Neues Restaurant
Ein Kilo Fleisch zum Frühstück? Die Geheimnisse des neuen Inders in Übersee
Haben Sie sich jemals gefragt, wo der freundliche Inder aus Ihrem Lieblingsrestaurant herkommt und was er auf seinem Weg alles erlebt hat? Wir schon.
Übersee – Es ist kurz vor 17 Uhr an einem Montagabend. Noch ist es ruhig im Überseer Restaurant Indian Aroma, das – ganz zentral am Kreisverkehr gelegen – Anfang Juli eröffnete. Gute vier Monate sind seitdem vergangen, und das indische Restaurant wird augenscheinlich gut angenommen. Bei schönem Herbstwetter war die Terrasse zuletzt oft noch gut besetzt, im Inneren sind die Tische regelmäßig komplett belegt.
Gastronomie tut sich hier nicht allzu leicht
Dabei ist Übersee kein einfacher Standort für Gastronomiebetriebe – zumindest, wenn man hier neu sein Glück versucht. Das griechische Restaurant „Taverne Lindos“ ein paar Meter weiter hat sich zwar bestens etabliert, doch andere hatten weniger Glück, etwa die zahlreichen vorherigen Pächter an diesem Standort. Oder die Pizzeria im alten Jobst-Gebäude, die 2019 mehr oder weniger von einen Tag auf den anderen schloss und für die sich kein Nachfolger fand. Kurz darauf schloss auch die Traditionsmetzgerei Jobst ihre Türen für immer.
Räumlichkeiten wurden 2017 neu gebaut
Oder das familiengeführte Bistorant „mittndrin“, das zuvor am Standort des Indian Aroma sein Glück versuchte und das Lokal dazu zunächst aufwendig aufgebaut und anschließend liebevoll ausgestattet hatte. Doch dann kam Corona.
Blick hinter die Kulisse
Nun kann hier also indisch gespeist werden. Doch wer sind die höflichen Kellner, woher stammen sie und die Köche, die das Restaurant maßgeblich definieren. Was haben sie zuvor gemacht und wie leben sie?
Von Pakistan nach Deutschland
Hassan Mohsin wirkt zu Beginn des Gesprächs mit den OVB-Heimatzeitungen etwas müde. Der schlanke und großgewachsene Mann mit gepflegtem Bart ist kein Inder, wie er zu Beginn des Gesprächs preisgibt. „Ich stamme aus Daska in Pakistan“, berichtet er in gut verständlichem Deutsch, das er sich selbst beigebracht hat. Die 175 000-Einwohner-Stadt liegt im Nordosten des Landes. Der 32-Jährige ist der Schichtleiter des Indian Aroma und wohnt in München. Jeden Tag fährt er gegen 12 Uhr mittags hierher und bleibt, bis die Kasse gemacht ist.
Im väterlichen Betrieb musste er nie arbeiten
In Deutschland ist er seit zwölf Jahren. „Mein Vater ist Landwirt. Er hat Kühe und baut Reis und Gemüse an.“ Hassan Mohsin selbst habe aber nie im väterlichen Betrieb mithelfen müssen. „Ich war bis zur zehnten Klasse in der Schule. Danach habe ich nichts gemacht.“ Sein Vater habe ihm dann irgendwann nahegelegt, nach Deutschland zu gehen. Dort sei damals bereits ein Freund von ihm mit dessen Familie gewesen.
Sein Vater besorgte ihm ein Visum, was Hassan Mohsin im Gespräch lächelnd mit einem „Keine Ahnung, wie er das gemacht hat“ kommentiert. Mohsin reiste also nach München und lebte bei seinen Bekannten, bis er sich ein paar Monate darauf eine Stelle in der Gastronomie suchte und auszog.
Viele Jahre arbeitete er in indischen Restaurants in München. Dort lernte er auch seine Frau, eine Serbin, kennen, mit der er einen gemeinsamen Sohn im Alter von sieben Jahren hat.
Zu Beginn war es schwierig
Er fühle sich in Deutschland wohl, auch wenn es zu Beginn „seltsam“ gewesen sei. Als Hassan Mohsin das erste Mal nach fast einem Jahr Aufenthalt in Deutschland nach Pakistan flog, habe er fast Bammel vor der Reise gehabt. „Ich wollte irgendwie nicht zurück.“ Und als er nach drei Wochen von Pakistan zurück nach Deutschland flog, habe ihn das gleiche Gefühl beschlichen – nur andersherum. Doch so sei es ihm nur das erste Mal gegangen.
Ein Kilo Fleisch zum Frühstück
Inzwischen hat sich Mohsin nach eigener Auskunft gut eingelebt. Ein paar traditionelle Gewohnheiten habe er sich behalten: „Zum Frühstück esse ich gerne warm, etwa so, wie man hier mittags isst.“ Dazu gehöre „gerne mal ein Kilo Fleisch“, auch wenn ihm seine „gute“ Frau, eine gelernte Köchin, heute Joghurt mit Cashwewnüssen und Obst gemacht habe.
Koch stammt aus Indien
Jagmohan Singh gesellt sich zum Tisch. Er ist einer der indischen Köche im Indian Aroma und wurde extra für diese Arbeit aus Indien nach Deutschland eingeflogen. Dort habe er in einem Deli als Koch gearbeitet. Der 35-Jährige hat ebenfalls Familie, doch seine Frau und sein siebenjähriger Sohn würden noch in Indien leben, so Singh, ein immer wieder verschmitzt lächelnder Mann.
Deutsche essen auch mal extrascharf
Anders als Hassan Mohsin schickt er einen Teil seines Einkommens zu seiner Familie, die im indischen Bundesstaat Uttarakhand lebt. Singh spricht nur indisch, weshalb sein Kollege Hassan Mohsin übersetzt. Seine Familie würde er vermissen, berichtet Singh, doch dank Smartphone könne er sie mehrmals täglich sehen. Singh wird für vier Jahre in Deutschland bleiben.
Die Küche im Restaurant Indian Aroma sei eigentlich wie in Indien, nur dass er hier nicht ganz so scharf kochen würde, so Singh. Hier wirft Hassan Mohsin ein, dass es aber durchaus Deutsche gebe, die noch schärfer als er selbst essen würden. Das wolle etwas heißen.
„Wir haben ja uns“
„Eine indische Gemeinschaft gibt es nicht rund um Übersee“, so Moshin, „doch die brauchen wir auch nicht. Wir haben ja uns.“ Dazu nickt Jagmohan Singh nur – und lächelt.
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