Schwere Vorwürfe bei Stadtratssitzung
Mehrere Patienten unbehandelt weggeschickt? Hitzige Diskussion um Notfallversorgung in Burghausen
Blutende Wunden, aber keine Hilfe: Am MVZ in Burghausen wurden im ersten Quartal wohl an die 15 Patienten unbehandelt weggeschickt. Der Ärger ist groß und nun flogen auch bei der Stadtratssitzung die Fetzen.
Burghausen – Es war eine Stadtratssitzung, die in hitzigen Worten mündete – und in der eine unbequeme Realität sichtbar wurde, denn am MVZ Burghausen allein im ersten Quartal 2025 wurden wohl an die 15 Patienten mit akuten Beschwerden wieder weggeschickt. Während der Sitzung am 9. April im Burghauser Stadtrat kam es deswegen zu einem scharfen Schlagabtausch zwischen dem CSU-Stadtrat und leitenden Notarzt Dr. Markus Braun und Bürgermeister Florian Schneider (SPD). Braun, gleichzeitig Obmann der Notärzte und Vorsitzender des Fördervereins Notfallmedizin, erhob schwere Vorwürfe gegen die medizinische Versorgung vor Ort. Mehrere Menschen seien in den vergangenen Wochen trotz dringendem Behandlungsbedarf nicht versorgt worden – darunter eine hochbetagte Frau mit einer infizierten Platzwunde. Seine Schilderungen zu den Vorfällen lassen aufhorchen.
Entlarvte ein Testanruf Versorgunsdefizite?
Dr. Braun berichtete, dass am Montag, dem 7. April eine 82-jährige Patientin mit einer nicht versorgten, infizierten Platzwunde in seine Praxis kam. Die Wunde hatte sie sich wohl bereits am Freitag, dem 4. April zugezogen und die Patientin suchte Hilfe im ehemaligen Krankenhaus Burghausen – vergebens. Die Frau sei an zwei intakte chirurgische Praxen verwiesen worden, die eine Behandlung jedoch ablehnten. „Solche Wunden würden dort nicht versorgt. Sie müsse in die Notaufname nach Altötting“, habe man ihr gesagt. Die Patientin sei daraufhin ratlos gewesen: Kein Auto und keine Fahrgelegenheit – das Taxi nach Altötting koste abends 80 Euro, ein Rettungswagen transportiere bei Platzwunden nicht, so Dr. Braun. Busverbindungen gebe es am Wochenende zudem auch kaum welche: am Samstag nur sporadisch und am Sonntag ginge gar kein Bus. Die Frau habe schließlich unverrichteter Dinge wieder den Heimweg antreten müssen – mit einer blutenden Wunde am Kopf.
„Das ist nicht in Ordnung und ich finde das ausgesprochen unbefriedigend für unsere Stadt“, sagte Dr. Braun. Was er schilderte, sei zudem kein Einzelfall. Nur wenige Stunden vor der Stadtratssitzung hatte eine seiner Mitarbeiterinnen beim MVZ in Burghausen angerufen, wegen einer Patientin mit einer blutenden Schnittwunde am Kopf. „Da ist ein Automat dran, der alle Nummern runterspricht“, schilderte Braun. Nach mehrmaligem Weiterwählen sei seine Mitarbeiterin zur chirurgischen Praxis verbunden worden – doch diese sei nicht besetzt gewesen. Nach neun Versuchen meldete sich schließlich eine Dame, doch auf die Frage, ob die Wunde am MVZ behandelt werden könne, erhielt sie eine klare Antwort: Nein, in der Praxis werde nicht genäht.
Bürgermeister: „Fall ist mir nicht bekannt“
Dr. Brauns Mitarbeiterin erhielt am Telefon die Auskunft, dass der Arzt nur mittwochs und dann nur für zwei Stunden in der Praxis sei. Solche Behandlungen seien angesichts der Fülle seiner Termine auch dann nicht machbar. „Das muss also alles in die Notaufnahme nach Altötting“, schloss Dr. Braun bei der Stadtratssitzung – und das sei untragbar. Bürgermeister Florian Schneider zeigte sich irritiert: „Diesen Fall kenne ich nicht – gehe der Sache aber nach.“ Er betonte, dass er auch von Fällen gehört habe, in denen sehr wohl genäht worden sei und verwies zudem auf die Hausärzte als erste Anlaufstelle. Doch diese Argumentation ließ Braun nicht gelten und kündigte an, dass er selbst ab sofort Platzwunden nähen werde. „Ich fange jetzt damit an, weil kein einziger – nicht mal das Krankenhaus – diesen Platz deckt.“
Der Disput eskalierte, als Schneider dem CSU-Stadtrat widersprach. Dr. Braun warf Schneider vor, in medizinischen Fragen kein Fachmann zu sein und der Bürgermeister versuchte zu beschwichtigen, indem er betonte, dass es keinen Dissens in der Zielsetzung gebe – die Umsetzung sei das Problem. „Wir werden keine Versorgungen zu jeder Stunde und an jedem Tag der Woche bieten können“, so Schneider. Braun hob dagegen hervor, dass ja kein ärztliches Personal in den betreffenden Praxen anwesend sei.
Weitere Fälle aus ärztlicher Praxis
Nachgefragt bei Dr. Brauns Mitarbeiterin, schildert diese, dass sich allein im ersten Quartal etwa 15 Personen an die Praxis gewandt hätten, nachdem sie am MVZ weggeschickt worden seien. Darunter viele ältere Menschen, die sich mit dem öffentlichen Nahverkehr auf den Weg zum Krankenhaus gemacht hätten – nur um dann wieder umkehren zu müssen. „Man darf sich jetzt langsam was einfallen lassen“, machte die Mitarbeiterin deutlich. Es brauche klare Kommunikation, wohin die Patienten sich im Ernstfall wenden können. Die aktuelle Situation sei für viele Bürger nicht durchschaubar.
Zwar funktioniere die Versorgung in anderen Praxen des MVZ, beispielsweise in der Radiologie oder Rheumatologie sehr gut, doch bei chirurgischen Notfällen sei man in Burghausen auf sich allein gestellt. Die Beschilderung des Krankenhauses sei zudem irreführend und es brauche dringend Informationen, wer sich wann wohin wenden könne, sowohl online als auch vor Ort. Die Empörung der Patienten sei ihrer Ansicht nach verständlich, denn was bleibe, sei ein Gefühl der Unsicherheit. Wer in Burghausen akut Hilfe brauche, könne aktuell nicht sicher sein, dass er sie auch bekomme und so blieben Menschen buchstäblich auf ihren Wunden sitzen.