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Energiegenossenschaften schlagen Alarm

Energiewende im Chiemgau: Merz-Regierung und die Strompreise bremsen Ausbau

Noch einen Schritt weiter: Ein neues Solarkraftwerk soll Niederbergkirchen nicht nur Strom bringen
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Unabhängiger, günstiger und sauberer Strom für die Region: Viele möchten die Energiewende voranbringen, können es gerade aber nicht umsetzen.

Der Wille ist da, die Bürger machen mit, doch die Energiewende in der Region Chiemgau/BGL kommt nicht vom Fleck. Nach dem positiven Bürgerentscheid für eine Agri-PV-Anlage in Übersee herrscht Ernüchterung. Lokale Energiegenossenschaften berichten von massiven Hürden: fehlende Netzkapazitäten, unklare Gesetze wie das „Solarpaket 1“ und unkalkulierbare Strompreise zwingen sie, Projekte zu stoppen und auf bessere Zeiten zu warten.

Chiemau/BGL – Im April entschied ein Bürgerentscheid in Übersee, dass die Gemeinde ein Bauleitplanverfahren für eine Agri-PV-Anlage fortsetzen kann, die Anlage soll dann von der Energiegenossenschaft Neue Energie fürs Achental (NEA) südlich der Bahngleise umgesetzt werden. Ein Baubeginn ist aktuell nicht in Sicht. Planungsunsicherheiten beschäftigt viele Energiegenossenschaften in der Region. „Es bestehen rechtliche Unsicherheiten seitens des Gesetzgebers“, schreibt Christoph Kellner dem OVB. Er ist für die Chiemgau GmbH für das Energiemanagement zuständig und setzt verschiedene erneuerbare Energieprojekte um – darunter auch eine Agri-PV-Anlage in Übersee, nördlich der Bahngleise.

Kellner erklärt weiter, was die Energiewende im Chiemgau mit blockiert: „Das beschlossene Solarpaket 1 mit weitreichenden Anpassungen für den Agri-PV-Sektor ist weiterhin nicht in Kraft, da für die beihilferechtliche Genehmigung noch zusätzliche Anpassungen erforderlich sind. Auch im Windbereich ist derzeit unklar, welche Maßnahmen die neue Regierung tatsächlich umsetzen wird.“

Laut Kellner bestehe die größte Herausforderung darin, „geeignete Projekte mit einem belastbaren Netzanschlusspunkt und einem umsetzbaren, wirtschaftlich tragfähigen Konzept zu finden.“ Marian Rappl ist Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft. Für ihn ist der Netzengpass ein entscheidender Faktor: „Hier muss nachjustiert werden“. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien müsse synchroner mit dem Netzausbau geschehen. „Eine erneuerbare Energieanlage ist in zwei bis vier Jahren geplant und gebaut, ein entsprechendes Netz dauert deutlich länger“, erklärt Rappl die Problematik. Zu viel Strom für zu wenig Netz also.

Netzausbau läuft und muss weiter forciert werden

Das Energiesystem habe sich durch die Energiewende „letztendlich komplett auf den Kopf“ gestellt. Es gebe nicht mehr wenige große zentrale Kraftwerke, sondern „hunderttausende kleine“, erklärt der Energieexperte. Das Problem: Die Anlagen stehen oft da, wo der Stromverbrauch nicht hoch ist, der Strom muss über weite Strecken zum Verbrauchen transportiert werden. Eine simple Botschaft von Rappl deshalb: „Wir brauchen ganz viele neue Netze.“ Da passiere gerade auch schon an vielen Orten was: „Viele Projekte sind fertig, viele sind im Bau und viel ist in der Planung“.

