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Sicher Kinderkriegen im Chiemgau – Teil 2

Geburtshilfe in der Region in der Zwickmühle: Komplexe Versorgung trifft finanzielle Herausforderungen

Geburten in ländlichen Regionen: Ein Test für das heimische Gesundheitssystem –  Prof. Dr. Christian Schindlbeck (links) und Prof. Dr. Gerhard Wolf von den KSOB in Traunstein im Gespräch.
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Geburten in ländlichen Regionen: Ein Test für das heimische Gesundheitssystem – Prof. Dr. Christian Schindlbeck (links) und Prof. Dr. Gerhard Wolf von den KSOB in Traunstein im Gespräch.

Trotz hoher medizinischer Standards steht die Geburtshilfe in Südostbayern vor großen Herausforderungen. Finanzielle und strukturelle Probleme bedrohen die Qualität der Versorgung – auch im Chiemgau. Wie lange das noch gut geht? Die Chefärzte der KSOB in Traunstein sprechen Klartext.

Traunstein/Berchtesgaden – Wer in Südostbayern ein Kind bekommt, kann sich auf eine hochprofessionelle medizinische Versorgung verlassen. Doch wie lange noch? Im ersten Teil unserer Serie haben wir beleuchtet, warum Müttersterblichkeit in Südostbayern kaum eine Rolle spielt – und wie medizinische Standards, strukturierte Qualitätssicherung und spezialisierte Versorgung die Region zu einem sicheren Ort für werdende Mütter machen. Doch hinter dieser Erfolgsbilanz steckt ein Gesundheitssystem, das unter enormem Druck steht. Der zweite Teil unserer Serie zeigt: Geburtshilfe auf höchstem Niveau ist teuer, komplex und politisch nicht gewollt genug. Die Chefärzte des Klinikverbunds Südostbayern (KSOB) sprechen im Interview über ein System, das trotz großer Qualität immer am Limit unterwegs ist.

Versorgung – ja! Finanzierung – nein?

Prof. Dr. Christian Schindlbeck, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Traunstein, bringt es im Gespräch auf den Punkt:
„Ich mache in der Gynäkologie auch viel Onkologie am Ende des Lebens. Ich habe noch nie eine Diskussion gehabt, ob eine 85-Jährige eine Chemotherapie für 20.000 Euro bekommt – aber ich habe die Diskussion, ob man in der Geburtshilfe 20 Euro für eine Laboruntersuchung verwenden darf.“ Ein Satz, der trifft – und das Dilemma offenbart. Geburtshilfe gilt gesellschaftlich als selbstverständlich. Die enorme medizinische, personelle und infrastrukturelle Leistung dahinter wird oft übersehen. Finanziert wird sie über das Fallpauschalen-System (DRG) – das nicht auf langfristige Vorhaltung, sondern auf abrechenbare Einzelleistungen ausgelegt ist. Schindlbeck weiter: „Die Geburtshilfe ist eine teure Sache, die wir vor Ort zur Verfügung stellen – gerade angesichts der roten Zahlen, die die meisten Krankenhäuser in Deutschland haben.“

Neonatologie auf höchstem Niveau – aber kaum kostendeckend

Ähnlich klingt auch Prof. Dr. Gerhard Wolf, Chefarzt der Kinderklinik und Neonatologe. Er verantwortet die Versorgung der Früh- und Risikogeborenen in einem der wenigen Level-1-Zentren außerhalb der bayerischen Großstädte – in Traunstein. Dort werden beispielsweise auch Kinder betreut, die weniger als 1500 Gramm wiegen – eine Aufgabe mit enormem Aufwand: 24/7-Bereitschaft, hoch qualifiziertes Personal, modernste Geräte, spezialisierte Pflege.

„Nur so können wir eine erstklassige Versorgung der Neugeborenen sicherstellen“, erklärt Wolf. Rein wirtschaftlich lohnen sich diese Strukturen allerdings nicht – auch nicht für den Klinikverbund. „Die Kindermedizin in jedem Krankenhaus in Deutschland ist stark unterfinanziert“, so Wolf. Der Grund: Das System belohne einfache Prozeduren – nicht aber aufwendige, zeitintensive Betreuung wie bei Neugeborenen.

