der Nachbarn eindrangen. Sie wollten feiern und brauchten dazu offenbar auch Damen. Die Nachbarinnen liefen weg und suchten bei den Fischers Zuflucht. Doch die Franzosen waren hartnäckig und folgten. Da liefen die Nachbarsfrauen und auch die beiden ältesten Fischer-Töchter, die 18-jährige Katharina und die 14-jährige Maria, in den nahen Wald und versteckten sich. Ihr kleiner Bruder lag schon im Bett und bekam richtig Angst, als die Franzosen plötzlich zu schießen anfingen. Sie waren sauer, dass die Mädels weg waren und zogen wieder ab.

Mit dem Ochsenkarren schwere Lasten gefahren

1942 kaufte Fischers Vater einen Ochsen, der auch dem kleinen Seppi bald aufs Wort gehorchte. Und schon mit acht Jahren vertraute der Vater, seinem ältesten Buben das Zugtier mit den weit ausladenden Hörnern an. Wenn der Leitei, so der Hofname, zur Arbeit ins Salzbergwerk musste, nahm er bisweilen den Ochsen mit. Der Mugl, wie sie das Tier nannten, zog einen Karren, auf dem die verschiedensten Dinge transportiert wurden. War mittags die Schule aus, übergab er den Mugl samt Wagen seinem Sohn, der den beladenen Karren zurück nach Rottenlehen brachte. Eines Tages kurz nach Kriegsende transportierte er so die Koffer eines SS-Mannes, der sich offenbar abgesetzt hatte, den Berg hinauf. Im zuvor eingezäunten NS-Areal stand ein Bienenhaus, das der SS auch als Versteck für Lebensmittel diente. 

Josef Fischer berichtet über eine weitere Begebenheit, die ihn tief beeindruckt hat: Mit dem SS-Mann in Zivil und anderen Männern räumte man aus dem Bienenhaus Reis, Dörrgemüse, Zigarren und andere Schätze auf den Ochsenkarren. Plötzlich fuhr ein Kübelwagen mit vier SS-Leuten vor. Mit vorgehaltenen Gewehren schrien sie die Männer an: „Hier wird nicht geplündert. Wer plündert, wird erschossen.“ Die haben so laut gebrüllt, dass der Seppi Mühe hatte, seinen Ochsen in Zaum zu halten. Da kam einer der Begleiter aus dem Bienenhaus und brüllte genauso laut zurück: „Wer wird hier erschossen? Ihr habt doch geplündert und gestohlen.“ Die vier SS-Leute hatten mit allem, nur damit nicht gerechnet und zogen sich verunsichert zurück. Für die Familie Fischer fiel bei dieser Aktion ein großer Sack Reis ab – eine willkommene Zusatzration in diesen schweren Zeiten!

Die jüngste Schwester als Fotomotiv für die Amis

Besatzungsalltag kehrte ein. Das Hitlerareal auf dem Obersalzberg war ein Trümmerfeld. Auf der Straße von Berchtesgaden zum ehemaligen Machtzentrum der Nationalsozialisten und zurück herrschte reger Verkehr der Besatzungsmächte. Da tat sich eine Chance auf, ohne großen Aufwand an die begehrten Süßigkeiten der Amerikaner heranzukommen. Der Seppi schob den Kinderwagen mit seiner im Jahr davor geborenen jüngsten Schwester Gundi auf der Obersalzberg-Straße. Schwarze Amis stoppten ihren Jeep und machten Fotos mit dem kleinen blonden Mädchen. Dafür bekamen die Kinder ihnen bisher unbekannte Schokolade. 


In den folgenden Wochen konnte es der Seppi kaum erwarten, mit einer seiner älteren Schwestern die kleine Gundi mit dem Kinderwagen auszufahren und sie den Besatzern am Straßenrand zu präsentieren. Immer wieder blieben Soldaten stehen, schossen ein paar Erinnerungsfotos und schenkten den Kindern zur Belohnung Süßigkeiten. Doch eines Tages kam Mutter Katharina dahinter und unterband diese Art des-Beschaffens von Schleckereien. Sie hatte Angst, die Soldaten könnten auf die Idee kommen, ihre kleine Tochter mitzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt war die jüngste Fischer-Tochter noch nicht einmal getauft. Am Tag, als die Taufe stattfinden sollte, war Berchtesgaden zum Schutz vor Bombenangriffen vernebelt worden und überall stank es nach dem Mittel, mit dem der qualmartige milchige Vorhang erzeugt wurde. Die Taufe wurde deshalb verschoben.


Josef Fischer erzählt ohne Pause weiter. Eine Begebenheit soll hier noch geschildert werden. Mit dem Ochsenkarren fuhr man in Hitlers Hauptquartier, das schon weitgehend ausgeräumt war. Der bereits erwähnte SS-Mann in Zivil hatte den Leitei engagiert, um mit den Ochsenkarren Hitlers Schlafzimmer wegzuschaffen. Und so kam es, dass der Fischer Seppi das Nachtkastl des Führers aus dem Haus trug und auf dem Karren verlud. Josef Fischer lässt mich noch nicht gehen. Er berichtet, wie die Tiefflieger kamen und auf alles schossen, was sich bewegte. Er erzählt vom ersten großen Luftangriff, der das Ziel Obersalzberg verfehlte, weil die Bomben offenbar zu spät ausgeklinkt wurden. „Aber der zweite Angriff hat gesessen.“ Er erzählt von den Stunden im Keller vom Rottenlehen, als zwei Kilometer oberhalb das Führerhauptquartier in Schutt und Asche versank. Eine Druckwelle nach der anderen brach über die Schutzsuchenden herein. „Ich dachte, mich zerreißt es und wir glaubten, die Welt geht unter.“

Für Josef Fischer ging es seither fast nur aufwärts. Er absolvierte eine Schlosserlehre, studierte in Innsbruck, legte in München die Meisterprüfung ab und wurde Berufsschullehrer. Von 1962 bis zur Pensionierung 1999 unterrichtete er an der Berufsschule in Traunstein. Seit 1963 lebt er in Vachendorf, wo er sich sowohl politisch als Gemeinderat als auch kirchlich als Vorsitzender des Pfarrgemeinderats und im Vereinsleben für die Allgemeinheit eingesetzt hat. (obk)

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