Hintergründe zur aktuellen Debatte auf Bundesebende

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will Subventionen für die Energiewende kürzen. Das dadurch geplante Ausbremsen der Energiewende begründen Reiche und Kanzler Friedrich Merz mit zu hohen Kosten. Eine aktuelle Studie der Ökonomin Claudia Kemfert kommt zu einem anderen Ergebnis: Jeder in den Klimaschutz investierte Euro hat einen Nutzen von 1,8 bis 4,8 Euro. „Für Europa senkte der zusätzliche Ausbau von Wind- und Photovoltaikanlagen in den Jahren 2021 bis 2023 die Kosten der Stromversorgung um rund 100 Milliarden Euro“, wird Kemfert von der taz zitiert.

Fachleute kommen gleichzeitig zu dem Schluss, dass in Deutschland das Verbrennen fossiler Energien durch ineffiziente Subventionen gefördert wird. Dazu zählen keine Energiesteuer auf Kerosin bei Inlandsflügen, Steuervergünstigungen für Pendler (Entfernungspauschale) und andere Steuervergünstigungen in der Schifffahrt, Land- oder Forstwirtschaft. Würden diese Subventionen abgebaut werden, führte das zu „mehr Wohlstand, steigenden Steuereinnahmen und deutlich geringeren CO2-Emissionen“, so das Fazit der Studie des Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

Zunächst war die Bundesregierung mit dem Ziel gestartet, die Strompreise für die gesamte Bevölkerung zu senken, daraus wird aber vorerst nichts. Stattdessen wird Gas günstiger. Reiche, die vor ihrer Zeit als Wirtschaftsministerin eine Führungsposition beim Energiekonzern E.ON innehatte, veröffentlichte kürzlich einen Zehn-Punkte-Plan. Dieser enthält auffällig viele sprachliche wie inhaltliche Ähnlichkeiten zu einem Positionspapier der Energiekonzerne RWE und E.ON, wie der Journalist Malte Kreutzfeld auf Bluesky herausarbeitete.

Weltweit scheint China die Führungsposition in der Entwicklung und Umsetzung erneuerbarer Energien zu festigen und auszubauen. Chinas Präsident Xi Jinping sagte auf der vergangenen UN-Vollversammlung, der grüne Wandel sei das Gebot der Stunde. Bis 2035 sollen Wind- und Solaranlagen mit 3600 Gigawatt (GW) installierter Leistung errichtet werden. In Deutschland waren es Ende 2024 190 GW.

Das über eine zukünftige Förderung von PV-Anlagen diskutiert wird, hält Rappl für richtig: „Die ganzen Menschen, die auf ihren Privathäusern PV-Anlagen bauen, brauchen gar keine Förderung mehr, weil die machen das, um sich selbst zu versorgen, um ihr Elektroauto aufzutanken. Es gibt kaum einen Neubau mehr, wo das nicht alles mit drin ist.“ Auch, weil diese Art der Stromerzeugung mittel- und langfristig deutlich günstiger sein wird. 

Unterschiedliche Probleme

Die Herausforderungen für Energiegenossenschaften sind unterschiedlich, wie Albert Pastötter, Vorstand der VR EnergieGenossenschaft Oberbayern Südost eG gegenüber dem OVB anmerkt: „So unterschiedlich, wie sich alle Projekte im Einzelnen darstellen, so unterschiedlich sind auch die damit zusammenhängenden Probleme.“ Zum einen fehle es an Einspeisemöglichkeiten oder die Entfernung zum Einspeisepunkt ist durch zu geringe Netzkapazität zu groß. Auch Pastötter spricht die fehlenden rechtlichen Grundlagen an: „Wir seit zwei Jahren auf die angekündigte Förderung von Agri-PV Anlagen aus dem Solarpaket 1!“

Außerdem seien „die zunehmend negativen Strompreise gravierend. Mit dem Solarspitzengesetz vom 25. Februar 2025 werden diese Zeiten ab Eintreten von negativen Preisen nicht mehr nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) vergütet beziehungsweise wird nur zur Hälfte der Zeit hinten angerechnet. Damit wird die Wirtschaftlichkeit der EEG-Anlagen unkalkulierbar. Niemand weiß, wie sich die Strompreise genau über den Abschreibungszeitraum entwickeln werden.“