Prä- und postnatale Notfallversorgung: Aufwändig, aber sprichwörtlich lebenswichtig

Dabei, so Schindlbeck, sei die Erwartungshaltung der Eltern eindeutig – und ja auch nicht verwerflich: „Heute bekommt die Frau durchschnittlich 1,31 Kinder in Deutschland. Und da erwartet man natürlich, dass das Kind gesund ist, dass es logischerweise überlebt und dass alles gut geht.“ Doch gerade das mache die Geburtshilfe so sensibel – und anfällig für überzogene Erwartungshaltungen. „Es gibt überhaupt kein Verständnis mehr dafür, dass auch mal was schiefgehen kann bei einer Geburt“, ergänzt der Chefarzt. „Heute denken viele: Kinderkriegen ist doch ganz natürlich. Warum soll ich da ins Krankenhaus gehen?“ Dabei ist gerade das – wie die WHO-Zahlen zeigen – ein gefährlicher Trugschluss.

Auch die logistische Versorgung der Region hat ihren Preis. Die Geburtskliniken in Traunstein und Bad Reichenhall arbeiten eng mit dem Rettungsdienst, der Leitstelle und einer hochmobilen Neonatologie-Einheit zusammen. „Manchmal kommt man eben zu einer Hausgeburt dazu, und es ist alles wunderbar“, berichtet Prof. Wolf. „Aber es gibt natürlich auch Hausgeburten, wo es zu Wiederbelebungssituationen kommt, die dann relativ traumatisch sein können.“ Im Ernstfall startet ein mobiles Team mit Inkubator – im Rettungswagen oder mit dem Hubschrauber. „Das System funktioniert. Aber es ist auf Kante genäht. Und es kostet Geld – jeden Tag“, so Wolf.

Ähnliche Herausforderungen sind auch an anderen Stellen im Klinikverbund erkennbar – etwa bei der direkten Zusammenarbeit zwischen den Kliniken in Bad Reichenhall und Traunstein. In Reichenhall gibt es keinen Kinderarzt vor Ort – die Geburtshilfe hat dort die Versorgungsstufe Level 4. Die Kinderklinik in Traunstein unterstützt per Telemedizin, der Kinderarzt kann sich zuschalten und entscheiden, ob er losfahren muss. Ein technisches wie organisatorisches Konstrukt, das funktioniert – aber eben auch auf wackeligem finanziellem Fundament steht. „Im Moment ist es eine teure Sache, die wir vor Ort zur Verfügung stellen“, fasste es auch Prof. Dr. Schindlbeck knapp zusammen.

Noch hält die Versorgung, doch: Politische Entscheidungen dringend nötig

Beide Ärzte sind sich am Ende einig: Geburtshilfe ist politisch. Und die Frage danach sei nicht länger nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich: „Was ist einem die Geburtshilfe und Kindermedizin vor Ort wert? Was ist es den Krankenkassen wert?“, fragt Schindlbeck. Dass der Freistaat Bayern Defizite in der stationären Geburtshilfe teilweise ausgleicht, helfe aktuell – sei aber keine dauerhafte Lösung. „Wie die politischen Entscheidungen in den nächsten Jahren ausfallen, kann ich nicht vorhersagen“, schließt er. Klar sei nur: „Das Thema muss diskutiert werden!“

Trotz aller Kritik: Die KSOB sieht sich in der Region derzeit gut aufgestellt. Die Standorte in Bad Reichenhall und Traunstein arbeiten eng vernetzt, die Ausstattung sei gut, die Versorgung funktioniere – trotz manch struktureller, aber in erster Linie finanzieller Baustellen. Die Perspektive bleibt fragil. Gerade in einem System, in dem Wirtschaftlichkeit zunehmend über medizinische Notwendigkeit gestellt wird. Prof. Dr. Gerhard Wolf bringt es auf eine einfache Formel: „Gesunde Kinder sind eher gesunde Erwachsene. Und das sollte keine Frage sein – dass in unserer Gesellschaft die Kinderversorgung gut sichergestellt ist. Bei dem ganzen anderen Geld, das wir ausgeben.“ (sl)

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