Große Unternehmen gegen kleine Energiegenossenschaften

Diese finanzielle Unsicherheit habe bereits direkte Folgen. Pastötter: „Man sieht bereits, dass Projekte gestoppt werden und Akteure den Markt verlassen. Auch wir haben schon Projekte fallen gelassen, die wir vor dem 25. Februar 2025 noch umsetzen hätten können.“ Grundsätzlich ist es für den Vorstand der VR-Energie so, „dass in Zukunft nur die Marktteilnehmer Erfolg haben werden bzw. Projekte umsetzen können, die den produzierten Strom auch wirtschaftlich vermarkten können.“

 Das ist ein Kampf ‚David gegen Goliath‘, den wir leider immer seltener gewinnen.

Albert Pastötter, Vorstand der VR EnergieGenossenschaft Oberbayern Südost eG

Das Problem in hier in der Region (Landkreise Berchtesgadener Land, Traunstein und Rosenheim) sei, „dass wir im Vergleich zu anderen Regionen zu kleinflächig unterwegs sind. Die Projektgrößen belaufen sich bei uns höchstens im Bereich von fünf bis zehn Megawattpeak (MWp). In der Ausschreibungsphase und in der Vermarktung konkurrieren wir allerdings mit Projekten, die zum Teil mehrere Hundert MWp groß sind. Das ist ein Kampf ‚David gegen Goliath‘, den wir leider immer seltener gewinnen.“

Zu einer eher kleineren Energiegenossenschaft zählt auch die Bürgerenergie Chiemgau (BEC). Deren stellvertretender Vorstandsvorsitzender Georg Beyschlag sieht die Probleme ähnlich wie seine Kollegen. Beim aktuellen Projekt, der Erweiterung der PV-Anlage auf der Aschauer Klinik, gibt es „ein bisschen Probleme mit dem Netzanschluss. Das zieht sich immer ewig hin, bis es eine Zusage von den Bayernwerken, dem Netzbetreiber, gibt“, so Beyschlag. Dies sei aber „das normale Tagesgeschäft“.

Ökostrom für Mitglieder

Für nächstes Jahr sei es da durchaus problematischer: „Wir haben einige Projekte in der Pipeline, aber da wissen wir gar nicht, wie die Vergütungssituation ausschauen wird, ob es wirklich rentabel sein kann.“ Solange dies nicht geklärt sei, wird „auf bessere Zeiten gewartet“. Umgesetzt werden soll allerdings, dass Mitglieder der EG durch einen Genossenschaftstarif Ökostrom direkt aus den Anlagen der BEC beziehen können. „Es kommen immer wieder Mitglieder auf uns zu, die wirklich echten Ökostrom wollen, wo sie auch wissen, wo er herkommt“, sagt Beyschlag. Optimistisch stimmt ihn auch, dass viele junge Leute zwischen 20 und 25 Jahren im vergangenen Jahr Anteile bei der BEC erworben haben.

Die Dividende der BEC lag zuletzt bei 2,4 Prozent, was 6 Euro für einen Anteil von 250 Euro entspricht. Zuvr Bei der VR-Energie sind es jährlich um die vier Prozent, die jährlich an die 1.000 Mitglieder ausgeschüttet werden. Dieses langfristige Ziel von einer Dividende von rund vier Prozent ist der VR-Energie in den „letzten Jahren seit unserer Gründung vor 15 Jahren auch durchgehend gelungen“, so Pastötter. In dieser Energiegenossenschaft gibt es sogar eine Warteliste: „Es gibt großes Interesse, sich bei uns zu beteiligen. Da wir neue Mitglieder immer nur im Gleichschritt mit neuen Projekten aufnehmen können, führen wir seit vielen Jahren sogar eine Warteliste, auf der weitere mehrere hundert Interessenten auf die Aufnahme oder Aufstockung warten.“

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